Protestkundgebung auf dem Tahrir-Platz in Kairo; Foto: dpa
Musik der arabischen Revolutionen

Pop, Pathos, Poesie

Welche Musik prägte die Revolutionen in Tunesien und Ägypten Anfang 2011? Wie haben Musikschaffende in den Ländern auf die politischen Umstürze reagiert? Ein neues Album des Weltmusiklabels "World Network" präsentiert Musik des "Arabischen Frühlings". Von Martina Sabra

War da was? Wo ist sie hin, die Welle der Hoffnung, die Anfang 2011 über Nordafrika und den Nahen Osten schwappte? Angesichts der Gräuel in Libyen und Syrien und der instabilen politischen Lage in Tunesien und Ägypten sehen nach dem "Arabischen Frühling" viele einen langen, ungemütlichen Winter kommen.

Doch trotz aller Rückschläge und aller berechtigter Zweifel, eins ist gewiss: die arabische Welt hat politisch ein neues Kapitel aufgeschlagen. Wie sich dieser Aufbruch musikalisch niederschlägt, das will ein neues Album des Weltmusiklabels "World Network" dokumentieren. Es trägt den Titel "From the Kasbah/Tunis to Tahrir Square/Cairo and back" und ist in Frankfurt unter Federführung von Christian Scholze erschienen.

"Unsere Waffe sind unsere Träume"

Unter dem Motto "Unsere Waffe sind unsere Träume" sind insgesamt 14 Musikstücke zu hören, die in mehr oder weniger engem Zusammenhang mit den Umbrüchen in Tunesien und Ägypten Anfang 2011 stehen. Die jungen arabischen Revolutionäre beeindruckten die internationale Öffentlichkeit in jenen elektrisierenden Tagen und Wochen nicht nur mit neuen Aktionsformen und Mobilisierungsstrategien, sondern auch mit ihrer reichen, vielfältigen Musikkultur.

Ob in der Kasbah in Tunis oder auf dem Tahrir-Platz in Kairo: Überall waren politisch engagierte, oftmals auch satirische Rap- und Popsongs zu hören. Im Internet wurde mit Rap-Clips und Freiheits-Hymnen mobilisiert, auf der Straße sorgten spontan zusammengewürfelte Bands für zünftige revolutionäre Stimmung.

Nicht zuletzt durch das gemeinsame Singen von Protestsongs und das Rezitieren kritischer Poesie machten sich die Demonstrierenden auf dem Tahrirplatz und im Stadtzentrum von Tunis in gefährlichen Situationen gegenseitig Mut.

CD-Cover From the Kasbah/Tunis to Tahrir Square/Cairo and back, von World Network
Musikalisches Potpourri der arabischen Revolte: "From the Kasbah/Tunis to Tahrir Square/Cairo and back"

​​Mit einer Ausnahme sind alle Tracks des Samplers Erstveröffentlichungen. Die Bandbreite der Genres reicht vom Elektro-Rap über traditionellen arabischen Gesang und konventionellen Pop bis zur anspruchsvollen akustischen Fusion und Stimm-Klang-Experimenten.

Quer zu den Genres lassen sich zwei Kategorien von Tracks unterscheiden: Zum einen solche, die schon Monate vor dem Beginn der Revolutionen erschienen, und die von den politischen Bewegungen quasi "adoptiert" wurden – dazu zählen der tunesische Revolutions-Rap "Präsident des Landes, ich muss Ihnen etwas sagen" von El General (Hamada Ben Amor) und das Rockstück "Ezzay – Wie kann es sein?" des ägyptischen Superstars Mohamed Mounir.

Zweitens enthält das Album Tracks, die unter dem direkten Einfluss der revolutionären Ereignisse entstanden. Zu den Highlights zählt hier der eingängige Popsong "Sawt El Horreya – Stimme der Freiheit", komponiert und gespielt von den beiden ägyptischen Musikern Hany Adel und Amir Eid.

Zwischen revolutionärem Pathos und Poesie

Nicht alle Songs wirken so jung und leicht. Unter der Wucht der revolutionären Ereignisse fallen manche Songtexte sehr pathetisch aus. "Die Hoffnungen der Menschen wurden zu einem Dorn im Rachen des Tyrannen" schmettert die tunesische Sängerin Zohra Lajnef, deren youtube-clips während der Revolution tausendfach angeklickt wurden und die mit ihrer ausdrucksvollen, gut ausgebildeten Stimme im Übrigen musikalisch voll überzeugt.

Andere Musiker quellen über vor poetischer Begeisterung, wie der Tunesier Skander Guetari, der einen Text von Khaled Oueghlani interpretiert: "Sprich, mein Tunesien! Deine Kinder sind deine Augen, der Mond und die Sterne deiner Nächte, die Blume deiner Zivilisation (…)."

