Daniel Barenboims Auftritt in Kairo

Hass ist hartnäckig

Ein Streit um den weltbekannten Dirigenten und Friedensstifter Daniel Barenboim zeigt, wie irrational sich die Araber zu Israel verhalten, meint Tomas Avenarius in seinem Kommentar.

Barenboim mit dem Kairoer Symphonieorchester; Foto:dpa
"Musik verbindet die Menschen und kennt keine Feindschaften. Ich komme aus Israel, bin aber auch Palästinenser", sagte der weltberühmte Dirigent nach seinem historischen Auftritt in Kairo.

​​ Niemand kann behaupten, dass sich international anerkannte Dirigenten geradezu um den Taktstock reißen würden vor dem Kairoer Opernhaus: Um die klassische Musik ist es eher schlecht bestellt in Ägypten. Jetzt will Daniel Barenboim ein Konzert geben. Der in Argentinien geborene Jude ist einer der weltweit bekanntesten Dirigenten und Pianisten und somit eine Zierde für jedes Konzerthaus.

Die Ägypter stecken die Nase vor seinem Auftritt aber nicht in die Partitur, sondern ins Geschichtsbuch: Der Auftritt Barenboims, der einen israelischen Pass hat, sei "der Versuch einer getarnten Normalisierung der ägyptisch-israelischen Beziehungen", wie es in den Zeitungen heißt. Der Maestro ist also unerwünscht.

Kritik trifft den Falschen

Trotzdem wird der Dirigent auftreten. Der ägyptische Kulturminister hat klargestellt, dass die automatenhaft abgespulte Israel-Kritik in Barenboim den Falschen trifft: Der Musiker ist ein Kritiker der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern.

Barenboim bei einer Pressekonferenz des West-Eastern Orchestra; Foto: DW
Spannungsreiche, aber gelingende Koexistenz: Barenboim bei einer Pressekonferenz mit dem palästinensisch-israelischen 'West-Eastern Divan Orchestra'

​​ Vor dem israelischen Parlament hat Barenboim gefordert, den Palästinensern endlich ihre Rechte zu gewähren. Ein israelischer Minister wollte dem Künstler wegen dieser Aussage sofort die Staatsbürgerschaft entziehen.

Die Palästinenser selbst haben den Wert des schöngeistigen Verfechters ihrer eigenen Sache schnell erkannt und Barenboim die "palästinensische Staatsangehörigkeit" verliehen.

Omar Sharif: "Barenboim ist ein Freund der Araber"

Das jüngste Gezeter in Kairo ist also absurd. Der ägyptische Filmstar Omar Sharif hat es so beschrieben: "Barenboim ist ein Freund der Araber. Das ist idiotisch." Der Rummel um den Auftritt des israelischen Musikers ist aber auch symptomatisch für die politische Gespaltenheit der Ägypter. Viele, auch in Regierung und Establishment, wollen bis heute palästinensischer sein als die Palästinenser selbst. Sie wissen zwar, dass ihr Land 1979 Frieden mit dem israelischen Nachbarn geschlossen hat. Aber sie meinen, dies auch 30 Jahre später noch ignorieren zu können.

Foto: AP
Anwar Sadat, 1973 als Soldat auf dem Sinai. Der spätere ägyptische Präsident schloss sechs Jahre später einen Frieden mit Israel, den sich seine Landsleute bis heute weigern anzuerkennen.

​​ Sie verweigern die Normalisierung der Beziehungen, die zwischen Nachbarstaaten selbstverständlich sein sollte: Keine israelischen Bücher auf der Buchmesse, keine israelischen Filme, permanente Kritik oder bleiernes Totschweigen der ägyptisch-israelischen Wirtschafts- und Handelsbeziehungen und eine Art Dialogverbot unter Nicht-Politikern.

Währenddessen arbeitet der ägyptische Präsident Hosni Mubarak mit der israelischen Regierung zusammen, die Geheimdienste tauschen sich regelmäßig aus, Touristen aus Tel Aviv und Haifa sonnen sich im Nachbarland auf dem Sinai. Kurz: Auf diesen Ebenen hat die Normalisierung längst stattgefunden.

Differenzierte Kritik fehlt

Was fehlt in Ägypten und bei vielen Arabern, ist die Einsicht, dass Normalisierung mit Israel nicht gleichzusetzen ist mit Kritiklosigkeit an Israel. Das Schicksal der Palästinenser bleibt zumindest aus arabischer Sicht historisches Unrecht.

Mit Proklamationen lässt sich dies aber nicht korrigieren. Die Wahrheit ist, dass der Staat Israel existiert und weltweit anerkannt ist, dass er die besetzten Palästinensergebiete allenfalls nach hartem Drängen räumen wird und dass mit militärischer Gewalt nichts mehr zu erreichen ist. Das haben die verlorenen Kriege der Araber gezeigt.

Aussöhnung und Dialog zwischen Palästinensern und Israelis bleiben also Voraussetzung und einzige Chance, die Rechte der Palästinenser doch noch zu verwirklichen. Dazu ist niemand geeigneter als die Nicht-Politiker: Künstler, Schriftsteller, Menschenrechtler, Touristen.

Unter denen sind viele Israelis, deren Kritik das eigene Land weit härter trifft als die abgedroschenen arabischen Politphrasen aus den sechziger und siebziger Jahren. Einer dieser Kritiker ist Barenboim. Der sagt: "Palästinenser und Israelis sind so eng miteinander verbunden, dass sie zum Zusammenleben verflucht sind oder aber damit gesegnet sein können."

Tomas Avenarius

© Süddeutsche Zeitung 2009

Tomas Avenarius ist langjähriger Nahostkorrespondent der Süddeutschen Zeitung mit Sitz in Kairo.

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