Burkaträgerinnen in Afghanistan; Foto: AP
Die Frau, der Islam und der Westen

Wer steckt hinter der Burka?

Der Westen glaubt, dass alle Araber und Muslime so streng, fanatisch und geistig verschlossen sind wie die salafitischen Islamisten und vergisst dabei, dass jene Bewegung ursprünglich ein Kind des Westens und seiner Anhänger ist, schreibt Sahar Khalifa in ihrem Essay.

Als Kind wäre es mir niemals in den Sinn gekommen, dass das Tuch, welches meine Mutter vom Kopf genommen hatte, eines Tages in anderer Form wieder zu uns zurückkehren würde – hässlicher und schrecklicher denn je; dass es zurückkehren würde in Form einer von Kopf bis Fuß verschleierten Frau, von der nur zwei Augen oder eine schwarze Brille zu sehen sind sowie weiße oder schwarze Handschuhe an den Händen, gleichsam ein Gespenst – diese Frau – und nichts anderes als eine Säule, die sich wie ein schwarzer Schatten bewegt, oder wie von einem Brandort aufsteigender Rauch!

Das Kopftuch, das meine Mutter ablegte, war ein transparentes Stück Stoff von schwarzer Farbe gewesen, das locker über Gesicht und Haar gelegt und nicht geknotet, gebunden oder an den Seiten straff zusammengezogen wurde. Es lag so locker auf dem Kopf, dass Sehen und Atmen nicht behindert wurden. Die Kleidung bestand ansonsten aus einem gesitteten, bis zu den Knien reichenden Rock oder Kleid, darüber ein kurzes Jackett, welches die Figur an Brust und Taille betonte und damit das Gegenteil dessen war, was man heute als islamische Kleidung bezeichnet. Diese lässt den Körper der Frau wie einen langen, unförmigen Sack erscheinen, als wäre sie ein schwarzes Stück Holz oder eine Rauchsäule.

Meine Mutter legte indes nicht nur das Kopftuch ab, sondern auch das Jackett und trug nur noch ein Kostüm oder ein kurzärmliges Kleid und befolgte, sei es durch ihre Kurzhaarfrisur oder durch Farbe und Schnitt ihrer Kleidung, die damalige Mode. Sie hielt es wie die anderen Frauen der Mittelschicht in der arabischen Welt, aber ebenso wie die der weniger vom Glück begünstigten Schichten in den Städten und kleineren Ortschaften. Nur die Bäuerinnen in den Dörfern behielten weiterhin die traditionelle Kleidung an, welche der der Jungfrau Maria von vor zweitausend Jahren ähnelte.

Meine Mutter hatte das Kopftuch gleich nach der Besetzung des größten Teils Palästinas durch Israel im Jahr 1948 abgelegt. Diese Besetzung beschwor eine politische und ökonomische Katastrophe herauf, die von sozialen Erschütterungen begleitet wurde, denen zahlreiche Werte und überkommene Traditionen zum Opfer fielen. Dazu gehörten etwa das Kopftuch und die eingeschränkte Bewegungsfreiheit der Frauen auf der Straße, in der Schule und auf dem Arbeitsmarkt.

Die Frauen gehen arbeiten

Diese politische und ökonomische Katastrophe hatte direkten Einfluss auf die Frauen, denn infolge der verschlechterten wirtschaftlichen Lage waren tausende vertriebene Familien – sie hatten ihre Heimat, ihre Häuser, ihr Land und viele ihrer Männer im Krieg verloren – dazu gezwungen, die Frauen aus dem häuslichen Umfeld zu holen und auf den Arbeitsmarkt zu schicken oder ihnen ein Studium zu erlauben. Diese Qualifizierung ermöglichte es den Frauen, in Kuwait und Saudi-Arabien zu arbeiten und nun ihre Familien zu ernähren oder für das Studium ihrer Geschwister aufzukommen, welche Ärzte, Ingenieure, Rechtsanwälte und Ähnliches werden sollten.

Sahar Khalifa; Foto: Unionsverlag
"Mit einem Mal wurden wir Zeuge, wie unzählige gebildete palästinensische Mädchen ohne Kopftuch ins Ausland reisten und dort lebten, allein, genügsam, einsam und unverheiratet, familiär und gesellschaftlich aber hoch geachtet", schreibt Khalifa.

