Arabischer Booker-Preis für "Frankenstein in Bagdad"

Jenseits von Gut und Böse

Der Roman "Frankenstein in Bagdad" von Ahmad Saadawi gewinnt den arabischen Booker-Preis 2014. Khaled Hroub stellt den Roman vor.

Wenn man die letzte Seite des Romans "Frankenstein in Bagdad" von Ahmad Saadawi umblättert, gehen einem Fragen wie diese im Kopf herum: Wer ist denn nun wirklich das Ungeheuer von Bagdad? Wer hat es geschaffen? Woraus besteht es und warum ist es so langlebig und kostet dadurch so vielen Unschuldigen das Leben? Bequeme und verallgemeinernde Antworten könnten lauten: Die Invasion des Irak, der Konfessionalismus, Politiker und ihre Interessen…

Mit solchen verkürzten und vereinfachenden Antworten würde man es sich jedoch zu leicht machen, denn dies hieße, bei der Brutalität der Ereignisse nur Verbrecher und Unschuldige zu sehen.

In Wirklichkeit ist die irakische Realität bitterer, als dies in einer naiven Schwarz-Weiß-Abbildung darstellbar wäre. Saadawi räumt mit solchen Gut-und-Böse-Dualismen auf und stellt ihnen eine trostlose Wirklichkeit entgegen, in der vereinfachte Vorstellungen schnell dahinschmelzen: Weder ist die Unschuld ganz unschuldig noch ist das Verbrechen absolut.

Ein Monster aus abgerissenen Körperteilen

Shesma, das Ungeheuer von Bagdad, besteht aus Körperteilen Unschuldiger, und es geht einer Aufgabe nach, die trotz ihrer Grausamkeit zunächst eindeutig und redlich wirkt, aber schon bald wiederum mehrdeutig und frevlerisch erscheint.

Kirche in Bagdad; Foto: DW/Birgit Svensson
Saadawi beschreibt ein Bagdad, das selbst ein Ungeheuer geworden ist, eine Stadt, in der entmischte Wohnviertel durch Betonmauern und Checkpoints voneinander getrennt sind und an deren Rändern tödlicher Hass zwischen den Volksgruppen gedeiht.

Shesma will für die Opfer, aus deren Gliedmaßen es besteht, Vergeltung üben und jagt daher deren Mörder und Attentäter. Aber sobald er einer der Verbrecher habhaft wird und diesen zur Strecke bringt, zerfällt und verschwindet der Körperteil desjenigen Menschen, für den Rache genommen wurde.

Je erfolgreicher Shesma also bei der Bestrafung der Mörder ist, desto mehr Glieder verliert er, bis hin zu Armen und Beinen, doch sein Rachefeldzug ist damit nicht abgeschlossen. Denn um die verlorenen Körperteile zu ersetzen und seine Liste weiter abzuarbeiten, muss Shesma wiederum andere Menschen töten. Und so sterben erneut Unschuldige.

Tödlicher Hass zwischen den Volksgruppen

Im Hintergrund des Romans um das Monster Shesma erzählt Saadawi von einem vergangenen Bagdad, einer Stadt voller Leben, Widersprüche und Schmerz, aber auch von einer Stadt, in der Muslime, Christen und Juden zusammenlebten, wo Schiiten und Sunniten, Araber und Kurden gemeinsam die Luft der Altstadt atmeten und die einfachen Menschen sich noch nicht in Konfessionen und Religionen aufteilen ließen. Und er beschreibt ein Bagdad, das selbst ein Ungeheuer geworden ist, eine Stadt, in der entmischte Wohnviertel durch Betonmauern und Checkpoints voneinander getrennt sind und an deren Rändern tödlicher Hass zwischen den Volksgruppen gedeiht. Ein Irak, in dem wie in einem großen Gefängnis auf jeder Etage eine andere Ethnie oder eine andere politische Gruppe mit unterschiedlichen Anschauungen wohnt.

Allegorisch zeichnet Saadawi drei Gruppen von Verrückten, die auf drei Stockwerken desselben Gebäudes leben und sich gegenseitig bewachen, statt sich nachbarschaftlich der gemeinsamen Gefahr zu stellen. Die amerikanische Besetzung des Irak kommt ebenso zur Sprache wie das Saddam-Regime und die Diskussion um den Krieg – war er nötig, wie war es vorher, was hat er uns gebracht, wo steuern wir hin?

