Saudische Frauen, die zu den ersten weiblichen Juristinnen in Saudi-Arabien gehören, mit ihren Professorinnen am Dar al-Hikma College; Foto: picture-alliance/dpa
Frauen in Saudi-Arabien

Die saudische Revolution ist weiblich

Die bolivianisch-deutsche Journalistin Gabriela Keseberg Dávalos berichtet von ihrer Reise ins abgeschottete und patriarchalische Saudi-Arabien, wo eine neue Generation von selbstbewussten Frauen heranwächst und eine andere Form von Umbruch möglich scheint.

Zum aller ersten Mal ist es diesen Sommer Frauen aus Saudi Arabien erlaubt, an den Olympischen Spielen teilzunehmen. Die Tatsache, dass dieses Thema im 21. Jahrhundert überhaupt noch Gegenstand einer Debatte ist, zeigt nur einmal mehr, wie abgeschottet das Königreich am Golf sich bisher gibt. Tatsächlich hatte ich, bis ich vor kurzem mit einem Stipendium der Allianz der Zivilisationen (UNAOC) in das Land gereist bin, nie etwas Gutes über diesen Ort gehört. Nichts, Niente, Nada. Unterdrückte Frauen, grausige Enthauptungen, Verletzungen der Menschenrechte: was auch immer.

Der Umstand, dass einem unserer Begleiter das Visum verweigert wurde und wir uns in Amman von ihm verabschieden mussten, hat meine Meinung auch nicht unbedingt verbessert. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, mussten die Frauen aus unserer Gruppe den ersten Abend "eingeschlossen" im Hotel verbringen, da wir keine schwarzen Abayas hatten, um uns damit von Kopf bis Fuß zu bedecken. Überflüssig zu erwähnen, dass wir nach diesem grandiosen Start unserem Aufenthalt nicht gerade erfreut entgegensahen.

Dann jedoch wendete sich das Blatt um 180 Grad. Nicht nur weil wir, die Frauen der Gruppe, endlich Abayas hatten und unseren "goldenen Käfig" verlassen konnten. Der Grund war vor allem, dass wir das Glück hatten, das Dar al-Hikma College für Frauen zu besuchen. Dar al-Hikma bedeutet "Haus der Weisheit" und das ist genau das, was wir vorfanden. Wir trafen auf beeindruckende Studentinnen und deren weibliche Professorinnen, welche uns die Philosophie des Colleges erklärten und uns einige außergewöhnliche junge Frauen vorstellten.

Stereotype fehl am Platz

Eine verschleierte Frau in Saudi Arabien; Foto: picture-alliance/dpa
Vor ihrer Reise nach Saudi Arabien beschränkten sich die Vorstellungen der Autorin von dem Land auf Unterdrückung, Grausamkeit und Menschenrechtsverletzungen. Einmal angekommen, traf sie jedoch auf viele selbstbewusste Frauen, von denen, wie sie sagt, der Westen noch etwas lernen könne.

​​An der Schule hilft man den Frauen, selbstbewusst mit ihrem Wissen, ihrem kulturellen Hintergrund und ihren Wurzeln umzugehen. Als die Studentinnen im Rahmen eines Projekts die Designs für preisgünstige Häuser entwarfen, achteten sie nicht nur darauf, dass die Häuser einen separaten Frauenraum brauchten - etwas völlig Normales in Saudi Arabien - sondern auch, dass die Küche so konstruiert sein muss, dass Frauen sich in ihr frei bewegen können, ohne von anderen Räumen aus gesehen zu werden.

Die nächste Station war ein Arbeits-Lunch bei Arab News und eine der ersten Fragen, die uns gestellt wurde, war die nach unserer Wahrnehmung von saudischen Frauen. Die Antwort fiel uns sehr leicht. Während unserer gesamten Reise, die uns auch nach Marokko und Jordanien geführt hatte, war es für die weiblichen Mitglieder unserer Gruppe immer sehr einfach, Kontakt zu den Frauen vor Ort aufzunehmen. Ganz besonders galt das aber für Saudi Arabien. Es gibt bestimmte Werte, Sorgen, Herausforderungen und Erfahrungen, die gewissermaßen universell sind unter Frauen. Es spielt keine Rolle aus welcher Kultur wir kommen, es gibt mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede zwischen uns.

