Frau mit Kopf- und Gesichtsschleier; Foto: dpa
Debatte um den islamischen Feminismus im Iran

Welche Methodik und welche Strategie?

Unter iranischen Wissenschaftlern und Frauenaktivistinnen wird kontrovers diskutiert, wie Geschlechtergleichstellung und -gerechtigkeit im islamischen Kontext zu erreichen ist. Lanny Octavia stellt einige Positionen prominenter Frauenrechtlerinnen und Feministinnen vor.

Der Feminismus im Islam ist nicht nur umkämpftes Debattenfeld, sondern noch immer auch ein Gebiet des großen Unwissens – und das auf islamischer genauso wie auf nicht-islamischer Seite.

Ein Großteil der westlichen Medien sieht das Begriffspaar "Feminismus und Islam" als sich gegenseitig ausschließend an, erachten sie doch den Islam als Hauptquelle der Zwangslage von Frauen in den muslimischen Staaten. Und so wurde ja schon von der Bush-Regierung eine "Rettungs-Rhetorik" in Anschlag gebracht, als es darum ging, die Invasion in Afghanistan mit der Befreiung der Frauen aus den Klauen der Taliban zu rechtfertigen. Andererseits diskreditieren viele Muslime den islamischen Feminismus als weiteren Angriff des Westens auf ihre kulturelle und religiöse Tradition, weshalb islamische Feministen als Verräter gebrandmarkt werden.

Die zwischen religiösen und säkularen Frauengruppen ausgetragene Diskussion über den islamischen Feminismus verschärft die Kontroverse um den islamischen Feminismus im Iran, seit das Land den Wandel von einer säkularen Monarchie zu einer schiitischen Theokratie vollzogen hat.

Extreme Polarisierung

Seit der islamischen Revolution von 1979 etablierte sich im Iran die Herrschaft einer klerikalen Kaste ("velayat-e faghih"), deren Autorität über dem gesellschaftlichen, politischen und religiösen System des Landes steht. Sie setzte einen fundamentalistischen Islamismus durch, und das auf ideeller Ebene ebenso wie auf der des Verhaltens seiner Bürger. So erklärt sich die extreme Polarisierung, die unter iranischen Wissenschaftlern und Aktivisten hinsichtlich Methodik und Strategie anzutreffen ist, wenn es darum geht, wie Geschlechtergleichstellung- und gerechtigkeit innerhalb des islamischen Kontextes zu erreichen ist.

Ziba Mir-Hosseini; Foto: ZMO
Angesichts der herrschenden Verhältnisse im Iran erscheint Ziba-Mir Hosseini ein Wandel im Geschlechterverhältnis nur von innen möglich – und auch nur dann, wenn Bereitschaft besteht, sich mit den Texten des Islam und seiner rechtlichen Überlieferung auseinanderzusetzen.

​​Eine der prominentesten iranischen Wissenschaftlerinnen, die sich mit dem islamischen Feminismus beschäftigt, ist Ziba Mir-Hosseini. Ihrer Ansicht nach ist, neben der monolithischen Islaminterpretation, vor allem die Verschmelzung von Scharia (dem heiligen und unveränderlichen göttlichen Willen) und fiqh (der aus den islamischen Quellen von Menschen erarbeiteten Rechtsprechung) als Hauptquelle der Spannung zwischen einer egalitären Sicht des Islam und dem patriarchalen Kontext der islamischen Offenbarung anzusehen.

Anstatt der Gerechtigkeit zum Durchbruch zu verhelfen, dreht sich die Umsetzung der Scharia im Iran einzig um die Anwendung einer geschlechterdiskriminierenden Politik im Straf- und Familienrecht sowie um Fragen religiöser Kleidungsvorschriften.

In diesem Zusammenhang argumentiert Mir-Hosseini, dass ein neuer Ansatz – feministisch in seinen Zielen und Forderungen und doch islamisch in der Sprache und in seiner Legitimation – einen Geschlechterdiskurs eröffnen wird, der den Ansprüchen der Frauen nach Gleichstellung Rechnung trägt.

Angesichts der herrschenden Realität, in der es die Islamisten sind, die die Macht besitzen, den politischen wie den Geschlechterdiskurs zu definieren und zu lenken, ist ein Wandel nur von innen möglich – und auch nur dann, wenn man bereit ist, sich mit den heiligen Texten des Islam und mit seiner rechtlichen Überlieferung auseinanderzusetzen. Neben der islamischen Gelehrsamkeit sind jedoch auch sozio-kulturelle Mittel nötig, um reformistische Gedanken überzeugend in den Geschlechterdiskurs einzubringen, so Mir-Hosseini.

