Krieg in Syrien: Assad nimmt die Wiege der Revolution ins Visier

02.07.2018

Seit Mitte Juni hat der syrische Machthaber Baschar al-Assad mit Unterstützung seines Verbündeten Russland eine Offensive auf die letzte Hochburg der Opposition im Süden des Landes gestartet. Zehntausende Menschen sind bereits aus der Provinz Daraa geflohen, wo einst der Aufstand gegen Assad begonnen hatte. Es droht eine erneute humanitäre Krise, während eine Niederlage der in mehrere Gruppen aufgespaltenen Rebellen nur eine Frage der Zeit zu sein scheint.

WELCHE BEDEUTUNG HAT DARAA?

Die Rückeroberung von Daraa wäre für Assad ein wichtiger symbolischer Sieg. Denn in der Provinzstadt im ländlichen Süden des Landes begannen im März 2011 die Proteste gegen Assad. Nachdem mehrere Jugendliche in Haft gefoltert worden waren, weil sie Anti-Assad-Slogans an eine Wand gemalt hatten, gingen die Einwohner aus Protest auf die Straße. Assad ließ die Demonstrationen gewaltsam niederschlagen, doch breitete sich der Aufstand von Daraa rasch auf den Rest des Landes aus.

WER SIND DIE REBELLEN IN DARAA?

Im Jahr 2014 bildeten 55 Rebellenbrigaden mit mehr als 30.000 Kämpfern die Südliche Front. Mit der Unterstützung der USA und Jordaniens brachte das Bündnis große Teile der Provinzen Daraa und Quneitra unter seine Kontrolle. Auch Israel unterstützte die Opposition, um eine Pufferzone an der Grenze zu schaffen. Heute hat sich die Südliche Front aber wieder aufgespalten, wobei die stärksten Gruppen Dschaisch al-Thawra und Schabab al-Sunna sind. Auch die Islamistengruppe Ahrar al-Scham ist präsent. Zusätzlich zu den Rebellen sind auch die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) und der frühere syrische Al-Qaida-Ableger Tahrir al-Scham jeweils mit einigen hundert Kämpfern in Daraa präsent.

WIE IST DIE MACHTVERTEILUNG HEUTE?

Die von Jordanien und den USA unterstützten Rebellen kontrollierten bislang 60 Prozent der an Jordanien grenzenden Provinz Daraa und 65 Prozent der Provinz Quneitra, die westlich davon liegt und an die israelisch besetzten Golan-Höhen grenzt. Die Provinzhauptstadt Daraa ist zwischen Regierung und Rebellen geteilt. Nach jüngsten Abmachungen, denenzufolge die Rebellen eine Reihe von Ortschaften an die Regierungsarmee übergaben, kontrollieren die Assad-Truppen nun nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte mehr als die Hälfte der Provinz. Vor der Offensive hatte die Regierung lediglich rund 30 Prozent der Provinz kontrolliert.

WAS IST MIT DER WAFFENRUHE?

Unter Vermittlung der USA, Jordaniens und Russlands wurde im Juli 2017 für Daraa eine regionale Waffenruhe zwischen Rebellen und Regierungstruppen ausgehandelt. Bei den Verhandlungen zwischen Russland, dem Iran und der Türkei im kasachischen Astana wurde die Region zudem zu einer sogenannten Deeskalationszone erklärt. Im Gegensatz zu anderen Deeskalationszonen wie Ost-Ghuta und Idlib war die Waffenruhe in Daraa bisher tatsächlich weitgehend eingehalten worden - auch dank des Engagements der USA und Jordaniens.

WIE VERHALTEN SICH DIE WELTMÄCHTE?

Gemäß der Vereinbarung von Astana ist Russland eigentlich verpflichtet, über die Einhaltung der Waffenruhe zu wachen. Doch nachdem bei Gesprächen mit den Rebellen keine Einigung erreicht wurde, beteiligt sich Russland nun an der Offensive. Doch die USA sind nicht gewillt einzugreifen und Jordanien hält seine Grenze geschlossen, um einen weiteren Zustrom von Flüchtlingen zu verhindern. Eine Rückkehr der syrischen Armee in die Grenzregion würde Amman erlauben, den Handel wieder aufzunehmen.

WIE KÖNNTE EINE LÖSUNG AUSSEHEN?

Ohne ausländische Unterstützung scheint eine Niederlage der Rebellen nur eine Frage der Zeit. Anders als in Ost-Ghuta und anderen Gebieten bei Damaskus ist ein Abzug der Aufständischen nicht vorstellbar. Eine Lösung wäre, dass sie ihre schweren Waffen abgeben und in eine regionale Polizeitruppe für den Kampf gegen die IS-Miliz umgewandelt werden. Ein entsprechendes Angebot Russlands wiesen die Rebellen zwar kürzlich zurück, doch dürften sie nachgeben, wenn der Druck weiter erhöht wird. (AFP)

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