Mohammed Hanif; Foto: dpa
Interview mit Mohammed Hanif

Prinzip Hoffnung

Der neue Roman des pakistanischen Journalisten Mohammed Hanif handelt von Karatschi, der größten Stadt Pakistans – einer Metropole, die in Gewalt und Chaos zu versinken droht, viele Menschen jedoch anzieht, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben dorthin ziehen. Mit Mohammed Hanif sprach Claudia Kramatschek.

Für den Westen steht Pakistan oft gleichbedeutend mit "Terror". Ihr neuer Roman "Alice Bhattis Himmelfahrt"handelt jedoch weder von Terror, noch von den Taliban, sondern vom täglichen Kampf ums Überleben.

Mohammed Hanif: Richtig. Es ist ein eher intimer Roman, der mit dem Blick des Insiders vom gewöhnlichen Leben erzählt. Nach außen wirkt dieses Leben vielleicht banal oder langweilig – weder taugt es für die Schlagzeilen noch für eine Nachricht auf CNN, Fox oder Al Jazeera. Aber in den Augen derer, die es führen, ist es voller kleiner Abenteuer und Romanzen, Erniedrigungen und Momente des Schreckens. Ich finde dieses Leben deshalb genauso fesselnd und erstaunlich wie die globalen Ereignisse.

Hauptschauplatz ist ein christlich geführtes Krankenhaus – "Eintritt auf eigene Gefahr" steht an der Eingangstür... Darf man diesen Ort als ein Symbol für den Zustand des ganzen Landes verstehen?

Hanif: Die meisten von uns, die wie ich in der Stadt leben, kommen in einem Krankenhaus zur Welt und enden wohl auch dort. Es ist also ein sehr familiärer Ort – und das hat mich fasziniert. Und es ist eine Welt für sich. Natürlich können die Leser denken, dieser Ort repräsentiert eine ganze Gesellschaft, ein ganzes Land.

Buchcover Mohammed Hanif: Alice Bhattis Himmelfahrt im A1 Verlag
"Alice Bhattis Himmelfahrt" ist der zweite Roman des Star-Autors Mohammed Hanif. In seinem Debütroman "Eine Kiste explodierender Mangos" hatte er sich kritisch und satirisch mit der zwielichtigen Rolle des pakistanischen Militär auseinandersetzt.

​​Sie können das Buch als eine Art Studie ansehen über die Krankheit, die unsere Gesellschaft befallen hat, und über diejenigen, die versuchen, diese Krankheit zu heilen – und das mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Aber vor allem wünsche ich mir, dass sie diesen Ort so sehen, wie ich ihn geschildert habe: als einen Ort, wo das Leben und der Tod, die Hoffnung und die Verzweiflung gleichermaßen zuhause sind.

Es ist insofern ein besonderer Ort, da es ein christlich geführtes Krankenhaus ist. Auch Alice Bhatti, ihre Protagonistin, ist Christin. Im Westen dagegen kommt die Situation der christlichen Minderheit in Pakistan nur selten zur Sprache.

Hanif: Ich mag diesen Begriff nicht. Denn wenn eine Gesellschaft eine bestimmte Gruppe als Minderheit tituliert, entbindet sie sich zugleich von ihrer moralischen und politischen Verantwortung für diese Gruppe. Minderheit meint: Es gibt etwas, das kleiner ist und deshalb weniger oder nichts zählt – und es gibt etwas, das größer und deshalb wichtiger ist. Doch dem ist eben nicht so. Frauen zum Beispiel sind in Pakistan in der Überzahl. Aber wir behandeln sie, als wären sie eine Unterart.

Das gilt auch für die Angehörigen anderer Religionen. Zugleich sind wir jedoch an einem Punkt angelangt, an dem es auch Menschen trifft, die sich selbst als Muslime bezeichnen. Die in Pakistan ansässige Glaubensgemeinschaft der Ahmadiyya ist beispielsweise gesetzlich verboten. Behauptet ein Anhänger der Ahmadiyya, er sei ein Muslim, muss er dafür ins Gefängnis – und viele sind bereits dafür ins Gefängnis gekommen. Das gleiche gilt für die Schiiten. Auch sie sind zur Zielscheibe von Angriffen geworden.

Aber wenn man Menschen in immer mehr Untergruppen einteilt, bildet irgendwann jeder Einzelne eine Minderheit, wie etwa die Ahmadiyyas. Doch die Wahrheit ist: Wäre meine Hauptfigur eine Muslimin, hätte sie die gleichen Erfahrungen gemacht – sofern sie derselben Schicht angehört. Denn es macht zwar manchmal einen Unterschied, welcher Religion man angehört. Doch entscheidend für das, an was du glaubst, ist nicht die Religion, sondern die Klasse, der du entstammst.

"Wie lautet dein Name, woher kommst du, an welche Religion glaubst du?" Immer wieder spielen diese Fragen im Roman eine entscheidende Rolle. Demnach scheint die Frage der Identität das Land noch immer umzutreiben.

Hanif: Ja, völlig. 65 Jahre sind seit der Gründung Pakistans vergangen. Und noch immer haben wir keine Antwort auf die wichtigste Debatte, die in Pakistan geführt wird: warum das Land gegründet wurde. Darüber sind wir uns nicht einmal in Ansätzen einig. Die einen sehen Pakistan als eine Art göttliches Geschenk, gedacht als ein ultra-religiöses islamisches Land.

