Gebetsnische der Mezquita in Cordoba, Spanien; Foto: Wikimedia
Das ''christliche Europa''

Eine Fiktion

In Bezug auf die Identität Europas wird heutzutage zunehmend auf das christliche oder das christlich-jüdische Erbe verwiesen. Ein Blick in die Geschichtsbücher straft diese These Lügen – und lehrt uns, dass der Islam seit Jahrhunderten Teil von Europas Geschichte ist, schreibt Stefan Schreiner in seinem Essay.

Wenn von Europa, seinem Selbstverständnis und vor allem seinen Werten die Rede ist, ist es noch immer weithin üblich – und wie es scheint, heute mehr noch als gestern –, von einem "christlichen" Europa zu sprechen, oder doch zumindest auf seine christlichen Wurzeln zu verweisen und auf einer daraus resultierenden christlichen Prägung zu insistieren. Die political correctness verbietet es zwar, das Wort "christlich" in diesem Zusammenhang exklusiv zu verstehen, und besonders wohlmeinende Stimmen beeilen sich denn auch, stattdessen von einer jüdisch-christlichen Tradition oder dem jüdisch-christlichen Erbe Europas zu reden, was die Sache indessen kaum besser macht.

Im Gegenteil, die Rede von der jüdisch-christlichen Tradition bzw. dem jüdisch-christlichen Erbe Europas erweist sich bei genauerem Hinsehen nur allzu schnell als durchsichtiges Manöver: Denn diejenigen, die am lautesten die jüdisch-christliche Tradition für Europa reklamieren, tun dies in aller Regel allein mit dem Ziel, damit den Islam gleichsam per definitionem von seiner Zugehörigkeit zu Europa auszuschließen.

Juden protestieren im Jahre 1938 in London gegen Nazi-Terror, Foto: AP
"Jüdisch-christliche Tradition Europas"? Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt, dass das jüdisch-christliche Europa historisch gesehen eine Fiktion ist. Vielmehr war in der Geschichte Europas die Verschwörung von Juden und Muslimen gegen die Christen zu einer Obsession geworden.

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Historisch gesehen war die Christianisierung Europas indessen ein langwieriger Prozess, der mehr als einem Jahrtausend andauerte und alles andere als geradlinig verlaufen ist und immer wieder von "Rückschlägen" begleitet war. Im Grunde genommen ist die Christianisierung Europas nie wirklich abgeschlossen worden bzw. vollendet gewesen. Denn zu dem Zeitpunkt, als im Westen die Muslime endgültig von der Iberischen Halbinsel vertrieben und im Osten mit den Litauern die "letzten Heiden Europas" zum Christentum bekehrt worden waren (14./15. Jahrhundert), hatte sich der Islam längst vom Osten ebenso wie vom Südosten her, auf dem Balkan, wieder nach Europa hinein auszubreiten begonnen und sollte dort auf Dauer präsent bleiben, in Mittel- und Osteuropa (Litauen, Polen, Belarus) nicht anders als auf dem Balkan.

Auch wenn Muslime also in großer Zahl – unbestreitbar und unbestritten, in der Vergangenheit nicht anders als heute – Teil der Bevölkerung Europas sind: Der Islam gehört nach dieser Auffassung nicht nur nicht zu Europa, sondern bildet nachgerade einen Gegensatz zu ihm.

Feindschaft gegen Juden und Muslime

Dass das jüdisch-christliche Europa historisch gesehen eine Fiktion ist, zeigt ein Blick in die Geschichtsbücher. Von einer jüdisch-christlichen Tradition Europas kann da schwerlich die Rede sein: Seit dem 7. Jahrhundert haben kirchliche Konzilien Juden im "christlichen Europa" immer wieder zu unerwünschten und damit nicht (mehr) zugelassenen Personen erklärt und seit dem Mittelalter aus vielen, vor allem westeuropäischen Ländern vertrieben.

