Bürgerrechte im Libanon

Modell für den gesellschaftlichen Wandel

Nach langer Schließung ist die größte Grünanlage Beiruts, der Pinienwald "Horsh Beirut", seit Juni dieses Jahres wieder für die Öffentlichkeit zugänglich. Dank der ehrgeizigen Kampagne der NGO Nahnoo flanieren die Bürger nach langer Zeit wieder durch den Pinienpark. Von Changiz M. Varzi

Etwa 24 Jahre lang durften Bürger im Libanon keine Libanesen sein, wenn sie den größten Park und Pinienwald der Landeshauptstadt betreten wollten. Bis zum 6. Juni dieses Jahres war es nur westlichen Besuchern und Personen mit guten Beziehungen gestattet, durch den "Horsh Beirut" zu streifen.

Das war nicht immer so. Ziad al-Horly, ein dreißigjähriger Anwalt aus Beirut, erinnert sich, wie sein Vater im Jahr 1992 vom Stadtteil Ras al Naba'a zum "Horsh" fuhr. Der Bürgerkrieg war seit kurzem beendet. Die Beiruter wagten sich wieder auf die Straßen der Stadt, ohne Angst vor Heckenschützen oder Mordkommandos haben zu müssen.

"Der Park war damals nicht umzäunt", erinnert sich Al-Horly. "Die Wege waren matschig. Rasen gab es keinen. Und dennoch war er wichtig für uns. Wir konnten dort spielen und unsere Eltern gingen im Schatten der Pinien spazieren.“

Ein sensibler Ort

Nach 24 Jahren fiel am 6. Juni endlich das Zugangsverbot. Ziad al-Horly konnte den Park wieder betreten und die Bilder aus seiner Kindheit aufleben lassen. Der Park erstreckt sich wie ein großes Dreieck zwischen dem christlichen Stadtteil Ain al-Remmaneh, den vorwiegend sunnitischen Bezirken Ras al-Naba'a und Tarik al-Jadidah sowie dem südlichen schiitischen Vorort Dahiye.

Manche sehen in der sensiblen geografischen Lage des Parks den eigentlichen Grund für dessen damalige Schließung. Seine Eigenschaft als kultureller und religiöser Schnittpunkt ist in einer derart fragmentierten Gesellschaft wie dem Libanon kein Privileg, sind dort doch alle politischen und sozialen Interaktionen entlang konfessioneller Grenzen definiert. Dennoch wandten sich soziale Aktivisten vehement gegen die Behauptung, die besondere Lage des Parks könne zu religiösen Konflikten führen.

"Der Horsh ist der perfekte Ort für das Miteinander von Menschen unterschiedlicher Glaubensbekenntnisse", sagt Mohammad Ayoub, Executive Director der NGO Nahnoo und Leiter der Kampagne zur Wiedereröffnung des Parks.

View of Horsh Beirut (photo: Changiz M. Varzi)
Geschundenes Terrain: Die Geschichte des Parks spiegelt die des Libanon wider: Jeder kam, nahm sich ein Stück und ging fort. In längst vergangenen Zeiten musste sogar das Holz seiner Pinien für den Bau von Kreuzritterschiffen herhalten. Unter den Osmanen wichen die Pinien dann einem Kasino.

"Nahnoo setzt sich für die Förderung des sozialen Zusammenhalts in der libanesischen Gesellschaft ein", sagt Ayoub. "Soziale Inklusion braucht öffentliche Räume und kulturelle Brücken. Der 'Horsh'-Park ist eine dieser Brücken. Hier finden Menschen den nötigen Raum für Begegnungen und Gespräche. Diese Art der Kommunikation fördert die mentale und physische Gesundheit der Gesellschaft als Ganzes."

Die Beiruter Stadtverwaltung ließ sich nur schwer von den Argumenten der Aktivisten zur konstruktiven Rolle öffentlicher Räume in Nachkriegsgesellschaften überzeugen. Die Wiedereröffnung ist das Ergebnis von fünf Jahren unermüdlicher Planung, verbunden mit Workshops, Protestkundgebungen, Verhandlungen und gemeinsamem Druck auf die Verwaltung.

Der "Blondentest"

Auch nach der Wiedereröffnung haben Libanesen wochentags nur zwischen 8.00 Uhr und 14.00 Uhr Zutritt. Wer an einem warmen Sommerabend durch das Eingangstor geht, wird von Wachen in olivgrünen Uniformen auf Blondheit begutachtet. Lässig ausgestreckt auf ihren Stühlen im Schatten der hohen Pinien lassen sie niemanden herein, der durch dieses Raster fällt.

