Verschleierte Frau läuft vor einem Gaddafi-Plakat; Foto: dpa
Libysche Autoren im Exil

Aktive Hilfe für die Aufständischen

Aufgrund der Unterdrückung des kulturellen Lebens unter Gaddafis Diktatur leben libysche Schriftsteller schon seit Jahrzehnten vor allem im Exil. Mit dem Aufstand aber hat sich auch für sie alles geändert. Von Susannah Tarbush

Dies ist ein Jahr der Entscheidung für Libyen. Und dies gilt nicht nur für die Politik und Geschichte des Landes, sondern auch für seine Literatur. Libysche Dichter und Erzähler, vor allem die im Exil lebenden, gehören heute zu den sprachmächtigsten und glaubwürdigsten Unterstützern des Aufstandes, die in den letzten sechs Monaten international zu vernehmen waren.

Sie meldeten sich in einer Vielzahl unterschiedlicher Foren zu Wort – in Zeitungsartikeln ebenso wie in Fernsehinterviews, in den sozialen Netzwerken ebenso wie auf Konferenzen und bei Literaturfestivals.

Aber auch auf ihre Werke richtete sich neues Augenmerk. Der preisgekrönte, in London lebende libysche Romancier Hisham Matar sagte bei der Londoner Buchmesse im April: "Wenn man etwas über ein Land erfahren will, sollte man seine Gedichte und Romane lesen. Aus der Literatur erfährt man nicht nur die aktuellen Neuigkeiten; sie bietet einem auch den esprit de lieu, den Geist des Ortes, und sie verrät, womit sich ein Land gerade beschäftigt."

Und tatsächlich, viele Menschen lasen Matars beiden Romane "Im Land der Männer" und "Geschichte eines Verschwindens", um ihr Verständnis von Libyen zu vertiefen.

Aufstand inspiriert literarische Produktion

Einige libysche Autoren wurden durch den Aufstand inspiriert, neue Gedichte und Erzählungen zu schreiben. Zu ihnen gehört der gefeierte Dichter und Übersetzer Khaled Mattawa, der 1964 in Bengasi geboren wurde und Kreatives Schreiben an der Universität von Michigan in Ann Arbor unterrichtet. In seinem Gedicht "Nun, da wir Hoffnung geschmeckt haben", drückt Mattawa den trotzigen Charakter des Aufstandes ebenso aus wie die Hoffnungen der Revolutionäre. Es beginnt mit den Worten:

Khaled Mattawa; Foto: www.webdelsol.com
"Was geschieht nur mit unserer Revolution? Sind wir einfach müde geworden oder ist die Revolution zu revolutionär für uns?", fragt Khaled Mattawa in einem Essay.

​​Nun, da wir die Hoffnung geschmeckt haben
Nun, da wir aus unserem Versteck gekommen
Warum sollten wir wieder zurück in die Grüfte,
Zu der wir unsere Seelen gemacht hatten

Mattawa hat auch eine Reihe kunstvoll formulierter Artikel für die internationale Presse verfasst.

Der Aufstand zog ein Wechselspiel zwischen Autoren innerhalb und außerhalb Libyens nach sich. In Regionen, die der Kontrolle des Regimes entrissen wurden, macht sich eine Vielzahl unterschiedlicher Stimmen hörbar. "Überall im befreiten Libyen gibt es einen regelrechten Boom der Zivilgesellschaft", sagt der libysche Chirurg, Autor von Kurzgeschichten und preisgekrönte Blogger Ghazi Gheblawi in einem Interview mit Qantara in seinem Wohnort London. "Eine neue Journalistenvereinigung hat sich gegründet und vor einigen Wochen wurde in Bengasi eine neue Schriftstellergewerkschaft ins Leben gerufen. Autoren im freien Libyen sind mit vielen neuen Projekten beschäftigt, und neue Literatur spielt dabei eine besonders große Rolle."

