Anschlag auf französisches Satiremagazin "Charlie Hebdo"

Nicht verleiten lassen

Das Attentat von Paris wird die erregte Debatte um Islam und Flüchtlinge noch mehr anheizen. Doch weder die Freiheit noch die Toleranz stehen zur Disposition, meint Christoph Hasselbach.

Ganz unerwartet kommt der Anschlag nicht. Die Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" hatte bereits 2006 die Mohammed-Karikaturen aus der dänischen Zeitung "Jyllands Posten" abgedruckt, die Muslime auf der ganzen Welt in helle Empörung versetzt haben. Damals gab es zahlreiche Anschläge in islamischen Ländern auf dänische und andere westliche Vertretungen. 2011 wurde ein Brandanschlag auch auf die Redaktionsräume des "Charlie Hebdo" in Paris verübt.

Das hat die Zeitschrift nicht davon abgehalten, weiterhin Mohammed und den Islam satirisch darzustellen, unter anderem mit einer "Scharia"-Sonderausgabe unter einem "Chefredakteur Mohammed". Es dürfte auch kein Zufall sein, dass die Titelseite der jüngsten Ausgabe das Bild von Michel Houellebecq zeigt. Der Schriftsteller hat gerade seinen hochumstrittenen Roman "Unterwerfung" veröffentlicht, in dem Frankreich von einem muslimischen Präsidenten regiert wird.

Keine Sonderbehandlung für Muslime

Darf sich eine Zeitschrift über eine Religion und ihre Heiligen lustig machen? Natürlich darf sie das, im Rahmen der Gesetze des Landes. "Charlie Hebdo" hat auch immer wieder den Papst aufs Korn genommen und einen Rechtsstreit darüber mit einer katholischen Organisation gewonnen. Katholische Christen mögen sich maßlos über verächtliche Papst-Satiren aufregen, aber sie nehmen sie hin. Auch eine Regierung darf sich hier nicht einmischen.

Mit Recht hat 2006 im Karikaturenstreit der damalige dänische Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen gesetzliche Schritte gegen solche "blasphemischen Darstellungen" abgelehnt, wie sie Muslime weltweit angeprangert haben. Eine freie, demokratische Gesellschaft muss das aushalten. Und ein Staat muss diese Duldung von allen seinen Bürgern erwarten können. Es kann keine Sonderbehandlung für Muslime geben.

Zunhemende Spannungen

Nach einem so verheerenden Anschlag ist man versucht, auf Zurückhaltung zu dringen: "Ihr Islam-Satiriker, übertreibt es nicht, bitte gebt jetzt mal Ruhe. Wir wollen keinen Religionskrieg." Doch das wäre genau das, was die Attentäter wollen, eine freiwillige Einschränkung der Freiheit. Eine solche Erpressung darf nicht funktionieren. Trotzdem schnürt sich einem die Kehle zu beim Gedanken an die Folgen des Anschlags. Die ohnehin großen Spannungen in Frankreich werden weiter zunehmen.

Screenshot Charlie Hebdo-Kampagne; Quelle: charliehebdo.fr
"Je Suis Charlie": Nach dem Attentat gegen die Satire-Magazin "Charlie Hebdo" haben die Journalistenvereinigungen von 15 großen Medien in Frankreich eine außergewöhnliche Solidaritätsbekundung veröffentlicht. "Wir sind alle Charlie", erklärten die Journalisten unter anderem von Le Monde, Radio France und Agence France-Presse. Sie verurteilten den "Terrorakt" gegen die Satire-Zeitung, bei dem am Mittwoch (07.01.2015) zwölf Menschen getötet und acht teils lebensgefährlich verletzt worden waren.

Das Land hat einen hohen Anteil an Muslimen. Viele von ihnen sind arbeitslos, leben am Rande der Gesellschaft. In manche Ghettos traut sich die Polizei nicht mehr. Auf der anderen Seite hetzt der rechtsextreme Front National gegen Ausländer und speziell gegen Muslime. Bei der Europawahl im vergangenen Jahr wurde er stärkste Partei. Seine Wähler werden sich jetzt bestätigt fühlen. Ressentiments gegen den Islam werden wachsen, die Wut unter den Muslimen ebenso, ein Teufelskreis.

