Arabische Reaktionen auf den Anschlag in Paris

Im gleichen Boot

Nicht nur Islamverbände und Imame aus Europa verurteilten unisono den Anschlag auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo", sondern auch Politiker und religiöse Würdenträger aus der islamischen Welt. Doch lassen sich in den arabischen Medien auch Zwischentöne entdecken. Von Karim El-Gawhary aus Kairo

Von der Azhar-Universität in Kairo, einer der höchsten Autoritäten des sunnitischen Islam, der Arabischen Liga bis hin zu den arabischen Journalistenverbänden wurde der Anschlag auf "Charlie Hebdo" als krimineller Akt verurteilt, der mit dem Islam unvereinbar sei.

Allerdings wurde man auch solcher Deutungen arabischer Medienvertreter gewahr wie die des TV-Kommentators Tamer Amin, der nach dem Anschlag im ägyptischen Staatsfernsehen beschwor: "Jetzt trinkt der Westen aus dem gleichen Glas wie Ägypten!"

Aussagen wie diese belegen, dass man sich offenbar im strikten Anti-Terrorkampf am Nil bestätigt fühlt. Doch bedauerlicherweise werfe Europa der ägyptischen Regierung immer wieder vor, mit diktatorischen Mitteln den Terror zu bekämpfen. Nun bekomme Europa selbst den Terror zu spüren, so das Credo.

Die repressiven arabischen Staaten sehen die Ereignisse in Paris als Rechtfertigung ihrer Politik an. Doch gleichzeitig bezieht man wohlweislich keine Position, wenn es um die Meinungsfreiheit im Zusammenhang mit Religion geht. "Leider betrachten manche westliche Medien die Meinungsfreiheit als eine Art Religion. Keiner darf diese antasten. Sie können daher im Westen sagen, was sie wollen", lamentierte Amin in der Sendung weiter und ging dann sogar noch einen Schritt weiter: "Sie verdienen, was geschehen ist. Ich sage immer: Es kann keine unbegrenzte Meinungsfreiheit geben. Alles auf der Welt geht mit Verantwortung und roten Linien einher!"

Kein Unterschied zwischen Tätern und Opfern

Im populären regimenahen ägyptischen Fernsehsender On-TV setzte man Attentäter und Journalisten des Satire-Magazin, die die Religion beleidigt hätten, sogar bizarrerweise gleich: "Radikale haben Radikale getötet", kommentierte Moderator Yussuf El-Husseini das Attentat. Es gäbe keinen Unterschied zwischen beiden, wenngleich er auch betonte, dass Blutvergießen keine Lösung darstelle.

Screenshot Bassem Youssefs abgesetzte TV-Show "Al-Bernameg"
Unerwünschte Polit-Satire über Ägyptens Militärs: Bassem Youssef hatte aus Angst um seine Sicherheit seine Show "Al-Bernameg" beenden müssen. Offiziell begründete er im Juni 2014 auf einer Pressekonferenz in Kairo seinen Rückzug damit, dass der Druck auf ihn und den saudi-arabischen Sender MBC, der seine Show ausstrahlte, zu groß geworden sei.

Menschen, die aufgrund ihrer Meinung oder ihres literarischen Wirkens von militanten Islamisten angegriffen werden, finden sich keinesfalls nur im Westen. Die meisten Opfer stammen aus der islamischen oder arabischen Welt. Ihr prominentester Vertreter ist wohl der inzwischen verstorbene Literaturnobelpreisträger Naguib Mahfuz. Die Hauptprotagonisten des Romans, Adham, Gabal, Rifaa und Kasim, können als die Propheten Adam, Moses oder Muhammed verstanden werden. Anlass genug für einen radikalen Islamisten, im Jahr 1994 Mahfuz ein Messer in den Hals zu rammen. Der Schriftsteller wurde schwer verletzt, aber überlebte knapp das Attentat.

Zwei Jahre zuvor war der ägyptische Publizist Farag Foda von Mitgliedern der militanten Gruppe "Gamaa Islamiya" erschossen worden. Foda war bekannt für seine scharfzüngigen Artikel und Satiren gegen die radikalen Islamisten. Er wollte, so seine eigene Aussage, den Islam vor den Verdrehungen durch die Radikalen bewahren, was er schließlich mit dem Tod bezahlte.

Der IS als "Staat der Mythen"

In den letzten vier Jahren erlebt die Satire nach den Aufständen in Tunesien und Ägypten in der arabischen Welt Hochkonjunktur – auch wenn der "König der arabischen Satire", der Ägypter Bassem Youssef, von seinem saudischen Sender MBC mittlerweile abgesetzt wurde, nachdem die ägyptische Militärregierung gegen Youssefs Programm interveniert hatte. Die Satire ging den Herrschern entschieden zu weit.

Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass sich Satiren gegen militante Islamisten in der arabischen Welt anhaltend großer Beliebtheit erfreuen. Heute geht es vor allem gegen die selbsternannten Dschihadisten des "Islamischen Staates". Bekannt ist etwa die irakische TV-Serie "Staat der Mythen". Der Titel entstammt einem arabischen Wortspiel. Aus "Daulat al-Khalifa", also "Staat des Kalifats", wurde "Daulat al-Khurafa" – "Staat der Mythen".

Naguib Mahfuz, Nobelpreisträger für Literatur des Jahres 1988; Foto: picture-alliance/Bildarchiv
Anschlagsopfer Naguib Mahfuz, Literaturnobelpreisträger des Jahres 1988: "Menschen, die aufgrund ihrer Meinung oder ihres literarischen Wirkens von militanten Islamisten angegriffen werden, finden sich keinesfalls nur im Westen. Die meisten Opfer stammen aus der islamischen oder arabischen Welt", so Karim El-Gawhary.