Autoren riskieren ihr Leben

Gheblawi zollt den in Libyen lebenden Autoren Anerkennung: "Die Rolle, die libysche Schriftsteller für die Revolution in ihrem Land spielen, ist gewaltig", sagt er. "Viele von ihnen haben sich schon vor der Revolution engagiert, viele widmeten sich der Aufgabe, der Welt die Wahrheit über die Situation im Land zu erzählen und viele von ihnen wurden verhaftet, gefoltert und schrecklichen Grausamkeiten ausgesetzt."

Ghazi Ghezlabi; Foto: privat
Der preisgekrönte Autor und Blogger Ghazli Gheblawi meint: "Die im Ausland lebenden libyschen Autoren tragen eine immense Verantwortung dafür, all ihre Fähigkeiten einzusetzen, um die Botschaft der libyschen Jugend, der wahren Helden der Revolution, zu überbringen."

​​"Zur gleichen Zeit", beteuert Gheblawi, "tragen die im Ausland lebenden libyschen Autoren eine immense Verantwortung dafür, all ihre Fähigkeiten einzusetzen, um die Botschaft der libyschen Jugend, der wahren Helden der Revolution, zu überbringen. Wir müssen die Sache unterstützen und wir tun unser Bestes, um dieser Aufgabe gerecht zu werden."

Gheblawi startete seinen Kulturblog Imtidad, auf denen er auch Podcasts anbietet, im Jahr 2006. Schon ein Jahr später gewann er einen Preis bei den BOBs (Best of Blogs), dem von der Deutschen Welle ausgelobten Medienpreis, in der Kategorie Bester arabischer Blog. Mit dem BOB sollen Blogs ausgezeichnet werden, die sich für Menschenrechte und Meinungsfreiheit einsetzen.

Imtidad verschaffte den Werken vieler libyscher Schriftststeller und Künstler ein neues Publikum, sowohl auf Arabisch als auch in englischer Übersetzung. In seinem Blog und seinen Twitter-Feeds erinnert Gheblawi seine Leser regelmäßig an die Bedrängnis der in Libyen während des Aufstandes verhafteten Autoren. Zu ihnen gehören die Dichter Rabee Shrair und Elhabib Elamin. Letzterer wurde am 18. Februar zusammen mit seinem Bruder Mohammed Bin Lamin, einem Künstler, verhaftet.

Während der 42 Jahre seiner Herrschaft unternahm Gaddafi alles, um alternative Perspektiven auf die Entwicklung des Landes zu ersticken und sein Bild überstrahlte alles. Er beseitigte die Institutionen der Zivilgesellschaft und griff rigoros gegen die Opposition durch. Eine große Zahl der Intellektuellen verschwand im Gefängnis oder ging ins Exil.

Zu den Schriftstellern, die ins Gefängnis verbannt wurden, gehört auch der 1952 in Tripolis geborene Erzähler und Dichter Giuma Bukleb, der seit 1988 in London lebt. Bewegend kann er vom Jahr 1977 erzählen, als er, genauso wie ein Dutzend anderer Autoren, vom Geheimdienst und den Revolutionskommittees aufgespürt wurde. Falsche Anschuldigungen, gegen das Regime konspiriert zu haben, führten zu einer lebenslangen Haftstrafe. Nur eine zehn Jahre später ausgesprochene Amnestie rettete ihn und seine Kollegen. Seitdem lebt Bukleb in London.

Ein Visionär und Realist

Das Leid der Familie Hisham Matars in den Händen Gaddafis spielt eine große Rolle für seine Romane. Matars Debütroman "Im Land der Männer", der im Tripolis des Jahres 1979 spielt, war ein großer Erfolg. Er stand auf der Shortlist für den Man Booker Prize, gewann einige andere Literaturpreise und wurde in 25 Sprachen übersetzt. Der Zufall wollte es, dass die Veröffentlichung von Matars freudig erwartetem zweiten Roman "Geschichte eines Verschwindens" in Großbritannien auf einen Tag nur eine Woche nach Beginn des Aufstandes in seinem Heimatland fiel.