Manche haben es schon immer gewusst

Und die Folgen werden nicht auf Frankreich begrenzt bleiben. In praktisch jedem Land der EU sind in den vergangenen Jahren fremdenfeindliche Parteien aufgestiegen. Sie werden jetzt sagen: "Seht Ihr, die Muslime gehören einfach nicht zu uns. Sie sind nicht integrierbar." Die Tat einer winzigen Minderheit innerhalb einer Minderheit steht dann schnell für eine ganze Religion und alle ihre Angehörigen. Auch in Deutschland dürfte die "Pegida"-Bewegung das Abendland einmal mehr von einer angeblichen Islamisierung bedroht sehen.

Man darf sich nichts vormachen, das gesellschaftliche Zusammenleben wird nicht einfacher. Umso wichtiger ist es, nüchtern zu bleiben. Ja, das ist ein schrecklicher, durch nichts zu rechtfertigender Angriff auf unsere Freiheit. Wir lassen sie uns von niemandem nehmen. Aber wir dürfen uns genauso wenig unsere Toleranz nehmen lassen. Es gibt keinen Grund, alle Muslime unter Generalverdacht zu stellen oder am Modell eines friedlichen Zusammenlebens zu zweifeln.

Christoph Hasselbach

© Deutsche Welle 2015

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Leserkommentare zum Artikel: Nicht verleiten lassen

Ein schöner und ausgewogener Beitrag, Danke!

Ingrid Wecker08.01.2015 | 14:51 Uhr

Ihr sagt: Es darf keine Sonderbehandlung für Muslime geben, aber ihr gebt den Angehörigen einer bestimmten anderen Religion eine Sonderbehandlung.
Wie in einem Beitrag des Internetportals „Alles Schall und Rauch“ unter dem Titel „Frankreich, wer Wind sät, wird Sturm ernten“ erwähnt, darf man im Abendland über alle Religionen lästern, außer über eine:
«Da muss ich aber lachen, denn die Ausübung der Meinungsfreiheit die jetzt betont wird, in dem man den Islam und Mohammed mit Karikaturen versucht ins Lächerliche zu ziehen, darf man mit anderen Religionen und Ländern nicht machen. Besonders mit einer ist es völlig tabu, denn dann gilt die Presse-, Meinungs- und Redefreiheit nicht. Als die Stuttgarter Zeitung 2013 eine Karikatur über Netanjahu mit der Aussage zeigte, er würde den Friedensprozess vergiften, hagelte es Proteste und Beschimpfungen.
Die israelische Botschaft in Berlin schickte eine scharfe Protestnote und es wurde behauptet, die Zeichnung wäre antisemitisch und würde die Stereotypen über Juden und Israel fördern. Die Zionisten verstehen keinen Humor wenn es um Kritik gegen sie selber geht. Siehe Reaktion in der „Jüdische Allgemeine“. Dabei zeigt diese Karikatur die Wahrheit, Netanjahu tut alles, um den Frieden im Nahen Osten zu sabotieren.
Die Redaktion der StZ knickte dann ein und bedauerte es sehr, dass durch die Karikatur Gefühle verletzt worden sind. Aus diesem Grund würde die Redaktionsleitung die Karikatur auch nicht noch einmal drucken. Aber die Macher von „Charlie Hebdo“ werden jetzt von allen Seiten aufgefordert, ja nicht einzuknicken und jetzt erst recht gegen den Islam vorzugehen.
Oder, wie wurde die künstlerische Freiheit von Günter Grass aufs gröbste verletzt, als er es wagte, mit einem Gedicht die Politik der israelischen Regierung zu kritisieren. Wie haben die deutschen Medien ihn niedergemacht und als Antisemiten beschimpft. Genau die welche jetzt einen auf „Toleranz“ machen und sich fürchterlich aufplustern, sind genau die, die in anderen Fällen überhaupt keine Toleranz zeigen.
Ihr seht, es kommt immer darauf an, wen man kritisiert, und die Meinungsfreiheit ist relativ.»

