Syrischer Flüchtlingsjunge im Al-Zaatari Flüchtlingscamp in Jordanien; Foto: Reuters/Ali Jarekji
Lager für syrische Flüchtlinge in Zaatari und Atma

Abgeschnitten vom Rest der Welt

Flüchtlingslager sind Parallelwelten: Ein Zelt wird zum Heim, ein schlammiges Feld zum Spielplatz. Tausende syrische Flüchtlinge müssen sich dem trostlosen Lager-Leben fügen. Karen Leigh liefert einen Einblick in ihren Alltag.

Eine staubige Hölle in Jordanien, nahe an der syrischen Grenze - das ist das Flüchtlingslager Zaatari. Und Atma ist nichts als schlammiges Elend im Nordwesten des Landes, nahe der Grenze zur Türkei. Beide Lager habe ich mehrmals besucht: Ich arbeite für eine neue Nachrichtenplattform für Berichte über den Krieg aus Syrien, "Syria Deeply".

Fotos aus Zaatari gingen um die Welt: überflutete Wege und Zelte - keines davon wasserdicht oder als Schutz gegen die Kälte geeignet. Viele Nachmittage habe ich dort verbracht. Und eine eiskalte Nacht. Damals hatte mich ein befreundeter Entwicklungshelfer eingeschmuggelt. Eingewickelt in eine dünne, vom UN-Flüchtlingshilfswerk gestiftete Decke, bekam ich eine Ahnung davon, was es bedeutet, hier zu leben.

Versuchter Alltag

Zwei junge Leute waren meine Augen und Ohren im Camp: ein 27-jähriger Syrer, den die jordanische Regierung dafür bezahlte, ausländische Journalisten durch das Gewirr der Zelte zu führen, und Nadine, ein 12-Jahre altes Mädchen mit strahlenden Augen, das mit ihrer Familie aus Deraa geflüchtet war und in einem dieser namenlosen weißen Zelte lebte.

Flüchtlingslager Zaatari, Syrisch-Jordanische Grenze; Foto: Karen Leigh/DW
Warten auf ein Signal von der Außenwelt: "Möchte Omar heute sein Handy nutzen, muss er sich zu den anderen jungen Männern an die höchste Erhebung des Camps begeben. Dort stehen sie, auf einem niedrigen Hügel hinter den Zelten, die Handys in der Hoffnung auf Empfang nach oben gereckt."

​​Den jungen Mann nenne ich in diesem Bericht Omar. Er lebt außerhalb des Camps. Nicht weit entfernt vom Eingangstor kampiert er heimlich nachts auf dem Boden eines Schlafsaales. Miete zu zahlen kann er sich nicht leisten.

Die ersten 26 Jahre seines Lebens verbrachte Omar in Damaskus. Er studierte Ingenieurwissenschaften und traf sich mit Freunden in Cafés. Möchte er heute sein Handy nutzen, muss er sich zu den anderen jungen Männern an die höchste Erhebung des Camps begeben. Dort stehen sie, auf einem niedrigen Hügel hinter den Zelten, die Handys in der Hoffnung auf Empfang nach oben gereckt.

An Nadines Zelt schlendern wir auf unserem Abendspaziergang durch das Lager vorbei. Unser Team hat bereits einen ganzen Nachmittag bei ihrer Familie verbracht, und mit der Mutter, ihren jüngeren Geschwistern und Kusinen gesprochen, während ihr Vater immer wieder sein Smartphone aus der Tasche kramte. Diese Familie war einst wohlhabend genug, sich ein teueres Handy leisten zu können.

Alle im Zelt frieren. Sie erzählen, jede Familie habe zwei Decken bekommen, die müssen sie sich teilen. Sie schlafen dicht aneinander gekuschelt. Sie essen das Lageressen, meistens Reis und Linsen. Sie benutzen gemeinsame Toiletten und Waschräume. Hier im Lager hausen mehr als 40.000 Syrer, viele aus den verwüsteten Städten Homs und Deraa. Omar zeigt mir ein Café-Zelt. Draußen stehen aufgereiht Schuhe, drinnen gluckert eine Schischa, es duftet nach Kaffee. Ich trinke zuckersüßen Tee.

Allgegenwärtiger Notstand

Wer das Lager Atma in Syrien besuchen will, muss eine türkische Grenzkontrolle passieren. Anders als Zaatari, ist das Lager von internationaler Hilfe abgeschnitten. Die türkische Regierung hilft, aber es reicht nicht. Atma ist eine einzige Matsch- und Schlammwüste - vom Eingangstor bis zum Kochzelt, in dem in großen Töpfen Reis und Bohnen köcheln. Jeden Tag schleppen syrische Männer die Töpfe nach draußen, und verteilen die Essensrationen. Dazu gibt es jeweils ein Stück Brot. Manchmal rutschen sie im Matsch aus, und verschütten das Essen.

Eine junge Frau mit einem Kleinkind folgt mir auf Schritt und Tritt. Nach jedem meiner Interviews bittet sie mich auf Arabisch um warme Kleidung für ihr Kind - eine Mütze, einen Schal. Der Manager des Camps sagt der Frau, es sei meine Aufgabe zu schreiben, und nicht Spenden zu verteilen. "Geben Sie ihr nichts", meint er. Ich bin ihm dankbar - und am Boden zerstört.

Ein rennendes Kind im Flüchtlingslager Atma, syrisch-türkische Grenze; Foto: DW/Karen Leigh
Schlammiges Elend: Das Flüchtlingslager Atma in Syrien, nahe der türkischen Grenze, ist von internationaler Hilfe so gut wie abgeschnitten.

​​Im Lager Atma leben etwa 50 Schwangere. Es ist nicht die Geburt, die ihnen Angst macht - sie fürchten sich davor, ihre schutzlosen Babys in diesem eiskalten Schlamm aufzuziehen. Ich lerne eine 29-jährige Frau kennen: Sie ist im achten Monat schwanger - mit ihrem elften Kind.

Überall sind Kinder zugegen. Eine kleine Gruppe spielt Fangen und isst dabei eine Packung billiger Kekse, von einem Kollegen spendiert. Es liegt Aufregung in der Luft: Ein berühmter syrischer Fernsehstar ist zu Besuch, der sich der Revolution gegen Präsident Baschar al-Assad angeschlossen hat. Er hat mit den Menschen geredet und gute Laune verbreitet.

Die einen in Sandalen, die anderen barfuß in der Winterkälte, drängt sich eine Traube von Kindern um ein vorbeifahrendes Fahrzeug. "Befreit Syrien!", rufen sie. Es wäre ihnen zu wünschen, dass sie ein freies Syrien erleben, und zwar bald.

Karen Leigh

© Deutsche Welle 2013

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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