Allianz rechter und linker Assad-Apologeten

Unbehagen im Westen

Warum verteidigen Linke und Rechte in Deutschland die Assad-Tyrannei in Syrien? Antworten von Günther Orth

Syrien ist zu einer Art Kristallisationspunkt für einen schrägen öffentlichen Diskurs geworden, nicht nur in Deutschland. Und in gewisser Weise ist es nur zufällig das Thema Syrien, das zu bemerkenswerten intellektuellen Ausfällen führt.

Zwar wäre es naheliegend, dass man sich über ein Regime empört, das aus Angst vor Machtverlust über Jahre hinweg die eigene Bevölkerung mit Panzern, Bomben und Giftgas tötet oder systematisch vertreibt und foltert, aber genau darüber erregen sich die Syrien-Lautsprecher hierzulande nicht – sie versuchen vielmehr, dies alles zu relativieren oder wahlweise abzustreiten.

Typischerweise sind es Linke wie Rechte, die das Assad-Regime und seine Schutzmacht Russland verteidigen, oft mit Verweis auf islamistischen Terror. Aber da wo sich Rechts und Links vermischen, bleibt nur Rechts übrig.

Zugleich liegt hier aber auch ein Schlüssel zum Verständnis des Phänomens der Assad-Versteher, denn worin sind Rechte und Linke sich oft einig? Bei ihrer Ablehnung von Globalisierung, und zuweilen auch in ihrer gemeinsamen Sehnsucht nach Einfachheit und Heimat (hier passen sie sogar ein wenig zu den Islamisten).

Hans-Thomas Tillschneider; Quelle: Facebook 2017
Der Assad-Tyrannei zu Diensten: Die AfD (hier ein Landtagsabgeordneter aus Sachsen-Anhalt) ist fast so etwas wie eine Pressestelle des Assad-Regimes in Deutschland.

Man kann daher annehmen, dass der hierzulande so verbreiteten Relativierung der Assad-Tyrannei und dem Schweigen über russische Kriegsverbrechen eine Art "Unbehagen an westlicher Politik und Kultur" zugrunde liegt, eine Verdrossenheit am Westen mit allem, was diesen ausmacht: Kapitalismus und Ungleichheit ebenso wie Demokratie, Liberalität und Menschenrechte.

Variantenreiche Verschwörungstheorien

Man stört sich an den (nur zum kleineren Teil) nach Deutschland geströmten syrischen Flüchtlingen und verwandelt dies in eine Kritik an vermeintlichen und tatsächlichen Fehlern westlicher Politik in Syrien, die sich zu der Behauptung versteigt, der Westen habe den Aufstand gegen das Regime 2011 geplant oder unterstützt, weil das Assad-Regime angeblich antiimperialistisch ist und deshalb gestürzt werden sollte, und habe auch den IS selbst absichtlich geschaffen, weil der Westen angeblich Dschihadisten liebt.

Dazu kommen weitere Theorien zu angeblich von Syrien verhinderten Gaspipelines, über die sich der Westen bzw. Saudi-Arabien geärgert habe usw. Arabische Assad-Verteidiger führen ihrerseits gerne ins Feld, Syriens Baath-Regime (zusammen mit Hisbollah) sei das letzte Bollwerk gegen Israel und Islamisten.

Leugnung von Kriegsverbrechen der Assad-Diktatur

Viele der heutigen Assad-Fürsprecher in Europa waren zuvor nicht als Syrienkenner in Erscheinung getreten, vertreten aber dennoch z.B. die These, die Syrer stünden mehrheitlich zu ihrem "gewählten" Präsidenten, bestreiten jegliche Kriegsverbrechen seines Regimes und Russlands (wie Giftgaseinsätze oder die systematische Zerstörung von Krankenhäusern) oder stellen all dies wahlweise als Notwehr gegen Terroristen oder False-Flag-Operationen von Regimegegnern dar.

Sahra Wagenknecht; Quelle: Reuters
Wenige Wochen nach Beginn der russischen Bombardements in Syrien 2015 sagte Linken-Chefin Sahra Wagenknecht über die Anti-IS-Koalition, diese betreibe denselben Terror wie der IS selbst. Zu Assad und Russlands Intervention schweigt sie konsequent.

Zum Thema systematische Folter in Regimeknästen heißt es zuweilen sogar, die Araber bräuchten ja bekanntlich eine harte Hand, und so geht auch diese Bestialität in Ordnung, wenn sie nicht wiederum zur Verschwörung erklärt oder relativiert wird. Dagegengehalten wird das Bild vom liberalen öffentlichen Leben in den Assad-Hochburgen sowie das elegante Auftreten des Assad-Ehepaars, die sind doch so hübsch.

