Mohammad Mojtahed Shabestari; Foto: © Humboldt Universität Berlin
Interview mit Mohammad Mojtahed Shabestari

Warum Islam und Demokratie zusammen passen

Der schiitische Gelehrte Mohammad Mojtahed Shabestari zählt zu den einflussreichsten muslimischen Reformdenkern aus dem Iran. Im Gespräch mit Jan Kuhlmann erläutert er, warum Islam und Demokratie keinen Widerspruch darstellen.

Von Ihnen stammt der Satz: Der Islam ist eine Religion und kein politisches Programm. Viele andere Gelehrte im Islam sagen jedoch, Religion und Staat bzw. Religion und Politik ließen sich nicht trennen. Haben sich die Vertreter dieser Ansicht Ihrer Meinung nach geirrt?

Mohammad Mojtahed Shabestari: Von der Religion kann man ethische Prinzipien erwarten, die man auch in der Politik berücksichtigen soll. Aber Politik als ein Programm, um bestimmte gesellschaftliche Ziele zu erreichen, kann man nicht von der Religion erwarten. Religion ist nach meinem Verständnis die Beziehung zwischen Mensch und Gott: dass der Mensch eine Beziehung mit Gott hat, dass der Mensch mit seinem Gott spricht, seinen Gott hört, sich innerlich emanzipiert. Deswegen bin ich der Meinung, dass die Religion und auch der Islam kein politisches Programm sind.

Sie plädieren also auch für eine klare Trennung zwischen Religion und Staat? Das ist ja eine unübliche Position unter muslimischen Gelehrten.

Shabestari: Ich vertrete die Meinung, dass religiöse und politische Institutionen unterschiedliche Institutionen mit unterschiedlichen Aufgaben sind. Deswegen gibt es in diesem Sinne eine Trennung. Aber das bedeutet nicht, dass die Religiosität der Menschen keine moralischen oder ethischen Impulse für die Politik geben kann. Das ist möglich. Deswegen sage ich nicht, dass Politik und Religion voneinander getrennt sind, sondern ich sage immer: Politische und religiöse Institutionen sollen voneinander getrennt sein. Aber natürlich kann und soll es eine Zusammenarbeit zwischen ihnen geben.

Muslimische Gelehrte berufen sich in Ihren Aussagen auf den Koran und auf die Sunna, auf die Worte und Taten des Propheten Muhammad. Wo finden Sie in den islamischen Quellen die Belege für Ihre Thesen?

Shabestari: Das ist nichts, was man aus dem Koran oder der Sunna ableiten kann. Diese Trennung ist eine unerlässliche Wirklichkeit unserer Zeit, weil diese Institutionen voneinander getrennt wurden. Das hat niemand veranlasst. Was wir heute als politische und religiöse Institutionen verstehen, gab es zu Zeiten des Propheten gar nicht. Fast in der gesamten damaligen Welt waren Politik und Religion miteinander verbunden.

Al-Azhar Moschee in Kairo; Foto: picture alliance/Arco Images GmbH
Ranghohe muslimische Geistliche wie die der renommierten Al-Azhar-Moschee untermauern ihre Autorität durch traditionelle Quellenverweise. Doch eine moderne Gesellschaftsform lässt sich nicht aus dem Koran ableiten, sondern ist eine unerlässliche Wirklichkeit unserer Zeit, meint Shabestari.

​​Die Lebensweise in Medina oder Mekka war ganz einfach. Was damals geschah, kann kein Vorbild für heute sein. Heute leben die Muslime in intelligenten Gesellschaftssystemen, in denen es ganz unterschiedliche Institutionen gibt. Dafür müssen wir mit unserer Vernunft einen richtigen Plan entwickeln. Das ist nichts, was man aus dem Koran ableiten kann.

In seiner Blütezeit war der Islam für sehr kontroverse und pluralistische Debatten bekannt. Heute sieht die Realität in vielen muslimischen Ländern anders aus. Es gibt wenig Denkfreiheit, dafür viele Denkverbote. Wie kann man dafür sorgen, dass es mehr Denkfreiheit in muslimischen Ländern gibt?

