Ramadan in der Flüchtlingsunterkunft - «Eine Frage des Respekts»

31.05.2018

Nach dem massiven Polizeieinsatz in der Flüchtlingsunterkunft in Ellwangen geht dort längst alles wieder seinen normalen Gang. Dazu gehört im Ramadan auch das Fastenbrechen nach Sonnenuntergang. Von Thomas Burmeister

Eigentlich fehlt nur noch der Muezzin. Doch auch ohne seinen Ruf wissen die Muslime unter den Flüchtlingen in Ellwangen, dass es Zeit ist für das Gebet zum Sonnenuntergang. Für das Gebet und dann, endlich, auch für das Abendessen.

Es gibt Datteln und Fladenbrot, Salat, Farfalle mit Tomatensoße (mild) oder Fischgulasch (scharf) mit Reis. Vor dem Speisesaal werden blaue Armbändchen überprüft und Ausweise gescannt. Zugang zum «Iftar», dem abendlichen Fastenbrechen, bekommt nur, wer sich angemeldet hat.

«Das ist unser vierter Ramadan, wir sind inzwischen gut organisiert», sagt Berthold Weiß (55), der Leiter der Landeserstaufnahmeeinrichtung (LEA). Früher sei es vorgekommen, dass sich Nicht-Muslime unter die Gläubigen mischten, um sich ein spätes, für sie zweites Abendessen zu besorgen. «Wir bemühen uns, Spannungen zu vermeiden.»

Das gilt erst recht, seitdem die LEA in der baden-württembergischen Stadt vor einem Monat in die Schlagzeilen geriet. Als Polizisten am 30. April einen Mann aus Westafrika zur Rückführung nach Italien abholen wollten, sahen sie sich von rund 150 Flüchtlingen so sehr bedroht, dass sie wieder abzogen. Drei Tage später demonstrierte die Staatsmacht mit einem Einsatz hunderter Polizisten in der LEA Stärke. Mehrere mutmaßliche Rädelsführer wurden festgenommen, der gesuchte Afrikaner ist inzwischen nach Italien abgeschoben worden.

Heute erinnert so gut wie nichts mehr an das dramatische Geschehen, das heftige Debatten über «rechtsfreie Räume» in Deutschland ausgelöst hatte. Bei einem Besuch zur «Halbzeit» des muslimischen Fastenmonats, der noch bis zum Abend des 14. Juni begangen wird, bietet die Einrichtung ein Bild der Ruhe und Friedfertigkeit – genau wie es im heiligen Monat der Muslime sein soll.

Die weitaus meisten Flüchtlinge, die in den vergangenen Jahren nach Deutschland kamen, sind Muslime. Von den 722.370 Menschen, die 2016 in der Bundesrepublik Asylerstanträge stellten, bekannten sich laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) fast 76 Prozent zum Islam. 2017 waren es - von 198.317 Antragstellern - noch 65,9 Prozent (2015: 441.899 Asylerstanträge, 73 Prozent Muslime.)

Die Einhaltung der Ramadan-Regeln wird Muslimen längst in zahlreichen Flüchtlingsunterkünften in Deutschland ermöglicht. In Ellwangen haben sich 160 der derzeit 490 Bewohner in die Ramadan-Liste eingetragen. Syrer und Türken, auch einige wenige Chinesen und Inder. Die meisten Flüchtlinge in Ellwangen stammen aus Westafrika, aus Nigeria, Guinea, Gambia, Kamerun oder Togo. Ihre Chancen auf Asyl gelten als äußerst gering. Zudem bleiben in sie der LEA nur maximal sechs Monate, ehe sie eine weitere vorläufige Unterkunft erhalten.

«Ja, es stimmt, eigentlich sind wir immer noch Reisende und da würde Allah uns wohl verzeihen, wenn wir den Ramadan verschieben», sagt Abdulrasak Fousseni (31) aus Togo. Er sei mit seiner Frau Jamila Kiargo (25) von Libyen aus in einem Boot nach Italien gekommen. Dort wurde vor sechs Monaten ihr Sohn geboren. Kurz darauf machte sich die Familie auf den Weg nach Deutschland. «Unser Sohn soll es mal besser haben, in Italien ging es uns schlecht», sagt Fousseni. «Den Ramadan hätten wir dort kaum begehen können», sagt seine Frau. «Da hieß es «Iss oder stirb», selbst wenn sie uns Schweinefleisch gaben.»

In Ellwangen wird LEA-Leiter Weiß bisweilen gefragt, ob das nicht alles ein bisschen zu viel des Guten sei. Flüchtlinge, noch dazu aus bettelarmen Ländern, sollten doch zufrieden sein, dass sie überhaupt beköstigt werden, bekommt er manchmal zu hören. «Das ist eine Frage des Respekts», erwidert Weiß dann. «Wir verlangen zu Recht, dass sie unsere Regeln und unsere Lebensweise respektieren. Da sollten wir auch ihnen und ihrem Glauben mit Respekt begegnen.» (dpa)

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