Ilhan Ilkilic, Foto: © DW
Interview mit dem Medizinethiker Ilhan Ilkilic

Im interkulturellen Dialog an den Grenzen des Lebens

Der türkischstämmige Arzt und Islamwissenschaftler Ilhan Ilkilic ist der erste Muslim im Deutschen Ethikrat. Der Medizinethiker begreift seine neue Aufgabe auch als Chance, den moralischen Einstellungen der muslimischen Bevölkerung in Deutschland mehr Gehör zu verschaffen. Mit ihm sprach Julie Schwannecke.

Sie wurden im April 2012 vom Bundepräsidenten als erster Muslim in den Deutschen Ethikrat einberufen. Wie kam es dazu?

Ilkilic: Ich wurde zunächst gefragt, ob ich bereit wäre, diese Aufgabe zu übernehmen. Außer mir gab es noch weitere Kandidaten, aber am Ende wurde ich berufen. Ich gehe davon aus, dass meine wissenschaftlichen und auch kulturellen Kompetenzen ausschlaggebend für diese Entscheidung waren.

Worin bestehen Ihre Aufgaben als Mitglied des Ethikrats?

Ilkilic: Ich sehe meine Aufgaben darin, die Wertvorstellungen der hier in Deutschland lebenden Muslime in Bezug auf spezifische Themenbereiche (wie Beschneidung, künstliche Befruchtung, Schwangerschaftsabbruch) in die Diskussion einzubringen und zu konkretisieren.

Dabei muss man natürlich beachten, dass die in Deutschland lebenden Muslime keine homogene Gruppe bilden. Insofern wird diese Heterogenität bei der Konkretisierung von verschiedenen Argumentationslagern berücksichtigt.

Können Sie uns einen konkreten Fall für eine muslimische Perspektive nennen?

Ilkilic: Ganz konkret hatten wir eine Debatte zum Thema "Beschneidung". In den Diskussionen habe ich zum Beispiel nicht nur die religiös-theologischen Gegebenheiten, Argumente oder Meinungen zum Thema dargestellt, sondern ebenso die unterschiedlichen Wahrnehmungsformen der in Deutschland lebenden Muslime.

Vor allem wenn es um gesellschaftliche Diskussionen geht, denke ich, dass es nicht ausreicht, wenn man nur die theologischen Positionen problematisiert, sondern auch die Wahrnehmungs- und Verständigungsformen der hierzulande lebenden Menschen zum Ausdruck bringt.

Konferenz des Deutschen Ethikrats, Foto: © Deutscher Ethikrat
Kontroverse Debatten als Spiegelbild gesellschaftlicher Realitäten: In den Konferenzen des Deutschen Ethikrats diskutieren Experten aus verschiedenen Spezialgebieten sensible Themen, wie etwa die Beschneidung von jungen Muslimen oder Juden, Schwangerschaftsabbruch oder künstliche Befruchtung.

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Was war aus Ihrer Sicht für die Muslime entscheidend in der Beschneidungsdebatte?

Ilkilic: Entscheidend war, dass sich viele Muslime in der Ausübung ihrer Religionspraxis begrenzt sehen; und es ist wichtig, solche soziologischen Aspekte in die Diskussion einzubeziehen.

Wie kann man sich die Zusammenarbeit innerhalb des Ethikrates vorstellen? Streben alle Mitglieder von vornherein einen Konsens an?

Ilkilic: Ich kann mich kaum erinnern, dass im Ethikrat bei einer Frage je ein absoluter Konsens geherrscht hat. Wie Sie sicher wissen, sind in dem Rat Menschen mit unterschiedlichen Fachrichtungen, politischen Positionen und Religionszugehörigkeiten vertreten. Insofern ist es immer schwierig, einen Konsens zu erreichen.