Rechtfertigung des Patriarchats

Demgegenüber sieht Shahrzad Mojab, eine iranischstämmige Expertin für Frauen- und Genderstudien in Kanada, den islamischen Feminismus als kontraproduktiv an, rechtfertige er doch nur das tradierte patriarchale System und die ungerechten Geschlechterverhältnisse, die von der islamistischen Führung gestützt werden. Selbst wenn der feministischen Interpretation der religiösen Texte ein reformerischer Einfluss auf die Rechtsprechung zugestanden würde, so erfordere dies doch einen radikalen Bruch mit ihrer bisherigen theologischen Grundlage, also etwas, dem keine der beiden Seiten zustimmen könnten, so Mojab.

Außerdem kritisiert sie die fehlende Bereitschaft der islamischen Feministinnen, eine Demokratisierung der Geschlechterverhältnisse ins Auge zu fassen, die auf einer strikten Trennung von Staat und Religion basieren müsste.

Iranische Frauenaktivistinnen protestieren für ihre Rechte in Teheran; Foto: Kossof
Die zwischen religiösen und säkularen Frauengruppen ausgetragene Debatte über den islamischen Feminismus verschärft die Kontroverse im Iran, seit dieses Land den Wandel von einer säkularen Monarchie zu einer schiitischen Theokratie vollzogen hat.

​​Auch wenn ihre Kritik nachzuvollziehen ist, muss darauf hingewiesen werden, dass der Prozess der Demokratisierung den Raum für abweichende Ansichten öffnet, weshalb auch die islamistischen Stimmen in den demokratischen und politischen Diskurs eingebunden werden müssen. Zudem gilt es zu bedenken, dass, auch wenn der Säkularismus theoretisch das ideale System für die Sicherung von sozialer Gleichberechtigung sein mag, er in der Praxis dennoch negative Auswirkungen auf die Rechte der Frauen haben kann.

Dies ist beispielsweise in der Türkei zu beobachten, wo das Kopftuchverbot dafür sorgt, dass diejenigen Frauen, die – aus eigener Entscheidung – ihrem Glauben auch in ihrer Kleidung Ausdruck verleihen wollen, Einschränkungen in Bezug auf ihre Bildungsmöglichkeiten hinnehmen müssen.

Tatsächlich streiten sich beide Seiten um die Möglichkeit, den Status der Frauen innerhalb eines islamischen Rechtsrahmens zu verbessern. Die islamischen Feministinnen fordern die frauenfeindlichen Doktrinen des Islam heraus, auf deren Grundlage sich die diskriminierenden Diskurse und die entsprechende Politik herausgebildet haben, indem sie sich eines feministischen Idschtihads (d.h. einer unabhängigen Interpretation der beiden Rechtsquellen Koran und Sunna) bedienen und auf eine frauenfreundlichere Auslegung der heiligen Texte drängen.

Die säkularen Feministinnen hingegen erachten diesen Ansatz als gefährlich, da sie ihn als indirekte Politiklegitimation der islamischen Autorität gegenüber Frauen ansehen, was letztlich von der zerstörerischen Wirkung der Islamisierung ablenke und weitere Anstrengungen zur Säkularisierung verhindere.

Mit anderen Worten suchen also erstere nach einem Weg zur schrittweisen Veränderung des Geschlechterverhältnisses durch die politische und strategische Arbeit innerhalb des Systems, von dem sie an den Rand gedrängt werden, während die andere Seite eine radikale Transformation anstrebt, bei der die diskriminatorische religiöse Autorität und Gesetzgebung durch säkulare Mechanismen ersetzt werden.

Keine Wertschätzung der feministischen Errungenschaften

Eine andere feministische Wissenschaftlerin, die iranisch-amerikanische Soziologin Valentine Moghadam, ist der Ansicht, dass die Kritiker des islamischen Feminismus nicht nur deren Anstrengungen, sondern auch deren Erfolge schmälerten, die diese unter einem restriktiven Regime geleistet bzw. erreicht hätten. Letztlich würden sie den Feminismus damit lediglich zu einem Privileg des Westens erklären und die Idee eines globalen Feminismus verwerfen.

Um diese These zu stützen, verweist Moghadam auf die Bedeutung der Veröffentlichungen islamischer Feministinnen, wenn es um das erweiterte Bewusstsein für Geschlechterfragen in der Öffentlichkeit geht und die Effektivität ihres Engagements für eine stärkere Berücksichtigung von Frauenrechten in der Gesetzgebung, insbesondere in Bezug auf die Beschäftigungspolitik, Bildung, Ehe, Scheidung und Sorgerechte.

Die Tatsache, dass die meisten islamischen Feministinnen ihre religiöse Fundierung mit der Anerkennung universeller Standards wie der CEDAW ("Convention on the Elimination of All Forms of Discrimination against Women") verbinden, spreche dafür, dass sie sich keineswegs nur mehr auf die theologische Argumentation konzentrierten, sondern auch sozioökonomischen und politischen Fragen zuwendeten. Und doch würden nennenswerte Erfolge nicht aus dem islamischen Reformprojekt allein entstehen, da auch der Beitrag nicht-religiöser Wissenschaftler und Aktivisten benötigt werde.

