Panzer der tadschikischen Armee auf dem Weg nach Chorog, Foto: DW/Galym Fashutdinov
Unruhen in Tadschikistan

Das Gespenst des Bürgerkriegs

Nach dem Zerfall der Sowjetunion wütete im tadschikischen Teil des Pamirgebirges ein blutiger ethnischer Konflikt. Seit dem Friedensvertrag von 1997 schienen die Auseinandersetzungen beendet. Doch die jüngsten Gefechte an der Grenze zu Afghanistan deuten auf ein Wiederaufflammen des Bürgerkriegs. Hintergründe von Marcus Bensmann

Am 24. Juli brach in Charog in der tadschikischen Provinz Berg-Badachschan die Hölle aus. Mitten in der Hochgebirgsstadt unweit der afghanischen Grenze griffen im Morgengrauen über 2000 Soldaten in Wohnbezirken die Heimstätten von fünf Bandenchefs an, die als inoffizielle Autoritäten den Rubin- und Opiumschmuggel in der Gebirgsprovinz kontrollieren.

Die schweren Gefechte gingen über einen Tag lang und auch nach Regierungsangaben war der Blutzoll hoch. Neben 30 Kämpfern wurden 17 Angehörige der tadschikischen Sicherheitskräfte und ein Zivilist getötet, aber unabhängige Quellen sprechen von einer weit größeren Opferzahl. Unter den nach den Gefechten von den Regierungsgruppen gemachten Gefangenen waren auch afghanische Kämpfer.

Seither hat sich die Lage wieder beruhigt, die Regierung kontrolliert die Stadt und den Großteil der unwegsamen Provinz und führt mit den in die Berge geflüchteten Bandenchefs Waffenstillstandsverhandlungen, in denen die Pamirpaten sich bereit zeigten, einer vollständigen Entwaffnung zuzustimmen. Bisher sind nach offiziellen Angaben 500 einzelne Schusswaffen abgegeben worden. Auch gibt es wieder Telefon- und Internetverbindungen in die Region.

Die Julikämpfe am Dach der Welt - allein aus dem tadschikischen Teil des Pamirs ragen drei Siebentausender in den Himmel, ihre Gletscher bedeckten Höhen bilden den Wasserspeicher für die zentralasiatische Ebene - lenkte für eine kurze Zeit den internationalen Blick auf die komplizierte Gemengelage von Religionen, Bandenchefs, und den verzweifelten Versuch der tadschikischen Staatsmacht im Hochgebirgskorridor zwischen China, Afghanistan, Pakistan und Indien die Kontrolle zu behalten. Die Vorgänge werden von den USA und Europa mit Sorge betrachtet, denn durch das Land führt ein Seitenstrang der Nordversorgungsroute der NATO für den Afghanistankrieg, über die 2013 ein Teil des Rückzuges laufen soll.

Die Geister der Vergangenheit

Der staatliche Angriff weckte aber vor allem die Gespenster des Bürgerkriegs, der in Tadschikistan nach dem Zerfall der Sowjetunion bis zum Waffenstillstand 1997 wütete und bis heute Nachbeben wie die Gefechte in Charog auszusenden vermag. Tadschikische Oppositionskräfte vor allem im Exil beschwören den Beginn eines erneuten ethnischen Konflikts im Pamir.

Grenze zum Gebiet Berg-Badachschan, Foto:cc-by-sa/Al-Musafir
Grenze zur Provinz Berg-Badachschan: Mit dem Mord am Chef der Staatssicherheit in der Provinz Berg-Badachschan und der darauf folgenden Operation scheinen die alten Geister des vergangen geglaubten Bürgerkriegs wieder geweckt.

​​In der tadschikischen Pamirprovinz leben vor allem Ismailiten, eine schiitische Glaubensgemeinschaft, die den Aga Khan als den direkten Nachfolger des Propheten verehrt.

Während der Sowjetzeit war die Gebirgsprovinz mit knapp 200.000 Einwohnern, deren Sprache sich nach den verschiedenen Tälern unterscheidet, und die sich ausdrücklich nicht als Tadschiken fühlen, ein Vorposten der sowjetischen Grenztruppen an der afghanischen Grenze und wurde aus Moskau privilegiert versorgt. Schon in der Zarenzeit hatte ein russisches Expeditionsheer aus Osch in Kirgisistan kommend den Weg bis in den Pamir gebahnt. Im Museum von Charog steht immer noch das Klavier, das der russische Kommandant damals über die Berge hat schleppen lassen.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion begann in Tadschikistan der Bürgerkrieg; die Hochlandtadschiken aus dem Pamirgebirge und Garmtal kämpften gegen die Clans der Tieflandtadschiken aus Kuljab um die Macht.

Der Krieg wurde besonders am Anfang mit inner-ethnischer Brutalität geführt. Als die siegreiche Volksfront der Kuljabis die tadschikische Hauptstadt stürmte, begann eine regelrechte Hetzjagd auf die Abkömmlinge des Hochlandes und die Pamiris. Wer sich durch den gutturalen Akzent der Pamiris verriet oder ein bestimmtes Wiegenlied nicht kannte, wurde an Checkpoints aus dem Bus gezerrt und erschossen.

Rettung durch den Agha Khan

Die Opposition der Hochlandtadschiken führte von Afghanistan aus den Krieg gegen die Zentralregierung, während die Kuljabis die Unterstützung Russlands und Usbekistans genossen, und 1994 Emomali Rachmonow, einer der ihren, als Präsidenten einsetzte, der bis heute regiert. Die Pamiris, denen als Ismailiten jeder religiöser Fanatismus fremd ist, gingen gleichwohl eine Allianz mit der von islamistischen Sunniten dominierten Opposition ein.