Demonstration im pakistanischen Multan gegen US-Drohneneinsätze; Foto: dpa
Mohammed Hanif kritisiert, dass die Medien fast ausschließlich negative Nachrichten über Pakistan kolportieren würden: "Doch diese Schlagzeilen reduzieren die ganze Gesellschaft auf ein einziges bizarres Bild: auf Menschen, die nichts kennen außer Leid, sei es durch Bomben, Hunger, Fluten und andere nationale Katastrophen – oder durch Militäraktionen irgendwo in den Bergen, mit rollenden Tanklastwagen, Raketenangriffen und Drohnenattacken."

​​Die anderen betrachten es als einen Ort, der Muslimen wie Nicht-Muslimen eine auch in ökonomischer Hinsicht sichere Heimstatt geben sollte. Diese Debatte wird umso komplizierter, wenn man über Ethnien redet: Woher kommst du? Bist du ein Punjabi, ein Sindhi oder ein Belutsche? Und nicht zu vergessen: die wichtigste Frage nach der Klasse oder dem Clan, dem man angehört.

Mir schien, als würden Sie den Lesern anhand einer kleinen Facette einen doch umfassenden Blick in die Schwierigkeiten und verschiedenen Schichten eines ganzen Landes ermöglichen.

Hanif: Jemand verhungert, ein anderer stirbt bei einer Explosion oder musste sonst wie leiden. Nur diese Nachrichten gelangen in die Schlagzeilen. Doch diese Schlagzeilen reduzieren die ganze Gesellschaft auf ein einziges bizarres Bild: auf Menschen, die nichts kennen außer Leid, sei es durch Bomben, Hunger, Fluten und andere nationale Katastrophen – oder durch Militäraktionen irgendwo in den Bergen, mit rollenden Tanklastwagen, Raketenangriffen und Drohnenattacken.

Doch die meisten Menschen führen ein Leben zwischen diesen beiden Extremen. Es ist ein Leben, zu dem das alltägliche kleine Glück ebenso gehört wie der tägliche Kampf ums Überleben. Vor allem aber gehört dazu auch die Liebe. Und die steht letztlich im Mittelpunkt meines Buches: Wie Menschen sich verlieben und wie sie versuchen, zusammen zu leben – was manchmal klappt, manchmal nicht.

Nun, für Ihre Protagonistin Alice geht es eher schlecht aus. Generell scheint die Situation von Frauen, schenkt man Ihrem Roman Glauben, recht schwierig zu sein...

Hanif: Die einfache Wahrheit lautet: Ja, das ist es. Ich will Ihnen ein Beispiel geben. Jeden Morgen lese ich in den Lokalseiten der Tageszeitung die aktuellen Nachrichten aus Karatschi. Und vor ein paar Jahren wurde mir klar:

Frauenrechtsdemonstration in Islamabad; Foto: dpa
"Ein harter Kampf – und er geht weiter, Tag für Tag": Frauenrechtsgruppen in Pakistan demonstrieren in Islamabad gegen Ehrenmorde und Gewalt gegen Frauen in ihrem Land. Die Zahl der Ehrenmorde in Pakistan ist zuletzt dramatisch gestiegen. 943 Frauen sind 2011 getötet worden, die meisten von ihren Brüdern oder Männern. Andere wählten den Selbstmord.

​​Jeden Tag findet man dort mindestens eine Nachricht vor über eine Frau, die auf bizarre Weise getötet wurde – üblicherweise vom eigenen Bruder, Ehemann oder Vater, manchmal auch von der eigenen Mutter oder einer anderen Frau aus der Familie. Ich spreche wohlgemerkt nicht von irgendeinem entlegenen Stammesgebiet oder einer ländlichen Gegend. Ich spreche von einer Großstadt: Karatschi.

Das ist der Moment, in dem man anfängt, nachzudenken. Und ja, die Situation der Frauen ist schwierig, es gibt eine Menge Gewalt gegen Frauen. Aber man muss zugleich sagen – und auch in meinem Buch ist das der Fall – dass es eine Menge mutiger Frauen gibt, die sich wehren und dafür kämpfen, jeden Tag einen Zentimeter mehr Raum zu erobern. Und dieser Raum – das darf man sagen – ist größer geworden in den letzten Jahren. Aber das war ein harter Kampf – und er geht weiter, Tag für Tag.

Der Roman spielt in Karatschi. Die Stadt war lange und ist seit einiger Zeit wieder Schauplatz von Unruhen und ethnisch bedingten Kämpfen. Inwieweit spiegelt die Stadt die Probleme des Landes wider?

Hanif: Karatschi ist eine Stadt der Immigranten. Zur Zeit der Teilung lebten dort rund 400.000 Menschen. Inzwischen zählt die Stadt rund 20 Millionen Einwohner, darunter unzählige Einwanderer nicht nur aus Pakistan und Indien, sondern auch aus Sri Lanka, Burma, Bangladesh, Afghanistan. Karatschi ist quasi zum regionalen Knotenpunkt für Immigranten geworden. Und trotz aller Gewalt, trotz aller Schwierigkeiten, bietet die Stadt all den Menschen, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben hierher kommen, noch immer eine Existenzgrundlage.

Deshalb verkörpert Karatschi, das die Ärmsten der Armen anzieht, einerseits die Probleme des Landes – seien das die religiösen und ethnischen Differenzen oder die Schattenwirtschaft. Doch zugleich ist die Stadt auch das einzige hoffnungsvolle Modell für das ganze Land. Denn wenn dort Menschen zusammenleben können, die gänzlich verschiedene Sprachen sprechen, gänzlich unterschiedlichen Ethnien angehören und an unterschiedliche Religionen glauben, dann könnte das auch das restliche Land.

Claudia Kramatschek

© Qantara.de 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

Mohammed Hanif: Alice Bhattis Himmelfahrt, Aus dem Englischen von Ursula Gräfe, A1 Verlag, München 2012, 272 Seiten

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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