Wir waren sehr beeindruckt von all den Frauen, denen wir begegnet sind, aber die in Saudi Arabien haben uns am meisten fasziniert. Sie hatten nichts von den Stereotypen, die wir erwartet hatten. Alles andere als unterdrückt, still und schüchtern, waren sie vielmehr selbstsicher, intelligent und offen. Sie waren mutig genug, sich Herausforderungen zu stellen und für ihre Träume zu kämpfen.

Keine rasante Revolution, aber eine geschickte

Die Olympischen Ringe an der Tower Bridge in London; Foto: Alexey Filippov/RIA Novosti
Durchbruch bei den Olympischen Spielen: Diesen Sommer sind mit der Leichtathletin Sarah Attar und der Judoka Wojdan Ali Seraj Abdulrahim Shahrkhani erstmals zwei saudische Frauen zu den Wettkämpfen zugelassen.

​​Veränderungen sind in dem Land am Golf in vollem Gange und die saudischen Frauen stellen in diesem Prozess eine treibende Kraft dar. Es ist keine rasante und gewalttätige Revolution, dafür eine geschickte und taktisch kluge. "Beurteilt Veränderungen immer im Zusammenhang mit deren Auswirkungen und dem Zeitpunkt, zu dem sie stattfinden", wurde uns am Ende geraten. An dem College wird eine neue Generation von Frauen herangezogen, eine, die es gewohnt ist, sich mit Staatsoberhäuptern zu treffen und Themen auf Augenhöhe zu diskutieren. Wie viel können wir im Westen von diesem Ansatz lernen, besonders wenn es um die Bildung von Frauen geht.

Später, während eines Besuchs im König Abdulaziz Zentrum für Weltkulturen, sagte eine andere freundliche junge Frau zu uns: "Das ist ein goldenes Zeitalter für saudische Frauen. Was immer wir tun, wir werden immer 'die erste saudische Frau' sein, die dies oder jenes getan hat." Sie sagte, es gäbe in Saudi Arabien sogar mehr Möglichkeiten, erfolgreich zu sein als im Westen, auch wenn das Leben nicht zwangsläufig einfacher sei. Wir gratulierten ihnen dazu, so aktiv zu sein. Im Gegensatz zu uns hatten die Männer in dem Meeting nur sehr wenig gesagt. "Wir wurden für so lange Zeit zur Seite gedrängt, jetzt sind wir an der Reihe, unsere Stimme zu erheben", sagte die junge Frau.

Es mag einfach sein, zu denken, ich sei einer Gehirnwäsche unterzogen worden und ich würde mich blind stellen gegenüber den Problemen, die nach wie vor existieren. Aber es waren stets saudische Frauen selbst, die hervorhoben, dass sie immer noch die Erlaubnis eines männlichen Vormundes brauchen, um einer Arbeit nachzugehen oder eine Reise anzutreten und dass es ihnen nicht erlaubt ist, Auto zu fahren oder an öffentlichen Sportveranstaltungen teilzunehmen. Diese Herausforderungen sind zahlreich und vielschichtig.

Dennoch, meine Sichtweise auf dieses Land hat sich wesentlich verändert, dadurch, dass ich es von Innen erlebt habe. Saudische Frauen sind inspirierend und westliche Frauen können von ihnen lernen: lernen, dass Veränderung möglich ist, selbst in den abgeschlossensten und patriarchalischsten Gesellschaften. Zwei dieser mutigen Frauen tragen im Sommer diese Inspiration sogar in die Sportarena von London.

Gabriela Keseberg Dávalos

© Qantara.de 2012

Gabriela Keseberg Dávalos ist bolivianisch-deutsche Journalistin, Mitbegründerin und Vorstandsmitglied der International Young Women Partnership in Brüssel und UNAOC- Stipendiatin 2012.

Übersetzung aus dem Englischen: Annett Hellwig

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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