Religiöses Oberhaupt Agha Khan, Foto:AP
In der tadschikischen Pamirprovinz leben vor allem Ismailiten, eine schiitische Glaubensgemeinschaft, die den Agha Khan als den direkten Nachfolger des Propheten verehrt.

​​Als 1997 mit dem Aufsetzen des Friedensvertrags von Moskau die einzig legale islamische Partei in Zentralasien in Tadschikistan die Arbeit aufnehmen konnte, traten dieser auch viele Pamiris bei, obwohl die "Islamische Partei der Wiedergeburt" (IPW) von Sunniten dominiert wird. Auch wenn sie mit Muhiddin Kabiri einen ausgesprochenen modernen Vorsitzenden hat, wird die zweite Reihe von radikaleren Strömungen kontrolliert. Pikant ist die Tatsache, dass während der Unruhen auch der ismailitische Parteivorsitzende der IPW im Pamir getötet wurde, und deren Stadtchef verschollen ist.

Als die in der Ebene siegreiche Volksfront der Kuljabis auch die Pamirprovinz erobern wollte, blockierten Freischärler aus den Bergen die engen Zufahrtswege und retteten - so ist die Bevölkerung im Pamir überzeugt - die Menschen vor dem Zorn der Tieflandtadschiken.

Aber mit Straßensperrungen wurde die Versorgung aus Tadschikistan gestoppt und die Unterstützung aus Moskau blieb schon seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion aus, auch wenn die russischen Grenztruppen bis 2004 weiterhin die Grenze zu Afghanistan und auch den Hochpamir bewachten.

Eingeschlossen in den Tälern, gingen die Vorräte zu Neige, der Bevölkerung drohte der Hungertod. In der Sowjetzeit hatten nur wenige ismailitische Pamiris die Bilder des Aga Khan versteckt. In dieser größten Not erinnerte sich der Aga Khan seiner Anhänger. Die Aga Khan Stiftung organisierte über den verwitterten Pamirhighway aus Osch eine Lebenslinie und versorgte die Pamiris mit dem Notwendigsten. Als 1995 der Aga Khan selbst den Pamir besuchte, kam die Gebirgsbevölkerung aus den Dörfern und versammelten sich am Ufer des Pamir-Flusses, um den Nachkommen des Propheten zu sehen.

Rückkehr des widerständigen Geists

Die tadschikische Zentralregierung versuchte nach dem Friedensvertrag wieder die Macht im Pamir zu erlangen, vor allem nachdem die Russischen Grenzposten 2004 aus dem Hochgebirge abgezogen waren - aber die wahre Autorität lag bei den Bürgerkriegskommandanten.

Der tadschikische Präsident Rachmonow, Foto: DW/Galim Faskhutdinov
Präsident Rachmonow möchte die Gunst der Stunde nutzen und die volle Souveränität über das Pamir-Tal wieder herstellen. Doch das Gefecht in Charog zeigt nun, dass die Regierung Schwierigkeiten hat, die Hochgebirgsgrenze zu Afghanistan zu kontrollieren.

​​Der Zentralregierung waren diese selbstbewussten Feldkommandanten von der Opposition und von der Volksfront ein Dorn im Auge. Viele erhielten wegen der Vereinbarungen im Friedensvertrag Staatsämter, bleiben danach aber weiterhin autark und ordneten sich nur ungern dem Präsidenten unter. Rachmon hingegen schaltete sie schrittweise aus; entweder wurden sie getötet oder verschwanden im Gefängnis. In den Bergen östlich der Hauptstadt konnten sich die Kommandanten jedoch halten. Seit 2010 führt die Zentralmacht in den tadschikischen Bergen einen verlustreichen Kampf gegen die widerspenstigen Kommandanten.

Am 21. Juli 2012 wurde dann in der Pamirprovinz der Chef der Staatssicherheit erstochen. Die Zentralregierung sah eine Gelegenheit mit den widerspenstigen Autoritäten aufzuräumen und schlug zu. Und weckte die Geister des Bürgerkrieges.

Ein Widerhall mit einem für die Zentralmacht gefährlichen Klang. Oppositionsgruppen sprechen von einem Wiederaufflammen des ethnischen Konfliktes. Die tadschikische Zentralreagierung reagiert dünnhäutig auf Meldungen in der russischen Presse, dass die Provinz Berg-Badachschan sich von Tadschikistan trennen und unabhängig werden könnte. Vor allem hat der Angriff dazu geführt, dass sich viele Pamiris wieder mit den Helden aus dem Bürgerkrieg solidarisieren. Zurzeit ist es vor allem dem Aga Kahn zu verdanken, dass die Lage nicht eskaliert, denn er hat einen direkten Draht zum tadschikischen Präsidenten und auch für die Pamirautoritäten ist seine Bitte nach Ruhe Gesetz.

Russland lehnt sich bei dem Konflikt am Pamir auffallend zurück. Der tadschikische Außenminister hatte vor der Eskalation den Russen beschieden, dass die Verlängerung einer russischen Militärbasis in Tadschikistan noch nicht ausgemacht sei. Das Gefecht in Charog zeigt nun der Welt, dass die dortige Regierung Schwierigkeiten hat, die Hochgebirgsgrenze zu Afghanistan zu kontrollieren.

Marcus Bensmann

© Qantara.de 2012

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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