Dennoch ist der gegenseitige Austausch von Argumenten und Positionen selbstverständlich möglich. Und manchmal gelingt es - wie etwa in der Beschneidungsdebatte -, einen Kompromiss zu schließen. Wenn dies nicht gelingt, gibt es ein Sondervotum, das jenen Personen, die sich in der Minderheitsposition befinden, erlaubt, ihre Sichtweise zum Ausdruck zu bringen.

Welchen polarisierenden Effekt hatte Ihrer Meinung nach die Beschneidungsdebatte in Deutschland?

Ilkilic: Zunächst war für mich interessant festzustellen, dass sowohl in unserer internen als auch in der gesellschaftlichen Debatte, aneinander vorbeidiskutiert wurde. Plötzlich bildeten sich zwei extreme Positionen heraus: auf der einen Seite diejenigen, die die anderen als "Nazis" beschimpften und auf der anderen Seite diejenigen, die Muslime als "nicht aufgeklärte Barbaren" hinstellten.

Ich lehne beide extremen Positionen ab und bin der Meinung, dass sie der Diskussion nicht dienen, weil die weder sachlich noch inhaltlich begründet sind.

Junger Muslim im traditionalen Gewand vor seiner Beschneidung, Foto: ©AP
"Muslime sehen die Praxis der Beschneidung als Bestandteil ihrer islamischen Identität an. Ein Verbot dieses Rituals wird meist als Einengung der religiösen Freiheit angesehen", meint Ilkilic.

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Ich glaube schon, dass wir zum Thema Beschneidung eine angemessene Diskussion innerhalb des Ethikrats geführt haben. Ich kann beide Positionen und deren Argumentationsweisen gut verstehen. Das heißt, ich kann nachvollziehen, dass im juristischen Sinne Knabenbeschneidung als eine Verletzung der körperlichen Integrität verstanden wird, weil dafür weder eine medizinische Indikation existiert noch eine Einwilligung einer erwachsenen Person vorliegt.

Auf der anderen Seite sehen die Muslime diese Religionspraxis als Teil ihrer Identität an, und ein Verbot wird meist als Einengung ihrer religiösen Freiheit empfunden. Damit ein Konsens möglich ist, ist es in der Debatte deshalb wichtig, dass die verschiedenen Positionen von einer gewissen gegenseitigen Offenheit zeugen; und insofern habe ich dann versucht, in dieser Debatte zu vermitteln.

Welche eigene Position beziehen Sie in der Beschneidungsdebatte aus?

Ilkilic: Meiner Auffassung nach hat Religionsfreiheit ein höheres Gewicht als die Verletzung der körperlichen Integrität, weil durch den Eingriff keine Funktionsstörung des Organs entsteht, wenn dieser sach- und fachgerecht durchgeführt wird. Außerdem ist der Druck für die Muslime bei einem Verbot sehr groß, da Beschneidung für sie ein wichtiges Ritual darstellt.

Auf der anderen Seite habe ich argumentiert, dass die Muslime diese Problematik untereinander, ohne Druck von außen diskutieren und sich damit auseinandersetzen sollen. Aber wenn von vornherein diese Druck- und Verbotshaltung herrscht, dann ist es selbstverständlich, dass man auch eine konträre Position bezieht.

Wenn wir auf den islamischen Raum blicken, gibt es dort denn ähnliche Institutionen, die sich mit den Fragen der Bioethik beschäftigen?

Iilkilic: Es gibt verschiedene Institutionen in der islamischen Welt, z.B. in Saudi-Arabien, die Fatwas zu bestimmten ethischen Problematiken aussprechen. In der Türkei gibt es das Institut für religiöse Angelegenheiten in Ankara, das auf Anfrage Fatwas zu bestimmten Themen wie zur Organtransplantation oder zum Schwangerschaftsabbruch veröffentlicht.

