Nagib Machfus am Tag der Bekanntgabe der Auszeichnung mit dem Literaturnobelpreis, 13. Oktober 1988; Foto: dpa
Zum hundertsten Geburtstag des Schriftstellers Nagib Machfus

Der Seismograf Ägyptens

Er war der erste Literaturnobelpreisträger der arabischen Welt und ist bis heute der einzige geblieben: der große ägyptische Erzähler und Romancier Nagib Machfus, dessen Biografie fast ein Jahrhundert überspannte, der aber das heimatliche Kairo kaum je verließ. Von Hartmut Fähndrich

Der Schrecken ist immens, der Vorgang gruselig. In Kairo und, wie sich dann herausstellt, auch anderswo – ja, weltweit – sind Nagib Machfus' Werke nicht mehr auffindbar. Zunächst ist alles nur ein Gerücht, dessen Richtigkeit sich jedoch bald zeigt: Von den Regalen der Buchläden sind die berühmten Romane ebenso verschwunden wie aus öffentlichen und privaten Bibliotheken.

Die für Kultur und nationales Erbe zuständigen staatlichen Instanzen machen sich an die Rekonstruktion der literarischen Werke des großen Meisters: Man sucht Personen, die Passagen auswendig können; man versucht Rückübersetzungen aus anderen Sprachen. Alles vergeblich. Das Ganze ist umso gespenstischer, als inzwischen auch Gerüchte auftauchen, auf den Strassen von Kairo seien Personen gesichtet worden, die Gestalten aus Nagib Machfus' Romanen glichen.

Diese phantastische Geschichte ist ein Strang in dem vor zwei Jahren erschienenen Roman "Abna al-Gabalawi" ("Die Kinder des Gabalawi", bis jetzt nur auf Arabisch erhältlich) von Ibrahim Farghali, einem ägyptischen Autor, der zwei Generationen jünger ist als Nagib Machfus und der in seinem fast 500-seitigen Werk eine Gesellschaft zeigt, die völlig durchdrungen ist von den Figuren, die Ägypten seinem großen Sohn verdankt.

Der Pharaonist

Kein anderer arabischer Schriftsteller ist in gleicher Weise Chronist seines Landes und Volkes geworden wie Nagib Machfus, der vor hundert Jahren, am 11. Dezember 1911, in Kairo zur Welt kam – in (s)einer Stadt, die er während seines fünfundneunzig Jahre währenden Lebens nur wenige Male verließ. Er hat das gesamte "kurze 20. Jahrhundert" (Eric Hobsbawm) in Ägypten miterlebt und seine Etappen nachgezeichnet. Kein Handbuch über diese Zeit kann zum Verständnis der Gesellschaft am Nil die Lektüre von Machfus' Romanen ersetzen.

Titel "Der letzte Tag des Präsidenten"; Foto: Unionsverlag
Literarischer Visionär: Bei der Lektüre des Romans "Der letzte Tag des Präsidenten" fragt man sich heute, ob es sich um eine Darstellung der Ermordung von Präsident Anwar Sadat handelt oder um eine Prophezeiung der Vertreibung von Hosni Mubarak.

​​Dabei werden nicht nur gesellschaftliche Strukturen, nicht nur Personen und Institutionen dargestellt. Am Anfang von Machfus' literarischem Schaffen steht die Beschäftigung mit einer der nationalen ägyptischen Ideologien, die in den 1920er und 1930er Jahren populär wurden: dem Pharaonismus.

Dieser Rückgriff auf die mehrere Jahrtausende alte Geschichte des Nillandes, mit der sich der Autor seit 1931 beschäftigte, diente und dient dazu, Ägypten seinen eigenen, spezifischen Charakter zu bestätigen, der das Land nicht nur, wie damals, gegenüber der europäischen Besatzungsmacht Großbritannien als eigenständig definiert, sondern auch gegenüber anderen Teilen der arabischen und der islamischen Welt. Antike regionale Geschichte hat fast allen westasiatischen und nordafrikanischen Nationalstaaten seit den 1920er Jahren immer wieder zu einem nationalistischen Geschichtsbild verholfen.

In drei Romanen, veröffentlicht 1939, 1943 und 1944, behandelt Nagib Machfus Themen und Personen aus der pharaonischen Vergangenheit, wobei aber die gewollte Parallele zur Herrschaft der Briten, die, unterschiedlich organisiert, von 1882 bis 1956 dauerte, durchaus erkennbar bleibt. So wird im dritten dieser Romane, "Ein Kampf um Theben", geschildert, wie sich die Ägypter gegen fremde Eindringlinge, die Hyksos, zur Wehr setzen.