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Mit einem Mal wurden wir Zeuge, wie unzählige gebildete palästinensische Mädchen ohne Kopftuch ins Ausland reisten und dort lebten, allein, genügsam, einsam und unverheiratet (wie ich die Situation von Nahla in dem Roman Das Erbe beschrieben habe), familiär und gesellschaftlich aber hoch geachtet, weil sie die Ernährerinnen von Familien mit geringem Einkommen geworden waren. Mit der Zeit wurde es nicht nur akzeptiert, sondern sogar gerne gesehen, dass diese Mädchen das Studium ihrer jüngeren Schwestern an arabischen Universitäten (in Ägypten, Syrien und im Libanon) finanzierten, auf dass jene Diplome in Medizin, Pharmazie, Ingenieurwissenschaften, Jura und anderen Fächern nach Hause brachten.

Diese jungen Mädchen, nun im Besitz eines Diploms und in Ausführung anerkannter Berufe, die gebildeter, mutiger und aufgeschlossener waren, brachten eine Welle feministischer und gesellschaftlicher Emanzipation ins Rollen – wenngleich wir über die feministische Bewegung und feministisches Denken nur das wussten, was einige Vordenkerinnen wie Amîna al-Sa’îd, Suhair al-Qalamâwî und Darija Shafîq in ägyptischen Zeitungen geschrieben hatten, deren Artikel allerdings nicht über eher leichtgewichtige Themen wie Familienplanung, frühe Heirat, Mehrehe und Ähnliches hinausgingen.

Sozialismus und liberales Denken

Die relative gesellschaftliche Öffnung in Palästina und in der arabischen Welt ganz allgemein ging mit einer politischen Öffnung gegenüber dem sozialistischen und liberalen Denken einher. Die gegenüber arabischen Belangen feindselige Haltung des Westens und das Scheitern der traditionellen arabischen Regimes bezüglich der Erneuerung unserer offiziellen und nicht-offiziellen Institutionen sowie ihre Unfähigkeit und die lasche Haltung gegenüber dem Westen, wenn es um die Verteidigung unserer Interessen ging, trieb Massen von arabischen Denkern und Intellektuellen in die Arme des sowjetischen Lagers und sozialistischer Positionen.

In ihren Schriften riefen sie zu stärkerer gesellschaftlicher und politischer Emanzipation auf, aber auch dazu, sich gegen die Begehrlichkeiten des Westens für unsere Rohstoffe – genauer gesagt, des Öls – zu wehren, sich nicht mehr auf Produkte aus dem Westen zu stützen und den Westen daran zu hindern, sich weiter in unsere Angelegenheiten einzumischen.

Die größte Kampagne gegen den Einfluss des Westens und seines Verbündeten Israel führte in den fünfziger und sechziger Jahren der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser. Zusätzlich zu seinen begeisternden Reden, die die arabischen Massen anfeuerten und eine Atmosphäre von überschwänglichem Enthusiasmus und Groll gegen den Einfluss des Westens und seiner Anhänger schuf, versetzte er den beiden größten Kolonialstaaten jener Zeit, Großbritannien und Frankreich, durch die Verstaatlichung des Suezkanals einen enormen Schlag.

Die Wut jener beiden Staaten gipfelte darin, dass sie zusammen mit ihren Verbündeten im Jahr 1956 eine Militärkampagne gegen Nasser führten, um ihn zu stürzen und zu vernichten. Der Angriff scheiterte indes, und Nasser ging stärker und in der arabischen Welt einflussreicher als je daraus hervor. Zudem hatte es nun den Anschein, dass sein Projekt zur Vereinigung der arabischen Welt in einem quasi-sozialistischen System nicht unmöglich war, sondern im Gegenteil durchaus machbar.

