Jump Cut Group; Foto: Martin Gerner
Das ''Jump Cut'' Film-Kollektiv

Aufbruch in Kabuls Filmszene

Afghanistan wird im Westen oft als ein kulturelles Brachland wahrgenommen. Dabei gibt es längst einen Aufbruch unter den Cineasten am Hindukusch. Jüngstes Beispiel ist das Film-Kollektiv "Jump Cut Films". Martin Gerner berichtet aus Kabul.

Es sind 15 junge Männer im Alter zwischen 20 und 30 Jahren, die jede Woche hier zusammenkommen. Auf einem Teppich, bei Tee, Trockenfrüchten und schummerigem Licht diskutieren sie über Kino und Film – ein seltenes Bild in der Kabuler Kulturszene, zumal wenn die Gruppe eine gemeinsame Konzept-Idee verbindet. Im Fall von "Jump Cut" ist es eine Filmästhetik, die in Erzählform und Montage Anleihen bei der 'Dogma'-Schule sucht: authentisch, unverfälscht, weg vom Mainstream.

Der Name "Jump Cut" ist dabei der Filmkunst des französischen Meisters Jean-Luc Godard entliehen. Nicht zufällig. "Jump Cut" bezeichnet die Technik beim Filmschnitt, mit der durch unter anderem Zeit- und Raumsprünge bewusste Irritationen beim Zuschauer hervorgerufen werden. Wie auch Godard spiegeln die Filme des "Jump Cut"-Kollektivs häufiger komplexe Erzählmuster. Damit unterscheiden sie sich von vielen anderen unabhängigen Produktionen in Afghanistan.

Jump Cut bei der Arbeit. Ausgerüstet mit Mikro und Angel, HDV-Kamera, und Reflektor; Foto: Martin Gerner
Unkonventionell, ideenreich und unabhängig: Das "Jump Cut"-Team bei Dreharbeiten in Kabul

​​Jedes Wochentreffen von "Jump Cut" ist nach Möglichkeit eine Arbeitssitzung: Drehbuch-Ideen werden ausgetauscht, Auflösungen für das nächste Shooting besprochen, es wird über anstehende Festivals diskutiert. Natürlich reduziert die Arbeit im Kollektiv auch die Kosten – wie in einer guten Wohngemeinschaft. Denn in einem Land ohne jegliche staatliche Filmförderung zählt jeder privat investierte Dollar doppelt.

"Alle unsere Filme sind ohne Hilfsgelder aus dem Ausland entstanden. Wir finanzieren unsere Arbeit und Produktionen selbst", sagt Regisseur Jalal Husseini. Um ihre Filme zu finanzieren, arbeiten die meisten "Jump Cut"-Regisseure bei den neuen Fernsehsendern, die in Kabul in den vergangenen Jahren entstanden sind. Einige sind dort im Schnitt tätig, andere als Übersetzer für ausländische TV-Serien, die für das afghanische Fernsehen eingesprochen werden.

Selbstbewusste künstlerische Autonomie

Die Gruppe buhlt nach eigener Aussage nicht um Fördergelder internationaler Organisationen. Denn häufig genug gehe dies auf Kosten der eigenen künstlerischen Identität.

Hassan Fazeli, ebenfalls Regisseur in der Gruppe, hat beispielsweise vor einiger Zeit einen Film zum Thema Frauenrechte gedreht, der mit ausländischen Geldern finanziert wurde. Drehbuch und Dialoge seien dabei vorbestimmt gewesen, erinnert er sich, ein Abweichen vom Skript schwer möglich. Kompromisse dieser Art will die Gruppe nach Möglichkeit vermeiden.

"Den Ausländern ist häufig nicht klar, wie Afghanistan funktioniert", sagt einer der Jüngeren in der Gruppe. Tatsächlich leben Einheimische und internationale Akteure zehn Jahren nach 9/11 häufig genug in Parallelwelten.

