Omar ''Bombino'' Moctar und seine Band; Foto: Ron Wyman/bambinoafrica.com
Omar ''Bombino'' Moctar

Maschinengewehre zu Gitarren

Nach Jahren der Kämpfe haben sich viele Tuareg-Rebellen inzwischen darauf verlegt, Musik zu machen, um die Kultur ihres Volkes am Leben zu erhalten. Einer der bemerkenswertesten dieser ehemaligen Rebellen ist der Musiker Omar "Bombino" Moctar. Von Richard Marcus

Viel Geschichte ist mit diesem Album verbunden; nicht nur die Geschichte einer Person, die es aufgenommen hat, sondern auch die etwa 1.400-jährige Geschichte eines Volkes und einer ganzen Region. Auch darüber sollte berichtet werden, wenn man über Bombinos Musik schreibt. Sonst würde es bedeuten, mindestens die Hälfte von dem, was sie ausmacht, unter den Tisch fallen zu lassen.

Auch wenn Musikrezensionen nicht gelesen werden, um eine Lektion in Sozialkunde oder in Politik zu erteilen, sind doch alle Informationen über diesen Mann – seine Musik, sein Volk und sein Land – so wichtig, dass man sie nicht einfach ignorieren darf. Und in gewisser Weise geht es in seiner Musik vor allem genau darum.

Die Rede ist von Omar "Bombino" Moctar. Sein Land gehört wohl zu den schroffsten Landschaften weltweit. Sein Land ist die Sahara, insbesondere die Teile der Wüste, die innerhalb der Grenzen von Algerien, Mali, Burkina Faso und Niger liegen. Sein Volk sind die "Kel Tagelmust", gemeinhin als Tuareg bekannt. Als Nomaden und Hirten geleiteten sie Karawanen von Algerien nach Niger. Und seit Jahrhunderten züchteten sie in der Sahara ihre Herden.

Musikalische Rebellion

Bombino während eins Konzerts vor der Großen Moschee in Agadez; Foto: bombinoafrica.com
Rebellische Klänge gegen den Krieg: Omar Moctar und seine Band spielen auf einem Konzert im Jahr 2010 vor der Großen Moschee in Agadez vor tausenden Zuschauern, die das Ende der Kämpfe im Niger feiern.

​​Hartnäckig verweigerten sie sich jedem Einfluss von außen und kämpften für ihre Unabhängigkeit – gegen alles und jeden, der versuchte, sie unter Kontrolle zu bringen. Die Wurzeln der Musik lassen sich bis weit zurück in die Geschichte des Volkes verfolgen, zu den E-Gitarren moderner Rock-Ikonen wie Jimi Hendrix und Jimmy Page, aber auch zu den bewaffneten Aufständen der "Kel Tamelgust" gegen die Regierungen von Niger und Mali in den 1980er Jahren. Veteranen dieser Rebellionen schließlich waren es, die zuerst ihre Maschinengewehre niederlegten und zu Gitarren griffen und damit das Wesen ihrer Rebellion veränderten.

Omar "Bombino" Moctar wurde 1980 in einem Lager in der Wüste nahe der Stadt Agadez in Niger als Goumar Almoctar geboren. Als die nigrische Regierung als Vergeltung für die Rebellion der 1980er Jahre begann, gegen die "Kel Tamelgust" vorzugehen, floh Bombinos Familie nach Algerien. In der 1990ern, als es so schien, als gäbe es eine Chance auf Einigung mit der Regierung, kehrte die Familie nach Agadez zurück.

Schon im Exil hatte Moctar gelernt, Gitarre zu spielen, nach der Rückkehr nach Agadez nahm ihn ein erfahrener Musiker unter seine Fittiche. Als jüngstes und kleinstes Bandmitglied wurde er von den anderen in der Band "Bombino" genannt – eine Anspielung auf das italienische Wort bambino für Baby.

So lange der Frieden hielt, also von den 1990er Jahren bis ins neue Jahrhundert, entwickelte sich Bombinos musikalische Karriere stetig. 2007 aber kam es erneut zu einem Aufstand und die nigrische Regierung griff die "Gitarrenspieler" an, weil sie in ihnen Staatsfeinde sah. Als zwei der Musiker, mit denen er spielte, von der Armee getötet wurden, ging Bombino zurück ins Exil, diesmal aber in den Westen, nach Burkina Faso.

Die zweite Heimkehr

Hier war es, nach einem Jahr der Suche, wo er von einem Dokumentarfilmer namens Ron Wyman aufgespürt wurde, der, während er einen Film über die "Kel Tamelgust" machte ("Agadez – Die Musik und der Aufstand"), Bombinos Musik auf Kassette gehört hatte. Wyman war so beeindruckt von Bombinos Musik, dass er ihn mit nach Amerika nahm, wo er mit ihm das Album "Agadez" aufnahm, das vor einigen Monaten auf dem Label Cumbancha erschien.

