"Der Medicus" von Noah Gordon

Der lange Weg vom Weltbestseller zum Film

"Der Medicus" ist einer der größten internationalen Bucherfolge der vergangenen Jahrzehnte. Umso erstaunlicher, dass er nicht schon längst verfilmt wurde. Jetzt hat ein deutsches Team den Stoff fürs Kino umgesetzt. Von Regina Roland

Allein in Deutschland wurde der historische Roman "Der Medicus" des US-Amerikaners Noah Gordon über sechs Millionen Mal verkauft. Dass er bisher nicht verfilmt wurde, dafür gibt es viele Gründe. Schon kurz nach der Veröffentlichung in Deutschland 1987 bemühten sich die deutschen Produzenten Wolf Bauer und Nico Hofmann um die Filmrechte. Sie kamen 14 Tage zu spät - die Rechte waren schon vergeben. Über 20 Jahre passierte dann nichts und irgendwann galt der Roman als unverfilmbar. Das Projekt schlummerte in der Schublade.

Vor fünf Jahren schließlich fielen die Rechte an den Autor Noah Gordon zurück. Spontan fuhr der deutsche Produzent Wolf Bauer mit seinem Kollegen Nico Hofmann nach Boston zu einem persönlichen Gespräch mit Gordon. Der war anfangs skeptisch - nach dem ersten gescheiterten Versuch hatte er kein großes Vertrauen mehr in Filmproduzenten. Doch am Ende konnten ihn die beiden Deutschen überzeugen.

Der Bestsellerautor hatte allerdings sehr genaue Vorstellungen von einer Verfilmung. Er wollte kein kommerzielles Historienspektakel, sondern einen Ansatz, der die unterschiedlichen, auch kritischen Ebenen des Romans berücksichtigt.

Toleranz und interreligiöse Freundschaft

Das war es auch, was den jungen Regisseur Philipp Stölzl an dem Film gereizt hat. "Es geht darin um Religion und interreligiöse Freundschaften", so Stölzl. Die Hauptfigur Rob ist Christ, sein Freund Mirdin ist Jude, sein anderer Freund Karim ist Muslim. Diese Freundschaft stehe für die Verständigung zwischen den Religionen, meint Stölzl. Gerade bei so einem Film, "der erst mal ein toller, riesiger, prächtiger, farbiger Abenteuerfilm ist, vom Drang nach Erkenntnis handelt, von großer Liebe und von einer Coming-of-Age-Geschichte, ist es sehr wichtig, dass man im Kern auch gewichtige, wichtige Themen behandelt".

Filmszene aus Der Medicus; Foto: Universal Pictures Germany
Fast 30 Jahre hat es gedauert und unzählige Drehbuchfassungen gekostet, bis aus dem Weltbestseller ein Film wurde: "Der Medicus" des deutschen Regisseurs Philipp Stölzl

Genau das zu zeigen, die Toleranz zwischen den Religionen, aber auch die religiösen Konflikte dieser Zeit, war für Gordon eine wichtige Voraussetzung für die Verfilmung. Der Autor willigte schließlich in die Verfilmung ein, hatte allerdings eine Bedingung: Er selbst wollte gemeinsam mit seiner Tochter eine erste Drehbuchfassung entwickeln. Der Autor des fast 900 Seiten starken Romans hatte sich allerdings überschätzt. Er hatte Schwierigkeiten, aus seinem eigenen Buch einen Film zu machen. Es kamen andere Drehbuchautoren hinzu. Der englisch-amerikanische Autor David Scott schrieb allein 17 Drehbuchfassungen.

Danach setzte sich Andrew Birkin, Autor der Literaturverfilmung "Das Parfüm", an den Stoff. Als Regisseur Stölzl in das Projekt einstieg, musste er seinen eigenen Zugang zu dem Film finden, und so zog er den Autor seines Vertrauens, Jan Berger, hinzu. In gemeinsamer Absprache mit Wolf Bauer und Nico Hofmann entstand dann, nach immerhin vier Jahren, die letztendlich gültige Drehbuchfassung, die jetzt auf der Leinwand zu sehen ist.

Eines der dominierenden Themen im Buch und im Film ist der Gegensatz zwischen dem mittelalterlichen England im 11. Jahrhundert und dem wissenschaftlich und kulturell hochentwickelten Persien. In jenen Jahren geriet die Heilkunst der griechisch-römischen Zeit in Europa größtenteils in Vergessenheit. Es gab keine Ärzte, keine Krankenhäuser, nur Heiler, so genannte Bader, mit wenigen medizinischen Kenntnissen. Währenddessen praktizierten in Persien versierte Ärzte, die zu Pionieren der Heilkunst wurden. Die Medizin erlebte eine Zeit der Blüte. Es gab ein sehr gut ausgebautes Krankenhaussystem und Medizinschulen.

Gegensatz zwischen Europa und Orient

"Ich persönlich mag es", sagt Stölzl, "dass der Film eine Welt beschreibt, in der Europa eigentlich die rückschrittliche Gegend ist und die Hochkultur im Orient und in Arabien stattfindet." Heutzutage tendierten wir dazu, die arabischen Länder als im Mittelalter verhaftet zu betrachten.

Es sei gut, einen Moment darüber nachzudenken, wie viel von unserer Kultur und von dem, was wir als Fortschritt bezeichnen, aus Arabien kommt. "Ob Mathematik oder Philosophie", so Stölzl, "aus der islamischen Welt kommt so viel, was uns eigentlich heute als normaler Teil unserer Zivilisation vorkommt." Durch Buch und Film lerne man vielleicht, der arabischen Welt den Respekt zu zollen, den sie eigentlich verdient.

Die Arbeit am Drehbuch hat sich gelohnt: "Der Medicus" ist kein mittelalterliches Historienspektakel geworden, in dem die "special effects" dominieren und der Inhalt zur Nebensache wird. Der Film mit seiner großartigen internationalen Besetzung und Stars wie Ben Kingsley und Stellan Skarsgard ist fein und nuanciert erzählt. Für Regisseur Philipp Stölzl war die Verfilmung des "Medicus" eine der größten Herausforderungen in seiner bisherigen Karriere. "Man schafft so ein episches Breitwandgemälde, davon hab ich geträumt, seit ich zehn Jahre alt bin", schwärmt Stölzl. "Ein großer Moment in meinem Künstlerleben und ich bin froh, dass ich das machen durfte."

Fast 30 Jahre hat es gedauert und unzählige Drehbuchfassungen gekostet, bis aus dem Weltbestseller ein Film wurde, doch das Ergebnis überzeugt. "Der Medicus" ist großes Kino: spannend erzählt und bildstark inszeniert.

Regina Roland

© Deutsche Welle 2013

Redaktion: Jochen Kürten/DW & Arian Fariborz/Qantara.de

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Leserkommentare zum Artikel: Der lange Weg vom Weltbestseller zum Film

Tatsächlich hat das Buch eins mit dem Film gemeinsam: den Titel! Ansonsten ist in dem reichlich künstlich aufgebauten langen Film von wesentlichen Themen Noah Gordons zu wenig enthalten, vom winterlichen Prozess der Annäherung des Baders ans Jüdische, von der tatsächlichen Buch-Reise, von der schottischen Beziehung, die flugs einer heute im Orient noch modernen Ehedramatik zum Opfer fällt. Ein solcher Film darf ruhig auch Naturlandschaft zeigen, nicht das künstlich aufgebaute Spektakel. Der Film scheint mir kein Gewinn zu sein.

Ernst-Friedrich...06.01.2014 | 11:06 Uhr