Berber-Sängerin Houria Aïchi

"Verliebt in die mythischen Ritter"

Das neue Projekt der algerischen Berberin Houria Aïchi überführt eine archaische Tradition der Berber nun mutig in die Moderne. Stefan Franzen hat sich mit der in Frankreich lebenden Musikerin unterhalten.

​​ Houria Aïchi stammt aus einer Berber-Volksgruppe, die sich Shawiya nennt und auf dem Aurès-Plateau im Nordosten Algeriens lebt, einem der östlichsten Ausläufer des Atlas-Gebirges.

"Ich habe sehr starke Erinnerungen an meine Kindheit", bekräftigt Aïchi. "Die Kultur, in der ich aufwuchs, war geprägt von familiärem Zusammenhalt, von einem strikten Ehrenkodex und von einer Gesangstradition, wie sie nur in dieser speziellen Region existiert."

Wie bei den Berbern, die in der Kabylei leben, und ebenso wie bei den Tuareg, haben bei den Shawiya musikalisch gesehen die Frauen das Sagen, beziehungsweise das Singen:

"Die Mädchen leben zusammen mit den Frauen in einem eigenen Hof, dort wachsen sie ganz natürlich in die Traditionen hinein. Es wird dort Theater gespielt, gedichtet, gestickt, getöpfert, es gibt Zusammenkünfte, bei denen man die Männer imitiert, sich richtig über sie lustig macht", sagt Houria Aïchi.

"Und es wird natürlich auch gesungen, in einer Art und Weise wie sie seit den Anfängen unseres Volkes schon immer gepflegt und unter den Frauen von Generation zu Generation weitergegeben wurde."

Extreme Kopfstimme

Dieser Gesang klingt anders als alles, was die globale musikalische Popkultur zu bieten hat: Mit einer extremen Kopfstimme, auf dem Niveau der Nase werden die Töne produziert, gepresst und spitz klingt die Stimme, aber umso faszinierender.

CD-Cover Cavaliers de l'Aurès
Houria Aïchi: "Als Mädchen war ich enorm verliebt in diese Ritter mit ihrer imposanten Erscheinung. Sie kamen auf ihren Pferden daher, verschleiert, ganz in weiß gekleidet - halb reale, halb mythische Wesen!"

​​Lernen könne man das nicht, so Houria Aïchi, die immer wieder gebeten wird, Gesangskurse zu geben. Nur wenn man die Musik schon im Mutterbauch höre, habe man die Möglichkeit, auch eine solche Stimme zu entwickeln.

Für welche Art von Liedern wird diese charakteristische Stimmgebung genutzt? So viel sich die Shawiya-Frauen auf der einen Seite über die Männer mokieren, so verehrungswürdig sind sie zugleich. Berittene Hirten, die Cavaliers, spielen als Träger des Erbes eine herausragende Rolle bei diesem Volk der Hochgebirgsregion.

Der Prophet Mohammed als edler Reiter

Ihnen sind unzählige Lieder zugedacht, die von flammender Liebe sprechen und schillernde Metaphern gebrauchen: Da wird ein Ritter mit Quecksilber verglichen, der Prophet Mohammed gar als edler Reiter imaginiert.

"Als Mädchen war ich wie alle anderen enorm verliebt in diese Ritter mit ihrer imposanten Erscheinung. Sie kamen auf ihren Pferden daher, verschleiert, ganz in weiß gekleidet, und sie waren für mich damals halb reale, halb mythische Wesen! Ein ganz starkes Gefühl hat von mir Besitz ergriffen, und aus dieser Faszination für die Cavaliers nährt sich noch heute mein künstlerisches Leben."

Der frühe Bruch mit der Tradition

Houria Aïchi; Foto: privat
Houria Aïchi gilt als populäre Botschafterin der algerisch-berberischen Shawiya-Kultur.

​​Zunächst vollzieht Aïchi, trotz ihrer starken traditionellen Prägung, wie viele ihrer Generation im modernen Algerien, den Bruch mit der herkömmlichen Biographie einer Berber-Frau.

In den 1970er Jahren ging sie zunächst nach Paris, um Psychologie zu studieren.

Doch sie blieb ihren Wurzeln auch mit der neuen Perspektive von außen treu, begann über die Gesänge des Aurès zu recherchieren, im "Musée des Hommes" etwa, wo sie Wachszylinder-Aufnahmen entdeckte, aber auch in der alten Heimat, wo sie immer wieder die Frauen besuchte und ihre Lieder aufnahm. Auch Ausflüge in andere algerische Regionen unternahm sie, um die "dhikr", die Sufi-Gesänge zu dokumentieren.

Diskurs zwischen zwei Musikwelten

Für ihr neues Projekt ist sie nun zu den edlen Rittern zurückgekehrt, hebt die höfische Poesie mit ihren Themen von Ritter, Dame und Pferd auf ein modernes Niveau. Die Vision verwirklicht sie zusammen mit dem Straßburger Quintett "L'Hijâz 'Car":

"Seit langem schon hatte ich Lust, die Tradition des Aurès mit zeitgenössischen Klängen zu konfrontieren. Während meiner Karriere habe ich öfters mit Jazz-Musikern gearbeitet und ich wusste, dass es funktionieren würde. Ich hatte das Glück, dass Gregroy Dargent, der Leiter des Ensembles sich in meine Gefühlswelt und meine Erinnerungen hineindenken konnte. Und so hat er es geschafft, Arrangements zu finden, die die Tradition nicht verraten. Es ist wirklich ein Diskurs zwischen zwei Musikwelten."

Moderne Spielart der Berber-Kultur

Stolz galoppierend und liebeslyrisch zugleich gibt sich diese Musik, der ein kühner Bogen von der vor-arabischen Zeit bis in die Weltmusik-Avantgarde gelingt.

Die nasale, kraftgeladene Stimme Aïchis vereint sich mit kreisenden Männerchören und hauchender Flöten-Trance, Rahmentrommeln setzen die Beats, dazwischen winden sich Improvisationen auf Oud und Banjo, unterschwellige Bassklarinetten setzen Impulse.

Dass Traditionspflege nicht das Bewahren der Asche sondern das Weitertragen des Feuers bedeutet, bewahrheitet sich hier eindrücklich: Mit Aïchis Projekt wird das Erbe der Aurès-Reiter in eine neue, mit kraftvollen Bildern aufgeladene Sprache übertragen – und die Berberkultur durch eine moderne Spielart fernab von Ethno-Pop erweitert.

Stefan Franzen

© Qantara.de 2009

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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