Pilgern unter Wolkenkratzern - Bauboom stellt Hadsch in den Schatten

30.08.2017

Das Mekka, wie Sami Angawi es kannte, existiert nicht mehr. Das Haus seiner Familie fiel dem Bauboom zum Opfer. Für viele Gläubige lenken Hochhäuser und Konsum vom eigentlichen Sinn der Pilgerfahrt ab. Von Benno Schwinghammer

Wenn an diesem Mittwoch wieder Millionen gläubiger Muslime zum Hadsch nach Mekka pilgern, werden die alljährlichen Bilder um die Welt gehen: schier endlose Menschenmengen, Zeltstädte bis zum Horizont und sich auftürmende Wolkenkratzer vor einem winzig erscheinenden Würfel.

Es ist die heilige Kaaba im Hof der großen Moschee - das Zentrum der großen Wallfahrt, etwas mehr als zehn Meter hoch. Hinter ihr ragt ein Luxushotel mit 601 Metern in den Himmel: der Uhrenturm des Komplexes ist eines der höchsten Gebäude der Welt. Der Bauboom hat Mekka verändert. Aus Sicht vieler Gläubiger lenkt er vom eigentlichen Sinn der Pilgerfahrt ab.

Denn die religiöse Einkehr und spirituelle Wiedergeburt haben es angesichts des Mekka-Massenspektakels in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend schwer. In der Erinnerung Sami Angawis jedenfalls ist der Mittelpunkt des Islam noch immer jener legendär nostalgische Ort, der heute nur noch auf alten Fotos existiert. Nun, sagt der einflussreiche Architekt, dominierten die großen Türme das Bild der Stätte. Umkehrbar sei die Entwicklung nicht mehr. «Man kann verschüttete Milch nicht mehr einsammeln», sagt er resigniert.

Angawi, der ein Hadsch-Forschungszentrum gegründet hat, sitzt in seinem Haus in Dschidda, der großen saudi-arabischen Metropole am Roten Meer, und erklärt zehn Studentinnen seine Philosophie anhand der Architektur seiner Wohnung: Es ist grün und offen, durch das Haus scheint ein geradezu kosmopolitischer Wind zu wehen.

Angawi wohnte einst dauerhaft nur ein paar Dutzend Kilometer entfernt, in Mekka. Doch das ist vorbei. Auch, weil der heiligen Stätte die Balance abhanden gekommen ist, sagt er. Balance, das ist Angawis Hauptmotiv bei seiner heutigen Lehrstunde. Sie müsse gewahrt bleiben, um etwas Gutes zu erzeugen. Auch bei der Pilgerfahrt. «Es ist wie mit dem Blut, das zum Herzen kommt: Ist es zu viel, wird der Druck zu hoch.»

Und der Druck in Mekka bringt selbst die moderne Infrastruktur angesichts von bis zu drei Millionen Pilgern an ihre Grenzen. Immer wieder gab es Massenpaniken an den Nadelöhren der mehrtägigen Pilgerreise. Zuletzt wurden 2015 um die 2.000 Menschen nahe einer Fußgängerbrücke totgetrampelt.

Mekka, so überfüllt wie es in den nächsten Tagen sein wird, ist auch ein Produkt der Globalisierung. Während vor 100 Jahren noch Karawanen aus der gesamten arabischen Welt wochenlang gen Mekka zogen, ist das Zentrum des Islam heute nur eine kurze Flugreise entfernt. Die Pilgerzahlen explodierten - und die heilige Stätte wuchs und wuchs und wuchs.

Der saudische Künstler Ahmed Mater hat die Veränderung Mekkas mit der Kamera dokumentiert. Seine Aufnahmen zeigen den riesigen Uhrenturm und die gläsernen Gänge, die die Wolkenkratzer verbinden. Wer genau hinschaut, entdeckt zwischen ihnen die Kaaba. Im Inneren hielt er vollgestopfte Einkaufszentren fest. Dort kaufen sich Gläubige in traditionellen Gewändern bei Starbucks Kaffee.

«Viele finden, dass das einzige Symbol die Kaaba sein sollte. Sie empfinden die Türme als Ablenkung», sagte Mater einst. «Wenn Du in Mekka bist, siehst Du all die iPhones auslösen, wenn der Uhrenturm zu sehen ist. Es wird zu einer kapitalistischen Großstadt.»

Auch die Große Moschee wurde immer wieder erweitert und fasst heute auf mehreren Hunderttausend Quadratmetern fast eine Million Gläubige. Luftbilder lassen sie wie ein Raumschiff wirken. Ein früheres Haus der Familie von Architekt Angawi fiel der Erweiterung zum Opfer. Für den Mann, der sein graues Haar zu einem Zopf zusammengebunden hat, ist das unverständlich: «Wir müssen nicht mehr und mehr Moscheen bauen. Wir können nebeneinander überall in Mekka beten.»

Auch dem 2005 gestorbenen König Fahd riet er einst, dass lieber in die Breite anstatt in die Höhe gebaut werden solle. Doch vergeblich. Früher, erinnert sich Angawi, sei das Haus seines Vaters, der Pilgerführer war, zur Hadsch voll gewesen. Da wachte er schon mal direkt neben einem Mann auf, den er vorher noch nie gesehen hatte.

Es wurde geredet und gebetet, manchmal sogar gestritten und geprügelt - um sich danach in den Armen zu liegen. «Das war die Pilgerreise - eine Zusammenkunft», sagt der Architekt. Sie stehe heute unter einem anderen Stern.

Ob er dieses Jahr am Hadsch teilnimmt, wisse er noch nicht. Er wolle anderen Gläubigen Platz machen, weil er schon so oft dort war. Als Angawi das letzte Mal die Kaaba umrundete, habe er den oberen Teil seiner Brille mit Band abgeklebt. Es habe den angenehmen Effekt gehabt, die Hochhäuser nicht mehr sehen zu müssen. (dpa)

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