Myrtenhof der Alhambra-Stadtburg in Granada, Spanien; Foto: Jan Zeschky/Wikipedia
Mythos "christliches Abendland": Die Christianisierung Europas war ein langwieriger Prozess, der mehr als ein Jahrtausend andauerte. Er verlief alles andere als geradlinig und war stets von "Rückschlägen" begleitet. (Foto: Jan Zeschky/Wikipedia)

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Von allem Anfang an definierte sich das christliche Europa gegen die Juden und setzte damit die Ab- und Ausgrenzungsstrategie gegenüber dem Judentum fort, die theologisch im Neuen Testament und den frühchristlichen Schriften vorgezeichnet, mit dem Codex Theodosianus (aus dem Jahre 438) und dem Codex Justinianus (aus dem Jahre 529) dann in geltendes Recht übersetzt worden ist, das die Grundlage des die Juden betreffenden Rechts in der europäischen Rechtsgeschichte bildet, das wiederum in der Geschichte, wie sie die Juden in Europa erlebt haben, Gestalt gewonnen hat.

Die theologisch-philosophischen Grundlagen sowie künstlerischen Ausgestaltungen dieser Geschichte hat Heinz Schreckenberg in seinem vierbändigen Werk Die Christlichen Adversus-Judaeos-Texte und Bilder ausführlich dokumentiert, denen zufolge über weite Strecken der europäischen Geschichte die Judenfeindschaft das Kontinuum darstellt. Wie wenig sich die Idee eines christlichen Europa mit der Anwesenheit von Juden in Europa vertragen hat, belegen am Ende die zahllosen Verfolgungen, Ausweisungen und Vertreibungen der Juden aus den christlichen Ländern Europas seit dem Mittelalter bis hin zu ihrer Ausgrenzung aus den europäischen Gesellschaften in der Neuzeit. Dagegen sprechen auch nicht die Karrieren einzelner Juden in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.

Unter dem Eindruck des rasanten Vormarschs der Muslime im vordem christlichen, alsbald islamischen Nordafrika bezichtigte das 17. Konzil von Toledo (694), die Juden Spaniens der Verschwörung und Kollaboration "mit Juden aus dem Ausland und anderen Nationen (= Muslimen)" gegen das Christentum. Bis heute kann man übrigens gelegentlich noch lesen, dass Tariq ibn Ziyad, der Heerführer des arabischen Heeres, das im Juli 711 die Eroberung Spaniens begonnen und innerhalb von nur drei Jahren beendet hatte, ein zum Islam konvertierter Jude gewesen sei.

Eine gleichsam späte Bestätigung dieser Verschwörungstheorie liefert nicht zuletzt das Edikt über die Ausweisung der Juden aus Spanien vom 31. März 1492, das die Vertreibung der Juden mit der Vertreibung der Muslime (Mauren) verbunden hat: Wenn die einen das Land zu verlassen haben, müssen die anderen, d. h. die mit ihnen Verbündeten, folgen.

Fernerhin ist es denn auch die Verschwörung von Juden und Muslimen gegen die Christen und das Christentum, die in der christlich-jüdischen Auseinandersetzung nachgerade zu einer Obsession wird und sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der christlichen antijüdischen und antiislamischen Polemik des Mittelalters bis in die Neuzeit hindurch zieht.

So überrascht es auch nicht, dass in der christlichen antiislamischen Polemik bis in die Neuzeit hinein nicht nur die gleichen "Argumente" vorgebracht werden, die sich in der christlichen antijüdischen Polemik finden, sondern die Begriffe "Juden" und "Muslime" nachgerade austauschbare Begriffe geworden sind.

Allan H. Cutler und Helen E. Cutler hat diese Beobachtung übrigens zu der These geführt, dass der christliche Antijudaismus, die christliche Judenfeindschaft in Mittelalter und (früher) Neuzeit, im Kern eigentlich ein Anti-Islamismus gewesen ist, jedenfalls sei sie letztlich aus der Feindschaft der Christen gegen den Islam und die Muslime erwachsen, als deren Verbündete die Juden gleichsam stellvertretend für sie zu büßen hatten und haben.

