Der Westen und die islamische Welt

Kulturdialog statt Kampf der Kulturen

Der Kulturdialog wird immer dann aktuell, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Man will von den Wissenschaftlern dann wissen, was zu tun ist, um den Kampf der Kulturen aufzuhalten, beklagt die Politikwissenschaftlerin Naika Foroutan.

Das Thema Kulturdialog wird immer dann aktuell, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Man will von den Wissenschaftlern dann wissen, was zu tun ist, um den Kampf der Kulturen aufzuhalten, beklagt die Politikwissenschaftlerin Naika Foroutan.

Demonstranten in Karatschi trampeln auf Fahne der EU-Staatengemeinschaft, Foto: dpa
Kulturdialog als Schlagwort wurde in der Politik erstmalig nach dem 11. September gebraucht, als der Konflikt zwischen dem Westen und der islamischen Welt bereits manifest war

​​Wissenschaftler versuchen seit Jahren darauf aufmerksam zu machen, dass Kulturdialog - also ein Dialog zwischen den Kulturen statt eines Kampfes der Kulturen - kein kurzfristiges Notfallprogramm, sondern ein andauernder, langfristiger Prozess ist, der nicht nur auf kultureller Ebene, sondern auch auf politischer und wirtschaftlicher Ebene erfolgen muss.

Vor allem muss der Dialog institutionalisiert werden, das heißt, es müssen Institutionen geschaffen werden, die die Etablierung des Dialoges in der Staaten- und Gesellschaftswelt begleiten und beaufsichtigen.

Kulturdialog ist nicht mehr länger ein schöngeistiger Luxusbegriff für gleichgesinnte Intellektuelle, die sich sowieso verstehen. Kulturdialog ist in Zeiten des empfundenen "Kampfes der Kulturen" – also in Zeiten der Zivilisationskonflikte – ein Kernthema der Sicherheitspolitik - zumindest sollte er es werden, möchte man der Eskalation Einhalt gebieten.

Was bringt Dialog?

Seit dem unsäglichen Karikaturenstreit höre ich immer wieder die gleichen Fragen: "Ist der Dialog denn nicht gescheitert? Was bringt er überhaupt? Reden nicht immer nur die da oben, während der Dialog das einfache Volk gar nicht erreicht?"

Dann zu antworten, dass Kulturdialog bis jetzt eben noch nicht Teil der politischen Kultur geworden ist, dass er also noch gar nicht wirklich geführt wurde, dass er lediglich ein Schlagwort ist und immer nur dann aktuell wird, wenn es brennt – das hört niemand mehr.

In den Köpfen bleibt: "Dialog ist nur Geschwätz und bringt nichts. Das sehen wir ja jetzt."

Dies liegt zu einem großen Teil daran, dass Kulturdialog als Schlagwort in der Politik – nicht in der wissenschaftlichen Debatte – erstmalig nach dem 11. September gebraucht wurde, als der Konflikt bereits manifest war.

Auch davor existierte bereits das Problem einer kulturellen Entfremdung, auch vor 2001 gab es Bemühungen einer zivilisatorischen Annäherung:

So hatte der damalige iranische Staatspräsident Chatami bereits im Jahr 1998 vor der UN-Hauptversammlung einen Dialog der Kulturen gefordert. Daraufhin rief die UN das Jahr 2001 zum Jahr des Dialoges zwischen den Kulturen aus. Allerdings wird gerade das Jahr 2001 vorrangig mit dem Ausbruch des Zivilisationskonfliktes assoziiert und demnach auch mit dem Scheitern des Kulturdialoges.

Von welchem Konflikt reden wir?

Wenn vom Zivilisationskonflikt die Rede ist, werden stets auch Begriffe wie inter-kulturell, ethno-politisch oder inter-religiös genannt. Die Motive aber sind noch immer die klassischen: es geht um ökonomische, machtpolitische, territoriale oder geopolitische Verteilungsfragen.

Sie werden allerdings mit zivilisatorischen Attributen ausgeschmückt. Es findet eine Überbetonung der ethnischen, kulturellen und religiösen Unterschiede statt, womit eine Abgrenzung zu Zivilisationen entsteht, die andere Wertgrundsätze haben. Für die Angehörigen der eigenen Zivilisation wirkt dies identitätsstiftend.

Zivilisationskonflikte wirken nach außen abgrenzend und ablehnend, nach innen integrierend, bindend, zusammen fügend. Zivilisationskonflikte drehen sich um die Definitionsmacht über Werte, Moralvorstellungen und die Bestimmung einer universalen Weltordnung. Sie sind getragen von der Höhereinstufung der eigenen Werte und Normen – also von der Hierarchisierung der eigenen Kultur.

Wenn wir genau hinsehen, dann kann hier eine große Ähnlichkeit zu den ideologischen Konflikten der letzten 50 Jahre festgestellt werden:

  • Anspruch, die Definitionsmacht über Werte, Weltbilder und Lebensformen zu besitzen
  • Hierarchisierung des eigenen kulturellen Standards
  • Antagonismus gegenüber der anderen Kultur – also die partielle Bereitschaft zur Vernichtung der anderen Seite
  • All dies kennzeichnete schon die Konflikte der bipolaren Weltordnung. Wenn wir den derzeitigen Zivilisationskonflikt als existent erkennen und gleichzeitig davon überzeugt sind, dass dieser Konflikt militärisch nicht zu lösen ist – dann muss nach einer anderen Lösung gesucht werden.

    Der Dialog zwischen den Kulturen

    Die Idee erscheint geradezu plastisch greifbar, aber dennoch drängt sich die Frage auf, warum denn dem Dialog überhaupt die Möglichkeit der Konfliktregulierung zugesprochen wird.