Im Idealfall ist der Säkularismus, in dem es dem Staat obliegt, die Rechte aller seiner Bürger, unabhängig von Geschlecht, Religion, Ethnizität oder Klasse, zu schützen, das beste System, um Gleichheit und Gerechtigkeit in einem Land sicherzustellen.

Angesichts der gegenwärtigen gesellschaftlichen, religiösen und politischen Realitäten in der muslimischen Welt jedoch kann der islamische Feminismus als der greifbarste und realistischste Ansatz zur Reform der Geschlechterverhältnisse angesehen werden. Und dies nicht nur als strategische Methode zur Erlangung religiöser Legitimität gegenüber den islamistischen Entscheidungsträgern, sondern auch, weil er geeignet ist, den Widerstand der Öffentlichkeit möglichst gering zu halten und damit die Unterstützungsbasis für den Kampf für Frauenrechte in den muslimischen Gesellschaften zu verbreitern.

Hinzu kommt, dass die Widersprüchlichkeit des Begriffs "islamischer Feminismus" sich auflöst, wenn wir den Feminismus sowohl als Perspektive wie als Praxis erkennen, um sozialen und genderbasierten Ungerechtigkeiten zu begegnen, denn um nichts anderes geht es beim islamischen Feminismus.

Miriam Cooke, eine amerikanische Professorin für arabische Literatur und Verfechterin des islamischen Feminismus, stellt den Feminismus als ein interkulturelles Prisma dar, das ein Bewusstsein dafür ermögliche, dass sich nur durch Aktivismus ein Wandel herbeiführen lasse.

Den autoritären Herrschern ein Dorn im Auge

Miriam Cooke; Foto: Georgetown University
Miriam Cooke, Professorin für moderne arabische Literatur und Kultur an der Duke University betrachtet den Feminismus als interkulturelles Prisma, das ein Bewusstsein dafür ermöglicht, dass sich nur durch Aktivismus ein gesellschaftlicher und politischer Wandel herbeiführen lasse.

​​Die islamischen Feministinnen haben sich nicht darauf beschränkt, die diskriminierenden Diskurse und Praktiken zu kritisieren, denen sie im Namen des Islam ausgesetzt werden, sondern haben verschiedene Maßnahmen formuliert, um sie zu reformieren – in der gleichen Sprache und innerhalb des gleichen religiösen Rahmens.

Die Stimme des islamischen Feminismus kann den herrschenden Diskurs des islamischen Regimes durchaus herausfordern, besteht die Strategie doch darin, die bestehenden islamischen Zuschreibungen als Waffe gegen jene einzusetzen, die für diese Zuschreibungen verantwortlich sind – das islamische Regime.

Auf diese Weise fordern sie die frauenfeindliche Interpretation der maßgebenden Texte heraus und dekonstruieren sie zugleich. Indem sie dabei aber auf ihre religiöse und nationale Zugehörigkeit pochen, gelingt es ihnen, jeglichen Bezichtigungen eines "kulturellen Verrats" die Grundlage zu entziehen. Im Fall Irans dient der islamische Feminismus als gemäßigte Alternative zur Geschlechterpolitik nicht nur des gegenwärtigen islamischen Regimes, sondern auch des vorherigen säkularen Systems, dessen Initiativen in diesem Bereich auf heftigen ideologischen Widerstand stießen.

Als bevölkerungsreichstes muslimisches Land der Welt sieht sich auch das säkulare Indonesien großen Herausforderungen gegenüber, die aus dem erstarkenden religiösen Konservatismus erwachsen. Politische Reformen, die diesem Land mehr Demokratie und Freiheit brachten, waren begleitet von Forderungen nach einer Formalisierung des Islam, zu denen es auch gehörte, dass immer wieder von der Scharia inspirierte Gesetzesvorlagen in nationale wie regionale Parlamente eingebracht wurden.

Diese Realität eint säkulare wie islamische Feministinnen in ihrer Kritik und im Wunsch nach Kontrolle dieser problematischen Gesetzesvorhaben. Manchmal haben sie damit Erfolg, wie etwa im Falle des Gesetzes zur häuslichen Gewalt, für das sie gekämpft haben und das nun physischen wie psychischen Missbrauch unter Strafe stellt.

Manchmal verlieren sie aber auch, so etwa, als es um das neue Anti-Pornographie-Gesetz ging, das sie nicht verhindern konnten und dessen Tendenz es ist, weibliche Sexualität und weibliches Verhalten allgemein zu kriminalisieren. Und doch beweist eine solche Zusammenarbeit, dass es unterschiedliche Wege gibt, Gleichheit und Gerechtigkeit zu erreichen, die als sich ergänzende Reformstrategien und nicht als sich widersprechende angesehen werden müssen.

Lanny Octavia

© Islam Liberal Network (JIL) 2012

Übersetzt aus dem Englischen von Daniel Kiecol

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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