Mitglieder der ''Salafyo Costa'' demonstrieren gegen Gewalt an christlichen Kopten durch Sicherheitskräfte; Foto: Khaled Desouki/AFP/GettyImages
Islamismus in Ägypten

Die ''Starbucks-Salafisten''

Obwohl allen Salafisten traditionelle und konservative Wertvorstellungen teilen, stellen sie keinen monolithischen Block dar. So steht das Selbstverständnis der "Salafyo Costa" im klaren Gegensatz zu den gängigen Vorurteilen über den Salafismus. Nada Zohdy stellt die Gruppierung vor.

In internationalen Medien mangelte es in der jüngsten Zeit nicht an Spekulationen über die salafistische Bewegung. Allein die Rolle, welche sie in den gewaltsamen Protesten gegen den Mohammed-Schmähfilm spielte, warf Fragen auf.

Als Salafisten bezeichnet man eine weit gefasste Gruppe konservativer Muslime, welche ein wortgetreues Verständnis des Islam befolgen und danach streben, die Traditionen der salaf, der ursprünglichen Muslime, wieder aufleben zu lassen.

Angesichts ihrer zunehmenden politischen Beteiligung, die übrigens einen Bruch in einer langen Geschichte politischer Passivität bedeutet, wurde von westlichen Analytikern und Medien vermehrt vor der aufkommenden "salafistischen Bedrohung" gewarnt. So titelte die New York Times in einem ihrer Artikel: "Fürchtet Euch nicht vor allen Islamisten, aber fürchtet Euch vor den Salafisten".

Salafisten demonstrieren auf dem Tahrirplatz: Sie fordern, dass die neue ägyptische Verfassung auf der Scharia aufbauen soll; Foto: AP/dapd
Furcht vor religiösen Eiferern: Westliche Kritiker sehen dem zunehmenden politischen Einfluss der Salafisten in Ägypten zurecht mit Sorge entgegen. Doch sollte der Westen davon absehen, alle Untergruppen dieser Bewegung über einen Kamm zu scheren.

​​Obwohl allen Salafisten einige konservative Grundsätze gemein sind, stellen sie keine monolithische Gruppierung dar. So stehen die Auffassungen der sogenannten "Salafyo Costa" im deutlichen Gegensatz zu den weit verbreiteten Ansichten und Vorurteilen über den Salafismus.

Die "Salafyo Costa" hat es sich zum Ziel gesetzt, einige dieser vorherrschenden negativen Verallgemeinerungen zu zerstreuen und zudem auf eine Annäherung zwischen Ägyptern verschiedener Standpunkte hinzuarbeiten und ihnen einen Raum zu bieten, um gemeinsam für eine bessere Zukunft ihres Landes zu arbeiten.

Es ist wichtig, dass der Westen, ebenso wie die muslimische Welt, Stimmen wie dieser mehr Beachtung schenkt, denn solche Initiativen haben das Potential, Intoleranz entgegenzuwirken.

Der Name der Gruppierung spielt auf das Klischee an, alle Salafisten seien typischerweise anti-westlich eingestellt und würden beispielsweise niemals ein westliches Café, wie etwa eines der Costa-Kette, besuchen, das ägyptische Pendant zu Starbucks. "Starbucks-Salafisten" wäre wohl eine angemessene Übersetzung.

Appell zum Dialog, aber kein politisches Engagement

Neben der Absicht, gängigen anti-salafistischen Vorurteilen entgegenzuwirken, ermuntert die "Salafyo Costa" zum Dialog zwischen den verschiedenen Lagern innerhalb der ägyptischen Bevölkerung und möchte so zur Lösung der vielen sozialen Probleme in Ägypten beitragen. Doch obwohl viele Mitglieder der "Salafyo Costa" an Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz teilnahmen, möchte sich die Bewegung nicht politisch engagieren.