Was auch für die These von einem kollektiven, nur zum Teil bewussten Pro-Assad-Reflex spricht, wenn es um Syrien geht, ist die Tatsache, dass ihm sowohl AfD-Hetzer als auch manche Attac-Aktivisten und viele Linken-Politiker bis hin zu früher seriösen Wissenschaftlern und Journalisten erliegen.

Günther Orth; Quelle: privat
Günther Orth studierte in Erlangen, Kairo und Damaskus und arbeitet als Übersetzer und Dolmetscher für Arabisch in Berlin.

Rechts-Links-Querfront im Syrien-Konflikt

Die postfaktische und jeder Empathie entbehrende Tendenz, nur zu sehen und zu lesen, was der eigenen Empfindung entspricht, tut ihr Übriges. Schon verlangt die AfD, kaum im Bundestag, die Auslieferung von Syrern ans Assad-Regime, mit Echo aus Teilen von CDU und CSU. Die Pro-Assad-Stimmung breitet sich hierzulande also sichtbar aus.

Die Rechts-Links-Querfront zum Thema Syrien ist dabei unverkennbar, und es passt nur zu gut, dass einer der Hauptgegenspieler des Westens bezüglich Syrien Moskau ist.

Für die Linken verkörpert der Kreml noch heute indirekt die gute alte kommunistische Idee, für die Demokratiemüden und Rassisten symbolisiert Putin dagegen das erträumte autoritäre, patriarchale, weiße Europa. Es spricht Bände, dass die Rechten Putins Russland sehr viel realistischer einschätzen als reflexverhaftete Linke. Wie gesagt: Wo Rechts und Links sich vermischen, bleibt am Ende nur Rechts übrig.

Aber es geht ja bei alldem auch nicht unbedingt um das Land Syrien und was dort konkret passiert. Man feiert vielmehr das Ende des amerikanischen Zeitalters, das zweifellos eingeläutet ist, und möchte sich dabei nicht die Stimmung verderben, indem man fragt, ob das, was nun kommt, besser ist.

Günther Orth

© Qantara.de 2017

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Leserkommentare zum Artikel: Unbehagen im Westen

Sehr geehrter Herr Orth,

ich empfinde Ihren Artikel als eine Frechheit. Dr. al-Assad ist der legitime Präsident der Syrisch Arabischen Republik. Er ist zwar ein autoritärer Herrscher, aber unter ihm herrschte bis 2011 Stabilität und Syrien war ein säkularer Staat. Die sogenannte Opoosition besteht fast ausschließlich aus sunnitischen Fanatikern. Wäre Ihnen eine Regierung von diesen Kräften etwa angenehmer? Was sie hier als Verschörungstheorien diffamieren ist letztendlich nur politischer Realismus. Ich kann Ihnen nur empfehlen sich einmal mit den Theorien des Realismus und des Neorealismus in der internationalen Politik zuz beschäftigen, damit sie verstehen, warum bestimmte Parteien in Deutschland gegen einen völkerrechtlich nicht legitimierten Regimechange eintreten.

JFW11.12.2017 | 16:58 Uhr

Sehr geehrtes JFW-Wesen,
einen Hinweis darauf, was falsch an meinem Artikel ist, finde ich bei Ihnen nicht. Wahrscheinlich handelt er von Ihnen.

Günther Orth11.12.2017 | 18:00 Uhr

Sehr geehrter Herr Orth,
vielen Dank für Ihren erhellenden und wichtigen Artikel. Es ist außerordentlich bedrückend und verstörend, das Teile der deutschen Öffentlichkeit so unverhohlen eine der schlimmsten Diktaturen der Gegenwart offen unterstützen oder sie zumindest schönreden. Die Unterstützer des Assadschen Mafia-Regimes blenden aus, was offensichtllich und vielfach dokumentiert ist: dass die Hauptverantwortung für die Katastrophe des Landes beim Assad-Regime selbst liegt. Das stellen auch Politikwissenschaftler*innen fest, die sehr kritisch auf die Rolle der USA, Qatars und Saudi-Arabiens im syrischen Krieg blicken. Hätte das Assad-Regime in 2011 nicht die friedlichen Demonstrationen zusammengeschossen, sondern Reformen zugelassen, sähe es in Syrien heute allerhöchstwahrscheinlich sehr anders aus. Doch das Regime hat sich für unfassbare Gewalt und umfassende politische Repression entschieden. Die "Wahlen" waren eine Farce, denn die Abstimmenden hatten faktisch keine Wahl. Bashar Al-Assad vor diesem Hintergrund als "legitimen Präsidenten" zu bezeichnen ist eine Verhöhnung der allgemein anerkannten Prinzipien von Demokratie und Legitimität.