Die Hinwendung der arabischen Intellektuellen zu sozialistischem Gedankengut, die wiederholten Aufrufe zur Vernichtung der korrupten Regimes und ihrer westlichen Helfer und die Politik Nassers zur Vereinigung der arabischen Welt und zur Wiederbelebung dessen, was sie vor dem Sykes-Picot-Abkommen gewesen war, das die arabische Welt nach dem Ersten Weltkrieg in leicht beherrschbare Kleinstaaten aufgeteilt hatte (wie es jetzt der Fall ist), all dies beschwor die Sorgen und Ängste des Westens vor der Errichtung eines starken, gänzlich unabhängigen, arabischen Einheitsstaates herauf, der die Begehrlichkeiten und den Einfluss des Westens zu stoppen und dessen Verbündeten Israel zu bedrohen in der Lage war.

Aus diesem Grund verschworen sich die westlichen Medien gegen Nasser und stellten ihn als neuen arabischen Hitler dar, den sie des Faschismus und weiterer zahlreicher provozierender und schrecklicher Eigenschaften bezichtigten. Als Israel Nasser im Krieg von 1967 angriff, stand der Westen geschlossen hinter Israel. Nasser wurde besiegt, genau wie wir besiegt wurden, das heißt jene, die zur wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Befreiung und zur Erneuerung der politischen Regimes und der Befreiung der Frau aufgerufen hatten.

Der Westen und die Fundamentalisten

Die Niederlage Nassers im Krieg von 1967 und das Scheitern der fortschrittlichen Strömung hinsichtlich der Verwirklichung tatsächlicher Errungenschaften, sei es auf der Ebene der Organisationen oder der Fähigkeit, die arabischen Massen zu gewinnen, schufen eine Atmosphäre der Offenheit für Forderungen und Projekte, die dem aufklärerischen, emanzipatorischen und fortschrittlichen Denken entgegenstanden. Diese Atmosphäre nutzte der reaktionäre Flügel, der durch die arabischen Regimes repräsentiert wurde, welche treu zur amerikanischen Agenda standen, und schickte sich an, strenggläubige islamische Gruppierungen und Organisationen zu unterstützen – so geschehen in Afghanistan, wo Amerika Bin Laden und seinesgleichen Beistand gewährte, um den kommunistischen Einfluss einzudämmen.

Gamal Abdel Nassar mit einer syrischen Delegation; Foto: Wikipedia
"1967 wurde Gamal Abdel Nasser besiegt, genau wie wir besiegt wurden, das heißt jene, die zur wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Befreiung und zur Erneuerung der politischen Regimes und der Befreiung der Frau aufgerufen hatten", schreibt Khalifa.

​​"Seit Beginn der siebziger Jahre war die arabische Welt einem unheilvollen Angriff von Seiten strenger islamischer Gruppierungen und Organisationen ausgesetzt, die die Frau in das Zeitalter des Harems zurückführten und ihr den Schleier zur Pflicht machten", meint Khalifa.Seit Beginn der siebziger Jahre war die arabische Welt einem unheilvollen Angriff von Seiten strenger islamischer Gruppierungen und Organisationen ausgesetzt, die die Frau in das Zeitalter des Harems zurückführten und ihr den Schleier zur Pflicht machten. Mit Beginn des neuen Jahrhunderts gingen sie sogar noch weiter und propagierten ketzerische Neuerungen: den Niqab und die Burka. Wir, die bewussten, gebildeten Frauen, sind noch heute tagtäglich dem Druck und der Provokation ausgesetzt, die unsere Ängste und Sorge vergrößern und unser Fortschreiten hin zu einer Zeit größerer Freiheit und Entfaltung noch komplizierter und schwieriger machen.

Geld für islamische Kleidung

Zu Beginn der siebziger Jahre verbündeten sich diktatorische arabische Regimes, mit Unterstützung aus Amerika, mit salafitischen islamischen Gruppierungen und stellten Millionen zur Verfügung, um diese Richtung zu fördern und zu stärken. So wurde etwa all jenen ein monatliches Gehalt bezahlt (15 Dinar für den Mann, zehn für die Frau), die die so genannte islamische Kleidung anlegten. Diese Kleidung besteht für den Mann aus einer kurzen Galabijja und Ledersandalen und einem langen, nicht gestutzten Bart, für die Frau aus einer Kopfbedeckung und einem langen Mantel von dunkler Farbe. Außerdem erhielten sie – kostenlos – eine Gebetskette und einen prachtvoll gedruckten Koran sowie einen Gebetsteppich.