Der Chronist

Der eigentliche Durchbruch gelang Nagib Machfus jedoch erst mit jenen Romanen, die direkt und unverfremdet "realistisch" über die ägyptische Geschichte seiner Zeit reden. Diese Periode wird in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre mit fünf Romanen wirkungsvoll eingeläutet. Materielle, moralische und metaphysische Fragen sind Gegenstand in all diesen Schilderungen aus einer sich immer rapider wandelnden Gesellschaft. Den wohl 1946 erstmals publizierten und erst vor wenigen Monaten auf Deutsch erschienenen Roman "Das junge Kairo" darf man, ohne ihm einen Tort anzutun, als Darstellung von Verhältnissen lesen, die, leicht variiert und globalisiert, Jahrzehnte später zum Sturz von Präsident Hosni Mubarak geführt haben: die fast grenzenlose Korruption und Verkommenheit der administrativen Herrschaftsschicht und das Elend, die Beengung und die Perspektivlosigkeit der jüngeren Generation aus der Mittelschicht. Der König allerdings bleibt von diesen Attacken verschont!

Die Geschichte ist ebenso boshaft wie pikant. Es ist eine "schöne neue Welt" à l'égyptienne, und, wohlgemerkt, wir befinden uns noch vor der häufig als Wurzel allen Übels gebrandmarkten Julirevolution von 1952, der Revolution der "Freien Offiziere" unter Gamal Abdel Nasser.

Ein hoher Ministerialbeamter verführt mit Geld und Charme ein junges Mädchen und veranlasst anschließend einen mausarmen Universitätsabsolventen, sie zu ehelichen, damit er sich ihrer weiterhin regelmäßig bedienen kann. Dafür gibt es eine Stellung im Ministerium und andere Boni. Aus dem Ministerialbeamten wird gar ein Minister. Doch das Kartenhaus bricht zusammen, da eine Figur in der Hierarchie der Korruption übergangen wurde und sich rächt. Diese Figur bringt zwar die Korrupten zu Fall, aber eben mit deren eigenen Waffen. Die integren Charaktere bleiben marginal, auch wenn sie am Ende weniger schlecht wegkommen. Die Moral, die siegt, ist eine eher befleckte. Die bessere Zukunft ist nicht angebrochen.

Die Serie dieser Romane findet mit der großen, an den Buddenbrooks orientierten Saga, bekannt als die "Kairoer Trilogie", ihren Abschluss, durch die sich Nagib Machfus endgültig als die führende Gestalt im ägyptischen literarischen Schaffen etabliert. Drei Generationen einer Mittelklassefamilie in Kairo werden über den Zeitraum vom Ende des Ersten Weltkriegs bis nach dem Zweiten Weltkrieg verfolgt, ihre langsame Entfernung vom Lebensstil des alten Patriarchen Abdalgawad wird gezeigt, bei dessen Söhnen und Töchtern und bei seinen beiden Enkeln, von denen sich der eine den Kommunisten, der andere der Muslimbruderschaft zuwendet. Dies gleich nach dem Zweiten Weltkrieg, kurz vor der Revolte Gamal Abdel Nassers und seiner Freien Offiziere im Jahr 1952. Die Zweiteilung der Bevölkerung in Religiöse und Un- oder Areligiöse, die heute noch oder wieder eine wesentliche Rolle bei der Neugestaltung des Landes spielt, war damals schon zu spüren, sicher von einem so sensiblen Seismografen, wie Nagib Machfus es war. Er selbst hat sich als säkular betrachtet.

Der Seismograf

Die Qualität des Seismografen gesellschaftlicher Regungen und Entwicklungsansätze hat Nagib Machfus sich auch in den folgenden fast noch vierzig Jahren seines Schaffens erhalten. In zahlreichen Romanen und Erzählungen geht es um die Suche des Menschen: nach Glück, nach Geld, nach Sicherheit, nach dem Vater, nach spiritueller Erfahrung oder nach der Vergangenheit. Was ist der Mensch? Egal, wie banal die Frage klingen mag, sie wird zentral beim ägyptischen Nobelpreisträger von 1988. Um ihr von zahllosen Seiten wieder und wieder nachzugehen, (er)findet er immer neue Figuren, die meist seiner eigenen gesellschaftlichen Umgebung entstammen: der Intellektuellen- und Angestelltenschicht der unteren Mittelklasse.

Soldaten salutieren beim Staatsbegräbnis von Nagib Machfus an seinem Sarg; Foto: dpa
Staatsbegräbnis für Nagib Machfus: An ihm kommt heute kein arabischer Schriftsteller vorbei, besonders nicht in Ägypten.

​​Personen verschiedener Ideologie und Herkunft zeigen in "Miramar" (1967) Varianten ägyptischen Denkens und Handelns oder die Zerrissenheit der Gesellschaft. Eine Gruppe frustrierter und opportunistischer Freunde sucht in "Das Hausboot am Nil" (1966) bei Drogen Trost und versagt sich gesellschaftlicher Verantwortung. Ein ideologisch Irregeleiteter, der dafür im Gefängnis saß, will sich in "Der Dieb und die Hunde" (1961) an seinem ehemaligen "Ratgeber" rächen und verstrickt sich in seinem Kohlhaasschen Kampf immer tiefer in Schuld.