Am Wochenende öffnet der Park bis 19.00 Uhr. Auf den schmalen staubigen Wegen patrouillieren dann Wachen in schweren gepanzerten Fahrzeugen. Das veranlasste eine NGO, den Wachen umweltfreundliche Fahrräder zu stiften. Doch die Wachen scheinen kein Interesse daran zu haben: Die Räder liegen von einer dicken Staubschicht bedeckt gleich neben dem Parkeingangstor.

Übrigens besitzt der "Horsh"-Park eine eigene "Berliner Mauer". So nennt die vierunddreißigjährige Joana Hammour den Zaun, der den Südteil des Parks – unter der Kontrolle schiitischer Kräfte – von dem Teil abtrennt, den die Regierung des Nordens kontrolliert.

"Die jüngere Generation wusste nicht einmal, dass dieser Park vor seiner Schließung Anfang der 1990er Jahre der Öffentlichkeit gehörte", sagt Hammour, eine Mitarbeiterin von Nahnoo, die am Wochenende mit einer Gruppe junger Freiwilliger Infoblätter an Besucher des Parks verteilt. "Der Rückblick zeigt, dass der 'Horsh' ein beliebter Platz für gemeinsame Feste war, wie beispielsweise für das Fastenbrechen – das Īd al-Fitr. Daher war der Park damals auch unter dem Namen 'Horsh al-Īd' bekannt."

Joana Hammour canvassing visitors to Horsh Beirut (photo: Changiz M. Varzi)
Mangelnde Wahrnehmung der eigenen Umwelt: "Die jüngere Generation wusste nicht einmal, dass dieser Park vor seiner Schließung Anfang der 1990er Jahre der Öffentlichkeit gehörte", sagt Hammour, eine Mitarbeiterin von Nahnoo, die am Wochenende mit einer Gruppe junger Freiwilliger Infoblätter an Besucher des Parks verteilt.

Wechselvolle Geschichte

Die Geschichte des Parks spiegelt die des Libanon wider: Jeder kam, nahm sich ein Stück und ging fort. In längst vergangenen Zeiten musste sogar das Holz seiner Pinien für den Bau von Kreuzritterschiffen herhalten. Unter den Osmanen wichen die Pinien dann einem Kasino.  

Die Franzosen hatten wieder andere Vorstellungen und errichteten eine Pferderennbahn. 1921 wurde dafür ein weiteres Stück Wald gerodet. Nach dem zweiten Weltkrieg gewann der Libanon zwar die Unabhängigkeit, steuerte aber später auf einen Bürgerkrieg zu. Erneut gingen Waldgebiete verloren: Der im Jahr 1696 notierte Waldbestand von 1.250.000 m² schrumpfte bis 2016 auf 300.000 m².

Trotz aller Verluste ist der Erfolg von Nahnoo zur Wiedereröffnung des öffentlichen Raums für die Bewohner von Beirut ein Hoffnungsschimmer für die aufkeimende Bürgerrechtsbewegung im Libanon.

"Dies alles sind kleine Schritte zu wichtigeren Zielen", erläutert Ghassan Massary, Gründungsmitglied einer Bürgerrechtsbewegung zum Schutz des Dalieh-Strandes vor der Privatisierung. Dalieh ist einer der wenigen verbliebenen öffentlichen Abschnitte an der Beiruter Strandpromenade. "Diese Maßnahmen verdeutlichen den Menschen, wie wichtig es ist, für ihre Rechte einzutreten. Unsere Forderungen beziehen sich nicht allein auf Dalieh oder auf andere öffentliche Räume: Wir kämpfen gegen Korruption, für unsere Bürgerrechte und für den sozialen Wandel."

Die einzige Wahl im Libanon seit 2009 war die Kommunalwahl im vergangenen Mai, bei der die bisherigen Machtinhaber bestätigt wurden. Angesichts der Tatsache, dass das paralysierte politische System des Libanon noch nicht einmal eine Präsidentenwahl zustande bringt, verfolgen Bürgerrechtsaktivisten mittlerweile alternative Taktiken zur Durchsetzung von Veränderungen im Regierungssystem.

"Mit der Kampagne für ‚Horsh Beirut‘ haben wir ein Modell für den Wandel in unserer Gesellschaft geschaffen", sagt Ayoub. "Wir wollen Beiruts öffentliche Räume zurück und verfolgen damit gleichzeitig größere Ziele: Beiruts Bürger sollen an den Vorgängen in ihrer Stadt mitwirken."

Changiz M. Varzi

© Qantara.de 2016

Übersetzt aus dem Englischen von Peter Lammers

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