Zu Beginn konzentrierten sich die islamischen Organisationen auf Jugendliche, die Führungskompetenzen aufwiesen und in der Lage waren, Einfluss auf andere auszuüben. Ebenso wollte man die Frauen zu Hause erreichen. Es wurden Zusammenkünfte organisiert und Zellen in den Häusern der Frauen der unteren Mittelschicht gebildet, bevor man sich in die Moscheen, Schulen und Universitäten begab.

All dies geschah durch die Förderung und Finanzierung von den USA treu ergebenen arabischen Regimes, in der Hoffnung, dass die islamische Strömung die arabische Gesellschaft von sozialistischem Gedankengut und aufklärerischen Projekten fernhalte, die zur Emanzipation in allen Bereichen aufriefen – angefangen von der Befreiung vom Einfluss des Westens bis zur Entfesselung der schöpferischen Energien der Gesellschaft. Auf diese Weise sollte die Gesellschaft in die Lage versetzt werden, sich in der Arena des modernen Lebens zu bewähren und eine unabhängige, entwickelte und wirkungsvolle Kraft zu werden, die sich gegen den Westen und seine Begehrlichkeiten wie auch gegen die expandierenden rassistischen Forderungen Israels zur Wehr setzt.

Islamistische Ausbildung

Die Unterstützung der salafitischen Islamisten beschränkte sich jedoch nicht auf die Bereitstellung kostenloser islamischer Kleidung, monatlicher Honorare und das Anmieten von Versammlungsstätten, sondern auch in den Primar- und Sekundarschulen wurde den Islamisten ein fruchtbarer Boden bereitet. Vorzug bei der Anstellung von Lehrern erhielten nun salafitische Islamisten, Frauen wie Männer, die die Schüler und Studenten bereits in jungen Jahren beeinflussen sollten, auf dass das salafitische Denken und die salafitische Lehre Teil der psychischen und geistigen Konstitution der Kinder werde.

Frauen demonstrieren in Tunesien; Foto: DW
"Seit Beginn der siebziger Jahre war die arabische Welt einem unheilvollen Angriff von Seiten strenger islamischer Gruppierungen und Organisationen ausgesetzt, die die Frau in das Zeitalter des Harems zurückführten und ihr den Schleier zur Pflicht machten", meint Khalifa.

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Außerdem wurde die Jugend zu militärischer Disziplin trainiert und in den Kampfkünsten unterrichtet, wofür man Trainingslager an verschiedenen Orten in der arabischen Welt wie auch in Afghanistan und Pakistan errichtete. Auf diese Weise gelang es diesen Gruppierungen und Organisationen im Lauf der Zeit – seit Beginn der siebziger Jahre bis heute –, dank ihrer organisatorischen und finanziellen Möglichkeiten und ihres starken Rückhaltes in der Bevölkerung, jegliches aufklärerische und emanzipatorische Gedankengut in den Schatten zu stellen und die Liberalen und Sozialisten an den Rand zu drängen. Erfolgreich waren sie auch in der Zurückdrängung der Frauenbewegung, die sie um Jahrzehnte zurückwarf.

Zu den politischen Widersprüchen, deren Zeuge wir vor einiger Zeit wurden, gehört, dass die enge Allianz zwischen Amerika und seinen islamistischen Verbündeten sich in ein Konkurrenzverhältnis und einen blutigen Konflikt verwandelte. Nachdem Amerika die Islamisten als „Mudschahidin“ bezeichnet und sie mit finanziellen und militärischen Mitteln zur Bekämpfung des sozialistischen Lagers und emanzipatorischer Ideen versorgt hatte, wurden sie nun zu „Terroristen“!

Die Islamisten aber, und an ihrer Spitze al-Qaida, wandten sich, nachdem sie ihren Kampfgeist gestärkt und sie Rückhalt in der Bevölkerung und bei den Eliten gewonnen hatten, gegen Amerika und seine Verbündeten und schickten sich an, die Interessen des Westens zu bedrohen und mit Gewalt alles Westliche und Israelische zu bekämpfen. Absurd daran ist, dass die USA und ihre Verbündeten sich der Gefahr dieses Umschwungs oder dieser Falle erst bewusst wurden, nachdem sich der Zauber gegen den Zauberer gewandt hatte und die salafitischen Organisationen damit zu drohen begannen, ein streng islamisches Regime zu errichten, das sich vom Westen und seinen Anhängern distanziert, ihn bekämpft und sich ihm gegenüber genauso verschließt wie gegenüber jenen, die für emanzipatorisches und liberales Denken eintreten.

