Ferhad Ahma, Mitglied des Syrischen Nationalrates und der Partei Bündnis 90/Die Grünen; Foto: Maja Hitij/dapd
Interview mit Ferhad Ahma

''Die Syrer wollen den demokratischen Wandel''

Seit einem Jahr protestieren die Syrer gegen die Regierung Assad. Ferhad Ahma, Mitglied des Syrischen Nationalrates, erläutert im Gespräch mit Kersten Knipp Ziele und Zukunftspläne der Protestbewegung.

Herr Ahma, die syrischen Bürger demonstrieren seit einem Jahr gegen die Regierung von Baschar al-Assad. Der Blutzoll, den sie in dieser Zeit gezahlt haben, ist furchtbar hoch. Können Sie trotzdem - zumindest in Teilen - auch eine positive Bilanz ziehen?

Ferhad Ahma: Ja, durchaus. Zunächst einmal geht die Revolution trotz der brutalen Reaktion des Regimes weiter. Tag für Tag finden in Syrien landesweit rund sechshundert verschiedene Protestkundgebungen statt. Die Menschen protestieren nicht nur in Homs, Idlib oder den anderen Brennpunkten, sondern auch in vielen anderen Teilen des Landes. Tausende gehen jeden Tag auf die Straße, und es werden immer mehr. Außerdem praktizieren die Bürger auch andere Formen des Protestes, etwa Streiks und Arbeitsniederlegungen. All dies zeigt, dass die syrische Bevölkerung entschlossen ist, nach 50 Jahren Diktatur nun endlich einen demokratischen Wandel herbeizuführen. Dafür ist sie bereit, einen hohen Preis zu zahlen.

Kann man also von der Entwicklung eines zivilgesellschaftlichen Bewusstseins sprechen?

Ahma: Auf jeden Fall. Koordinierungsgruppen organisieren landesweit friedliche Proteste, parallel zu den Aktivitäten der Freien Syrischen Armee. Diese Gruppen haben in weiten Teilen des Landes schon Verwaltungs- und zivilgesellschaftliche Aufgaben übernommen, für die normalerweise der Staat zuständig ist.

Beschuss Idlibs durch Armee-Einheiten Assads; Foto: dapd
Ruf nach einer militärischen Lösung des Konflikts: Die Menschen in Syrien sind schwach und können nur auf die 'Freie Syrische Armee' zählen, meint Ferhad Ahman.

​​Der aber hat sich mittlerweile aus einigen Regionen komplett zurückgezogen. In manchen Gebieten gibt es inzwischen keine staatlichen Institutionen mehr. Deshalb kümmern sich die Koordinierungsgruppen derzeit um die unterschiedlichsten Aufgaben, vom provisorischen Unterricht für die Kinder bis hin zur Müllabfuhr.

Zudem versuchen sie die Konflikte zu entschärfen, die in dieser angespannten Situation immer wieder entstehen. Sie üben eine Gesprächskultur, in der Probleme durch Diskussionen gelöst werden. Für mich ist das ein ermutigendes Zeichen, denn es zeigt, dass die Menschen trotz der langen Jahre der Diktatur in der Lage sind, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen und für ihre Gemeinden Verantwortung zu übernehmen.

Warum zieht sich der Staat aus manchen Gebieten zurück?

Ahma: Er spielt seine Macht aus. Im Grunde handelt es sich um eine Art Kollektivstrafe. Natürlich ist der Staat weiterhin in der Lage, sich militärisch durchzusetzen. Er könnte auch die zivilen Aufgaben weiterhin wahrnehmen. Aber er verweigert sie. So haben die Bürger in manchen Regionen bis zu achtzehn Stunden keinen Strom oder erhalten nur jeden vierten Tag Trinkwasser.

All dies geschieht auf Anweisung aus Damaskus. Das soll die Menschen davon abhalten, auf die Straße zu gehen und zu protestieren. Wenn sich die Bürger darüber beschweren, antworten ihnen die Behörden, dies sei die Freiheit, die sie wollten. Wenn sie Freiheit verlangten, müssten sie auch mit den Konsequenzen leben – und der Ausfall von Wasser und Strom sei Teil dieser Konsequenzen.

Zuletzt wurde viel über die Rolle der Minderheiten und ihre Haltung zu Assad spekuliert. Wie sehen Sie die politische Ausrichtung der Minderheiten.

