Krisenherd Libyen: Unzumutbare Zustände für Migranten

03.03.2017

Während Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in Nordafrika über Möglichkeiten berät, die Fluchtbewegungen über das Mittelmeer einzudämmen, hoffen in Libyen zahlreiche Migranten nur eines: möglichst schnell von dort wegzukommen. "Libyen ist die Hölle", sagt Griselle, der das nordafrikanische Land hinter sich gelassen hat. Griselle stammt aus Guinea-Bissau und hat sich wie tausende andere Afrikaner nach Libyen durchgeschlagen, um von dort die Überfahrt nach Europa anzutreten. Schlepper kassieren von den Flüchtlingen viel Geld - und behandeln sie auf unmenschliche Weise.

"Sie behandeln uns wie Waren", sagt Griselle. Auch körperliche Misshandlungen durch die Schlepper sind in Libyen an der Tagesordnung, weshalb viele der Gestrandeten selbst in den kalten, stürmischen Wintermonaten die gefährliche Schiffsreise nach Europa antreten. Im Januar und Februar dieses Jahres kamen bereits mehr als 12.000 Flüchtlinge an den italienischen Küsten an - 30 bis 40 Prozent mehr als in den Vergleichsmonaten der Jahre 2015 und 2016.

"Der Anstieg der Neuankömmlinge liegt möglicherweise daran, dass die Lebensbedingungen in Libyen immer gefährlicher werden", sagt Flavio Di Giacomo, Sprecher der Internationalen Organisation für Migration (IOM). Hilfsorganisationen weisen schon länger auf die katastrophalen Bedingungen und Menschenrechtsverletzungen an Flüchtlingen in Libyen hin.

Das UN-Kinderhilfswerk Unicef machte erst diese Woche auf die gefährliche Situation speziell für minderjährige Flüchtlinge aufmerksam. Sie seien "regelmäßig sexueller Gewalt, Ausbeutung sowie Misshandlungen" ausgesetzt. Unicef machte neben Menschenschmugglern auch Sicherheitskräfte und Personal in Haftzentren in Libyen für die Misshandlungen verantwortlich.

Die IOM will nun verstärkt Flüchtlingen mit finanzieller Unterstützung helfen, aus Libyen in ihre Heimatländer zurückzukehren, wie eine Sprecherin der Organisation der "Welt" vom Freitag sagte. Libyen ist das Hauptdurchgangsland für Flüchtlinge aus Afrika nach Europa. Das Krisenland hat jedoch keine funktionierende Zentralregierung und wird in weiten Teilen von bewaffneten Milizen kontrolliert. Um die Lage in Libyen ging es auch bei Merkels Besuchen diese Woche in Ägypten und Tunesien.

Auch Sairon Kamara aus Guinea, der Ende Februar während der Überfahrt nach Italien in Seenot geriet und von einer spanischen Hilfsorganisation gerettet wurde, hat schreckliche Erinnerungen an die Schlepper in Libyen: "Sie haben uns jeden Tag geschlagen und uns (kopfüber) an Seilen aufgehängt", erzählt er einem Journalisten der Nachrichtenagentur AFP auf dem Rettungsschiff "Golfo Azzurro". "Es war nicht leicht, jeden Tag sterben Menschen."

Der ebenfalls aus Guinea stammende Bari Mamadu berichtet, Schlepper würden Flüchtlinge zwingen, ihre Familien anzurufen, damit diese mehr Geld schickten. "Wenn du die Nummer wählst, schlagen sie dich, damit deine Eltern dich schreien hören", sagt Mamadu. "Fünf Leute schlagen dich mit dicken Rohrstöcken, bis du bewusstlos wirst."

Griselle aus Guinea-Bissau sagt, er habe mit ansehen müssen, wie 15 Menschen gestorben seien, entweder durch Schläge oder an Hunger und Durst. In der vergangenen Woche wurden die Leichen von 13 erstickten Afrikanern in einem Container entdeckt - sie waren dort vor ihrer geplanten Überfahrt nach Europa vier Tage lang eingeschlossen gewesen.

Dass die EU-Staaten händeringend nach Lösungen suchen, um den Zustrom von Flüchtlingen zu stoppen, dient den Schleppern als Druckmittel: Sie drängen die Migranten, möglichst bald die Reise anzutreten, bevor diese vielleicht nicht mehr möglich sein wird.

Italien will die libysche Küstenwache für Rettungseinsätze ausbilden. "Die Schlepper sagen, in einigen Monaten werden die Libyer die Rettungseinsätze vornehmen und alle zurück nach Libyen bringen", sagt IOM-Sprecher Di Giacomo. "Das ist das Letzte, was die meisten der Migranten wollen." (AFP)

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