Daher sollte man sich nicht darüber entrüsten, daß auch die Islamische Welt ihre roten Linien hat, zu denen insbesondere die Person des Propheten Muhammad gehört. Macht euch über die einfältigen IS-Terroristen lustig, nehmt die saudischen Hofgelehrten aufs Korn, aber stellt nicht lügenhafterweise den Propheten der Barmherzigkeit als Terroristen dar! Es gibt kein Recht auf Massenbeleidigung der Angehörigen einer Weltreligion.

Soll ich auch einmal satirisch werden? Wenn schon Charlie, dann lieber Charlie Chaplin als Charlie Hebdo! – Moi, je ne suis pas Charlie. Ich bin nicht Charlie. Zur Verteidigung meiner Meinungsfreiheit brauche ich weder Charlie Hebdo noch Westergaard, die das schmähen und beleidigen, was mir heilig ist. Notfalls stelle ich mich mit meiner zu verteidigenden Meinung den Terroristen ganz allein entgegen – wie auf der anderen Seite auch allen abendländischen Gotteslästerern und Islamfeinden, die im mißbrauchten Namen von Freiheit und Demokratie die muslimischen Minderheiten tyrannisieren wollen.

Mordanschläge gegen wen auch immer sind zu verurteilen, und ich möchte diesbezüglich nicht mißverstanden werden, aber mir stehen die 30 jemenitischen Rekruten, die am selben Tag durch einen Anschlag getötet wurden, näher als die Redaktionsmitglieder von Charlie Hebdo. Und mich berühren die Gefangennahme, Folterung und Hinrichtung zahlreicher einheimischer syrischer Berichterstatter durch die Extremisten des IS mehr als die (vorgeblichen oder tatsächlichen) Hinrichtungen einiger weniger westlicher Journalisten.

Frank Walter11.01.2015 | 02:32 Uhr

Eine schleichende Islamisierung ist wohl nicht von der Hand zu weisen. Kritische Betrachtungen werden als Islamophobie betrachtet. Muslime sehen sich ständig in der Aussenseiterrolle. Sie erwarten Toleranz ohne Diesselbe bei den "Ungläubigen" anzuwenden.
Hauptprobleme:
1.Der Islam durchlief nicht die Reformationsstufen des Christentums.
Schon der Versuch sich kritisch mit den Texten oder dem Leben des Propheten auseinanderzusetzen wird als Häresie gewertet.
2.Für Muslime gelten allein die Gesetze der Scharia u des Korans.
Eine Trennung von Kirche, privater religiöser Anschauungen und Staat, ist nicht möglich.
Eine Integration in jeweilige demokratische Verhältnisse sehr schwierig.
3.Das globale Netzwerk der Muslimbruderschaften zielen auf eine weltweite Vorherrschaft des Islam.
Dies geschieht nicht nur mit Drohung Terror und Gewalt.Vorrangig im Stillen oder mit dem Vorwurf der Diskriminirung.
4.Der Islam war eine HOCHKULTUR.
Diese Rolle ist durch Kreuzrittertum u Kolonialisierung weitgehend auch vom "Westen" zerstört worden.
Dies ist eine immerschwärende Wunde und Grund für ein mangelndes Selbstbewusstsein.
Dadurch erklären sich die aggressiven Reaktionen auf jede vermeintliche Verunglimpfung.
Fazit: Wir sollten uns all dieser Punkte bewusst sein und uns gegen jede Einschränkung unserer Lebensweise wehren. Wehrhaft und wachsam bleiben.
Nichts desto trotz halte ich Karikaturen die die Gefühle so vieler Menschen mit Füssen treten, als nicht durchdacht.
Presse u Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut.
Um so mehr ist hier Augenmass und Verantwortbarkeit zu fordern!

Karl-Heinz Kohl11.01.2015 | 11:55 Uhr