Das Manifest des IS für die Frau

ISIS sucht den Superstar

Nicht nur Männer, auch Frauen schließen sich dem "Islamischen Staat" an. Womit sie gelockt werden, verrät das Manifest der IS-Frauenbrigade al-Khansa, das mit einem ausführlichen Kommentar jetzt im Verlag Herder erscheint. Vor allem für Musliminnen mit wenig Bildung hält der IS eine auch im Westen bekannte Lösung bereit: Kinder, Küche und – Islam! Von Stefan Weidner

Wenn der IS die Männer mit der Aussicht auf teure Autos und die Heirat mit vier Frauen anzuwerben sucht, wie unlängst der Syrien-Rückkehrer Ebrahim B. erzählt hat, was lockt dann die sogenannten Dschihad-Bräute? Dass es die Männer sind, die sich zuhause keine Autos leisten können, oder die Aussicht, drei Frauen neben sich zu haben, trauen wir selbst den fanatischsten Musliminnen nicht zu. Nimmt man als Anhaltspunkt die Schrift, mit der der "Islamische Staat" Anfang dieses Jahres selbst junge arabische Frauen anzulocken suchte, so wird nicht mit Konsum und Ausschweifung geworben, sondern mit dem glatten Gegenteil: Abkehr vom westlichen Rollenverständnis, Erfüllung durch Sittsamkeit und die Tugenden als Hausfrau und Mutter.

Klassisch konservatives Frauenbild

Das jetzt vom Verlag Herder auf Deutsch (und dankenswerterweise im arabischen Original) veröffentlichte Manifest der Frauenbrigade al-Khansa bietet auf rund fünfzig Seiten, klug kommentiert und eingeordnet von der Herausgeberin Hamideh Mohagheghi, einen Einblick erster Hand in die Vorstellungen, Zielgruppen und Methoden, mit denen der IS auch – wir würden sagen, sogar – junge Frau anzulocken hofft.

Buchcover: Hamideh Mohagheghi (Hrsg.): Frauen für den Dschihad Das Manifest der IS-Kämpferinnen (Herder)
Das Manifest ist ein "Rekrutierungs- und vor allem Propaganda-Pamphlet", schreibt die islamische Theologin Hamideh Mohagheghi. "In einer Welt, in der alles zunehmend komplizierter wird, ist das ein Angebot, das von Reflexion befreit und damit von eigener Anstrengung entlastet." Gerade die intellektuelle Einfachheit des "Islamischen Staates" sei ein Erfolgsfaktor, warnt sie.

Sehr voraussetzungsreich ist der Text nicht. Niemand soll zum Islam bekehrt werden, vielmehr sollen die bereits gläubigen Musliminnen zum Islamischen Staat bekehrt werden. Nur dort, so heißt es, erhalte die Frau ihre wahren, vom Islam verbrieften Rechte, werde sie geachtet, wie es ihr gebührt, und habe sie keine Unterdrückung zu fürchten, sofern sie ihren Pflichten nachkomme. Das Frauenbild des IS unterscheidet sich wenig von dem, das bis weit ins 20. Jahrhundert auch in konservativen Kreisen im Westen vorherrschend war.

Natürlich wird das Leben im Gebiet des "Islamischen Staates" kräftig geschönt. Die Brutalität gegen Abweichler und Nicht-Muslime bleibt unerwähnt, ebenso die Misshandlungen all jener, Muslime oder nicht, die sich dem IS nicht fügen wollen. Überraschend ist jedoch, dass nicht nur gegen den "gottlosen Westen" und die "verräterischen Schiiten" polemisiert wird, sondern (nicht ohne Komik für westliche Ohren) auch gegen Saudi-Arabien: „Wir möchten nicht unerwähnt lassen, dass die einzige Angelegenheit, mit der sie (die Saudis) jetzt angeben, darin besteht, der Frau zu verbieten, Auto zu fahren.“

Tatsächlich scheinen die saudischen Frauen zu den primären Zielgruppen zu zählen, denn auf deren oftmals prekäre Lage wird direkt angespielt: „Geh zu den Armenvierteln im Süden von Riad oder zu den Häusern der Notdürftigen in der Umgebung von Dschiddah (…), so wirst Du sehen, was Deine Überprüfung zur Wahrheit führt.“

