Amos Oz, israelischer Schriftsteller und Mitbegründer der politischen Bewegung Peace Now, Foto: Vittorio Zunino Celotto/Getty Images
Interview mit Amos Oz

''Ich liebe Israel selbst in Zeiten, wenn ich es nicht mag''

Israels großer Literat Amos Oz über sein Leben im Kibbuz, den politischen Einfluss der Siedlerbewegung und die Perspektiven für eine Zwei-Staaten-Lösung im Nahostkonflikt. Inge Günther hat sich mit ihm in Tel Aviv unterhalten.

Sehnen Sie sich heute noch nach dem Kibbuz?

Amos Oz: In gewissen Momenten schon. Meine Familie und ich haben den Kibbuz Hulda vor 25 Jahren verlassen. Aber in meine Träume kehrt er noch immer zurück.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Oz: Sechs Uhr morgens an einem Werktag im Speisesaal: Alle sind da, um eine erste Tasse Kaffee zu bekommen, bevor es auf die Felder geht. Der Mann, der für die Morgenzeitungen zuständig ist, verteilt die Blätter. Die Leute trinken ihren Kaffee, schauen in die Zeitungen und diskutieren über Politik um sechs Uhr in der Frühe. Das ist ein Moment, den ich vermisse.

Einige Personen in Ihrem neuen Erzählband "Unter Freunden" tun sich eher schwer mit dem Kibbuz-Leben und passen als Individuen nicht ganz ins Kollektiv. Die Figur Roni Schindlin rastet sogar aus, nachdem sein kleiner Sohn weinend aus dem Kinderhaus wegläuft.

Oz: Der Sohn wird von anderen Jungen missbraucht und der wütende Vater vergisst seine Prinzipien, läuft zum Kinderhaus und schlägt das falsche Kind. Mich interessieren die außergewöhnlichen, nicht die normalen Leute.

Der israelische Autor Amos Oz (l) pflückt am 30.10.2002 im Dorf Akrabe (Westjordanland) gemeinsam mit palästinensischen Frauen Oliven; Foto: picture-alliance/dpa
Symbolische Solidarität mit den Palästinensern: Der israelische Autor Amos Oz (l) pflückt am 30.10.2002 im Dorf Akrabe (Westjordanland) gemeinsam mit palästinensischen Frauen Oliven.

​​Tolstoi sagt im Einstieg zu "Anna Karenina", dass alle glücklichen Familien einander ähneln, aber dass jede unglückliche Familie auf eigene Weise unglücklich ist. Ich schreibe über die Außenseiter, die Einsamen. Das Glück braucht mich nicht, um über es Geschichten zu erzählen.

Der Kibbuz war nie eine Idylle?

Oz: Die Kibbuz-Bewegung ist einem übergroßen Traum entsprungen, anspruchsvoller als alle anderen revolutionären Bewegungen des 20. Jahrhunderts. Die Gründer hofften, nicht nur das soziale System, die Klassengesellschaft zu verändern. Sie wollten die menschliche Natur revolutionieren.

Sie glaubten, wenn sie eine Gemeinschaft schaffen, wo jeder das Gleiche isst, sich gleich kleidet, gleichermaßen Arbeit verrichtet und den gleichen Lebensstandard teilt, dass dann Selbstsucht und Egoismus verschwinden und ein neuer Mensch entsteht. Das hat sich als falscher Gedanke erwiesen. Als sich die Ideale nicht erfüllten, kamen interne Konflikte und Reibereien auf, verursacht auch durch die enge Nähe zueinander. Es gab Missverständnisse, böses Blut und Gerede.

Dabei hat die Kibbuz-Bewegung Menschen weltweit inspiriert – nicht nur Sozialisten, sondern auch die alternative Szene.

Oz: Unter den revolutionären Konzepten war die Kibbuz-Revolution die einzige, die ohne Erschießungskommandos, Gulags oder Konzentrationslager auskam. Im Kibbuz gab es nicht mal Polizisten. Der Kibbuz war am Ende nicht erfolgreich, aber er hat auch nicht versagt.

Buchcover Amos Oz: Unter Freunden, Suhrkamp-Verlag
Elementare Kräfte menschlicher Existenz: In seinem neuen Erzählband "Unter Freunden" knüpft Amos Oz an seine großen Erfolge an und kehrt zu seinen Wurzeln zurück, zu der Zeit, die ihn am meisten inspiriert hat: seine Kibbuz-Jahre.

​​Denken Sie an den Schuhmacher in der letzten Erzählung. Er ist ein Idealist, Internationalist und Pazifist, ein Weltreformer bis zum letzten Atemzug. Er hat keine Frau, keinen Familie, niemanden. In einer großen Stadt würde er sterben wie ein Hund, im Kibbuz aber führt er ein beschütztes Leben.

Doch die menschliche Natur verändert sich eben nicht. Auch in der Liebe hat sich seit den Tagen von König Salomon bis heute nichts geändert – höchstens die Zigarette danach, sonst nichts.

Wie real sind die Charaktere in dem Buch?

Oz: Als es in Israel erschien, haben alle in meinem alten Kibbuz Hulda schnell nachgeschaut, ob sie sich oder andere Bewohner darin erkennen. Sie haben niemanden entdeckt. Ein Kibbuz-Nachbar hat mir mal erzählt, er kämme sich immer die Haare, ehe er an meinem Studierzimmer vorbeilaufe, damit er nicht ungekämmt in einer Geschichte vorkomme. Die Figuren im Buch sind erfunden, basieren aber auf meinen Erfahrungen.

