Buchtipp Marjane Satrapi

Ohne Liebe zur Musik kein Leben

In ihrem neuen Comicband "Huhn mit Pflaumen" zeichnet die iranische Künstlerin Marjane Satrapi die Geschichte ihres Onkels nach: eine melancholische Parabel auf die Liebe und das Leid, geschildert in wunderbaren Bildern. Von Petra Tabeling

Nasser Ali mit seiner kaputten Tar; © Marjane Satrapi
Nasser Ali möchte sterben, weil seine Frau seine Tar zerbrach

​​Eigentlich hätte der Titel des neuen Bandes von Marjane Satrapi auch ganz anders lauten können, denn das Werk der iranischen Künstlerin führt uns weniger in die kulinarischen Genüsse der persischen Küche ein, als vielmehr in die Welt ihres Onkels Nasser Ali Khan, der ohne die Liebe zur Musik und seiner besonderen Passion zur Tar, einem iranischen Saiten-Instrument, nicht leben kann.

Satrapis Geschichte beginnt in Teheran an einem Herbsttag im Jahre 1958. An diesem Tag kommt es zu einem verhängnisvollen Streit zwischen Nasser Ali, einem renommierten iranischen Tar-Virtuosen, und seiner Frau.

Sie hält ihm vor, dass er sich lieber seinem Instrument und seiner Musik widme, als sich um seine Familie und seine häuslichen Pflichten zu kümmern. Nasser Alis Musik tauge nichts und bringe auch kein Geld ein, so lauten ihre ständigen, gefühlskalten Vorwürfe.

In einem Wutanfall zerbricht sie schließlich die Tar - Nasser Alis bestes Stück. Das ist der Anfang vom Ende. Nasser Ali begibt sich auf die Suche nach einem neuen Instrument, doch er wird nicht fündig. Keine Tar ist so gut wie seine alte. Nasser Ali ergibt sich daraufhin seinem Schicksal.

Er ist so unglücklich, dass er fortan beschließt, nichts mehr zu essen. Er will einfach nur noch sterben. Selbst sein Lieblingsgericht "Huhn mit Pflaumen", ein traditionelles persisches Gericht, kann ihn nicht von seinem Beschluss abhalten.

Gescheitert auf der Suche nach dem Glück

Der tragische Lebensweg eines sensiblen Mannes, der sterben will, da ihm mit der zerstörten Tar die letzte Freude am Leben genommen wurde, klingt wie ein orientalisches Märchen. Dieses wird von Satrapi in Rück- und Vorblenden bilderreich erzählt.

Sie skizziert die letzten acht Tage aus dem Leben von Nasser Ali Khan – eine Zeitreise, in der wir etwas über ihren Onkel erfahren; über seine große, aber letztlich enttäuschte Liebe und seine arrangierte Ehe mit einer langweiligen, aber resoluten Lehrerin, so wie über seine Mutter, einer Sufi-Mystikerin.

Aber auch absurd-komische Szenen bildet Satrapi ab, z.B. über Nasser Ali Khans wenig geliebten Sohn Mozaffar. Der wandert Jahrzehnte nach dem Tod des Vaters, im Zuge der iranischen Revolution von 1979, in die USA aus. Dort erfüllt er sich zwar seinen amerikanischen Lebenstraum, es ereilt ihn und seine gesamte Familie jedoch das Schicksal chronischer Fettsucht.

Parabel über die Liebe und das Leben

Die 37-jährige Satrapi erzählt uns in wundervollen, phantasievollen und gleichzeitig kontrastreichen Schwarz-Weiß-Bildern vom Leiden ihres Onkels, von der Liebe zu einem Musikinstrument, das wie eine Parabel die Sehnsüchte nach Leidenschaft und Freiheit verkörpert.

© Marjane Satrapi

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Dies sind menschliche Motive, die Satrapi schon in ihrem ersten Comic "Persepolis", einer Geschichte über die eigene Familie und über ihre Kindheit im Iran, umgesetzt hatte. "Persepolis" avancierte in kürzester Zeit zu einem der erfolgreichsten Comics, mit einer Million verkauften Exemplaren weltweit. Ein Durchbruch für Satrapi, die derzeit an einer Trickfilmversion von "Persepolis" arbeitet.

Marjane Satrapi wuchs in einer liberalen Mittelstandsfamilie in Teheran auf. 1984 schickten ihre Eltern sie nach Wien, damit sie den Auswirkungen der islamischen Revolution und dem ersten Golfkrieg entfliehen konnte. Vier Jahre später kehrte sie nach Teheran zurück und studierte an der Kunstfakultät visuelle Kommunikation. 1994 emigrierte sie nach Frankreich. Aus Angst vor der Willkür des iranischen Regimes ist sie bisher nicht mehr in den Iran gereist.

In Europa ist die junge Künstlerin mit Klischees über die iranische Gesellschaft und dem Unwissen über ihre Heimat Persien konfrontiert. Der Westen sehe nur den Tschador und wisse nichts von der "stolzen iranischen Kultur", so hat es Satrapi immer wieder in Interviews geäußert.

Mit "Persepolis" wollte die junge Künstlerin ein breites Publikum erreichen und die politischen Ereignisse im Iran in einer einfachen und unterhaltenden Bildersprache ausdrücken.

In der neuen Comicerzählung "Huhn mit Pflaumen" tritt die politische Dimension jedoch zurück. Sie ist nur angedeutet. Zum Beispiel, wenn Nasser Ali von der westlichen Filmdiva Sophia Loren träumt.

Der Iran der 50er Jahre war westlich geprägt, es herrschte ein Schleierverbot, Schauspieler durften zu jener Zeit noch Haut in den Kinos zeigen, und Musiker konnten sich unbeschwerter ihrer Kunst widmen.

Das Wichtigste an ihrer Bildersprache sei, so Satrapi, dass sie Menschen aus allen Ländern verstehen würden, "Ich denke, dass die Sprache des Comics universal und international ist. Die Gefühle werden von allen verstanden, egal aus welcher Kultur man stammt. Ein lachender oder weinender Mensch bedeutet schließlich überall dasselbe. "Huhn mit Pflaumen" ist eine Comicgeschichte über die Traurigkeit, und zugleich eine wunderschöne.

Petra Tabeling ​​

© Qantara.de 2006

Marjane Satrapi: Huhn mit Pflaumen, Verlag Edition Moderne, 2006, 18 Euro

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