Neben solchen emotional aufgeladenen, aber musikalisch eher schlichten Songs bietet das Album einige anspruchsvolle Instrumentaltracks: Die hochvirtuosen Improvisationen der ägyptischen Brüder Joseph und James Tawadros (Laute/Perkussion) und die eigens zur Revolution komponierten Stücke des tunesischen Duos Amine und Hamza (Laute/arabische Zither) sind gleichermaßen hörenswert.

Sheikh Imam; Foto: wikipedia
Idol der arabischen Musikprotestkultur: Sheikh Imams Lieder blieben auch über seinen Tod im Jahr 1995 hinaus in Ägypten verboten.

​​Der Bezug zu den Revolutionen ist hier allerdings nicht so direkt wahrnehmbar wie bei der tunesischen Künstlerin Alia Sellami. Mit eindrucksvollem A-Cappella Gesang und dem mal sphärischen, mal alarmierenden Klang leerer Glasflaschen bringt sie in ihrem Stück "Révélation" (Offenbarung) die Intensität und die Zerbrechlichkeit der revolutionären Emotionen zum Ausdruck: Freude und Trauer, Angst und Zorn, Verweiflung und Hoffnung. "Das Feuer lodert und deine Sterne verschwinden vom Firmament. Sie wollten uns in Schweigen hüllen und begraben. Aber wir erwachten, wir standen auf und beschlossen, freie Menschen zu sein."

Komplettiert wird die CD durch ein umfangreiches dreisprachiges Booklet mit Textausschnitten sowie biografischen Daten über die Künstlerinnen und Künstler. Dazu gibt es Basisinformationen zum Ablauf der politischen Umstürze und zur Entstehung des Albums.

Einflüsse Sheikh Imams und Fuad Nigms

Prinzipiell ist das vorliegende Album eine sehr gute Initiative. Doch man fragt sich, ob die Macher der CD sich nicht mehr Zeit für die Konzeption hätten nehmen sollen. O-Ton-Collagen mit Originalaufnahmen von Demonstrationen in Tunis und Kairo hätten das Album authentischer und weniger steril wirken lassen.

Und auch etwas mehr musikgeschichtlicher Kontext hätte dem Album gutgetan. Viele Songs, die während der Revolution auf dem Tahrir-Platz gesungen wurden, stammten von dem verstorbenen Volkssänger Sheikh Imam bzw. dem noch lebenden Dichter Ahmed Fuad Nigm.

Sheikh Imam hatte fast sein ganzes Leben lang Auftrittsverbot in Ägypten und seine Lieder blieben auch über seinen Tod im Jahr 1995 hinaus verboten. Trotzdem haben viele Lieder des Duos Imam/Nigm die Jahrzehnte überdauert. Sie wurden von Generation zu Generation weitergegeben, nicht nur in Ägypten, sondern in der ganzen arabischen Welt. Nach der Revolution wurden sie zum ersten Mal öffentlich gesungen.

Wenn man einen realistischen Eindruck vom Soundtrack der Revolutionen in Ägypten und Tunesien vermitteln will, dann dürfen die Songs des Duos Imam/Nigm nicht fehlen.

Martina Sabra

© Qantara.de 2011

CD-Info: Soundtracks of the Revolutions in Tunisia and Egypt: "Our dreams are our weapons"; World Network 495135; umfangreiches Booklet in Deutsch/Englisch/Französisch

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Leserkommentare zum Artikel: Pop, Pathos, Poesie

Vielen Dank Martina Sabra für die schöne Besprechung bzw. Vorstelung dieser CD, die zum schöpferischen Aspekt des "Arabischen Frühlings" gehört. Nicht nur die Revolutionen in Tunesien und Ägypten hatten eine starke musikalische Dimension, sondern auch die Revolutionen in Syrien, dem Jemen und Libyen auch. Revolutionen bringen überall eine revolutionäre Kunst oder eine "Ästhetik der Revolution" hervor und machen eine Revolution schön. Neben den revolutionären Losungen sind die revolutionären Lieder eine sehr wichtige "Waffe" im Kampf der arabischen Völker für Freiheit, Demokratie, soziale Gegerechtigkeit und Menschenwürde. Die kulturellen Aspekte des "Arabischen Frühlings", und nicht nur die politischen, verdienen eine grössere Aufmerksamkeit seitens der Medien und der Forschung. Ihre Rezension ist ein gelungener Beitrag zur Vorstellung und Würdigung dieser Aspekte. Ich hoffe, dass weitere Beiträge folgen.

(*) Universität Damaskus , Fakultät für Literaturen und Humanwissenschaften

Prof. Dr. Abd...25.10.2011 | 21:56 Uhr