Die Veranstalter des Bliss-Festivals, u.a. (von rechts nach links) Ali Abdolazimi, Benedikt Fuhrmann und Salar Aghili; Foto: © kampnagel.de
Bliss Festival & Ein Blick Iran: ''Sag Moin und Salam''

Gemeinsam gegen Feindbilder

Ein Bayer, ein Exiliraner und ein persischer Sänger – beim "Bliss Festival" in Hamburg wird mit Klischees gebrochen. Hinter unserem Iran-Bild liegt eine Kultur, die berührt. Von Marian Brehmer

Da steht Benedikt Fuhrmann, Scheinwerfer auf ihn gerichtet, in Lederhosen und Wollstrümpfen. Doch wir sind in Hamburg, und das hier ist ein iranisches Kulturfestival. Wie kam es zu dieser Mischung?

Benedikt Fuhrmann, Fotograf und Designer aus Bayern, war 2006 im Iran unterwegs und hat sich verliebt. "Verliebt", so beschreibt er, was das Land mit ihm gemacht hat. Der Iran ließ ihn nicht mehr los und die gastfreundlichen Iraner ihn nicht mehr gehen. So blieb er – eigentlich auf dem Weg nach Vietnam – ein ganzes Jahr und brachte 2012 seine Verbundenheit mit einer Fotoausstellung zum Ausdruck.

"Ein Blick Iran", eine Schau von 24 einfühlsamen Bildern und Toninstallationen, will ein Gegenpol sein zu dem schlechten Image, das der Iran hierzulande trägt.

Ein Besucher sieht sich Benedikt Fuhrmanns Ausstellung auf dem Bliss Festival an; Foto: © kampnagel.de
Ein Jahr lang lebte Benedikt Fuhrmann im Iran und versuchte, die Kultur hinter dem westlichen Feindbild kennenzulernen. Was er dort fand, möchte er nun in einer Foto- und Tonausstellung dem deutschen Publikum näherbringen.

​​Ali Abdolazimi, 27, ist Deutsch-Iraner, lebt in Hamburg und fährt jedes Jahr in die Heimat seiner Eltern. Der Student liebt die iranische Kultur, besonders klassische persische Musik, und wollte einen Geschmack davon nach Hamburg bringen. Als Ein-Mann-Unternehmen gründete er das "Bliss Festival". Die Idee: einmal den Iran in ein positives Licht stellen.

"Sag Moin und Salam"

Der Festivalslogan "Sag Moin und Salam" in der Hansestadt war eine Neuauflage von "Sag Servus und Salam" – unter diesem Motto hatte Benedikt Fuhrmann 2012 seine Ausstellung nach München gebracht.

"Politik und die Kultur eines Landes sollte man nicht vermischen", sagt Abdolazimi. Auch China und Russland hätten doch eine kulturelle Geschichte, die man anerkenne und schätze. "Ich verstehe nicht, warum das beim Iran nicht geht." Es sind diese ewig gleichen Stereotypen, mit denen über das Land geschrieben wird, die ihn stören. "Der Iran wird nach den letzten 40 Jahren beurteilt, obwohl er eine 7.000-jährige Kulturgeschichte hat."

Von der exiliranischen Community in Hamburg, die mit 30.000 Mitgliedern nach London die größte in Europa ist, gab es für das Projekt allerdings wenig Unterstützung. Egal, bei welchem Kulturverein Abdolazimi anfragte: Man nahm ihn mit seiner Idee nicht ernst.

Manchmal erntete er sogar Misstrauen. "Viele Iraner im Exil glauben, dass man die iranische Regierung unterstützt, wenn man den Iran positiv darstellt. Auch sie schaffen es nicht, Politik und Kultur voneinander zu trennen."

Den Iranern gelinge es nicht, sich kulturell selbstbewusst als Teil der deutschen Gesellschaft zu präsentieren. Den Grund dafür sieht Abdolazimi auch in der iranischen Geschichte: die turbulenten letzten 100 Jahre hätten die Iraner tief in ihrer eigenen Identität verunsichert.

Feindbilder versperren den Blick auf die Menschen

Auch Benedikt Fuhrmann hatte die üblichen Klischees im Kopf als er den Iran betrat. Als er mit seinem VW-Polo über die Grenze rollte, fürchtete er intuitiv um seine Fotoausrüstung. Stattdessen gab es von den Grenzbeamten Neugier und eine Einladung zum Tee.

Einer der Slogans in Fuhrmanns Ausstellung ist "Ein Land, da leben Menschen". "Wir sollten das nicht vergessen. Denn durch Feindbilder versperren wir uns den Blick auf die Menschen, auf die Musik, auf das Essen, auf die Schönheit der Frauen", sagt er. Belächelt wird er für seine Einstellung oft – als Träumer und Romantiker. Denn: "Ein Feindbild schützt und verdeckt die eigenen Fehler. Wer daran rüttelt, bringt ein Weltbild durcheinander."

Durch die Verbundenheit mit dem Iran hat Fuhrmann auch eine neue Verbindung zur eigenen Heimat verspürt – ein Kreis, der sich schließt; symbolisiert durch die Lederhose an diesem Konzertabend.

Im Publikum sitzen vor allem Iraner. Aber auch Deutsche sind gekommen. Das Konzert ist von Salar Aghili, einem der bekanntesten zeitgenössischen Interpreten des klassischen persischen Gesangs. Mit filigraner Stimme wird er die Zuhörer in seinen Bann ziehen und dabei Gedichte des alten Iran zum Leben erwecken, begleitet von den Klängen der Langhalslaute Setar. Seine Frau Harir Shariatzadeh wird sich auf der Daf in einen ekstatischen Rausch trommeln. Dabei wird eine Stimmung entstehen, die das Herz anspricht.

Salar Aghili spielt die Langhalslaute Setar; Foto: © kampnagel.de
Nur mit seiner Stimme und dem traditionellen Saiteninstrument Setar ausgestattet, ist Salar Aghili heutzutage einer der berühmtesten Darsteller klassischer persischer Musik. Unterstützt wird er dabei von seiner Frau Harir Shariatzadeh, die ihn mit der Daf begleitet.

​​Ali Abdolazimi hat nicht zufällig den Titel "Bliss Festival" ausgesucht. "Glückseligkeit ist, wonach alle Menschen streben. Doch die Menschen müssen erst im Kopf bereit sein, damit das Herz folgen kann."

Es geht ihm darum, das Verbindende von Kultur zu zeigen, statt das Trennende und Kämpferische herauszustellen. Iranische Künstler – seien es Filmer oder Musiker – bekommen in Deutschland jedoch oft nur dann gebührende Aufmerksamkeit, wenn ihr Schaffen mit Protest zu tun hat.

"Aber es gibt doch bestimmt auch Künstler, die zufrieden sind mit ihrem Land. Und was ist etwa mit der islamischen Kunst?", fragt Abdolazimi. Das Echo etablierter Medien für das "Bliss Festival" war dürftig, trotz einer beharrlichen Pressearbeit.

Ganz anders ist das Echo der Festivalbesucher. Es melden sich zu Tränen gerührte Iraner, die ein Stück Heimat wiedergefunden haben und viele erstaunte Deutsche, deren Iran-Bild auf den Kopf gestellt, oder zumindest erweitert wurde.

Als Salar Aghili in der Zugabe "Vatanam, Vatanam" singt, jene persische Hymne an das Vaterland, schwingt der ganze Saal schließlich im Takt. Es braucht mehr solche Initiativen, die den Blick auf das richten, was das politische Auge nicht zu sehen vermag.

Marian Brehmer

© Qantara.de 2013

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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