Jüdisch-arabische Wurzeln der Aufklärung

Faktum bleibt allerdings, dass sich Europa, das heutige Europa zumal, dennoch nicht allein christlichem Erbe verdankt, sondern in seiner Vergangenheit (bis heute) neben dem antiken griechisch-römischen, weithin durch Juden und Araber, Juden und Muslime vermittelten Erbe ebenso deutlich und nachhaltig durch die islamische Zivilisation gestaltet und geprägt worden ist, und in einigen Ländern Europas (neben Russland vor allem Litauen und Polen und der südwestliche Balkan) Muslime (neben Juden) seit Jahrhunderten bis heute nicht nur präsent, sondern Teil der Geschichte dieser Länder und Teilhaber ihrer Gesellschaften sind.

 

Dr. Mustafa Cerić, Foto: dpa
Bosniens Groß-Mufti Dr. Mustafa Cerić warnt davor, den Islam in Europa als Migrantenreligion darzustellen.

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So feierten 1997 die Muslime in Litauen ihren 600. Geburtstag, das heißt den 600. Jahrestag der Verleihung des Generalsprivilegs durch Großfürst Vytautas-Witołd, das ihnen nicht nur das Aufenthalts- bzw. Existenzrecht in Litauen sicherte, sondern zugleich ihr Recht verbriefte, usque ad infinitum dort als Muslime neben den anderen Religionsgemeinschaften zu leben; und sunnitische Muslime (hanafitischer Schule) sind sie bis heute geblieben.

In ähnlicher Weise begingen am 28. Juli 2007 die Muslime Bosnien-Herzegowinas ihren 600. Geburtstag und bestätigten damit, dass sie nicht nur seit Jahrhunderten in Europa präsent, sondern Teil der bosnischen Gesellschaft und Teilhaber der Ge-schichte dieses Landes sind.

Mit Verweis auf diese Geschichte betont der Großmufti von Bosnien-Herzegowina, Dr. Mustafa Cerić, zu recht, dass es historisch ebenso falsch wie politisch verhängnisvoll ist, wenn der Islam in Europa immer nur als Immigrantenreligion wahrgenommen und darüber vergessen oder verdrängt wird, dass es längst auch einen autochthonen, europäischen Islam gibt, eben jene "Balkan-Muslime", die "alte Europäer, keine Immigranten" sind, wie Timothy Garton Ash schreibt.

Das ist sowohl denen gegenüber zu betonen, die nach wie vor die Fiktion eines "christlichen" oder zumindest "jüdisch-christlichen" Europa beschwören, um Muslime per definitionem davon auszuschließen, als auch denen, die den Islam von seinem Wesen her mit der Idee und den Werten Europas für grundsätzlich unvereinbar betrachten und stattdessen am alten "Feindbild Islam" festhalten, aus dem freilich längst ein alt-neues Feindbild Islam geworden ist.

Der Islam ist und war Teil Europas

So wenig Europa, auch das "christliche" Europa ohne seine jüdischen und islamischen Wurzeln und Werte neben denen der klassischen, griechisch-römischen Antike denkbar ist, so sehr wird ein christliches Europa in dem Sinne, in dem der Begriff heute weithin verstanden und verwendet wird, die Fiktion bleiben, die es immer war.

Wie Europa in seiner Vergangenheit wesentlich durch wechselseitige Beeinflussung und schöpferische Auseinandersetzung der drei monotheistischen, abrahamischen Religionen gestaltet und nachhaltig geprägt worden ist – selbst die Vertreibung der Juden und Muslime hat nicht das Ende jüdischer und islamischer Mitgestaltung bedeutet –, so wird in nicht geringerem Maße die Gestaltung auch des zukünftigen Europas nur in einem Miteinander der drei abrahamischen Religionen gelingen.

Stefan Schreiner

© Qantara.de 2012

Stefan Schreiner ist seit 1992 Professor für Religionswissenschaft und Judaistik und Direktor des Institutum Judaicum an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Außerdem ist er Mitglied im Wissenschaftsrat und im Stiftungsrat des Züricher Lehrhauses für Islam, Christentum und Judentum.

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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