Installation Stitching the Wounds der Performancekünstlerin Arahmaiani; Foto: Christina Schott
Biennale in Jogjakarta

Kunst im Spannungsfeld von Religion und Politik

Die Biennale in der indonesischen Kulturmetropole Jogjakarta gilt als eines der wichtigsten kontemporären Kunstereignisse Indonesiens. Unter dem Titel "Shadow Lines" zeigen 40 indonesische und indische Künstler noch bis zum 8. Januar 2012 Werke zum Thema "Religiosität, Spiritualität und Glauben". Aus Jogjakarta berichtet Christina Schott.

Metallische Schläge dröhnen über das weitläufige Gelände des Jogja National Museums. Wer sehen will, ob da scheppernde Kirchenglöckchen läuten oder buddhistische Gebetsglocken, muss erst unter einer Installation mit Kokosfasern umwickelten Bambusstäben des indischen Künstlers Valsan Koorma Kolleri hindurch auf den Vorhof des Nordflügels treten: Dort hängen an den hölzernen Stützpfeilern eines traditionellen javanischen Hauses verrostete Gongs, die alle paar Minuten automatisch mit Klöppeln bearbeitet werden.

Auf den Gongs sowie auf Dutzenden Stahlstreben, die um den Holzaufbau herum aus dem Boden ragen, erzählen gedruckte Anekdoten und Legenden aus verschiedenen Jahrhunderten von der bewegten Geschichte Javas – von der Ankunft hinduistischer Götter, islamischer Gelehrter und christlicher Missionare, von der Entstehung des heiligen Berges Semeru im Osten der Insel wie der unaufhaltsamen Modernisierung der Kulturen während der Kolonialzeit.

Kultur der Gegensätze

Wie eine umfassende Einführung zur Biennale Jogja XI / Equator # 1 deutet die Installation "Site of Gods" des javanischen Künstlers Jompet Kuswidananto Indonesien als eine "Kultur zwischen Tradition und Moderne, Kolonialisierung und Unabhängigkeit, Ost und West, Agrar- und Industriegesellschaft, Ureinwohnern und Fremden", in der eine "Mischung aus instabilen Werten" herrsche, "unfertig und verwirrend" – zu vielfältig und zu weitläufig, um eine einzelne Identität zu formen.

Aus Wimo Ambala Bayangs Fotoserie Ka'bah; Foto: Christina Schott
Thematisierung islamischer Symbole im Vordergrund: Der Fotograf Wimo Ambala Bayang dokumentiert auf der diesjährigen Biennale Jogja XI / Equator # 1 Nachbauten der Kaaba in den Vorbereitungszentren für indonesische Hadsch-Anwärter.

​​An kaum einem anderen Ort in Indonesien wird die vielseitige kulturelle und religiöse Vergangenheit des Archipels so deutlich wie im zentraljavanischen Jogjakarta – bis heute ein autonomes, muslimisches Sultanat, berühmt für seine mittelalterlichen hinduistischen und buddhistischen Tempel sowie als Südostasiens Zentrum für moderne Kunst. Genau der richtige Ort, um eine künstlerische Annäherung and Glaube und Religion verschiedener Kulturen zu versuchen.

"Obwohl die kuratoriale Idee anfangs aus einer eher spontanen Reaktion auf die vielen Konflikte entstand, die im Namen von Religion geschehen, haben wir sie am Ende ausgedehnt auf religiöse Praktiken, Gläubigkeit und Spiritualität als Teil der kontemporären indonesischen Gesellschaft", erläutert Kuratorin Alia Swastika im Katalog der Ausstellung. Ihre indische Co-Kuratorin Suman Gopinath erinnert jedoch daran, dass die gemeinsamen Ideale von Vielfalt und friedlichem Zusammenleben mittlerweile ernsthaft von fundamentalistischen Kräften bedroht seien – in Indien von den radikalen Hindutva und in Indonesien von Islamisten.

Nur wenige Werke beschäftigen sich allerdings direkt mit religiöser Gewalt. Die meisten Künstler erkunden vielmehr den wechselseitigen Einfluss von Politik und Religion, die Idolisierung von Objekten, mythologische und mystische Motive im Alltagsleben sowie ihre eigene religiöse Identität, die – vor allem bei den Künstlerinnen – häufig sehr körperbezogen erscheint.

"Moderne Kunst in Indonesien ist nicht besonders radikal: Nur wenige Künstler wagen, Religion – und vor allem den Islam – in dieser Weise zu thematisieren. Sie betreiben unbewusst Selbstzensur", erklärt die Performancekünstlerin Arahmaiani, die mit ihren provokativen Werken schon mehr als einmal den Zorn islamischer Fundamentalisten auf sich zog.