    Hier ist es an der Zeit, Dialogkonzepte zu untersuchen. Besonders die von Karl-Otto Apel und Jürgen Habermas, die darin gründen, dass Dialoge einen Argumentationscharakter haben, der eine gewisse Zwangsläufigkeit innehat: Wer sich in eine ernsthafte Argumentation begibt, hat das Gegenüber in diesem Moment als gleichwertigen Partner anerkannt.

    Denn auch wenn ich gegen etwas argumentiere – mit den Argumenten meines Gegenübers nicht einverstanden bin, mit ihm streite, ihn zu überreden versuche, ihm zuhöre, mich echauffiere – in jedem Fall erkenne ich ihn als Jemanden an, der eine Entität besitzt und den ich überzeugen möchte.

    Das stellt einen gewissen Grad an Gleichwertigkeit her und widerspricht der Enthumanisierung des Gegners, womit wir beim ersten Grundsatz des Kulturdialoges wären: Er ist um Gleichwertigkeit bemüht und stellt sich somit gegen die Hierarchisierung der eigenen Kultur.

    Weiterhin ist es eine Eigenschaft des Dialogs, dass unsere Argumentation durch die Kenntnis der Argumente des Gegenübers gestärkt wird und die Kenntnis der Argumente des Gegenübers wiederum unsere Argumentation und unseren Blickwinkel verändern kann.

    Grundsätze des Dialogs

    Bezogen auf die Kultur bedeutet dies: In der Auseinandersetzung mit anderen Kulturen öffnet sich mein Erkenntnishorizont, und mein verändertes Wissen führt zu einem veränderten Blick sowohl auf meine Kultur als auch auf die Kultur des Anderen.

    Als zweiter Grundsatz des Kulturdialogs ließe sich feststellen: Dialog setzt nicht die Kenntnis des Anderen voraus – aber im Argumentationsprozess eröffnet sich die Möglichkeit, sein Gegenüber und somit die bestehende Konfliktstruktur kennen zu lernen.

    Außerdem geht Habermas in seiner Theorie des kommunikativen Handelns davon aus, dass Dialog und Diskursprozesse irgendwann im Konsens münden, wenn die Argumentation bestimmten Grundsätzen folgt:

    Sie muss einen Wahrheitsgehalt besitzen, zudem einen Wahrhaftigkeitsgehalt – das heißt, ich selbst muss das, wovon ich rede, auch glauben - und den Anspruch der normativen Richtigkeit auch für die eigene Seite erheben.

    In diesem Sinne ist das Vorgehen der USA im Irak das absolute Modell der Anti-Kommunikation, denn es widerspricht allen drei Grundsätzen.

    Gemeinsame Wertestandards finden

    Erfolgt ein Dialog, bei dem diese Grundsätze jedoch eingehalten werden, wird sich eine Schnittmenge bilden, die Habermas als Konsens beschreibt, Hans Küng als Weltethos, Bassam Tibi und Roman Herzog als internationale Moralität. Die zu Beginn geforderten Institutionen können über das Einhalten dieser Diskursprozesse wachen.

    Dies wäre der dritte Grundsatz des Kulturdialogs: Man sollte gemeinsam zu akzeptierende Wertestandards suchen, die in der Schnittmenge der verfeindeten Kulturen zu finden sind.

    Diese drei Grundsätze - Gleichwertigkeit des Gegenübers, Kenntnis und Toleranz gegenüber der anderen Kultur ohne Kulturrelativismus und Suche nach einem gemeinsamen Wertekanon - bilden die Kernmotivation des Kulturdialogs. Hier stellt sich jedoch noch immer die Frage nach dem Sinn des Dialogs in Zeiten des Krieges.

    Wir dürfen die Macht des Diskurses nicht unterschätzen, sowohl im positiven wie auch im negativen Sinne. Sprache und Diskurs bestimmen, ob wir wollen oder nicht, unser Denken. Deshalb müssen wir den Zivilisationskonflikt – oder den Kampf der Kulturen als "diskursiv erzeugte Realität" betrachten.

    Zweifel am Dialog?

    Aber eben als derzeitige Realität, die unsere politische und gesellschaftliche Ordnungsstruktur zu dominieren beginnt. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu hat dafür den Begriff der Hyperrealität geschaffen. Eine Realität, die über dem Wirklichen steht.

    Wenn wir genau hinsehen, können wir die Konflikte als instrumentalisiert, als machtpolitisch, geo-ökonomisch, Nord-Süd Gefälle, entwicklungstheoretisch etc. decodieren. Doch über dieser Realität spannt sich die Hyperrealität und definiert den Konflikt derzeit vorrangig als kulturell – als zivilisatorisch.

    Die meisten Menschen sehen nur diese Hyperrealität, und es kann Jahrzehnte dauern, bis sie überwunden werden.

    Wenn die negative Macht des Diskurses nun so eindeutig nachzuvollziehen ist, warum sollte man dann an der positiven Kraft des Dialoges zweifeln?

    Dialog ist ein Prozess, der lange braucht, um etablierte Strukturen der Konfliktregulierung, die bis dato vorrangig militärisch und sicherheitspolitisch dominiert sind, abzulösen. Die Institutionalisierung des Dialogs aber muss zu allererst in unseren Köpfen erfolgen.

    Naika Foroutan

    © Qantara.de 2006

    Dr. Naika Foroutan, geboren 1971 in Teheran, lehrt in Göttingen Internationale Beziehungen. 2005 erhielt sie den Rave Forschungspreis des Instituts für Auslandsbeziehungen und den Friedrich-Christoph- Dallmann-Preis für die beste sozialwissenschaftliche Dissertation der Universität Göttingen

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