In all diesen Romanen, die zu den bekanntesten des Autors gehören und früh verfilmt wurden, sind das Gefühl der Entfremdung und das der Empörung zentral, Gefühle, die bei vielen Ägyptern und Ägypterinnen während der letzten Mubarak-Zeit zur Grundstimmung wurden und die letztlich zum Ausbruch des Unwillens im Januar dieses Jahres geführt haben. Bei einer Geschichte wie der in dem kleinen Roman "Der letzte Tag des Präsidenten" (1985) erzählten kann man sich aus heutiger Sicht nachgerade fragen, ob es sich um eine Darstellung der Ermordung von Präsident Anwar Sadat handelt oder vielmehr gar um eine Prophezeiung der Vertreibung von Hosni Mubarak. Die materielle und soziale Entwürdigung der Protagonisten im Roman hat ein solches Ausmaß erreicht, dass mit jeglicher Reaktion gerechnet werden muss.

Der Allegoriker

Dazwischen gab es immer wieder Romane, die nicht in den Raster der realistischen Gesellschaftsdarstellung passen. Oft geht Machfus darin bei der Suche nach dem (religiösen) Lebenssinn noch einen Schritt weiter. Bekannt wurde "Die Kinder unseres Viertels" (1959), jene vielleicht etwas zu lang geratene Allegorie über das Phänomen der monotheistischen Religion, die, ursprünglich in Fortsetzungen in einer Zeitung erschienen, keine Gnade vor den Augen vieler Geistlicher fand und deshalb lange warten musste, bis sie in Ägypten als Buch erscheinen durfte.

Darin wird in einer Stadt, hinter der unschwer Kairo erkennbar ist, ein Mikrokosmos gezeigt, in dem Usurpatoren mit materieller und physischer Gewalt die Bevölkerung unterdrücken und quälen. Gegen diese Tyrannei gibt es mehrere Befreiungsversuche, die sich jeweils um eine Person kristallisieren, deren Lebensgeschichten und Argumentationen auf Moses, Jesus und Mohammed deuten. Diese drei erreichen jeweils für kurze Zeit das Beste für ihre Anhänger und nehmen für sich in Anspruch, den Willen des Urvaters Gabalawi zu erfüllen, der in einer Villa irgendwo außerhalb der Stadt wohnt – im alten Paradies. Der vierte "Retter" bezieht sich nicht mehr auf jenen Vater, sondern macht sich daran, dessen Geheimnis zu ergründen, was aber zu Gabalawis Tod führt.

Hier wird die Legende, der Mythos mit einer pseudorealistischen Darstellung infrage gestellt. Der Autor zeigt einen ziemlich expliziten und prononcierten Zweifel an der Nachhaltigkeit alter und neuer Heilsbotschaften, einen Zweifel, der auch die modernen Wissenschaften mit einbezieht. Das hat aber den Autor nicht vor dem Zorn der Hüter der Religionen bewahrt, deren manche sich immer wieder mit Nagib Machfus, wie auch mit anderen Schriftstellern, anlegten.

Das Monument

An Nagib Machfus kommt bis jetzt noch kein arabischer Schriftsteller, keine arabische Schriftstellerin vorbei, ganz besonders nicht in Ägypten. Nicht nur seine Figuren sind, zumal durch zahlreiche Verfilmungen, so "klassisch" geworden wie K., wie Effi Briest, wie Oskar Matzerath. Auch sein vielfach assoziativer Stil und sein Umgang mit Genres der Prosaliteratur sind inzwischen Marksteine im arabischen Schreiben.

Nagib Machfus in hohem Alter; Foto: dpa
Bereits in den 1960er Jahren beschrieb Machfus das Gefühl der politischen und gesellschaftlichen Entfremdung und Empörung der Ägypter, was in der letzten Mubarak-Zeit zur Grundstimmung wurde und letztlich zum Ausbruch des Unwillens führte.

​​Das gilt auch für seine letzten, stark von der Nostalgie des Alters geprägten Werke, beispielsweise "Echo meines Lebens" (1994): Reminiszenzen in Kürzestform, Gedanken über Verflossenes und Dahingegangene in höchst poetischer und, wie hin und wieder schon früher, am Sufismus, der islamischen Mystik, orientierter Sprache. Hier ging es nur noch um das ganz Intime und das Existenzielle. Die großen Narrative waren geschrieben. Der Mensch Nagib Machfus betrachtete sich im Hinblick auf seine Herkunft, auf sein gelebtes Leben und den bald zu erwartenden Tod.

Als man ihm im Jahre 2003 in Kairo ein Denkmal errichtete, war Nagib Machfus längst ein Monument geworden, eine literarische, eine weltanschauliche, eine moralische Instanz. Am 30. August 2006 ist er in seiner Heimatstadt gestorben.

Hartmut Fähndrich

© Neue Zürcher Zeitung 2011

Hartmut Fähndrich ist seit 1978 Dozent für Arabistik an der ETH Zürich. Er hat mehrere Dutzend Werke aus der zeitgenössischen arabischen Literatur ins Deutsche übertragen und ist Verfasser einer kleinen Monografie über Nagib Machfus (Edition Text + Kritik, 1991). Alle auf Deutsch greifbaren Werke von Nagib Machfus sind, mit Ausnahme von "Das Hausboot am Nil", im Unionsverlag in Zürich erschienen, fast alle in der Übersetzung der 2008 verstorbenen Doris Kilias.

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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