Etel Adnan; Foto: © Norma Cole
Interview mit Etel Adnan

Arabisch-amerikanische Weltensammlerin

Sie gilt als Grande Dame der Nahost-Literatur. Etel Adnan lebt mit großer kosmopolitischer Selbstverständlichkeit. Orte, Sprachen, Kunstgenres – von klein auf bewegt sie sich in verschiedenen Welten. Nun hat die Documenta (13) die Poetin, Schriftstellerin und Malerin nach Kassel geführt. Vera Kern hat die 87-Jährige dort getroffen.

Die Documenta (13) hat Ihnen eine Retrospektive gewidmet: 87 Bilder, zwei Wandteppiche, ein Film, ein Buch. Was bedeutet Ihnen das?

Etel Adnan: Ich wünschte, die Einladung wäre 20 Jahre früher erfolgt! Gleichzeitig denke ich jedoch interessanterweise, dass der Zeitpunkt gut gewählt ist. Vielleicht hätte ich früher noch nicht das künstlerische Selbstbewusstsein gehabt für eine so bedeutsame, weltweit wahrgenommene Kunstmesse. Wenn man erfolgreich ist, hat man manchmal auch die Sorge, dem eigenen künstlerischen Niveau nicht mehr gerecht werden zu können. Und dann ist es wie eine künstlerische Weihe wenn die eigene Arbeit es wert ist, bei einer solch internationalen Ausstellung gezeigt zu werden. Natürlich träumen alle Künstler davon, einmal an der Documenta teilzunehmen. Teil dieser großen nicht-kommerziellen Ausstellung zu sein – das ist auch für mich eine große Ehre.

Anlässlich der Documenta ist von Ihnen auch ein Beitrag in der neu eingeführten Buchserie "100 Notizen, 100 Gedanken" erschienen: "Der Preis der Liebe, den wir nicht zahlen wollen." Was ist der Hintergrund zu diesem Buch?

Adnan: Die künstlerische Direktorin der Documenta Carolyn Cristov-Bakargiev bat mich, etwas über meine Kunst zu schreiben. Dazu habe ich aber bereits ein Buch veröffentlicht. Also hat sie eine kluge Strategie gewählt und mich gefragt als wäre es eine rein private Unterhaltung: Über was würdest Du denn gerne schreiben? Mich bewegt, dass so viel über Gewalt, Sex und Pornografie gesprochen wird, aber kein Mensch über die Liebe spricht. Also entschied ich mich, ein Buch über die Liebe zu schreiben. Ohne Selbstzensur. Mir ging es darum, dass sich Liebe nicht auf das Zwischenmenschliche beschränkt. Liebe ist eine Energie, die über verschiedene Kanäle läuft. Der schwierigste ist sicherlich die Liebe zu einem Menschen. Objekte gehorchen Dir – wenn Du das Malen liebst, bist Du nur mit Farbe und Leinwand konfrontiert. Eine Person bringt jedoch eigene Schwierigkeiten und Themen in die Liebe ein.

Manche Menschen fühlen sich Sprachen in besonderer Weise verbunden. Sprache ist auch ein wichtiges Leitmotiv in Ihrem Leben.

Adnan: Meine Mutter war eine Griechin aus der Türkei, aus dem heutigen Izmir. Mein Vater war ein Offizier des Osmanischen Reiches, geboren in Damaskus. Meine Eltern kommunizierten auf Türkisch miteinander, mit mir sprach meine Mutter Griechisch. Um mich herum wurde in Beirut Arabisch gesprochen, an meiner Schule Französisch. Heute ist Englisch meine Arbeitssprache.

Welche dieser Sprachen würden Sie als Ihre eigene bezeichnen?

Adnan: Ehrlich gesagt: keine davon. Ich glaube, ich habe keine eigene Sprache. Meine Verbundenheit zu einer bestimmten Sprache hängt immer davon ab, woran ich gerade arbeite, in welchem Land ich mich gerade bewege. Das ist situationsbedingt. In Griechenland habe ich ein kleines Haus gekauft, einfach nur um die griechische Sprache im Ohr zu haben, die so sehr mit Erinnerungen an meine Mutter verwoben ist. Wenn ich schreibe, schreibe ich fast ausschließlich in Englisch.