Hisham Matar; Foto: Diana Matar
Schreiben als Widerstand: Für Hisham Matar sind sowohl die Folterer als auch die Gefoltern Opfer des Systems. Er ist gegen Rache und hofft auf einen Prozess der Versöhnung.

​​Matar wurde 1970 in New York geboren, wo sein Vater Jaballa Matar als Diplomat arbeitete. Nachdem sein Vater dem Regime abgeschworen hatte, verließ seine Familie im Jahr 1979 das Land und zog nach Kairo. 1990 "verschwand" sein Vater in Kairo durch ein geheimes Einverständisches der ägyptischen und libyschen Geheimdienste. Er wurde heimlich nach Libyen zurückgeschafft und ins Gefängnis geworfen; noch heute, 21 Jahre später, ist sein Schicksal ungewiss.

Das Verschwinden von Oppositionellen ist eine Spezialität des Gaddafi-Regimes. Ein "Verschwinden" steht auch im Zentrum von Matars zweitem Roman, in dem ein arabischer Dissident, der mit seinem Sohn im Kairoer Exil lebt, von Agenten des Geheimdienstes seines Landes in Genf gekidnapped wird. Der Roman erforscht den Einfluss des Verschwindens auf seinen Sohn und lotet die Geheimnisse von Vater-Sohn-Beziehungen aus.

"Geschichte eines Verschwindens" erhielt einige glänzende Rezensionen, die deutsche Übersetzung erschien erst kürzlich beim Luchterhand Verlag. Auch in den USA steht die Veröffentlichung unmittelbar bevor, dort beim Verlag The Dial Press.

Matar ist Visionär und Realist zugleich. Am 21. Januar, nach dem Sturz Ben Alis, schrieb er im Guardian: "Wir Libyer sind genauso hungrig nach einer gerechten und verantwortlichen Regierung wie unsere tunesischen Brüder und Schwestern." Gleichzeitig warnte er jedoch, dass das "Fehlen belastbarer Institutionen unsere Aufgabe schwieriger machen wird." Genau dies ist dann ja auch eingetreten.

Wiederentdeckter Stolz und Identität

Matar sprach im Verlauf des Aufstandes vom Schreiben als einer Form des Widerstandes und sagte, dass es den Menschen ermögliche, "zu singen". Auf die Frage, ob er Hoffnung habe, dass der Aufstand erfolgreich sein werde, meinte er: "Natürlich gibt es diese Hoffnung, doch noch wichtiger ist das Gefühl einer Möglichkeit des Wandels, die es zuvor nicht gab. Es ist, als ob der Horizont auf einmal viel weiter reicht, als er es bisher tat."

Er sieht den Aufstand als echte Chance für die Libyer, ihren verlorenen Stolz, ihre Identität und ihre verlorenen Mythen wiederzuerlangen. Er sprach von dem Folterer wie auch von den Gefolterten als Opfern: Er ist gegen Rache und hofft auf einen Prozess der Versöhnung.

​​Auf Arabisch geschriebene fiktionale Texte aus Libyen führten lange Zeit ein Schattendasein, in der arabischen Welt wie auch international. Nur wenige Autoren, wie Ibrahim Al-Koni und Ahmed Fagih, wurden in viele Sprachen übersetzt. Fagihs jüngster Roman, ins Englische unter dem Titel "Homeless Rats" übersetzt, erscheint Ende September im Londoner Verlag Quartet.

In diesem Jahr aber ist ein beachtlicher Aufschwung für die Werke libyscher Autoren zu verzeichnen. Zumindest die englischsprachige Leserschaft kann sich jetzt mit ihnen vertraut machen, nachdem Banipal, das in London herausgegebene Magazin für arabische Literatur, der libyschen Literatur eine Sondernummer gewidmet hat.

Der Zufall wollte es, dass die lange geplante, 135 Seiten starke Ausgabe kurz nach dem Beginn des libyschen Aufstandes erschien. Darin werden Kurzgeschichten aus Romanauszüge von insgesamt 17 Autoren vorgestellt, darunter auch der Altmeister Ali Mustafa Al-Musrati.