Shabestari: Das ist eine Frage der politischen Entwicklung. Ob sich ein Volk politisch so weit entwickelt hat, dass es versteht, was Freiheit ist, und dass es Meinungsfreiheit verlangt. Wenn sich ein Volk so emanzipiert hat, dann wird es Freiheit verlangen. Wenn es sich nicht emanzipiert hat, wird es keine Freiheit verlangen. Es gibt jetzt in den islamischen Ländern eine große Neigung in Richtung Freiheit. Aber warum sich das nicht wirklich entwickelt, das ist eine andere Frage. Das hat mit politischen Behinderungen und den Regierungssystemen in diesen Ländern zu tun. Das ist mehr eine kulturelle Schwierigkeit als eine Schwierigkeit, die mit dem Islam oder der Religion zu tun hat. Das ist leider eine rückschrittliche kulturelle Realität.

Mit den arabischen Aufstandsbewegungen verbinden viele Menschen – in den Ländern selbst, aber auch außerhalb – die Hoffnung auf mehr Demokratie. Andere sagen: Der Islam lässt grundsätzlich keine Demokratie zu. Wie sehen Sie das?

Shabestari: Die Frage, ob sich der Islam mit der Demokratie vereinbaren lässt, ist falsch gestellt. Das habe ich immer gesagt. Die richtige Frage lautet: Wollen die Muslime Demokratie oder nicht? Meine Antwort lautet: Wenn die Muslime Demokratie wollen, dann werden sie eine Interpretation des Islam finden, die mit Demokratie zu vereinbaren ist. Wenn sie keine Demokratie wollen, dann werden sie diese Interpretation nicht finden.

Demonstration auf dem Tahrirplatz am 4. Februar 2011; Foto: Emilio Morenatti/AP/dapd
Der Arabische Frühling hat vor allem im Westen Fragen nach der Demokratiefähigkeit der arabischen Zivilbevölkerungen aufgeworfen. Mohammad Mojtahed Shabestari ist überzeugt: "Wenn die Muslime Demokratie wollen, dann werden sie eine Interpretation des Islam finden, die damit zu vereinbaren ist."

​​Der Islam ist abhängig von der Interpretation, so wie jede Religion abhängig von der jeweiligen Interpretation ist. Und die Interpretierenden sind diejenigen, die darüber entscheiden, in welcher Weise diese Religion interpretiert werden soll, mit welchem Ziel, mit welcher Methode. Wenn die Interpretierenden gut ausgebildete Menschen sind, die Freiheit, Demokratie und Menschenrechte wollen, dann werden sie die Religion auch in dieser Weise interpretieren.

Diejenigen, die behaupten, Islam und Demokratie passen angeblich nicht zusammen, berufen sich darauf, dass es in der traditionellen islamischen Gelehrsamkeit heißt: Gott ist die höchste Instanz. In der Demokratie ist das Volk die höchste Instanz. Wie passt das zusammen?

Shabestari: Es gibt in Deutschland eine "christlich-demokratische" Partei. Ist in dieser Partei Gott die höchste Instanz? Ja, aber trotzdem leben Sie in einem demokratischen Land. Man kann nicht sagen: Wenn ein Mensch oder ein Volk Gott als höchste Instanz betrachten, dann sind sie gegen Demokratie. Warum sollte das so sein? Man kann Gott als die höchste Instanz betrachten, aber trotzdem im menschlichen Leben, im gesellschaftlichen Leben sagen: Ja, ich bin frei, du bist frei und andere sind es auch. Es geht hier um die Freiheit zwischen den Menschen und nicht um die Freiheit zwischen Gott und Mensch. Freiheit und Demokratie bedeuten eine bestimmte Ordnung zwischen Menschen. Das hat nichts damit zu tun, dass Gott die höchste Instanz ist. Dieses Argument wird immer missbraucht: Wenn Gott die höchste Instanz ist, dann gibt es keine Demokratie. Aber das ist falsch.

Wird der Islam politisch instrumentalisiert?

Shabestari: Jede Religion kann instrumentalisiert werden, nicht nur der Islam. Auch das Christentum und andere Religionen sind instrumentalisiert worden. Aber unsere Aufgabe ist es zu verhindern, dass der Islam als Mittel für eine Diktatur benutzt wird.

Welche Rolle spielt die Scharia, das islamische Recht, in der Demokratie? Welche Rolle müsste bzw. sollte sie Ihrer Meinung nach spielen?

Shabestari: Wenn man in Europa von der Scharia spricht, dann betrachtet man sie als ein festes Gebäude. Die Scharia ist aber kein festes Gebäude. Die Scharia ist abhängig von den Fuqaha, also von den islamischen Rechtswissenschaftlern, die eine Fatwa (ein islamisches Rechtsgutachten, Anmerkung der Redaktion) verfassen dürfen.