Ahma: Als kurdischstämmiger Syrer gehöre ich ebenfalls zu einer dieser Minderheiten. Von ihnen gibt es in Syrien eine ganze Reihe. Generell muss man sagen, dass die meisten Syrer ganz unabhängig von ihrer ethnischen oder religiösen Zugehörigkeit einen demokratischen Wechsel wünschen und für notwendig erachten.

Kofi Annan im Gespräch mit Baschar al-Assad; Foto: dpa
Erfolglose Mission: Der UN-Sondergesandte Kofi Annan hat bei seinen Gesprächen mit Assad bisher noch keine Besserung der Lage in Syrien bewirken können. Das drängt die syrische Opposition zu einer Militarisierung des Konfliktes, befürchtet Ferhad Ahma.

​​Gleichzeitig bestehen die Minderheiten natürlich darauf, dass ihre Rechte im künftigen Syrien klar definiert werden. Die Minderheiten sind in dieser Hinsicht durchaus zu Recht besorgt. Denn sie sehen, dass in manchen Nachbarländern, etwa dem Irak oder der Türkei, der Umgang mit den zahlenmäßig kleinen Gruppen alles anderes als optimal ist.

Sie selbst sind im Hinblick auf die Zukunft aber durchaus optimistisch?

Ahma: Ja. Ich glaube dass wir als syrische Opposition auf einem guten Weg zu einem Konsens sind. Es finden jetzt auch Verhandlungen mit den Vertretern der Minderheiten statt. Dabei geht es darum, die Rechte der Minderheiten in der Verfassung – und nicht nur in einfachen Gesetzen – zu verankern. Die Verfassung soll ihre Rechte dann in Zukunft garantieren.

Einige arabische Länder, vor allem Saudi Arabien, fordern die Bewaffnung der Freien Syrischen Armee. Wie stehen Sie dazu?

Ahma: Nach der Mission von Kofi Annan haben wir vom Regime in Damaskus keine Signale vernommen, die darauf schließen lassen, dass es an einer politischen Lösung interessiert wäre. Herr Annan hat zwar noch nicht endgültig gesagt, dass er gescheitert ist, aber seine jüngsten Äußerungen deuten darauf hin, dass er über die Antworten aus Damaskus nicht glücklich ist. Derzeit wartet er auf ergänzende Reaktionen.

Das aber drängt die syrische Opposition, sich für andere Optionen zu entscheiden, und zwar in Richtung einer Militarisierung des Konfliktes. Dazu stellen sich natürlich Detailfragen: Wollen wir eine internationale militärische Intervention, oder sollen die Syrer das Ganze selbst in die Hand nehmen? Zu bedenken ist dabei, dass die Bürger schwach sind und nur auf die 'Freie Syrische Armee' zählen können. Doch die Bevölkerung in den Krisenregionen, in Homs und Itlib etwa, ruft immer lauter nach einer militärischen Lösung. Das kann die syrische Opposition nicht einfach ignorieren. Man kann angesichts eines Regimes, dass alle Vorschläge ablehnt, nicht auf eine friedliche oder politische Lösung setzen.

Was heißt das konkret?

Ahma: Der syrische Nationalrat hat entschieden, zunächst die endgültigen Ergebnisse der Mission von Kofi Annan abzuwarten. Sollte diese Mission scheitern, wird sich die syrische Opposition für die Bewaffnung der 'Freien Syrischen Armee' aussprechen und diese auch unzusetzen versuchen. So soll die Zivilbevölkerung zumindest punktuell geschützt werden. Das ist unsere derzeitige Position.

Gesetzt den Fall, Assad würde doch noch signalisieren, dass er zu Zugeständnissen bereit ist - wie würden Sie reagieren?

Ahma: Grundsätzlich sind wir misstrauisch. Wir wollen klare Schritte sehen. Der erste Schritt wäre, wenn Assad jetzt zurücktritt und die Macht an seinen Vize übergibt oder an eine andere Person, die das Vertrauen der Opposition genießt. Das wäre die Grundlage für einen neuen politischen Prozess. Damit blieben dem Land weitere grausame Szenarien erspart.

Interview: Kersten Knipp

© Deutsche Welle 2012

Ferhad Ahma ist Kommunalpolitiker für Bündnis 90/ Die Grünen in Berlin und Mitglied des Syrischen Nationalrats in Deutschland.

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

Mehr zum Thema
Druckversion
E-Mail verschicken
Ihre Meinung zu diesem Artikel
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.

Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

Seiten