Ölgemälde auf Leinwand von Etel Adnan; Foto: Anders Sune Berg
Wanderin zwischen Kulturen, Orten, Sprachen und auch Ausdrucksformen: Als Künstlerin arbeitet Etel Adnan mit Prosa und Lyrik ebenso wie mit Malerei und Film.

​​Auch hierzu gibt es biografische Bezüge: Englisch ist für mich die Sprache der Freiheit. Ich wanderte alleine nach Amerika aus, schlug mich alleine durch, war ganz auf mich selbst gestellt. Englisch ist also etwas, das ich mir ganz alleine zu Eigen gemacht habe, ohne die Unterstützung meiner Familie. Im Englischen kann man sich frei ausdrücken. Anders als im Französischen: wenn man hier eine neue Satzkonstruktion erfindet, wird einem das als Fehler angekreidet. Und wie ich die Poesie der arabischen Sprache liebe! Wie gerne hätte ich meine Gedichte in Arabisch verfasst!

Wenn Sie es so gewohnt sind, von klein auf zwischen Sprachen hin- und herzupendeln und später dann zwischen Orten - Beirut, Paris, Kalifornien – fühlen Sie sich durch dieses kosmopolitische Selbstverständnis wie eine Weltbürgerin?

Adnan: Ich weiß es nicht. Die Idee des Weltbürgertums wird zwar immer relevanter, all diese Entwicklungen haben jedoch ihren Preis. Schauen Sie sich nur die internationale Kunstszene an. Wenn ich nicht sagen würde, dass ich Libanesin oder Kalifornierin bin, wüssten Sie dann woher meine Bilder stammen? Jeder Zugewinn ist gleichzeitig ein Verlust. Globalisierung hat immer zwei Seiten.

Welchen Einfluss hat Ihr multikultureller Hintergrund auf Ihr Werk?

Adnan: Wenn man einen solch multikulturellen Hintergrund hat – was in Zukunft wohl immer normaler sein wird – wo bleibt da die Identität? Das frage ich mich oft. Identität ist ein Mix aus verschiedenen Dingen, eine Mischung aus Erinnerungen an die Herkunft, die Familie und an das eigene Leben. Doch letztlich entscheiden wir selbst, wie wir leben wollen. Ich hätte beschließen können, meine Herkunft zu verleugnen und Amerikanerin zu sein. Oder ich hätte entscheiden können, Amerika abzulehnen und eine Araberin zu sein. Aber ich stelle mir solche Fragen der nationalen Zughörigkeit eigentlich nicht allzu häufig. Identität ist wie ein Baum, der mal glücklich sprießt, mal Blätter verliert. Es ist ein sich ständig wandelnder Prozess.

"Beirut klebt an mir wie heißes Wachs" heißt es im Vorwort eines Ihrer Bücher. Ist Beirut nach all den Jahren im Exil noch immer Ihre Heimat?

Adnan: Beirut wird zu meiner Heimat, wenn es Probleme hat. Es ist nicht mein einziges Zuhause. Ich habe inzwischen mehr Zeit in Kalifornien als in Beirut verbracht. Ich bin ziemlich amerikanisch sozialisiert und im französischen Schulsystem groß geworden. Doch wenn ich in der Zeitung vom Bürgerkrieg im Libanon oder den Unruhen in Syrien lese, dann identifiziere ich mich mit der Region. Die Politik erlaubt uns nicht, unsere Wurzeln zu vergessen oder einfach zu verdrängen, woher wir kommen.

Raum mit Werken von Etel Adnan auf der Documenta (13); Foto: Anders Sune Berg
Kunst und politisches Denken: In Etel Adnans Werken geht es um eine geschärfte Wahrnehmung von Alltagssituationen, Gegenständen, Emotionen, Orten oder Menschen. Der Bezug zum Zeitgeschehen spielt dabei stets eine Rolle.

