Rassismus im Alltag - «Der Raum des Sagbaren wächst»

13.08.2018

Ein Laufrad liegt im Bus mitten im Gang. Böse Blicke einer älteren Frau treffen eine junge Mutter mit zwei Kleinkindern. Die entschuldigt sich wortreich - mit deutlich osteuropäischem Akzent. «Typisch», sagt die Seniorin zu ihrer Sitznachbarin: «Die klauen ja auch alle.» Die Szene spielt sich im gutbürgerlichen Berlin-Zehlendorf ab.

Einer von vielen Fällen von Alltagsrassismus, die sich Tag für Tag ereignen. Einige von ihnen werden derzeit sichtbar durch die #MeTwo-Bewegung im Netz. Ist es nur ein Gefühl, oder werden Szenen wie diese häufiger, werden die Protagonisten selbstbewusster, die Pöbeleien lauter und salonfähiger? «Der Diskurs über ethnische, religiöse und kulturelle Vielfalt wird erheblich rauer», sagt Politikwissenschaftler Claus Leggewie von der Uni Gießen. «Extreme Positionen, die in den Rassismus hineinragen und die immer vorhanden, aber lange tabu waren, sind durch die Pegida-AfD-Allianz und durch das unentschiedene Regierungshandeln gesellschaftsfähig geworden.»

Viele Liberale knicken aus Leggewies Sicht ein und springen über das Stöckchen, das ihnen von Rechtsaußen hingehalten wird. «Zum Glück meldet sich in #MeTwo auch die Seite der von Rassismus Betroffenen. Das sollte diejenigen stärken, die sich schon immer für eine multikulturelle Demokratie eingesetzt haben.» Der Autor und Aktivist Ali Can hatte die Twitter-Aktion «MeTwo» gegen Alltagsrassismus ins Leben gerufen. Anlass ist die Rassismusdebatte, die Fußballstar Mesut Özil mit seinem Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft ausgelöst hat. Er hatte seinen Schritt auch mit Rassismuserfahrungen begründet.

Es sind Alltagssituationen, eine Art Grundrauschen in der deutschen Gesellschaft. Auch ohne Hashtag fallen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund auf Anhieb Beispiele ein: Der Busfahrer, der sich die Tickets beim Einsteigen nie genau anschaut - und dann plötzlich einen arabisch aussehenden Mann zurückpfeift und die Fahrkarte noch einmal ganz gewissenhaft studiert. Der Postbote, der sich über seine geringe Bezahlung beschwert und im selben Atemzug sagt: «Klar, geht ja auch alles an die Flüchtlinge.» Die Frau hinterm Postschalter, die sich über chinesische Studenten beschwert, die ihre Adresse nicht aussprechen könnten. «Die wollen ja auch gar nicht.»

All die alltagsrassistischen Äußerungen seien zwar nichts Neues, sagt Erziehungswissenschaftlerin Astrid Messerschmidt von der Bergischen Universität Wuppertal. «Aber sie finden einen neuen Ausdruck, und zwar deshalb, weil die Nachkommen der Einwanderer selbstbewusster geworden und einige gesellschaftlich aufgestiegen sind. Dagegen äußert sich Abwehr seitens derer, die um den Verlust ihrer Privilegien fürchten.»

Etwa 30 Prozent der Bevölkerung sind der Wissenschaftlerin zufolge von dieser Art ausgrenzender Sprache ansprechbar - und sie fühlten sich in dem aktuellen gesellschaftlichen Klima ermutigt, sich entsprechend zu äußern. Diese Menschen seien zwar früher auch schon da gewesen - derzeit seien sie aber lauter als in der Vergangenheit.

«Der Raum des Sagbaren ist größer geworden», sagt Messerschmidt. «Das Gefühl, jetzt etwas sagen zu können, das vor 20 Jahren so noch nicht sagbar gewesen wäre, ist stärker geworden.»

Ein Sommerabend in Berlin, ein Konzert in der Spandauer Zitadelle. Sicherheitsleute durchsuchen alle Besucher nach Waffen. Zwei Frauen fangen lautstark an zu zetern. «Sollen die doch lieber die Kanaken durchsuchen und nicht uns Deutsche», sagt die eine zur anderen. Kurzdarauf singt Nena von Liebe und Frieden. Es dürfe nicht vergessen werden, dass es auch Gegenstimmen gebe und viele sich längst auf die Tatsache der Migrationsgesellschaft eingelassen hätten, sagt Messerschmidt. «Diese Stimmen sind nicht so laut, weil sie keine einfachen Parolen haben - und auch nicht haben können.

Es ist eben komplizierter, weil man argumentieren muss.» In Deutschland sei viel zu spät das Bewusstsein entstanden, dass man in einem Einwanderungsland lebe. «Das Leugnen dieser Tatsache hat viele Probleme verursacht, die wir heute haben. Das halte ich für eine Hauptursache von Alltagsrassismus.» (dpa)

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