Martina Sabra13.12.2017 | 06:16 Uhr

Dass ausgerechnet Teile der intellektuellen Linken mit dem arabischen Sozialismus sympathisiert, empfinde ich als beschämend, waren es doch die arabisch-sozialistischen Baath-Regime, die sich von Anfang durch mörderische Aktionen auszeichneten: (Saddam Hussein verantwortlich für Giftgasangriffe gegen Kurden, Massaker an Schiiten im Irak und den Überfall auf den Iran im Jahr 1980 mit Millionen Toten; Hafiz al-Assad mit der Bombardierung seiner eigenen Bevölkerung in Hama im Jahr 1982 mit 30.000 Toten). Selbst das auf Michel Aflaq zurückgehende krude ideologische Konstrukt, das den Gewaltherrschern zur Herrschaftslegitimation diente, ist an theoretischem Irrsinn und Lächerlichkeit wohl nicht zu überbieten. (Diese Pseudo-Ideologie wird an Absurdität wohl nur noch von Gaddafis "Grünen Buch" überboten). Und diese Regime werden nun ausgerechnet von Teilen der Linken in ihrem antiimperialistischen Schwarz-Weiß-Denken verteidigt? Welch ein Zynismus!

Georg Leinen13.12.2017 | 11:14 Uhr

Vielen Dank für Ihren Artikel Herr Orth.
Ich bin der Meinung, dass sowohl die Linke Partei als auch die AfD durch und durch antidemokratische Parteien sind. Ihre Unterstützung zu Assad, zu Putin (Krim-Annexion), offene antiislamische und jüdische Elemente in ihren politischen Diskursen...und viel mehr. Dies alles wiedergibt das gesamt Bild unser Gesellschaft und was mittlerweile breite Volksschichten 70 oder 80 Jahre nach dem Ende des 2WK. und daraus entstandenen Lehren hält...Nationalismus und Sozialismus! Es kann doch nur Menschenverachtend sein anders geht nicht! ! Sollen die doch weiter ihren Assad und Putin hochjubeln...Sie jubeln und feiern damit nur ihr Ende.

Franz Stein14.12.2017 | 13:57 Uhr

Ich glaube Linke und Rechte reflektieren hierbei nicht so sehr die ideologischen Ideen und theoretischen Begründungen dieser diktatorischen Staatsformen, die in der Tat konstruiert, unausgegoren und geradezu pubertär erscheinen mögen - im Vergleich zum Marxismus, Leninismus oder Maoismus -, als vielmehr das universelle Feindbildkonstrukt, in deren Raum Syrien und andere Trikontstaaten (sowie Russland als neue-alte Achse des Guten) einen festen Platz im antiimperialistischen Schwarz-Weißdenken einnehmen. Diesem gefährlichen Denken bedienen sich übrigens auf der anderen Seite die antideutschen Kreise, die gegen jedweden Zweifel - oder jedweder Kritik - am Apartheid-Staat Israel erhaben sind.

Ricky Walden15.12.2017 | 10:13 Uhr

Sehr geehrter Herr Orth,

Ihr Bemühen einer Analyse der "Assad-Versteher" in Ehren und in der Anklage der Menschenrechtsverletzungen voll auf ihrer Seite!
Was ich Ihnen allerdings vorwerfe, ist die Ignoranz einer USA-Einflussnahme in Syrien.
Beispiele: Schreiben 2006 aus US-Botschaft in Damaskus, gez. W. Roebuck, an US-Regierung ( vgl. Wikileaks) - Verhalte und Stellungsname ("das Brennholz ist trocken") von US-Botschafter Ford 2011 (vgl. ZDF-Interview 2016)- US-Militärbasen in Ostsyrien (vgl. WAS 27.8.2017)....
Denkverbote sind nicht nützlich und ständig die Verschwörungstheorieschublade zu ziehen ein Ausdruck der Hilflosigkeit.

Omar T.17.12.2017 | 13:36 Uhr

Wenn ich über etwas nicht schreibe, dann heißt das nicht, dass ich es ignoriere, dazu gehört die Einflussnahme der USA. Und das Denken habe ich Ihnen oder anderen auch nicht verboten. Und das Wort Verschwörung kommt bei mir nur indirekt vor, bezüglich der Foltervorwürfe, die vom Regime zu einer Verschwörung erklärt werden. Wenn ich wahrheitsgemäß sage, dass das Regime foltert, warum soll das Hilflosigkeit sein? Argumentieren Sie sachlicher!

Günther Orth18.12.2017 | 11:45 Uhr