Demonstranten verbrennen ein Plakat ihres Präsidenten Baschar al-Assad vor der Syrischen Botschaft in Nicosia; dapd
Aufstand in Syrien

Ein Volk am Abgrund

Medienkampagnen, zwielichtige Machenschaften, Misstrauen und der Krieg der Egos. Die Gefahr eines Bürgerkrieges wird für die Syrer immer akuter. Denn Syriens Regime spielt die Gesellschaft gegeneinander aus. Albert Kadir hat sich in Damaskus umgehört.

Während das Damaszener Altstadtviertel Bab Touma aus allen Nähten platzt und die Restaurants bis tief in die Nacht mit plappernden Menschen gefüllt sind, tobt ein Krieg, wie ihn die Arabische Republik Syrien seit ihrem Bestehen 1946 noch nicht erlebt hat. Und als sich dieser Krieg am Wochenende vom 28./29. Januar der Hauptstadt Damaskus näherte, waren die Bombardements im Vorort Jobr auch in Bab Touma zu hören. Doch dies schien kaum jemanden zu stören - die Angst vor dem, was nach einem Regimesturz kommen könnte, scheint tief zu sitzen.

Eine junge Journalistin macht dafür vor allem die Opposition verantwortlich: "Bislang trat kein einziger Opponent vor die Kamera und beantwortete die Fragen, die die Menschen bewegen: Was wird aus uns? Werden sich die aufständischen Sunniten an den schweigenden Minderheiten vergehen? Kommen die Islamisten? Werden alle Frauen gezwungen, eine Abbaya zu tragen? Und: Wer gibt uns Arbeit?"

Mitglieder des syrischen Nationalrats; Foto: dpa
Ketzerische Töne, die nur Luftblasen produzieren? Der Syrische Nationalrat wird von den Muslimbrüdern dominiert und vom TV-Sender Al-Jazeera umgarnt.

​​

Letzteres treibt auch jene sunnitische Mittelschicht um, die im Prinzip das begrüßen würde, was die Muslimbrüder, die den Syrischen Nationalrat dominieren, anstreben: eine "progressive Islamisierung" der Gesetze. Zugleich aber profitiert diese Schicht von der Wirtschaftsliberalisierung, die Baschar al-Assad seit seinem Amtsantritt 2000 entschieden vorantrieb. Etwa Ahmad Suffaq, der Baumaterialien importiert, was einst nur staatlichen Stellen vorbehalten war. Für ihn ist der Nationalrat ein rotes Tuch: "Viele seiner Mitglieder wollen unser Land Ausländern überantworten. Soll ich mich etwa von Obama und diesem Zwergstaat Qatar regieren lassen?"

Hinzukommt, fügt die Journalistin an, "dieser erbärmliche Krieg an Egos, der im Rat tobt". Wie zum Beweis veröffentlicht tags darauf der 30-jährige Ratsangehörige Mohammad al-Abdallah, der in Washington lebt und ein gern gesehener Interviewpartner bei Al-Jazeera und CNN ist, auf seiner Facebook-Seite ein Statement. Darin prangert er den Ratsvorsitzenden Burhan Ghalioun an, weil dieser sein Mobiltelefon abgeschaltet und nicht auf Abdallahs Forderung nach einer Bewaffnung der Opposition reagiert habe.

"Es gibt keine Freie Syrische Armee"

Doch sind die Waffen nicht bereits im Land? Macht doch die Rede von Salafisten und von al-Qaida-nahen Kämpfern, die mit Hilfe Qatars und westlicher Staaten geschult und aus dem Irak und Libyen eingeschleust werden, die Runde. Danach befragt zucken inländische Experten die Achseln.

"Natürlich gibt es solche Kräfte in Syrien. Noch aber stellen sie keine ernste Bedrohung dar", erklärt ein Politologe. "Allerdings", setzt er nach, "können sie gefährlich werden, wenn sie so stark gefördert werden, dass ihnen die Freie Syrische Armee folgt."

Diese bilde das größte Risiko für einen Bürgerkrieg: "De facto gibt es nämlich keine Freie Syrische Armee, sondern unzählige Armeen. Jede von ihnen besteht aus einer Handvoll Deserteure, die meist nur die Waffen besitzen, die sie bei ihrer Flucht mitgenommen haben und die über keinerlei Nachschub verfügen", meint der Politologe. "Diese Fraktionen verfügen über keine einheitliche Führung, ja sie koordinieren sich untereinander nicht einmal. Geschweige denn, dass sie einen Plan für die Zukunft hätten. Ihr einziges Ziel lautet: ‚Regimesturz!‘ Und sie sind bereit, jedem zu folgen, der ihnen das Erreichen dieses Zieles verspricht. Es ist eine Katastrophe."