Als ich Mohammed Tolba, den Gründer der Initiative, traf, musste auch ich viele meiner vorherigen Ansichten über Salafisten grundlegend hinterfragen. Um ehrlich zu sein, hätte ich nie gedacht, dass ein Salafist so unbeschwert und tolerant sein konnte!

Er erklärte mir die grundlegenden Herausforderungen, welche die "Salafyo Costa" zu meistern hätte: Zum einen sei es wichtig, sich selbst - und alle anderen Salafisten - stets daran zu erinnern, dass sie kein absolutes Monopol auf die religiöse Wahrheit besäßen. Und zum anderen müsste man alle Salafisten davon überzeugen, auch mit anderen Ägyptern regelmäßig zu diskutieren, anstatt die gewohnt isolierte Haltung wie zu Zeiten von Ex-Präsident Husni Mubarak anzunehmen.

Abgeordnete der ultrakonservativen salafistischen al-Nur Partei bei der Tagung des ägyptischen Parlaments; Foto: Asmaa Waguih/AFP/GettyImages
Salafistische Kaffeehauskultur statt politischer Isolationismus: Die "Salafyo Costa" möchte - nach ihren Angaben - am konstruktiven Dialog zwischen den verschiedenen politischen Lagern im Land mitwirken und damit die religiöse Intoleranz beseitigen.

​​Kopten und Muslime vereint

Die "Salafyo Costa" hat eine ansehnliche Nummer politisch liberaler Unterstützer und, was wirklich erstaunlich ist, selbst koptische Christen in ihren Reihen. Auf Facebook hat die Initiative mittlerweile 150.000 Fans.

Sowohl salafistische als auch koptische Mitglieder vertreten sozial konservative Grundwerte und sind streng religiös. Jedoch erkennen sie die Notwendigkeit an, theologische Grenzen zu überschreiten, um zusammen für die Interessen des ganzen Landes zu arbeiten. Tatsächlich ist der erste Grundsatz der "Salafyo Costa", dass jedermann zwar seine eigene Identität vollkommen beibehalten, jedoch stets die Zusammenarbeit mit anderen Menschen suchen solle, mag der Unterschied zwischen ihnen auch noch so groß sein.

Laut Tolba sind theologische Streitigkeiten kontraproduktiv. Stattdessen konzentriert sich die "Salafya Costa" auf soziale Aktivitäten wie salafistisch-koptische Fußballspiele oder ehrenamtliche Tätigkeiten, was gerade angesichts der konfessionellen Spannungen im post-revolutionären Ägypten von großer Bedeutung sei.

Eine Alternative im religiös-konservativen Umfeld

Was mich besonders in Erstaunen versetzte war Tolbas Koranauslegung: Ganz im Gegensatz zu der eigentlich unter Salafisten verbreiteten Ansicht, der Koran müsse wortwörtlich verstanden werden, vertritt er die Ansicht, der Koran müsse vor der Anwendung auf das tägliche Leben zunächst genau studiert und die ihm zugrunde liegenden Prinzipien herausgearbeitet werden. Tatsächlich sei dies die Bedeutung, auf die das Wort "Salafi" hinweise.

"Salafyo Costa", als Verfechter religiöser Toleranz und Gegner salafistischer Gewalt, stellt eine Alternative im großen Spektrum des religiösen Konservativismus in Ägypten dar.

Der Westen und die muslimischen Länder sollten sich dessen bewusst werden, dass Initiativen wie diese durchaus in der Lage sein könnten, Brücken über ideologische Grenzen hinweg zu bauen und – sofern ihnen eine breitere Plattform gegeben wird – in ungefestigten Ländern wie Ägypten die Grundlage für eine funktionierende Demokratie legen können. Denn ein offener und respektvoller Dialog zwischen Menschen mit unterschiedlichen Sichtweisen ist eine der Schlüsseleigenschaften jeder demokratischen Gesellschaft.

Nada Zohdy

© Common Ground News Service (CGNews) 2012

Aus dem Englischen von Laura Overmeyer

Qantara-Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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