Es war eine kleine Welt von 500 Leuten: Männer, Frauen, Kinder, Alte. Ich kannte sie alle. Ich wusste, wer was hinter wessen Rücken macht. Sie wussten ebenso alles über mich, was nur gerecht ist. In Tel Aviv, Berlin oder Köln wäre das unmöglich.

Haben Sie es genossen, beim Schreiben in Erinnerungen aus dem Kibbuz einzutauchen?

Oz: Jeder Autor zehrt von der Erinnerung. Schriftsteller sind verrückte Kreaturen. Ihr Hals und Kopf sind rückwärts gerichtet, eine Art Monster. Aber natürlich erfinden sie auch viel. Literatur ist eine Kombination aus Erfahrung, Erinnerung, Vorstellungsvermögen, Phantasie, Traum, Spekulation – von allem etwas.

In Israels frühen Jahren standen die Kibbuzim im Zentrum der Gesellschaft. Inzwischen ist ihre Bedeutung marginal. Erinnert Sie noch etwas in der heutigen israelischen Gesellschaft an den Kibbuz?

Oz: Oh ja! Es gibt noch immer ein mächtiges "Kibbuz-Gen", abzulesen am Hang der Israelis zu Anarchismus, Streit- und Diskussionslust, diesem "Niemand-soll-mir sagen-was-zu-tun-ist". Jeder weiß es besser, jeder ist sozial gleich. Das alles kommt vom Kibbuz.

Israelische Aktivisten der Friedensbewegung Peace Now demonstrieren gegen den Siedlungsbau in der Westbank; Foto: dpa
Hoffen auf ein Ende der Gewalt und eine Zwei-Staaten-Lösung: "Wenn Amos Oz sich etwas wünscht, dann vor allem einen nachhaltigen Frieden im Nahen Osten. Aber weil das Wünschen allein nichts nützt, mischt Oz, Vorkämpfer der israelischen Linksintellektuellen, sich politisch ein", schreibt Günther.

​​Eine kleine Anekdote: Stanley Fischer, Direktor der "Israel-Bank", wollte mit seiner Frau eine Woche Urlaub in Zypern machen. Und so steht der Israel-Bankdirektor nach der Landung um ein Uhr morgens an der Gepäckausgabe und wartet auf seinen Koffer, als ihn ein israelischer Passagier anspricht. "Entschuldigung, aber sind Sie nicht der Bankdirektor? Dann möchte ich Sie fragen, ob es günstiger ist, mein Geld hier am Flughafen zu tauschen oder lieber morgen in der Stadt." Einem deutschen Bankdirektor wäre das garantiert nicht passiert.

Ist das Chuzpe?

Oz: Chuzpe trifft die Sache nicht ganz. Der Mann war ja nur direkt und sah den Bankdirektor als Gleichgestellten. Das ist das "Kibbuz-Gen". Ich mag es sehr. Erlauben Sie mir ein Geständnis: Ich liebe Israel selbst in Zeiten, wenn ich es nicht mag. Sollte ich je auf der Straße kollabieren, würde ich vorziehen, das nirgendwo anders als in Israel zu tun. Weil hier die Passanten sich sofort um mich kümmern würden.

Früher galten die Kibbuzniks als Israels stolze Pioniere. Heute gebärden sich die Siedler im Westjordanland so. Schmerzt Sie das?

Oz: Der Unterschied zwischen Kibbuzniks und Siedlern ist wie Tag und Nacht. Die Kibbuzniks haben sich mit Absicht in abgeschiedener Wildheit niedergelassen, wo es keine andere Bevölkerung gab. Das Gegenteil unternehmen die Siedler. Sie zielen darauf ab, den Palästinensern das Land wegzunehmen.

Der politische Einfluss der Siedlerlobby ist enorm, ähnlich dem, wie ihn die Kibbuz-Bewegung besaß. Was macht die Siedler zu einer solch dynamischen Kraft?

Oz: Sie sind in unserem politischen System überrepräsentiert, weil sie ständig Druck machen. Aber sie sind eine Minderheit. Die Fanatiker haben die jüngsten Wahlen verloren. Die Koalition der Siedler, Ultraorthodoxen und Russen hat ausgedient. Die nächste Regierung wird eine der Rechten und der Mitte sein, statt einer Regierung der Rechten und Ultrarechten. Das ist nicht mein Ideal, aber eine Verbesserung.

Ein Schritt zur Rückkehr der politischen Vernunft?

Oz: Wenn man die Israelis fragt, was wird sein, sagen 70 Prozent, am Ende laufe es auf eine Zwei-Staaten-Lösung hinaus. Die breite jüdische Mehrheit hat der Westbank "good-bye" gesagt.

Sie haben Premier Benjamin Netanjahu einen Feigling genannt. Trauen Sie ihm zu, sich mit den Siedlern anzulegen?

Oz: Ich bin mir nicht sicher. Aber Netanjahu hat derzeit mehr Angst vor der Weltmeinung als vor den Siedlern. Seine Feigheit könnte in beiden Richtungen funktionieren.

Interview: Inge Günther

Der 73-jährige Amos Oz ist Autor von internationalem Rang, der bereits mit Auszeichnungen überhäuft wurde, darunter der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Oz gilt als Vorkämpfer der israelischen Linksintellektuellen, der sich vor allem für eine Friedenslösung im Nahostkonflikt einsetzt. Amos Oz' Erzählband "Unter Freunden" erschien jüngst im Suhrkamp-Verlag.

© Qantara.de 2013

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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