Smog in Teheran, im Hintergrund ragt der Miladtower; Foto: AFP/Getty Images
Fajr-Filmfestival in Teheran

Hemmungslose Gier nach Geld

In wirtschaftlichen und politischen Krisenzeiten korrespondieren viele Filme auf dem diesjährigen Fajr-Festival mit dem wachsenden gesellschaftlichen Egoismus, der Perspektivlosigkeit der jüngeren Generation und der Flucht ins Private. Beobachtungen von Amin Farzanefar aus Teheran.

Die iranische Hauptstadt Teheran zählt zu den Metropolen, die weltweit am stärksten von der Luftverschmutzung betroffen sind. Auf einer Höhe von 1.500 Metern bleibt einem schon einmal die Luft weg, da wegen boykottbedingter Lieferbeschränkungen der Sprit für die dreieinhalb Millionen Autos inzwischen selbst gebraut wird. An guten Tagen ragt der Miladtower aus dem Smognebel hervor.

Im Sockel des elfthöchsten Turms der Welt findet derzeit auch das Fajr-Filmfestival statt. Aber auch dort spürt man die Krise im Land: Das ganze Festival stand zeitweilig in Frage, es hieß, es gebe kaum Zelluloidmaterial für Filmkopien.

Und auch die Organisation war noch chaotischer als sonst: Der Katalog war erst fertig, als das Festival bereits seit drei Tagen lief, Untertitel gab es nur im Einzelfall, die Flüsterübersetzung für die ausländischen Korrespondenten und Kuratoren, von denen man diesmal kaum eine Handvoll ausmachen konnte, wurde irgendwann auch beendet.

Kinokartenverkauf während des Fajr-Filmfestivals, Foto. Mehr
Wachsendes Interesse an Filmen trotz widriger Produktionsbedingungen: Die Beschränkungen für Filmemacher im Iran sind besonders einschneidend - trotzdem konnten wieder 80 neue Filme gemacht werden, die auf dem 31. Fajr Filmfestival vorgestellt wurden.

​​Immerhin wurden dem einheimischen Publikum einige interessante Filme geboten: Michael Hanekes "Liebe", Volker Schlöndorffs Résistance-Streifen "Meer am Morgen" und Roman Polanskis Kammerspiel "Der Gott des Gemetzels".

Kampfansage für das westliche Kino

Mit wesentlich mehr internationalen Gästen als das Festival selbst konnte dagegen eine zeitgleich stattfindende Tagung aufwarten: die sogenannte "Dritte Internationale Konferenz über Hollywoodismus und Kino". Vier Tage lang diskutierten im Luxushotel "Azadi" rund 50 Experten aus überwiegend westlichen Ländern über Islamophobie und Iranophobie und die Negativklischees des westlichen Kinos über den Islam und den Iran.

Besondere Aufmerksamkeit erfuhr dabei Ben Afflecks Film "Argo", der vor kurzem mit dem Oscar ausgezeichnet wurde. Der Film spielt in der US-Botschaft in Teheran, wo es einem CIA-Agenten gelingt, sechs Geiseln aus dem Land zu schmuggeln, indem er sie als Filmteam für einen trashigen Science-Fiction ausgibt.

Davor hatte der Iran eine Replik auf "Argo"angekündigt, die der verzerrten und einseitigen amerikanischen Version eine auf Augenzeugenberichten "basierende Fassung der historischen Wahrheiten" entgegenstellen will.

Man darf gespannt sein, ob in der iranischen Variante dann auch ein pikantes Detail auftaucht, von dem man sich in Teheran erzählt: Die Behörden sollen nämlich erst mit siebentägiger Verspätung von der Flucht der Geiseln erfahren haben.

Wenn die Konferenzteilnehmer fordern, der "Übermacht der Erzählungen Hollywoods" durch die Stärkung unabhängiger Medien und des Internets zu begegnen, so sollte man fairerweise auch erwähnen, dass dies in einem Land mit strenger Internetzensur vorgetragen wird, in dem vor wenigen Tagen erst wieder 16 Journalisten verhaftet wurden.

Filmszene aus Argo; Foto: picture-alliance/dpa
Irans Tugendwächtern ein Dorn im Auge: Der CIA-Thriller "Argo" von Ben Affleck gewann den Oscar als bester Film und löste iranische Proteste aus. Irans Kulturminister Mohammed Hosseini tobte, der Film habe "keinen künstlerischen Wert, sondern sei nur ein anti-iranischer Film, für dessen Propaganda die US-Regierung große Summen ausgegeben hätten".

​​Die Konferenzteilnehmer indes verstehen sich als Teil einer weltweiten Bewegung, die Afrika, Asien, Lateinamerika umspannt und Anschluss an die Occupy-Bewegung sucht. Ein ehrbarer Ansatz, allerdings erwies sich die konkrete Gestaltung als höchst tendenziös: Letztendlich wird die US-Filmindustrie als Teil einer zionistisch-imperialistischen Verschwörung betrachtet. Ob mit seriösen oder zweifelhaften Mitteln, den Veranstaltern scheint es vor allem um die zwingende Schlussfolgerung zu gehen, dass der Westen angesichts zahlloser Protestbewegungen am Ende ist und einzig der Islam Heil verspricht.