Ein Rabbiner verfolgt Debatte über die juristische Zulassung von rituellen Beschneidungen im Bundestag, Foto: dapd
Toleranz und Weltoffenheit: Der Islamwissenschaftler Ilhan Ilkilic hält die Resolution des Bundestages vom vergangenen Dezember zur Zulassung von Beschneidung für ein wichtiges Signal für die Einbindung verschiedenster Kulturen und Religionen in Deutschland.

​​Die Frage ist jedoch, inwieweit diese Fatwas für die Muslime relevant sind. Denn zu einer bestimmten Frage gibt es in der islamischen Welt unterschiedliche Antworten. Außerdem kann eine Fatwa nicht als einzige von Gott gewollte Entscheidung verstanden werden. Der betroffene Muslim muss sich mit dieser Entscheidung auseinandersetzen und dann eine eigene Gewissensentscheidung treffen.

Ich plädiere in solchen Situationen deshalb nicht nur für eine medizinische, sondern auch für eine theologische Aufklärung des Patienten. So gibt es beispielsweise während des Fastenmonats Ramadan Situationen, wo bestimmte Medikamente nicht eingenommen werden.

Es gibt genug muslimische Patienten, die nicht wissen, dass sie nicht fasten brauchen, wenn dies ihre Gesundheit beeinträchtigt. Wenn man das nicht weiß, dann praktiziert man auch die eigene Religion anders.

Gab es in Ihrem beruflichen Alltag als Arzt bereits Situationen, in denen sich ein Patient von seinen religiösen Pflichten überfordert gefühlt hat? Was haben Sie in einem solchen Fall getan?

Ilkilic: Ja, bei uns in Mainz hatten wir einen solchen Fall: Es ging um Palliative Sedierung auf der Palliativstation (Es handelt sich hierbei um die Einnahme stark beruhigender Medikamente bei todkranken Patienten/Anmerkung der Redaktion). Dem Patienten war nicht klar, welche Stellung seine Religion zu dieser medizinische Maßnahmeeinnimmt. Daher wollte er darüber mit einem Imam sprechen. Wir organisierten diesen Imam und nach dieser medizinischen und theologischen Unterrichtung traf der Patient dann seine individuelle Entscheidung.

Als Medizinethiker vertrete ich die Meinung, dass dieser Wunsch nach einem Gespräch mit einem Imam immer vom Patienten oder seinen Angehörigen selbst kommen muss. Für mich ist es sicherlich die falsche Strategie, wenn man von außen kommt, nach dem Motto: "Du bist Muslim und mit dieser Situation theologisch überfordert. Deshalb bestellen wir sofort einen Imam!"

Existiert in Deutschland eine seelsorgerische Versorgung für die hier lebenden Muslime?

Ilkilic: Eine professionelle seelsorgerische Tätigkeit für Muslime in flächendeckender Form gibt es in Deutschland derzeit noch nicht. Hier und da gibt es bereits einige Projekte an medizinischen Fakultäten der Universitäten, wo ehrenamtliche Mitarbeiter in bestimmten Kursen ausgebildet werden können, was jedoch nicht mit der professionellen Ausbildung für Krankenseelsorge im Christentum vergleichbar ist. Wir stellen in der Praxis fest, dass die Nachfrage danach groß ist, aber leider reichen derzeit Infrastruktur und entsprechende Projekte noch nicht aus, um den Bedarf wirklich zu decken.

Interview: Julie Schwannecke

Ilhan Ilkilic ist türkischstämmiger Arzt und Islamwissenschaftler, Mitglied im Deutschen Ethikrat und seit Dezember 2012 an der Medizinischen Fakultät der Universität Istanbul tätig.

© Qantara.de 2013

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Leserkommentare zum Artikel: Im interkulturellen Dialog an den Grenzen des Lebens

Ach Herr Ilkilic, was ist an unserem bisher immer und stets geltenen Rechtsgrundsatz "Religionsfreiheit hört dort auf, wo in die körperliche Unversehrtheit eines Dritten eingewirkt wird" so schwer zu verstehen?

David Zhan28.06.2013 | 10:54 Uhr