Auffällig ist auch die offenbar sehr gute Kenntnis der Debatte über die Rolle der Frauen im Westen. Es gibt im Text eine direkte Anspielung auf das umstrittene Betreuungsgeld: „Wir sehen sogar, dass die Regierungen einiger Staaten Gehälter und Prämien anbieten, damit die Frauen in ihr Haus zurückkehren und ihre Kinder erziehen.“

Programm für die Unterschicht

An solchen Stellen, aber auch an der dürftigen, für die Frauen vorgesehenen Bildung – religiöse Erziehung, Haushaltskunde, ein bisschen Rechnen und Schreiben – erkennt man, wer die eigentliche Zielgruppe darstellt: Es sind genau die Frauen, die ohnehin keinen Zugang zu einer irgendwie gearteten höheren Bildung haben und keinen angesehenen Job bekommen könnten. Es ist ein Programm für junge muslimische Frauen der Unterschicht, vor allem in der arabischen Welt, aber ebenso im migrantischen Prekariat im Westen.

Nun ist es allerdings die britische Quilliam-Stiftung und nicht der IS gewesen, die diesen Text erstmals in eine westliche Sprache übersetzen ließ. Quilliam versteht sich als Think Tank und Informationsportal gegen Radikalisierung und verkündet, mit dieser Schrift die Rückschrittlichkeit des IS-Frauenbildes enthüllen wollen. Doch der Schuss geht nach hinten los und liefert eher ein Beispiel dafür, wie weit die Verblendung liberaler Think Tanks mittlerweile gediehen ist.

Hamideh Mohagheghi. Foto: Universität Paderborn
Hamideh Mohagheghi ist islamische Theologin an der Universität Paderborn. Als Mitbegründerin des islamischen Frauennetzwerkes Huda und Mitglied der Islamkonferenz ist sie eine der wichtigsten weiblichen, muslimischen Stimmen Deutschlands. Mohagheghi ist bekannt von zahlreichen Veröffentlichungen und der Sendung „Forum am Freitag“ (ZDF).

Abgesehen davon, dass sich vergleichbare Frauenbilder auch unter Fundamentalisten der anderen Weltreligionen finden, ist es nicht gerade eine Neuigkeit, dass das Frauenbild des IS extrem konservativ ist. Der IS versucht, bei arabischen Frauen zu punkten, indem er die prekäre soziale Situation, die Identitätskrise und Überforderung von Musliminnen der Unterschicht thematisiert und auf seine Weise zu lösen verspricht. Dank der Quilliam-Foundationen, muss man ironisch sagen, werden jetzt aber auch Musliminnen angesprochen, die unter ähnlichen Problemen im Westen leiden, bislang aufgrund mangelnder Hocharabisch-Kenntnisse von den Versprechen des IS aber noch nichts ahnten.

Westliche Stiftung macht IS-Propaganda bekannt

Schlimmer ist noch, dass sich Musliminnen im Westen nun genötigt sehen könnten, sich vom kruden Frauenbild des IS zu distanzieren, das der Islamkritik die besten Argumente in die Hände spielt. Man spürt die Not und das Bedürfnis nach Abgrenzung am gründlichen Nachwort der deutschen Herausgeberin.

Doch kein Muslim, gleich welcher Herkunft und welchen Geschlechts, muss sich genötigt fühlen, Manifeste des IS zu widerlegen. Durch die Erklärungsnot, in welche die Quilliam-Foundation in diesem Fall die Muslime gebracht hat, fördert sie indirekt deren Ausgrenzung.

Das Manifest der IS Frauenbrigade al-Khansa, deren Namen sich übrigens keinem muslimischen Heimchen, sondern einer berühmten frühislamischen Dichterin verdankt, ist interessant nicht als Aussage über das Frauenbild im Islam, sondern als Ausdruck der ideologischen Spannungen und Brüche, die den politischen Islam zwischen Saudi-Arabien, "Islamischem Staat" und Islamischer Republik Iran vor die Zerreißprobe stellen.

