Frühstück in der Nacht und viel Süßes - Wie Kinder und Jugendliche den Ramadan erleben

28.05.2018

Der islamische Fastenmonat Ramadan ist für Muslime eine Zeit der Entbehrungen - und der nächtlichen Festmahle. In einer Wormser Moscheegemeinde trifft sich auch die Jugendgruppe nahezu jeden Abend. Von Karsten Packeiser

In diesen kommenden Wochen werden die Schulfreunde von Batuhan nur dann in ihre Pausenbrote beißen, wenn er gerade nicht daneben steht. Das findet der Elfjährige sehr anständig von seinen Klassenkameraden, denn er selbst fastet, zumindest an manchen Tagen in der Woche. Auch an die neugierigen Fragen in der Schule hat sich der Fünftklässler aus dem rheinland-pfälzischen Worms schon gewöhnt: «Die wollen immer wissen, ob ich das schaffe, und dann sage ich: ja.»

Während des islamischen Fastenmonats Ramadan, der am 15. Juni endet, sollen gläubige Muslime zwischen Morgendämmerung und Sonnenuntergang nichts essen und trinken. Die Vorschrift gilt nicht für Kinder, sondern erst ab Eintritt der Pubertät. Aber auch viele muslimische Jungen und Mädchen beteiligen sich - zumindest teilweise - am Fasten.

Denn das Familienleben läuft während des Ramadan nach ganz eigenen Regeln: In einem Gewerbegebiet im Osten von Worms, nahe am Rheinufer, herrscht in diesen Wochen jeden Abend Hochbetrieb. Kurz vor neun Uhr abends gibt es kaum noch Parkplätze in der Umgebung. Mehrere hundert Menschen aus der ganzen Stadt kommen zum Fastenbrechen in die türkische Veysel-Karani-Moschee.

Auch Batuhan und viele andere Kinder und Jugendliche der hiesigen Jugendgruppe treffen sich nun nahezu täglich hier. Manche haben seit der vergangenen Nacht nichts mehr gegessen. Der Berufsfachschüler Oguzhan hatte sich den Wecker auf zwei Uhr morgens gestellt, um mit seiner Familie zusammen zu frühstücken. Anschließend seien alle noch einmal für einige Stunden schlafen gegangen, bevor Schul- und Arbeitsalltag begannen.

«Am Anfang ist es schwer», erzählt er, «im Laufe des Tages vergesse ich, dass ich faste und erinnere mich erst wieder daran, wenn ich schon eine Erdbeere in der Hand halte.» Mittlerweile weiß er, dass es im Ramadan um mehr geht als hungrig zu sein. Man solle auch mit sich selbst ins Reine kommen: «Wir versuchen, uns zu ändern - nicht zu lügen zum Beispiel und nicht über andere zu lästern.»

Viele muslimische Familien bemühen sich, im Fastenmonat besonders viel Zeit miteinander zu verbringen und besonders nett zueinander zu sein. Deshalb mögen auch Kinder den Fastenmonat, sagt Yasemin Dindas, ehrenamtliche Helferin in der Wormser Jugendgruppe. Sie erzählt, dass ihre Eltern ihr im Ramadan immer mehr erlaubt hätten als zu anderen Zeiten. Und wenn sie tagsüber doch einmal «in die Chips reingegriffen habe», habe es nie Ärger gegeben.

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte sieht das Ramadan-Fasten hingegen kritisch. Er appelliert an muslimische Eltern, ihren Kindern trotz des Fastengebots tagsüber ausreichend zu trinken zu geben. Die meisten aus der Wormser Jugendgruppe sind langsam in die Tradition hineingewachsen und haben nicht in einem bestimmten Moment beschlossen, die Regeln für den Ramadan zu beachten.

Die 15-jährige Melisa fing bereits mit sieben an, zusammen mit den Großen zu fasten - aber anfangs nur manchmal am Wochenende oder einen halben Tag lang. Abends noch die letzten Momente abwarten zu müssen, «wenn man das ganze Essen schon sieht» - das findet sie am schwierigsten. «Wenn ich großen Hunger bekomme, sagt meine Mutter: Denk an die armen Leute, die gar nichts zu essen haben», beschreibt der zwölf Jahre alte Salih, wie seine Eltern ihn manchmal zum Durchhalten animieren. «Dann denke ich, ok, zwei Stunden schaffst du jetzt auch noch.»

Die Wormser Moscheegemeinde betreibt einen riesigen Aufwand, um abends alle Mitglieder für die Entbehrungen des Tages zu entschädigen und satt zu bekommen. Sie hat für das tägliche Fastenbrechen im Ramadan extra einen türkischen Koch eingestellt, der schon morgens damit beginnt, 500 Portionen für den Abend zuzubereiten. Reihum helfen die Familien aus der Gemeinde bei der Essensausgabe.

«Eigentlich kennt hier jeder jeden», sagt Melisa. Sie hatte am Abend zuvor selbst mitgeholfen, Baklava - süßes türkisches Blätterteig-Gebäck - auf die Teller zu verteilen. Überhaupt gibt es im Fastenmonat abends viel Süßes zu essen. Vor der Wormser Moschee steht sogar ein Jahrmarkt-Kiosk voller Süßigkeiten, an den die Kinder abends ihr Taschengeld tragen können. «Ramadan-Hüttchen» nennen sie den Verkaufsstand.

Einige Jugendlichen, vor allem die jüngeren, machen täglich nach der Schule einen Mittagsschlaf. Denn müder als sonst sind sie schon, wenn sie heimkommen. Die meisten in der Wormser Jugendgruppe versichern aber, mit dem ungewöhnlichen Tagesrhythmus klarzukommen.

Batuhan muss sich trotzdem manchmal zwischen Sporttraining und Ramadan entscheiden. Denn er hat sich festgelegt: Er fastet nicht an Tagen, an denen er zum Fußballplatz geht. Wenn er aber fastet, lässt er sich nicht bei Spielen aufstellen. «Manchmal», räumt er ein, «ist mir der Fußball wichtiger.» (epd)

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