Album review: Jon Balke and Siwan – "Nahnou Houm"

Poesie und Musik in Einklang

Seit zehn Jahren experimentiert der norwegische Komponist Jon Balke mit der Musik des muslimischen Andalusiens. Nun sind er und die Gruppe Siwan, die 2009 ihr erstes Album herausgaben, zurück mit "Nahnou Houm". Von Richard Marcus

Während das Quellenmaterial für Nahnou Houm (erschienen auf ECM Records) immer noch aus derselben Zeit stammt und genauso vielfältig ist wie früher, hat sich der Umgang mit der Musik und die Art der Aufführung verändert. Anstatt zu versuchen, die Klänge längst vergangener Zeiten zu imitieren, haben Balke und Siwan die Texte genommen und dazu eine Musik geschaffen, die nicht nur zu ihnen passt, sondern sie auch in die Welt der zeitgenössischen Komposition überträgt. Einige der Originaltexte reichen bis ins 17. Jahrhundert oder sogar bis ins 11. Jahrhundert zurück, doch sie weisen dieselbe Herkunft auf – ein Gebiet, in dem heute das moderne Spanien liegt.

Jon Balke sagt, die Gruppe habe versucht sich vorzustellen, wie Europa heute aussehen würde, wäre die nichtchristliche Kultur in Spanien nicht von der Inquisition ausgelöscht worden. Was wäre geschehen, wenn es den drei Weltreligionen – der jüdischen, der christlichen und der muslimischen – gelungen wäre, gemeinsam nebeneinander zu existieren?

Das Ergebnis ist eine Musik, in der die Traditionen aller drei Glaubensrichtungen auf neue und wunderbare Weise vereint sind. Auch erleben wir eine Vielzahl einzigartiger, faszinierender Kompositionen, in denen sich beispielsweise die Poesie des Johannes vom Kreuz in "Sin Nada Querer" ("Ohne etwas zu wollen") an die Worte des Sufi-Mystikers Attar Faridu Din in "Aun Bebiendo" ("Sogar wenn wir trinken") anlehnt.

Scheinbar unvereinbare Elemente

Die neue Inkarnation der Gruppe Siwan, die sich auf den Weg macht, dieses Ziel musikalisch zu erreichen, vereint eine Vielzahl von Instrumenten und musikalischen Traditionen. Die Leadsängerin und Oud-Spielerin Mona Boutchebak stammt aus Algier. Begleitet wird sie von Deryan Turkan auf der Kemence (einem traditionellen Streichinstrument persischen Ursprungs), Helge Norbakken an den Schlaginstrumenten, Pedram Khavar Zamini am Tombak und Balke an den Keyboards.

Diese Stammmusiker werden bei den meisten Stücken durch Mitglieder des norwegischen Barockkammerorchesters Barokksolistene ergänzt.

CD-Cover Jon Balkes and Siwans "Nahnou Houm"; Quelle: ECM Records
"Das Album 'Nahnou Houm' hat nicht nur den Anspruch, Spannungen zu reduzieren, die von denjenigen erzeugt werden, die mit ihrer Musik eine aggressive und spaltende Rhetorik verbreiten. Auch haben Balke und die Mitglieder von Siwan eine Musik geschaffen, die über rein soziale und intellektuelle Inspiration hinausgeht. Diese Aufnahme bringt wie kaum ein anderes heutiges Album Poesie und Musik in Einklang", so Richard Marcus.

Die Ergebnisse dieser Zusammenarbeit können nur als spektakulär bezeichnet werden. Die scheinbar unvereinbaren Elemente kreieren eine Musik, die nicht nur ihre eigenen unterschiedlichen Traditionen feiert, sondern es schafft, zwischen diesen eine gemeinsame Ebene zu finden.

Mit Ausnahme von "Ma Kontou" – einem traditionellen andalusischen Stück, das auf arabisch gesungen wird, und den Instrumentalstücken "Zem Zemeh" und "Nahnou Houms" ist die lingua franca dieser Aufnahme Spanisch.

Dies lenkt allerdings nicht von der kulturellen Einheit ab, die die Musik verkörpert. In gewisser Hinsicht ist die Verwendung einer einzigen Sprache der Einheit, die Balke anstrebt, sogar zuträglich.

Wenn man die beigefügte englische Übersetzung betrachtet, scheinen die Stücke auch durch ihre Ideen und ihren poetischen Ausdruck miteinander verbunden zu sein.

Sie alle untersuchen in der ein oder anderen Form die Natur des Verlangens – von "Desmayarse" ("Zusammenbrechen") des bekannten spanischen Poeten und Dramatikers Lope de Vega bis hin zu "Duda" ("Zweifel") von Ibn Al Zaqqaq.

Sogar die Poesie des Johannes vom Kreuz beschäftigt sich mit der besten Art, sein Verlangen zu befriedigen. "Willst du alles genießen, so suche in nichts Genuss. Willst du alles wissen, verlange in nichts etwas zu wissen".

Die Suche nach Erfüllung

Auch wenn es Johannes vom Kreuz offensichtlich mehr darum geht, mit diesen Gedanken spirituelle Erfüllung zu finden, ähneln seine Verse denjenigen von Attar Faridu Din in "Aun Bebiendo": "Sogar wenn wir ganze Ozeane austrinken, staunen wir/dass unsere Lippen immer noch so trocken sind wie Sanddünen.../und endlos warten wir, dass das Meer unsere Lippen befeuchtet, ohne zu sehen, dass unsere Lippen die Dünen des Meeres sind und wir der Ozean". Beide sprechen trotz ihrer völlig unterschiedlichen kulturellen und religiösen Wurzeln von der Gefahr, uns zu stark zu bemühen, unser Verlangen zu erfüllen.

Über all diese Betrachtungen hinaus erreicht auch die Musik dieses Albums unglaubliche Höhen: Boutchebaks Stimme ist außergewöhnlich. Ob man die Texte, die sie singt, nun versteht oder nicht: Man wird von der Schönheit und dem Klang ihrer Stimme mitgerissen. Ganz besonders deutlich wird dies bei "Ma Kontou", wo sie ohne Begleitung singt. Dort wird nicht nur ihre faszinierende Stimmbeherrschung deutlich, sondern auch, wieviel Emotionen sie immer dann ausdrücken kann, wenn sie ihren Mund öffnet.

Natürlich bietet diese Aufnahme in musikalischer Hinsicht mehr als nur Boutchebaks Stimme. Die anderen Instrumente sind ebenso beeindruckend. Die Streicher von Baroksolistene geben allen Stücken eine wunderbare Textur und Tiefe. Norbakkens and Zaminis Schlaginstrumente legen eine solide Basis für Balkes Keyboards und Turkans Kemence. Und alle Musiker gemeinsam erschaffen eine Klangwelt, die einen auf subtile Weise in ihren Bann zieht.

"Nahnou Houm" hat nicht nur den Anspruch, Spannungen zu reduzieren, die von denjenigen erzeugt werden, die mit ihrer Musik eine aggressive und spaltende Rhetorik verbreiten. Auch haben Balke und die Mitglieder von Siwan eine Musik geschaffen, die über rein soziale und intellektuelle Inspiration hinausgeht. Diese Aufnahme bringt wie kaum ein anderes heutiges Album Poesie und Musik in Einklang.

Richard Marcus

© Qantara.de 2018

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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