Als 2010 die Armee die Regierung stürzte und selbst die Macht übernahm, wurde ein Friedensvertrag mit den "Kel Tamelgust"-Rebellen geschlossen und die Emigranten konnten wieder in ihre Heimat zurückkehren. Wyman und Bombino kamen also wieder nach Agadez, wo sie die CD und den Film zur gleichen Zeit fertig stellten.

Wie bereits die erste Generation von Musikern, die das spielen, was sie "Ishoumar" nennen – eine Ableitung vom französchen Wort chomeurs (Arbeitslose) und inzwischen zum Synonym für "Rebellenmusik" geworden – ist auch Bombinos Sound eine Mischung aus modernen und traditionellen Elementen. Elektrische Gitarren gesellen sich zu einem gleichmäßigen Beat und schaffen einen fast hypnotischen Effekt, der den Zuhörer in einen Sound-Kokon hüllt.

Transzendenz des Materiellen

Dann und wann macht sich Bombinos Gitarre auf und davon in ein Solo, das er in und um den Rhythmus webt – wie ein Ausdruck der Freiheitssehnsucht seines Volkes.

CD-Cover Agadez von Omar Bombino Moctar
Festhalten an eigenen Identitäten und Traditionen: Omar "Bombino" Moctar auf seinem Album "Agadez"

​​Im Gegensatz zu so vielen Gitarrensolos im Rock'n'Roll, die oft wie Unterbrechungen des Songs wirken, scheinen Bombinos Solos eher wie emotionale Erweiterungen der Musik, transzendieren das rein Materielle. So sind sie nicht nur in der Lage, seine Aufgeregtheit und seinen Enthusiasmus einzufangen, den er für das Versprechen auf eine bessere Zukunft für sein Volk hegt, sondern können auch eine Sehnsucht ausdrücken, die einem fast schon das Herz zerreißen kann.

In Interviews, die im Pressematerial der CD zitiert werden, spricht Bombino über sein Verhältnis zur Wüste und wie intensiv sie seiner Inspiration dient und wie sehr er sich, genauso wie sein ganzes Volk, in ihr zuhause fühlt.

Von den drei traditionellen Songs auf der CD hat er zwei adaptiert: "Ahoulaguine Akaline" (Ich grüße mein Land) und "Tenere" (Die Wüste, meine Heimat). Die Titel sagen einem bereits alles darüber, wie tief die Verbindung zwischen seinem Volk und der Sahara ist.

Behauptung der kulturellen Unabhängigkeit

Während des Aufstandes verbot die nigrische Regierung zunächst die Musik der "Gitarrenspieler", um sie sodann direkt anzugreifen, weil ihre Songs angeblich die Botschaft der Rebellion verbreiteten.

Aber die Lieder sind kein Aufruf zur Waffengewalt, sondern erinnern das Volk eher daran, stolz auf ihre eigene Identität zu sein und an ihren Traditionen festzuhalten. So viele der "Kel Tamelgust" waren wegen der Dürre und dem Verlust ihrer Weidegebiete zugunsten des Uranabbaus gezwungen, in die Städte abzuwandern, dass diese Botschaften noch wichtiger wurden: Sie halfen ihnen, sich ihrer Identität zu vergewissern und flößten ihnen wohl auch Ehrgefühl und Selbstrespekt ein.

Von Bombinos eigenem Material sind es zwei Songs, "Tigrawahi Tikma" (Bring' uns zusammen) und "Azamane" (Meine Brüder, gemeinsam), die genau zu diesem Zweck geschrieben wurden, nämlich das eigene Volk dazu zu ermutigen, sich gegen alles zu erheben, was ihnen ihre Freiheit nimmt oder sie zwingt, ihr gewohntes Leben zu ändern.

Die "Kel Tamelgust" haben bis heute überlebt, weil es ihnen gelang, in einem lebenswidrigen Umfeld zu überleben und weil sie gelernt haben, sich den wechselnden Realitäten dort anzupassen. Auch wenn sie über Jahrhunderte hinweg verbissen darum kämpfen, ihre Unabhängigkeit zu bewahren, wissen sie, dass es immer mehrere Wege gibt, ihr Ziel zu erreichen. Die Musik Omar "Bombino" Moctars und die Botschaft seiner Songs an sein Volk gehören dazu. Sie sind zweifelsohne die stärksten Waffen, die die "Kel Tamelgust" gegenwärtig in ihrem Arsenal haben.

Richard Marcus

© Qantara.de 2011

Übersetzt aus dem Englischen von Daniel Kiecol

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Leserkommentare zum Artikel: Maschinengewehre zu Gitarren

... und Schwerter zu Pflugscharen!
Gibt es etwas Schöneres? Die Tuareg haben diese Hürde geschafft und ich freue mich mit ihnen darüber.
Nur wenn Menschen wagen neue Wege zu gehen, kann der Menchheitstraum vom Frieden auf der Erde Wirklichkeit werden.

Gott mit ihnen, denn - die Erde ist nur ein Land und wir sind alle Brüder und Schwestern.
http://www.hopeland.at

hopeland hei04.11.2011 | 17:21 Uhr