Bedrohung von zwei Seiten

So kam es, dass wir, die Sozialisten und Liberalen, die Feministinnen und Feministen, nach all diesen Jahrzehnten unserer ernsthaften Gegnerschaft zum Westen und seinem Einfluss diesem Westen im Denken und in der demokratischen und wissenschaftlichen Ausrichtung heute näher stehen – einem Westen, der sich gegen die Völker der Dritten Welt und ihre Interessen verschworen hatte.

Und seltsam daran ist auch, dass die USA und ihre Anhänger, die sich der schmutzigen Falle bewusst geworden sind, in die sie sich selbst und uns gestürzt haben, nun uns, die Sozialisten und Nationalisten, den gestrengen Islamisten vorziehen und uns dazu ermutigen, sozialistischen und nationalistischen Parteien beizutreten. Auch unterstützen sie unsere feministische Bewegung, in der Hoffnung, dass wir ihnen im Gegenzug dabei helfen, der islamischen Invasion Grenzen zu setzen und demokratische Organisationen zu gründen, welche eher bereit sind für eine Verständigung mit dem Westen und weniger bedrohlich für die westlichen Interessen.

Wir befinden uns derzeit in einem erschreckenden geistigen, gesellschaftlichen und politischen Chaos. Die Papiere sind durcheinander geraten und wir sind nun von zwei gegensätzlichen Seiten bedroht, von denen wir nicht wissen, welche brutaler und tyrannischer ist. Auf der einen Seite der Westen, dessen Verschwörungen, dessen Ausbeutung und Kolonisierung wir gewohnt sind, andererseits die salafitische islamische Bewegung, die uns Neuerungen beschert hat, welche uns ins Zeitalter der Unterdrückung und des Harems zurückwerfen.

Der freie, liberale, säkulare und wissenschaftliche, aber auch der in seinen Interessen, Gedanken und Plänen kolonialistische Westen hier, und der gestrenge Islam dort, der zum Widerstand gegen den Westen und dessen Interessen und Einfluss aufruft, der aber blind ist auf dem Auge der Wissenschaften, der Moderne und der feministisch-gesellschaftlichen Emanzipation.

Das geistige, gesellschaftliche und politische Chaos hat nicht uns allein getroffen, es ist auch auf den Westen übergesprungen, so dass sich unsere Frauen mit Kopftuch und Gesichtsverschleierung zu einem Phänomen entwickelten, das im Westen Schrecken und Abscheu hervorruft. In manchen westlichen Staaten wurde die islamische Kleidung gesetzlich verboten und ihren Trägerinnen nicht mehr gestattet, Schulen, Universitäten und öffentliche Institutionen zu betreten.

Und nicht nur das: Die Menschen im Westen glauben mittlerweile, dass alle Araber und alle Muslime ebenso streng, fanatisch und geistig verschlossen sind wie die salafitischen Islamisten und haben dabei vergessen, oder leugnen es, dass jene Bewegung ursprünglich ein Kind des Westens und seiner Anhänger ist und dass sie unsere demokratische, säkulare und wissenschaftliche Haltung genauso bedroht wie das Schicksal von uns Frauen.

Und nun verfolgt uns der Westen mit neuen Vorurteilen voller Rassismus und mit willkürlichen Allgemeinurteilen und wirft alle Araber in einen Topf und macht uns den Vorwurf, den er sich eigentlich selbst vorwerfen sollte.

Fragen an den Westen

Wer ist nun verantwortlich für das Durcheinander? Wer ist dafür verantwortlich, dass diese Bewegung weiter wächst und sich ausbreitet? Wer gründete al-Qaida und verbündete sich mit Bin Laden und seinesgleichen? Wer ermutigte unsere repressiven Regimes, diese Bewegung finanziell und ideell zu unterstützen und unsere Bildungsinstitutionen für ihr Gedankengut und ihren Einfluss zu öffnen?