Die menschliche Seite hinter der Religion

Ihre Installation "Stitching the Wounds" zeigt das Wort "Allah" in überdimensionalen arabischen Lettern, die in Form von knallbunten Kissen von der Decke hängen oder einladend auf dem Boden liegen. "Arabische Schrift wird in vielen Ländern immer sofort mit einem strengen Islam und Unterdrückung assoziiert. Für mich ist das Wort Allah jedoch gleichbedeutend mit Liebe – ich will die menschliche Seite hinter der Religion zeigen", so die Muslima.

An die konkrete Thematisierung islamischer Symbole haben sich außer Arahmaini nur zwei weitere indonesische Künstler gewagt. Der Fotograf Wimo Ambala Bayang dokumentiert in seiner Fotoserie "Ka'bah" Nachbauten des muslimischen Heiligtums in den Vorbereitungszentren für indonesische Hadsch-Anwärter, die hier für den Höhepunkt ihrer Reise üben. Die gestochen scharfen Panoramabilder stellen mit ihrer Menschenleere einen krassen Kontrast zu den typischen Aufnahmen aus Mekka dar – und lassen in ihrer Einfachheit die Naivität erahnen, mit der viele indonesische Gläubige auf die Reise ihres Lebens gehen.

Nationalpolitisch konkreter wird der Javaner Setu Legi in seiner Installation "Berhala" (Idole), in der verschiedene symbolhafte Objekte, unter anderem eine Quelle, ein kahler Baum und eine Moscheekuppel, um einen Kubus aus schwarzen Leinwänden angeordnet sind, der an die Kaaba in Mekka erinnert. Im Inneren des Kubus stürmt eine hohläugige Menschenmasse ins indonesische Religionsministerium, das jedes Jahr die begrenzten Plätze für die Hadsch-Pilger nach Mekka vergibt – und dabei viel Geld verdient.

Mehr Business als innerer Glauben

Setu Legis Installation Berhala; Foto: Chriastina Schott
Kritik an religiöser Idolisierung und Geschäftemacherei: die Installation "Berhala" des Javaners Setu Legi

​​Auf der anderen Seite freut sich ein arabischer Scheich über die Geldbündel, die ihm das Geschäft mit den Indonesiern beschert. Dazwischen findet sich ein Text aus vorislamischen Zeiten, auf den der umstrittene indische Historiker Purushottam Nagesh Oak unter anderem seine These stützt, dass die Kaaba in Mekka vor Mohammeds Erscheinen ein hinduistischer Schrein gewesen sei.

"Obwohl der Islam keine Idolisierung erlaubt, sind das Ritual der Hadsch und die dabei verehrten Objekte längst zu religiösen Idolen geworden. Das System darum herum hat mittlerweile mehr mit Business als mit innerem Glauben zu tun, unterstützt von korrupter Politik", erklärt Setu Legi, Mitbegründer des sozialkritischen Künstlerkollektivs Taring Padi.

Nicht weniger brisant war das Thema der Biennale für die Künstler des diesjährigen Partnerlandes Indien, das ebenfalls immer wieder von religiösen Konflikten geschüttelt wird. Sehr eindrucksvoll zeigt der indische Künstler Amar Kanwar in seiner berühmten Filmtriologie "A Season Outside", "To Remember" und "A Night of Prophecy", wie sich nationalstaatliche und religiöse Gewalt auf das tägliche Leben und den Glauben einfacher Menschen auswirken – sei es an der streng bewachten indisch-pakistanischen Grenze oder im armen Bundesstaat Gujarat, wo 2002 bei religiösen Unruhen rund 800 Muslime und 250 Hindus umkamen.

Drastisch demonstriert auch die Foto-Performance-Serie "Motherland" der Inderin Pushpamala N. die Vermischung von nationaler und religiöser Identität ihres Landes: In einem billigen "Basar-Studio-Setting" posiert die Künstlerin selbst als "Mutter Indien", oft gleich gesetzt mit der Göttin Durga. Mal reitet sie gütig lächelnd auf einem Plastiktiger, mal kniet ein Mann in Beamtenuniform vor ihr, der seinen abgeschlagenen Kopf in der Hand hält.

Angesichts der begrenzten Mittel, die den Kulturschaffenden in Jogjakarta zur Verfügung standen, war es ein kluge Entscheidung, sich angesichts der Verwässerung von Inhalten auf dem globalisierten Kunstmarkt auf ein spezifisches Thema und ein einziges Partnerland zu konzentrieren.

Dass die Organisatoren der Biennale sich dabei entgegen des allgemeinen Nord-Süd-Trends für ein Land auf gleicher Höhe – im gesellschaftlichen wie geographischen Sinn – sowie für ein so brisantes und aktuelles Thema wie Religiosität entschieden haben, spricht nicht nur für ihren Mut, sondern auch für eine künstlerische Weitsicht.

Christina Schott

© Qantara.de 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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