​​Offen gesprochen: ich fühle mich gut aufgehoben in der Welt. Besonders verbunden fühle ich mich jedoch Beirut und Nordkalifornien. Das sind die Orte, an denen ich zu Hause bin. Wunderschöne Orte. Beirut war einst schön. Heute zerstören die Stadtplaner jedoch mit den neuen Betonklötzen die Schönheit der Stadt, mehr noch als der Krieg.

Beirut und Nordkalifornien als Wahlheimatorte – bezeichnen Sie sich deshalb auch als arabisch-amerikanische Künstlerin?

Adnan: Ich bin zwar durchaus eine arabisch-amerikanische Künstlerin. Ich nenne mich aber selbst nicht so. Doch Amerika funktioniert mit diesem Konzept der Herkunftszuschreibungen. Schwarzamerikaner, Hispanoamerikaner – ich akzeptiere das. Dennoch fühle ich mich auch in Europa wohl. Ich schätze insbesondere die Kreativität in Europa.

Oft haben Krisen Ihre Kreativität angeregt. Der Algerienkrieg, der Vietnamkrieg, der Krieg im Libanon – weltpolitische Ereignisse, die in Ihr Werk einfließen. Wie läuft bei Ihnen der künstlerische Schaffensprozess ab?

Adnan: Ich reagiere einfach auf das, was in der Welt oder in meiner direkten Umgebung passiert. Ich überlege mir nicht vorher mit welchem Sujet ich mich auseinander setzen könnte. Keine meiner Arbeiten war vorher konzeptionell geplant. Das sind alles Zufallsprodukte, die sich aus der der jeweiligen Situation heraus ergeben haben.

Wie schätzen Sie die jüngeren Entwicklungen in der arabischen Welt ein?

Adnan: Die gesamte arabische Welt war in den Händen extrem korrupter autoritärer Regime. Die verschwinden nicht einfach so, sie sind strukturell verankert. Auch durch die Unterstützung aus dem Ausland. Das Problem ist also ein doppeltes: jedes Land hat seine nationalen Schwierigkeiten und sieht sich zudem dem Einfluss von Weltmächten augesetzt. Zum Beispiel Syrien: Die Regierung ist schon seit mehr als 40 Jahren korrupt. Es war bereits im Begriff, besser zu werden. Dort ist nun eine Revolution im Gange, doch das Regime verweigert sich vehement jeglichen Reformen. Und China und Russland helfen dem syrischen Regime. Die arme syrische Bevölkerung kann zwar gegen ihre eigene Regierung aufbegehren, aber nicht so leicht gegen China und Russland. Die arabischen Länder sind also weder frei von ihren eigenen Regierungen, noch vom Rest der Welt. Eine tragische Situation.

Betrachten Sie die Ereignisse dann eher mit der Distanz einer Außenstehenden?

Adnan: Nein. Ich stehe den Entwicklungen sehr nahe. Wie ich bereits sagte, ich bin in den USA und in Europa glücklich. Wenn ich jedoch all diese Krisen beobachte, fühle ich mich unmittelbar betroffen. Ich kann mich nicht einfach davon loslösen. Manchmal würde ich das gerne, doch dann brechen die Schlagzeilen und die Geschichte über mir herein und es bricht mir das Herz. Ägypten zum Beispiel – welch wunderbare Revolution! Und jetzt will das Militär partout nicht von der Macht ablassen. Wer steht hinter dem Militär? Wir wissen nicht wirklich, welche ausländischen Regierungen dort ihre Hände im Spiel haben. Was kann die Bevölkerung also noch tun? Sie haben doch bereits ihr Bestes geben. Es bricht mir das Herz, das zu beobachten.

Interview: Vera Kern

© Qantara.de 2012

Etel Adnan wurde 1925 als Tochter einer christlichen Griechin aus Smyrna und eines muslimischen Syrers in Beirut geboren. Als Folge des französischen Kolonialismus konnte sie kein Arabisch an der Schule lernen. Später studierte sie Philosophie in Paris, Harvard und Berkeley und lehrte in Kalifornien. Heute lebt die Künstlerin in Paris, Beirut und im kalifornischen Sausalito.

Redaktion: Arian Fariborz/ Qantara.de

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