Stefan Weidner

© Qantara.de 2015

Frauen für den Djihad. Das Manifest der IS-Kämpferinnen. Herausgegeben von Hamideh Mohagheghi. Verlag Herder, Freiburg, 144 S., br., 14.99 Euro.      

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.

Leserkommentare zum Artikel: ISIS sucht den Superstar

Interessanter Beitrag von Stefan Weidner über IS-Propaganda, die auf die Rekrutierung von Frauen zielt,
der sehr deutlich zeigt:

1. dass die Bekämpfung des IS mit grundlegender Islamkritik einhergehen muss - gemeint ist die Analyse des Islam als Lehre, die von Anfang an sowohl spirituelle als auch politische Komponenten beinhaltet. Liegt der Fokus auf der politischen Seite, so wird ein Exclusivitätsanspruch formuliert (Wahrheit postuliert) , der sich jedoch nicht überall gleich gestaltet und deshalb zu Rivalitäten führt (jeder hat seine eigene Wahrheit, IS, Isl. Rep. Iran, Saudi-Arabien), was das ganze Konzept dann (zumindest für den außenstehenden Beobachter) absurd macht.
Im allgemeinen, in anderen islamischen Staaten, bringt die Rückbesinnung auf die spirituelle Komponente des Islam, auf Pragmatismus und auf den gesunden Menschenverstand, eine Lösung in der Herstellung einer Kultur der Ambiguität - darauf bei IS zu hoffen, wäre jedoch naiv.

2. dass die Bekämpfung des IS ebenfalls mit Kritik der hegemonialen westlichen Kultur (Ideologie?) einhergehen muss. Denn die (falsche) Heilsideologie des IS ist wohl auch eine Reaktion auf den globalisierenden Kapitalismus, der die traditionellen islamischen Systeme bedroht. Die islamistische Ideologie findet ihr Publikum in den Prekariaten, die der Kapitalismus lokal und global schafft (sie hofft, zu finden).

Deshalb halte ich die Übersetzung der Propaganda-Schrift nicht für einen Fehler oder ein Problem, so wie Herr Weidner es suggeriert, sondern ich denke, dass die Schrift zum Nachdenken anregt über Misstände, den Aufstieg des IS begünstigen, und -hoffentlich- wirksame Wege für Gegenmassnahmen eröffnet.

benita schneider21.07.2015 | 13:02 Uhr

Was für eine deplatzierte Überschrift.... Als ob sich auch nur ein Fitzel des Tuns dieser Mörderbande mit irgendeiner TV-Sendung vergleichen ließe. Und ehrlich gesagt, wenn ich sowas lese, kann ich langsam nicht mehr soviel essen wie ich wieder rauswürgen möchte. Das Frauenbild derselben Mörderbande interessiert mich einen Dreck, das kenne ich nämlich eh schon auswendig. Wie man diese Steinzeitkiller loswird, das interessiert mich mehr. Aber das im konservativen Westen die Lösung bis weit ins 20 Jahrhundert hinein auch hieß: Kinder, Küche und ISLAM - das war mir neu. Da ist Ihnen aber ein bisschen was durcheinander geraten...

Ingrid Wecker21.07.2015 | 19:40 Uhr

Das Frauenbild des IS unterscheidet sich nach Herrn Weidner "wenig" von demjenigen, „das bis weit ins 20. Jahrhundert auch in konservativen Kreisen im Westen vorherrschend war.“

Naja, ein paar Unterschiede gibt es vielleicht doch: Dass es aus konservativen Kreisen Forderungen gegeben hätte, das heiratsfähige Alter von Mädchen auf neun Jahre herabzusetzen, wäre mir jedenfalls neu. Auch war und ist es Frauen im Westen selbst unter Konservativen ohne Weiteres gestattet, das Haus zu verlassen und das sogar ohne Vollverschleierung.

Wer oberflächliche Gemeinsamkeiten betont und fundamentale Differenzen ausblendet, hat offensichtlich Probleme, ausgewogene Vergleiche anzustellen. Die Frage ist: Wie kommt so etwas zustande?

Dr. Christian Rother09.08.2015 | 00:09 Uhr