Schüler an einer irakischen Schule in Sadr City; Foto: AP
Bildung in der arabischen Welt

Zur Ware verkommen

Nach Ansicht der ägyptischen Medienwissenschaftlerin Hanan Badr ermöglicht allein Bildung den marginalisierten Bevölkerungsschichten einen breiteren Zugang zu den Ressourcen ihres Landes. Jedoch verkommt Bildung immer mehr zu einer qualitativ fragwürdigen Ware, zu der die Bevölkerungsmehrheit keine Alternative hat.

Zunächst einmal ermöglicht Bildung von frühester Jugend an eine Aufklärung der Bürgerinnen und Bürger über ihre Rechte und Pflichten und die Festigung einer Kultur des Dialogs und der freien Meinungsäußerung, in der Überzeugungen durch Argumente und Beweise vertreten werden. Außerdem hat Bildung das Potential, unabhängige, verantwortungsbewusste, reife und innovativ denkende Persönlichkeiten hervorzubringen.

Der zweite Grund für die große Bedeutung von Bildung ist ihr herausragender Beitrag zur sozialen Mobilität, zum Beispiel in Ägypten. Vereinfacht gesagt gründet dies auf der Annahme, dass gute Bildung zu einer guten Stelle mit einem guten Gehalt führt, was dem so Qualifizierten den sozialen Aufstieg ermöglicht.

Das Gros der arbeitenden Klasse in Ägypten glaubt weiter an den Wert von Bildung zur Sicherung der Zukunft ihrer Kinder. Fragt man sie ganz konkret, antworten sie: "Ich will meinen Kindern eine gute Bildung bieten, damit es ihnen einmal besser geht als mir."

Ungerechtigkeit im Bildungssystem

Bedauernswert ist in diesem Zusammenhang jedoch die Tatsache, dass im Bildungssystem die Chancen ungerecht verteilt sind, weil nämlich gerade diejenigen, die eigentlich besonders eines sozialen Aufstiegs bedürften, meist keinen Zugang zu guter Bildung haben, die nötig wäre um die gewünschte soziale Mobilität zu erreichen.

Zwei Ägypterinnen arbeiten an Lap-Tops; Foto: Laif
"In Ägypten klafft eine gewaltige Kluft zwischen den Hochglanzdiplomen, die Studierende stolz an ihre Zimmerwand hängen, und ihrem tatsächlichen Wissen", schreibt Hanan Badr.

​​Für die Ärmsten ist das Risiko am Größten, durch das Bildungsnetz zu fallen. Es mangelt ihnen häufig an den elementaren Voraussetzungen für ein Leben in Würde, so dass sie nicht die Möglichkeit haben, sich dank ihrer Bildung hochzuarbeiten, obwohl der Schulbesuch kostenlos ist. Für einen großen Teil der Bevölkerung gibt es folglich keine Bildungsgerechtigkeit.

Verschärft wird diese Tatsache in Ägypten durch ein Zwei-Klassen-System aus staatlicher und privater Bildung. Dies reicht sogar bis in den Bereich des staatlichen Hochschulwesens hinein, wo ganze Abteilungen und Fachbereiche eingerichtet wurden, die nur gegen Zahlung von Zusatzgebühren zugängig sind.

Bildung oder Armutsbekämpfung?

Die Politik konstruiert ein scheinbar unausweichliches Dilemma zwischen den Prioritäten Bildungsförderung und Armutsbekämpfung. Doch das Gegenteil ist der Fall: Bildung ermöglicht marginalisierten Bevölkerungsschichten einen breiteren Zugang zu Ressourcen. Gerade die gesellschaftlichen Randgruppen müssen besonders berücksichtigt werden wenn es darum geht, Ungerechtigkeiten bei der Verteilung der volkseigenen Ressourcen zu beseitigen und obrigkeitsstaatliche, neoliberale Wirtschaftspolitiken zu ändern.

Für den Aufschub struktureller Veränderungen unter dem Vorwand des Geldmangels gibt es keine Rechtfertigung. Denn die Dividende aus der Investition in Bildung kommt sowohl auf individueller als auch auf gesamtstaatlicher Ebene voll und ganz dem Staat zugute, und zwar mannigfaltig verzinst, wenn durch die Anhebung des Kompetenzniveaus der Bevölkerung Verluste vermieden werden.

Im Gesundheitswesen und im Straßenbau beispielsweise führt ein schlechtes Bildungsniveau zu enormen volkswirtschaftlichen Schäden.

Studenten an der Deutschen Universität in Kairo demonstrieren für mehr Qualität in der Bildung; Foto: Moncef Slimi
Gegen Bildung als Warenform und Zwei-Klassen-System: Studenten an der Deutschen Universität in Kairo demonstrieren für mehr Qualität in der Bildung.

​​Bildung ist zur Ware verkommen, teilweise von äußerst fragwürdiger Qualität, zu der die Mehrheit der Bevölkerung keine Alternative hat. De facto ist es so, dass echte Bildung nicht an einem Abschlusszeugnis zu erkennen ist, das letztlich nur auf einem Stück Papier das Durchlaufen eines bestimmten Lernvorgangs bescheinigt.

In Ägypten zumindest klafft eine gewaltige Kluft zwischen den Hochglanzdiplomen, die Studierende stolz an ihre Zimmerwand hängen, und ihrem tatsächlichen Wissen. Der Schock folgt dann häufig beim Eintritt in die Arbeitswelt.

Die grundlegende Lösung, an der früher oder später kein Weg vorbeiführt, liegt in der Aufwertung des Lehrerberufs, durch die Erhöhung der Gehälter und verstärkte Anreize für die Tätigkeit in einem disziplinierten, nicht korrupten administrativen Umfeld attraktiv macht. Damit würde die Mehrheit der Lehrerinnen und Lehrer von der Notwendigkeit befreit, um Privatstunden buhlen zu müssen, durch die sie sich ihren Lebensunterhalt sichern.

Bildung bedeutet nicht nur Unterricht in Schulen, sondern im Wesentlichen eine Vision für die Zukunft eines Landes. Der Zustand eines Bildungswesens sagt viel über den Stellenwert aus, den Politiker den Menschen, den Individuen in einer Gesellschaft beimessen.

Hanan Badr

© Qantara.de 2012

Aus dem Arabischen von Nicola Abbas

Hanan Badr ist Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin an der Universität Erfurt. Die DAAD-Promotionsstipendiatin war zuvor als Kommunikationswissenschaftlerin an der Universität Kairo tätig.

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Leserkommentare zum Artikel: Zur Ware verkommen

Religiösen Fanatikern zu entkommen.
Nur wenn Menschen erkennen können, was Recht und Unrecht,
Betrug und Lüge ist, können sie in eine bessere Zukunft gehen.

Manche Religionen benutzen "GOTT" für ihre eigenen egoistischen Ziele.
Dazu brauchen sie Menschen die "blind" gehorchen und nicht widersprechen,
oder gar Gesagtes in Zweifel ziehen.

Das ist im Christentum genau so wie im Islam.
Der liebe GOTT hat uns einen freien Willen, ein eigenes Gewissen und
ein Gehirn zum Denken gegeben. Zwänge mag Gott gar nicht!
Nutzen wir also diese Geschenke GOTTES!

http://www.hopeland.at

Mathilde Hopeland28.06.2012 | 15:24 Uhr