Müde und mürbe

Ideal waren die Bedingungen für Filmemacher im Iran nie, aber gerade die Zensur hatte zur Entwicklung einer komplexen, doppeldeutigen Bildsprache geführt. Derzeit sind die Beschränkungen besonders einschneidend – trotzdem sind wieder 80 neue Filme entstanden. Die Kinder, von denen früher viele iranische Filme erzählten, die auf internationalen Festivals Erfolg hatten, sind inzwischen junge Erwachsene geworden. Sie sind müde und mürbe.

Früher ging es um Solidarität, heute geht es um hemmungslose Gier nach Geld. "Wir sind füreinander zu Wölfen geworden", sagt ein Taxifahrer auf dem Weg zum Miladtower. Davon ist häufig die Rede, im Taxi und auch in den Filmen.

Gesellschaftskritische Töne sind in Maßen zulässig – solange es sich um keine offensichtliche Systemkritik handelt. So war Asghar Farhadis sensationeller Berlinale- und Oscarerfolg "Nader und Simin – Eine Trennung" repräsentativ für eine ganze Reihe sozialrealistischer Filme über die Krise eines Mittelstandes, der durch die zugespitzten ökonomischen und ideologischen Zwänge gelähmt wird.

Aber insgesamt – und insbesondere nach den Protesten der "grünen Bewegung" vom Sommer 2009 – sind die Spielräume für Irans Filmschaffende enger geworden: So kam es zuletzt zu mehreren Verhaftungen, Berufsverboten und zur Schließung des unabhängigen Filmverbandes "Khaneh Cinema".

Der Blick nach innen

Die internationale Isolation und Kontrolle der iranischen Öffentlichkeit führen auch in den Filmen immer mehr zur Verlagerung der Handlung ins Innere, in geschlossene Räume. Zum Beispiel Parviz Shahbazi: Sein Film "Darband" beginnt mit einer atemberaubenden, roadmovieartigen Eröffnungssequenz in den Zimmern einer illegalen Studentinnen-WG. Auch hier geht es um Geld, Gier und Betrug: Am Ende türmt eine Studentin mit dem Geld der anderen in den Westen.

"Acting Class" von Reza Davoudnejad ist ein sehr bizarres Familiendrama, das mit einer Handkamera und eingeblendeten Kommentaren der Darsteller und des Regisseurs im Stil eines Filmworkshops fast ausschließlich in einer Wohnung gedreht wurde. So entstand ein vitales und spontanes Porträt einer iranischen Großfamilie.

Davoudnejad fungiert als eine Art Conferencier, kommentiert mit Filzstift und Flipchart den Handlungsverlauf. "Die Welt ist nicht gut", klagt die unglückliche Großmutter im Film. "Dann machen wir eben eine neue!", sagt der 50-jährige munter und wischt den Satz aus. Der spontane Applaus, der in einem solchen Moment im Kinosaal aufbrandet, erzählt davon, dass das Publikum immer noch Hoffnung hat.

Suche nach einer Alternative zur Religion

Szene aus Majid Barzegars Film Parviz; Foto: Dreamlabfilms
Kassenschlager "Parviz": Mit seinem Film trifft Majid Barzegar den Nerv der Zeit: die Perspektivlosigkeit der jüngeren Generation, das fehlende Gemeinschaftsgefühl, die auf Machtstrukturen beruhende Ordnung und die soziale Krise im Land.

​​Dariush Mehrjui, Gründervater der iranischen "Nouvelle vague" der 1970er Jahre, stellte "How great you're back" vor. Darin feiern alte Freunde am Kaspischen Meer einen Heimkehrer: ein überraschend vertrauter Mittelstand, der mit Yoga, Heilsteinen und anderen Substanzen experimentiert. Darin klingt die Suche nach einer Alternative zur verordneten Religiösität an. Mehrjui setzte den moralinsauren Perspektiven des diesjährigen Fajr-Festival etwas Dionysisches entgegen – das Publikum mochte aber den Kapriolen diesmal nicht mehr recht folgen.

Immerhin wurde Mehrjui eine Vorführung in einem großen Kinosaal zugestanden, weniger genehme Filme konnte man dagegen nur in den Spätvorstellungen in den kleinen Sälen sehen.

"Parviz" von Maijid Barzegar, sicher eines der besten Werke des aktuellen Jahrgangs, gehört zu den wenigen Filmen, die es bereits auf die internationalen Festivals geschafft haben. Der 50-jährige, emotional gehemmte Parviz wird vom Vater aus der Wohnung geworfen, lernt schnell aus der Herzlosigkeit seiner Mitmenschen und beginnt, sich ein Schreckensregime aufzubauen.

Damit trifft er den Nerv der Zeit: die Perspektivlosigkeit der jüngeren Generation, das fehlende Gemeinschaftsgefühl, die auf Machtstrukturen beruhende Ordnung und der allgemeine soziale und wirtschaftlicher Notstand im Land.

Bei der zweiten Spätvorführung von "Parviz" im "Azadi"-Kino gab es lange Schlangen, in Sprechchören forderte das Publikum Einlass, schließlich drohten die Sicherheitskräfte mit Tränengas. Da war er auf einmal wieder: der Protest der Straße.

Amin Farzanefar

© Qantara.de 2013

Redaktion. Arian Fariborz/Qantara.de

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