Bleischwere Fragen sind es, die in einer Wüste ohne Antworten um sich selber kreisen. Aus dem schönen Bagdad von einst ist ein ängstliches und beängstigendes, müdes und ermüdendes Ungeheuer geworden, in dem nur noch eines sicher ist: der Tod. Und Shesma, das Frankensteinsche Geschöpf, entscheidet über das Wohl und Wehe der Stadt.

Verzweifelte Jugendliche in einem Armenviertel in Bagdad, Foto: DW
Verzweiflung, Ausweglosigkeit und Gewalt als Dauerzustand im Irak: In Wirklichkeit ist die irakische Realität bitterer, als dies in einer naiven Schwarz-Weiß-Abbildung darstellbar wäre.

Die Protagonisten im Umfeld des Monsters sind ebenfalls Produkt seiner Brutalität. Sie sind müde und blass, und sie schwanken zwischen der Hoffnung auf eine neue Chance in der neuen Zeit, der Beteuerung, früher sei alles besser gewesen und Misstrauen gegen alles Neue: die alte Christin Umm Daniel, deren Sohn aus dem Iran-Irak-Krieg nicht heimgekommen ist, auf dessen Rückkehr sie gleichwohl nach dreißig Jahren noch wartet, und deren beide Töchter heiraten und nach Australien gehen, während die Alte am Rande des Wahnsinns lebt, oder General Surur, Leiter der Ermittlungsabteilung, der kraft seiner Position rücksichtslos brutal handelt und der sich den neuen Machthabern nur deshalb so übertrieben andient, damit diese vergessen, wem er zuvor gedient hat.

Im Abgrund

Ein Astrologe sagt dem General gegen Honorar Terroranschläge voraus, stiftet aber sowohl bei diesem als auch beim Leser Verwirrung: Ein Staat fällt der Scharlatanerie und den Dissonanzen von Hellsehern anheim. Ali Bahir Saadawi, tatkräftiger, optimistischer und lebhafter Herausgeber einer Zeitschrift, pflegt undurchsichtige Beziehungen und erlebt ein düsteres Ende, so düster wie vieles, was mit der Krankheit der Verrohung geschlagen ist.

Der Journalist Mahmud, Mitte zwanzig, zieht aus seiner Heimatstadt Al-Amara nach Bagdad, arbeitet für Saadawi, lässt sich von schnellem Erfolg blenden und stürzt von einem trügerischen Gipfel unausweichlich in den Abgrund.

Ahmad Saadawis Frankenstein ist ein todbringendes Fabelwesen, das viele Väter hat: Die Iraker und ihre Konfessionsgruppen, Terrorbanden aller Art, die Amerikaner und der Westen, die Araber und Iran, aber jeder behauptet, es seien die jeweils anderen, die an Brutalität, Blutvergießen und Tod Schuld hätten und wäscht sich damit rein.

Shesma aber lebt unter ihnen, er nächtigt in ihren Häusern und sieht ihnen zum Verwechseln ähnlich. Bis sie ihn endlich vertreiben. Alle hassen das hässliche Ungeheuer, aber niemand will eingestehen, dass auch er es mitgeschaffen und beschützt hat.

Khaled Hroub

© Qantara.de 2014

Aus dem Arabischen von Günther Orth

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.

Leserkommentare zum Artikel: Jenseits von Gut und Böse

Liebe Redaktion,

wisst Ihr schon, ob und wann eine deutsche oder auch englische übersetzung geplant ist? Der Roman klingt wirklich spannend,

Beste Grüße und vielen Dank

stefanie Golla12.05.2014 | 20:42 Uhr

ist toll und sollte bald ins Deutsche übersetzt werden. Besser als die Trivialliteratur von al Aswani und co..das ist ein Stück Weltliteratur.

Hala 15.05.2014 | 16:56 Uhr

Liebe Hala! Die Bücher und Essays von Alaa al Aswani als Trivialliteratur zu bezeichnen ist aber doch schon ziemlich harter Tobak... Da müssen aber ziemlich viele Menschen in dieser Welt einen merkwürdigen Geschmack haben.

Ingrid Wecket17.05.2014 | 23:01 Uhr