Die Londoner Buchmesse im April trug der Bedeutung des Aufstandes Rechnung, indem sie erstmals ein Seminar zur libyschen Literatur mit ins Programm nahm, das unter dem Titel "Das versteckte Gesicht der libyschen Literatur" stattfand. Geleitet von dem Herausgeber von Banipal, dem libyschen Schriftsteller Samuel Shimon, versammelte es auch vier in Großbritannien lebende libysche Autoren auf dem Podium: Ghazi Gheblawi, Hisham Matar, Giuma Bukleb und den 21-jährigen Autor von Kurzgeschichten Mohammed Mesrati, der zur Zeit an seinem ersten Roman unter dem Titel "Mama Pizza" arbeitet.

Im Kampf mit der Unerbittlichkeit einer "revolutionären Revolution"

Bukleb meint, dass es in erster Linie Journalisten seien, die als erste die neuen Räume nutzten, die sich für Autoren in Libyen eröffneten: "Dies wird eine ganz neue Generation von Journalisten hervorbringen."

"Was aber das kreative Schreiben anbelangt, sieht es anders aus", fügt er hinzu. "Anders als die Journalisten muss sich der kreative Schreiber in die Situation vollständig hineinversetzen und er braucht einige Zeit, um daraus eine gute Kurzgeschichte, einen Roman oder ein Theaterstück zu machen." Die arabische Rebellion "muss zunächst in unseren Herzen Gestalt annehmen, und erst danach können wir sie zu Papier bringen."

Giuma Bukleb; Foto: www.banipal.co.uk
"Die arabische Rebellion muss zunächst in unseren Herzen Gestalt annehmen, und erst danach können wir sie zu Papier bringen", meint der Schriftsteller Giuma Bukleb.

​​Gheblawi denkt, dass die Revolution auch zur Veröffentlichung einiger bisher unveröffentlichter Werke führen wird. "Ich weiß, dass viele libysche Schriftsteller während der Gaddafi-Zeit Texte schrieben, die nie veröffentlicht wurden", sagt er. "Einige dieser Werke wurden vom Zensor abgelehnt, andere wurden im vollen Bewusstsein geschrieben, dass sie erst nach einem Sturz des Regimes würden veröffentlicht werden können." Er kann sich vorstellen, dass es "in den nächsten Jahren zu einem wahren Ausbruch an Kreativität und einer Welle von Neuerscheinungen" kommen werde.

In der frühen, berauschenden Phase des Aufstands herrschte pure Begeisterung unter den libyschen Autoren. Doch je länger der Konflikt andauert und nachdem auch Menschenrechtsverletzungen bekannt wurden und erste Zwietracht unter einigen Aufständischen aufgekommen ist, verdüsterte sich die Stimmung der Autoren. In seinem Artikel "Im Kampf mit der Revolutionsmüdigkeit", der im Juli veröffentlicht wurde, fragt Khaled Mattawa: "Was geschieht nur mit unserer Revolution? Sind wir einfach müde geworden oder ist die Revolution zu revolutionär für uns?"

Die libyschen Autoren bestehen auf einer unabhängigen, wachsamen und kritischen Haltung. Gheblawi sagt dazu: "Es ist wichtig, dass sich die Autoren jeder Form der Propaganda enthalten und stattdessen dafür sorgen, dass die einstigen Schrecken und Gräuel nicht in anderer Form wiederkehren. Die Rolle des Intellektuellen besteht darin, zu verhindern, dass sich der Fanatismus und Extremismus zurück in die Gesellschaft schleicht. Ich glaube, dass sich der Schutz der Freiheiten, die wir durch diese Revolution erlangen, als ausschlaggebend für die Zukunft unserer Literatur erweisen wird; nur so wird sie sich verändern und zur vollen Blüte gelangen."

Susannah Tarbush

© Qantara.de 2011

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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