Afghanische Mujahidin an der pakistanischen Grenze, 1985; Foto: Wikipedia
"Zu den politischen Widersprüchen, deren Zeuge wir vor einiger Zeit wurden, gehört, dass die enge Allianz zwischen Amerika und seinen islamistischen Verbündeten sich in ein Konkurrenzverhältnis und einen blutigen Konflikt verwandelte", schreibt Khalifa.

​​Diese Fragen müssen in den westlichen Medien gestellt werden, vorausgesetzt dass es dort Medien gibt, die nicht heucheln, die nicht rassistisch sind und nicht parteiisch. Ich weiß es, und andere wissen es auch, dass diese Medien nicht unschuldig sind an den politischen Agenden und dem rassistischen Blickwinkel, der im westlichen Denken und in seinen Reden und Taten verankert ist.

Deshalb verspüre ich eine Frustration, während ich für den europäischen Leser schreibe, denn ich weiß, dass es der Mehrheit der Bevölkerung im Westen egal ist und man keine Sympathien für uns hegt. Während ich durch eure Straßen laufe, kann ich fast hören, wie die Menschen sich naiv und egoistisch fragen: Warum sollen wir uns um die Araber kümmern, wenn sie sich nicht um sich selbst kümmern? Warum sollen wir uns um die arabischen Frauen kümmern, die doch so weit entfernt sind von uns und so verschieden in Religion, Farbe und Nationalität. Was immer ihnen auch widerfahren mag, kann uns nicht widerfahren oder quälen.

Ich meinerseits sage jenen, die auf diese engstirnige und egoistische Weise denken, dass wir euch näher sind, als ihr glaubt und euch vorstellt. Haben wir nicht immer wieder gesagt, dass die Welt zu einem kleinen globalen Dorf geworden ist? Nun kommen wir zu euch, in Form menschlicher Wellen, die die Grenzen eurer Gestade durchbrechen. Und was immer ihr auch tut, um die Migration zu begrenzen und die Beobachtung zu intensivieren, wir finden Wege, zu euch zu gelangen, um eure Barrieren zu überwinden und unsere Anwesenheit unter euch zu bekräftigen. Wir sind hier, in euch. Ihr könnt unsere Anwesenheit nicht leugnen, denn wir sind hinter euch und vor euch und Teil eures Systems geworden. Und eines Tages werden wir – wie es tatsächlich in Amerika geschah – eine wirksame Wählerkraft werden und einen arabischen Obama hervorbringen, der euch regiert.

Ich beabsichtige keineswegs, euch zu erzürnen. Alles was ich will, ist meine Sache fühlbar und plastisch verteidigen. Ich will euch fühlen lassen, was ich fühle, und fürchten lassen, was ich fürchte, und peinlich vor Augen führen, was mir durch euch widerfährt. Ich sehe, wie mich die westlichen Medien in einen Rahmen pressen und über mich richten und mich verfälschen. Wenn sie eine Frau in Burka als Beispiel für die arabische – muslimische wie christliche – Frau zeigen, meinen sie stillschweigend, dass ich, die feministische Schriftstellerin, und tausende Frauen wie ich und Millionen moderner Frauen – Musliminnen und Christinnen – in allen arabischen Staaten so sind wie diese Frau mit der Burka, mit finsterem Gesicht, das Haupt beladen und zum Schweigen gebracht.

Und das ist nicht wahr, denn das Bild der Frau mit der Burka versetzt Frauen wie mich in Angst und Schrecken. Wir fürchten, dass sich eines Tages die Hand aus dem Bild heraus streckt, aus dem Bild der Frau mit der Burka, und meine Töchter und Enkelinnen und mich selbst in ein düsteres, arabisches Regime zieht, das der Westen mit seinen Plänen und seiner Politik verdunkelte, damit wir bleiben, was wir waren und was wir sind, ein arabisches Ölfeld auf dem westlichen Markt.

Sahar Khalifa

Sahar Khalifa zählt zu den bedeutendsten palästinensischen Schriftstellerinnen und Frauenrechtlerinnen. Ihre Bücher sind auf Deutsch im Unionsverlag erschienen.

© Goethe-Institut/Fikrun wa Fann 2011

Übersetzung: Larissa Bender

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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