Ali Husseini; Foto: Martin Gerner
Ali Husseini: "Wir machen unseren eigenen Stil, mit dem wir experimentieren!"

​​Aber statt Vorurteile zu zementieren liegt "Jump Cut" an einer Aufhebung der Stereotypen, die unverändert das internationale Festival-Denken prägen. "Die meisten Leute im Westen sehen in uns Afghanen Menschen, die sich im Namen des Islam ohne Unterlass gegenseitig umbringen", so Autor und Kameramann Ali Husseini über ein gängiges Klischee. "Schau dir die Hollywood-Filme an. Da sind wir immer als Terroristen mit langen Bärten dargestellt."

"Jump Cut" produziert dagegen persönliche Filme, die aus der Mitte der Gesellschaft erzählen. "Das können Geschichten darüber sein, wie eine Familie in Kabul ihr Geld verdient und die Kinder groß zieht. Oder was für eine Vorstellung von der Zukunft sie hat", so Husseini.

Ein Teil der "Jump Cut"-Mitglieder sind als Kinder im Iran aufgewachsen. Einige haben dann in Kabul Theater und Film studiert. Ohne allerdings bemerkenswerte Anstöße für die eigene Arbeit zu bekommen, meinen sie einhellig. Das Niveau der Uni-Ausbildung sei infolge der Kriege einfach zu niedrig. So eignen sich viele das Handwerk autodidaktisch an.

"Wir versuchen uns über die weltweiten Filmtrends auf dem Laufenden zu halten. Ob das Hollywood-Filme sind oder europäisches Kino", sagt Ali Husseini. Das Kino der Nouvelle Vague habe die Gruppe beeinflusst. Aber: "Wir machen unseren eigenen Stil, mit dem wir experimentieren. Immer mit der Maßgabe, möglichst professionell zu sein und so die Grenzen des Machbaren immer weiter zu verschieben."

Großes künstlerisches Potenzial

Cover zum Film 'The Angels of Earth' von Jump Cut Films; Foto: Martin Gerner
Eigenwillige Mischung aus Poesie, Wahrhaftigkeit und eindrucksvollen Laien-Darstellern: Der Film "Angels Of Earth" aus dem Jahr 2001

​​Die Grenze nach Tadschikistan hat die Gruppe kürzlich jedenfalls schon mal überquert. Auf dem Didar-Festival dort liefen drei "Jump Cut"-Produktionen erfolgreich und verpassten nur knapp das Podium.

"Angels of Earth" gehört dabei vielleicht zu den anrührendsten Kurzfilmen, die nach 2001 in Afghanistan entstanden sind. Mit einer eigenwilligen Mischung aus Poesie, Wahrhaftigkeit und eindrucksvollen Laien-Darstellern. "Toilet" etwa oder "The Locked Room" erzeugen mit technischen Mitteln des Bildes und Tons ein Gefühl der Intensität und Beklemmung.

Jalal Husseini, der unlängst auf dem Talent-Campus der Berlinale eingeladen war, hat noch etwas anderes bemerkt. "Für mich war es wichtig darüber nachzudenken, für wen wir unsere Filme überhaupt machen." Die Gruppe beschäftigt sich nicht nur mit dem Medium Film an sich, sondern auch mit gesellschaftlichen Fragen.

"Filmemacher sind wichtig in Ländern wie Afghanistan, weil sie ihnen eine Identität geben können", erklärt Regisseur Hassan Fazeli. "Viele Menschen sind auf der Suche nach einer eigenen Identität. Wir, als unabhängige Filmemacher, können unter diesen Umständen etwas bewirken."

Für die Aufnahme im Register der staatlichen Kulturbehörde musste "Jump Cut" am Ende ein Bestechungsgeld zahlen. "Sie verlangten 100 US-Dollar", sagt einer der "Jump Cut"-Autoren. "Begründet haben sie das mit dem ausländischen Namen unserer Gruppe."

Martin Gerner

© Qantara.de 2011

Redaktion: Lewis Gropp/Arian Fariborz/Qantara.de

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