Iranische Geistliche in Ghom; Foto picture-alliance/dpa
"Der Islam ist kein politisches Programm": Im Iran herrscht das Primat der Religion über der Politik. Das System der "Herrschaft der Rechtsgelehrten ("welayat-e faqih") steht einer Trennung von Staat und Religion strikt entgegen.

​​Wenn diese Rechtsgelehrten frei denkende Menschen sind, dann können sie das islamische Recht so auslegen, dass es auf dem Weg zur Demokratie keine Behinderung darstellt. Diejenigen, die noch weiter gehen, können sogar sagen: Wir können im Koran, in der Sunna, in der Scharia Stellen finden, die uns zu einem demokratischen System ermutigen.

Von außen erscheint der Iran als ein sehr religiöses Land. Wenn man allerdings etwas genauer hinschaut, dann hat man den Eindruck, dass sich viele im Iran innerlich von der Religion abwenden. Wie religiös ist die iranische Gesellschaft noch?

Shabestari: Es kommt darauf an, was man unter Religion und Religiosität versteht. Die Religiosität der Mystiker ist etwas anderes als die Religiosität der Philosophen, die Religiosität der Philosophen ist etwas anderes als die Religiosität der Theologen. Im Großen und Ganzen bin ich nicht der Meinung, dass die Menschen nicht mehr religiös sein wollen. Es ist eine Tatsache, dass einige fliehen, weil viele im Namen der Religion schlimme Sachen erlebt haben. Aber dass dies im Iran eine große Epidemie ist, akzeptiere ich nicht. Die Religiosität verändert sich. Viele wenden sich von der traditionellen zur mystischen Art von Religiosität zu. Aber dass Religiosität im Vergleich zur Zeit vor 40 oder 50 Jahren schwach ist, sehe ich überhaupt nicht. Die Bedeutung und der Sinn von Religiosität verändern sich. Religion und Religiosität werden bei vielen Menschen mehr zur Privatsache.

Interview: Jan Kuhlmann

© Qantara.de 2012

Mohammad Mojtahed Shabestari, geb. 1936, ist einer der bedeutendsten religiösen Intellektuellen im derzeitigen Iran. Als Student gehörte er zu den Schülern Khomeinis. Ab 1970 leitete er das Shiitische Islamische Zentrum der Imam Ali Moschee in Hamburg und engagierte sich im islamisch-christlichen Dialog. 1979 kehrte er als Anhänger Khomeinis in den Iran zurück und wurde ins Parlament gewählt. Doch Shabestari zog sich bald aus der aktuellen Politik zurück. Seit 1985 lehrt er an der Teheraner Universität islamische Philosophie, vergleichende Religionswissenschaft und Theologie. Er entwickelte ein emanzipatorisches und ideologiekritisches Verständnis der Religion. Seine modernen Konzepte von Individualismus, Menschenrechten und Demokratie sind für viele muslimische Juristen, die ein zeitgemäßes islamisches Recht verfolgen, von großer Bedeutung. Nach wie vor organisiert Shabestari internationale Konferenzen zum christlich-islamischen Dialog.

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

Mehr zum Thema
Druckversion
E-Mail verschicken
Ihre Meinung zu diesem Artikel
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.

Leserkommentare zum Artikel: Warum Islam und Demokratie zusammen passen

Wenn man nach dem Prinzip einer Aufgabenverteilung geht, sind natürlich Büros oder Örtlichkeiten getrennt tätig und haben ihre Bereiche. (Ob diese Form von Bürokratismus eigentlich überhaupt nötig sei, steht auf einem anderem Blatt - das geschieht nur, wenn sich die Gläubigen nicht an die Vorgaben halten, mit denen alles zum Besten geregelt ist)
Jedoch nur unter der Obhut und Aufsicht eines Kalifen, der nach meinem Verständnis die spirituelle und weltliche Macht, die geistige Vertretung des Propheten repräsentiert.
Islam ist mit vielen Dogmen der Demonkratie nicht vereinbar. Ein Muslim, der in einem chritlichen Land lebt, das sich diese Staatsform als Leitkultur erkoren hat, muss sich jedoch diesen Regeln unterwerfen oder, bei Nichtgefallen, in sein Stammland zurückkehren und dort "vor der eigenen Türe kehren". Dies ist auch nach meiner Ansicht so durch den Glauben geregelt.
Insoferne kann jeder Muslim in einem dieser Länder leben, hat dafür jedoch diesen Preis zu bezahlen.

alln' all06.07.2012 | 08:36 Uhr