Konfliktforscher Zick: Deutsch-Türken nicht in Opferrolle drängen - Integrationskonzept mit politischer Bildung nötig

19.04.2017

Nach der großen Zustimmung unter Deutsch-Türken zur Verfassungsänderung in der Türkei warnt der Konfliktforscher Andreas Zick vor Schuldzuweisungen. «Wenn wir jetzt wieder anfangen, den deutsch-türkischen Bürgern vorzuhalten, sie wären für den Präsidenten Recep Tayyip Erdogan verantwortlich, dann ist das Wasser auf die

Mühlen des Opferkultes», sagte Zick. Aus dem Kreislauf von Minderwertigkeit und gegenseitigen Beschuldigungen müsse man heraus. Nötig sei ein Integrationskonzept, zu dem ein politisches Bildungsangebot und der Abbau von Minderwertigkeitsgefühlen gehören.

Wichtig sei nun die Frage, «wie man jene, die für ein autoritäres Regime votiert haben, überzeugen kann, dass die langfristigen Folgen problematisch sind», sagte Zick, der das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld leitet. Den Befürwortern des Präsidialsystems sollte man klar machen, dass sie mit einer Minderheitenposition, die sie in Deutschland vertreten können, in der Türkei unter Verdacht und Verfolgung geraten würden, sagte der Wissenschaftler.

Junge deutsch-türkische Menschen hätten in Schulen und Betrieben nur wenig Gelegenheit, sich über die Situation in der Türkei politisch zu bilden, erklärte der Wissenschaftler. In der Debatte sei «viel Patriotismus und aufgeblasener Selbstwert über die Türkei unter Erdogan dabei». Die Folgen von autoritären Systemen würden jedoch kaum verstanden.

Das Abstimmungsverhalten unter türkischen Bürgern in Deutschland sei eine Warnung, die Versäumnisse bei der Integration aufzuarbeiten, mahnte Zick. Bei den älteren deutsch-türkische Bürgern, die früher Gastarbeiter waren, wirke sich aus, dass von ihnen Assimilation gefordert worden sei. Menschen würden sich dann in einer Heimat stärker einrichten, wenn sie sich in der anderen Heimat assimilieren sollten. «Sie haben sich in zwei Welten eingerichtet: Arbeit in Deutschland, politische Teilhabe in der Türkei.» Bei der jüngeren Generation habe sich das Gefühl eingeschlichen, Bürger zweiter Klasse in Deutschland zu sein.

Wenn die Mehrheit die deutsch-türkischen Bürger in erster Linie als Muslime und erst dann als Bürger mit politischen Interessen sehe, helfe das nur türkischen populistischen Gruppen, warnte Zick. Nötig seien realistischere Angebote für Menschen, die in modernen Welten mehr als eine Identität hätten. (epd)

Mehr zur Integrationsdebatte nach dem Türkei-Referendum finden Sie hier.

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