Das Turkish National Youth Philharmonic Orchestra, Foto: beethovenfest.de
Das ''Turkish National Youth Philharmonic Orchestra''

Talentschmiede und musikalische Brücke in die Türkei

Im "Turkish National Youth Philharmonic Orchestra" sind die besten Nachwuchsmusiker der Türkei versammelt. Das Jugendorchester führt nun erstmals beim Beethovenfest in Bonn das Werk "Traffic" des türkischen Komponisten Mehmet Erhan Tanman auf. Aygül Cizmecioglu informiert.

Erleichtert legt Barış Korkmaz sein Horn ab und lächelt seinen Nebenmusiker an. Tagelang feilten sie an einer schwierigen Passage aus Béla Bartóks "Tanzsuite". Nun endlich, nach nächtelangem Üben, funktioniert das Zusammenspiel, fließt der Rhythmus. Der 18-Jährige mit den raspelkurzen Haaren lehnt sich mit einem Lächeln zurück und genießt für einen Moment die Musik um sich herum.

Das türkische Jugendorchester ist in der heißen Probenphase. Rund 100 Musiker zwischen 16 und 23 Jahren reisen von Istanbul zum Beethovenfest nach Bonn. Dort nehmen sie am Orchestercampus teil und präsentieren ein anspruchsvolles Repertoire. "Ich bin schon ziemlich aufgeregt", gibt Barış zu. Dabei ist er schon seit drei Jahren Hornist im türkischen Jugendorchester.

Hunderte von Musikstudenten aus der ganzen Türkei bewerben sich jedes Jahr, um hier mitmachen zu können. Nur die Besten schaffen die harte Aufnahmeprüfung.

Junge türkische Musiker, Foto: Onur Sezer
Das Turkish National Youth Philharmonic Orchestra entstand 2007. Die Musiker im Alter zwischen 16 und 22 Jahren studieren an renommierten Hochschulen in Adana, Ankara, Antalya, Bursa, Edirne, Eskisehir, Izmir, Istanbul und Mersin.

​​"Es gibt für junge Musiker in der Türkei nicht sehr viele Möglichkeiten, sich auf diesem Niveau auszutauschen", so Barış. "Dieses Orchester ist eine absolute Ausnahme und eine riesige Chance."

Musik des Westens

Gerade für Talente wie Barış. Er stammt aus einer Kleinstadt im Süden der Türkei. "Ich bin mit türkischer Volksmusik groß geworden und nicht mit Mozart", gesteht er.

Es war eher der pure Zufall, der Barış zur klassischen Musik brachte. Bei einem Schulausflug nach Mersin, in die nächst größere Stadt, besuchte die Klasse eher widerwillig die dortige Oper. "Plötzlich drang aus einem der Probenräume ein Klang, den ich noch nie gehört hatte", beschreibt er den Moment. Barış fasste sich ein Herz und sprach die Musiker an. Die waren von der Neugier des Jungen begeistert und drückten ihm prompt ein Waldhorn in die Hand.

Das ist jetzt sechs Jahre her. Sechs Jahre, in denen sich Barış zu einem der besten Nachwuchs-Hornisten der Türkei entwickelte. Zu verdanken hat er das engagierten Lehrern und Musikern, die sein Talent erkannten und ihn kostenlos unterrichteten. Seit zwei Jahren studiert er in Mersin am Konservatorium. "Meine Eltern sind beide Beamte. Sie waren am Anfang nicht sehr begeistert von meiner Idee, Hornist zu werden ", erklärt Barış. "Für sie ist Klassik, die 'Musik des Westens', also ziemlich fremd."

Unterschiede überwinden

So denken die meisten in der Türkei. Dabei gab es mehrstimmige Orchestermusik schon im osmanischen Reich. Doch erst 1930, nach der Republikgründung durch Mustafa Kemal Atatürk, entstanden die ersten Musikhochschulen in der Türkei. Das Land sollte moderner werden, westlicher klingen. "Und das dauert halt", meint Cem Mansur.

Der Dirigent gründete vor fünf Jahren das türkische Jugendorchester. Er wollte einen Ort des künstlerischen Austauschs schaffen, vor allem für talentierte Musiker. "In diesem Orchester treffen junge Anatolier, Kurden und Tscherkessen gemeinsam den Ton. Sie lernen, dem anderen zuzuhören, sich auf den anderen einzulassen", erklärt der erfahrene Dirigent. "Die klassische Musik kann helfen, soziale und ethnische Differenzen zu überbrücken, gerade in einem so zerrissenen Land wie der Türkei."

Keine Stellen, kaum Förderung

Doch kann man dort auch von klassischer Musik leben? "Das ist sehr schwierig", meint Mehmet Erhan Tanman. Der 23-Jährige Istanbuler kommt aus einer Musikerfamilie und hat eigens für das türkische Jugendorchester ein Werk komponiert.

"Traffic" wird auf dem Beethovenfest in Bonn seine Premiere feiern. "Die staatlichen Symphonieorchester in der Türkei werden auf Lebenszeit besetzt; das heißt, da wird alle zehn Jahre mal etwas frei", erklärt er. "Und private Orchester gibt es kaum."

Düstere Zukunftsaussichten, die viele Eltern abschrecken. Das musste auch Emel Çelik erfahren. Die 22-Jährige kommt aus der westtürkischen Stadt Eskişehir und spielt Harfe im türkischen Jugendorchester. Ihre alleinerziehende Mutter wollte, dass ihre Tochter etwas Solides lernt und war anfangs gegen ihre Musikerlaufbahn.

Karriere daheim

Harfespielerin Emel Celik; Foto: Onur Sezer
Erst ein Hochbegabten-Stipendium machte Emel ein Harfe-Studium möglich: "Diese Art von Förderung ist sehr selten in meiner Heimat. Ich hatte also wahnsinniges Glück", meint die Harfespielerin Emel Celik.

​​Erst ein Hochbegabten-Stipendium machte Emel ein Harfe-Studium möglich: "Diese Art von Förderung ist sehr selten in meiner Heimat. Ich hatte also wahnsinniges Glück", sagt die zierliche, junge Frau. Ihr Instrument überragt im türkischen Jugendorchester alle anderen. Doch es ist nicht ihr eigenes.

"Eine Harfe ist sehr teuer. Ich spiele zwar schon seit zwölf Jahren, aber ein eigenes Instrument kann ich mir trotzdem nicht leisten", gibt Emel zu. Sie genießt es, mit dem türkischen Jugendorchester aufzutreten, sich international zu beweisen.

Ihre Mutter ist inzwischen ziemlich stolz auf sie. "Weil sie gemerkt hat, dass ich für diese Musik brenne", meint Emel. Ihr größter Traum ist es, nach dem Studium eine Musikschule in ihrer kleinen Heimatstadt zu gründen.

Dafür wird sie von vielen im Orchester belächelt. Denn die meisten von ihnen möchten später ins Ausland und dort Karriere machen. "Doch wenn alle weggehen, ändert sich hier in der Türkei überhaupt nichts", meint Emel mit selbstbewusster Stimme. "Es braucht Zeit und Geduld, um die Musik von Händel und Beethoven zu verstehen. Und eine gute Vermittlerin."

Aygül Cizmecioglu

© Deutsche Welle 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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