Die Serie nimmt die gesamte Ideologie der Militanten aufs Korn. In einer Szene kommen beispielsweise die selbsternannten Wächter des Islam zu einem Gemüsehändler, und fordern von ihm die strikte Trennung von männlichem und weiblichem Gemüse unter Berücksichtigung der unterschiedlichen grammatikalischen arabischen Endungen.

Ignorante Dschihadisten

Es ist Satire, direkt an der Front: Die 30 Folgen der Serie des Fernsehsenders "Al-Irakya" können auch im Territorium des Islamischen Staates empfangen werden. Alle Schauspieler wissen, dass ihr Engagement lebensgefährlich ist, ja tödlich enden könnte, würden die IS-Dschihadisten eines Tages nach Bagdad vordringen. Ein Grund dafür, weshalb manche Drehbuchschreiber lieber anonym bleiben möchten.

Auch der libanesische Fernsehsender LBC sendet zahlreiche Anti-IS-Sketche. In einem sieht man ein christliches Paar ängstlich über eine Landstraße mit dem PKW fahren, der kurze Zeit später an einer Straßensperre mit IS-Kämpfern angehalten wird. "Wenn Ihr Christen, Schiiten oder Abtrünnige seid, schlachten wir Euch ab!“, droht deren Anführer mit angeklebtem Bart. "Zitiere mir rasch eine Sure aus dem Koran!", fordert er den Fahrer auf. Der verdutzte Fahrer fängt an zu zitieren und der IS-Kommandeur beginnt zu lächeln. "Das sind Muslime, also lasst sie weiterfahren", weist er seine Männer an.

Während der Weiterfahrt wendet sich die Frau verwundert an ihren Mann. "Du hast doch gar nicht aus dem Koran zitiert, sondern aus der Bibel – wie ist es dann noch möglich, dass wir leben?" Der Mann antwortet darauf verschmitzt: "Wenn diese Leute den Koran kennen würden, würden sie keine Menschen abschlachten." Im Hintergrund winken die Dschihadisten freundlich zum Abschied.

Karim El-Gawhary

© Qantara.de 2015

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Leserkommentare zum Artikel: Im gleichen Boot

Also sind die Journalisten in Paris selbst schuld, dass sie brutal ermordet wurden? Tatsächlich ist aber die Religionsfreiheit nicht höherrangig als die Meinungs- und die Pressefreiheit. Wer eine andere Auffassung vertritt und meint, seine Religion stehe über der Verfassung, der ist als verfassungsfeindlich einzustufen und entsprechend juristisch zu behandeln. Wem unsere europäische Kultur nicht gefällt, ist nicht gezwungen, nach Europa zu kommen und kann in seinem Land bleiben. Und wenn er erst in Europa merkt, dass ihm die Rechte der anderen ein Dorn im Auge sind, der kann gerne in sein Land zurückkehren. Es ist nicht weiter hinnehmbar, dass Menschen nach Europa kommen, die Bedingungen hier blöd finden und dann gegen andere hetzen oder sie gar ermorden.

Roland Schulze09.01.2015 | 16:41 Uhr

Wie bitte, lieber Autor? ONTV ist regimenah??? ONTV ist im Gegenteil wahrscheinlich der liberalste und UNABHÄNGIGSTE Sender in ganz Ägypten. Oder fängt jetzt hier auch schon die Hetze gegen den ONTV-Gründer und Finanzier, den Kopten Naguib Sawiris, los, der bekanntermaßen ein Gegner der Muslimbrüder ist. Das ist jetzt alles langsam nicht mehr wahr, was hier behauptet werden kann, nur weil ein Moderator diesen Satz gesagt hat, für mich ein Zeichen der toleranten Meinungsfreiheit bei diesem Sender. Brillante Journalisten wie Ibrahim Essa, dessen wahlbegleitende Sendungen "Die Herren Kandidaten" stets auch noch zu mitternächtlicher Stunde wahre Straßenfeger waren, bei denen man herzhaft lachen konnte, vor allem wenn es um Ahmed Shafiq "Mataaaaaaaar" oder um Mohamed Morsi "al Ikhwan fi kulli makan", und viele andere der besten und kritischsten Journalisten Ägyptens waren und sind sich nicht zu schade, um für diesen Sender zu arbeiten. Ihre Aussage ist ein Beleidigung für diese Leute. Essa saß unter Mubarak wegen seiner kritischen Berichterstattung in der Zeitung Al Dostour sogar im Knast, das sollten Sie wissen, wer ihn als regimenah von welchem Regime auch immer bezeichnet, der muss irgendetwas verwechseln. Und wer die Talkshow mit der ebenso brillanten Reem Maged erlebt hat, in der Alaa al Aswani mit jenem Shafiq "mataaaaaaar" so aneinander geriet, dass Shafiq tags darauf als letzer Premierminister unter Mubarak noch zu Revolutionszeiten zurücktrat, der wird doch nicht ernsthaft diesen Sender als regimenah bezeichnen. Natürlich ist die Aussage dieses Moderators völlig daneben, aber deshalb ist der Sender noch lange nicht regimenah.

Ingrid Wecker11.01.2015 | 20:00 Uhr

On-TV ist ein astreiner Quasselstrippen-Sender der Militärs, Ibrahim Issa hat schon längst dem (staats-)unabhängigen Journalismus entsagt. Schon lang nicht mehr am Nil gewesen, oder?

Hugo Ball12.01.2015 | 11:57 Uhr