Perfides Spiel von Al-Jazeera

Dabei gäbe es im Land Stimmen, die hörenswert wären. Etwa im Nationalen Koordinationskomitee für den Demokratischen Wandel (NCC), das aus linksgerichteten und kurdischen Parteien besteht. Oder in der Organisation "Aufbau des syrischen Staates". Beide Gruppierungen sowie die ihnen nahestehende unabhängige Personen, wie der nach Frankreich geflüchtete Michel Kilo, vertreten die Linie eines unbewaffneten Aufstandes, der eine innersyrische Lösung sucht und dabei Verhandlungen mit dem Regime nicht per se ausschließt.

Soldaten der Freien Syrischen Armee; Foto: AP/dapd
Die Freie Syrische Armee besitzt keine einheitliche Führung und keine Strategie für die Zeit nach einem möglichen Regimesturz: Nach Ansicht von Kritikern bildet sie das größte Risiko für einen Bürgerkrieg.

​​Doch auch unter diesen Oppositionellen bestehen Differenzen. Zudem wurden sie alsbald vom Nationalrat überrollt, dem vor allem Al-Jazeera nahezu tägliche Auftritte einräumt.

Und dies aus drei Gründen: Der Nationalrat wird von den Muslimbrüdern geprägt und Al-Jazeera steht den Islamisten sehr nahe. Zweitens wird der Sender vom Emir von Qatar gesteuert, dem gegenwärtig schärfsten Gegner des syrischen Regimes. Dies ließe darauf schließen, dass Qatar den Regimesturz sucht. Doch weit gefehlt: Erwünscht ist lediglich dessen Destabilisierung, da auch Qatar um den möglichen regionalen Flächenbrand nach einem syrischen Totalkollaps weiß. Infolge präsentiert Al-Jazeera bevorzugt Stimmen, die zwar ketzerisch tönen, letztlich aber nur Luftblasen produzieren. Vernünftigere Köpfe, wie die der zuvor genannten Gruppierungen, werden hingegen gemieden, könnten sie doch dem Regime ernstlich schaden.

"Das Märchen von Homs"

Dies aber ist nicht das einzige, das Al-Jazeera, aber auch Sender wie Al-Arabiyya, France 24 und teilweise BBC Arabic ausblenden. "Wenn heute Drusen oder Kurden demonstrieren, läuft das praktisch über keinen Sender. Es passt offensichtlich nicht in das übergreifende Programm, das einen reinen Sunniten-Schiiten-Clash suggerieren will", erklärt ein NCC-Mitglied.

Dies reflektiere die Wahrheit des Geschehens aber ebensowenig wie die permanente Rede von der "revoltierenden 1,2-Millionen-Stadt Homs". "Prompt glaubt jeder, ganz Homs sei auf den Beinen. Tatsächlich aber sind es bestimmte Viertel, die zu Fuß zurück zu legen sind."

Dies freilich impliziere einen weiteren Aspekt: "Befänden sich auf dieser kleinen Fläche tatsächlich al-Qaida-Kämpfer, israelische Waffen oder sonstiges, wie das Regime behauptet – glauben Sie mir, dann würden diese Viertel nicht nur beschossen, sondern dem Erdboden gleich gemacht." Dies aber sei nicht das Ziel: "Vielmehr will das Regime böses Blut und Rachefeldzüge zwischen den diversen Vierteln und Konfessionsgruppen schüren."

Wachsende Kriminalität

Ein bewaffneter Rebell in Homs. Foto:AP/dapd
Republik der Angst: Das Assad-Regime spielt die syrische Gesellschaft seit über 40 Jahren gegeneinander aus und scheint derzeit damit Erfolg zu haben.

​​Auch über eine andere Entwicklung scheint das Regime nicht unglücklich: Die Kriminalität steigt. So verlassen etwa in Yabroud, einem 50.000-Einwohner-Städtchen in den Bergen 80 Kilometer nordöstlich von Damaskus, die Menschen ab drei Uhr nachmittags ihre Häuser nicht mehr. Denn nach Ende der Bürozeiten beginnen Banden, die mit dem Regime nichts zu tun haben, ihr Unwesen zu treiben: Autos werden gestohlen, Läden geplündert oder Kinder gegen Lösegeld entführt.

Was in Yabroud und anderenortes um sich gegriffen hat, ohne dass die Polizei einschritt, setzt auch im noch ruhigen Damaskus ein. Unter anderem wurde jüngst einer Christin, die abends die Kirche verließ, das goldene Anhängerkreuz vom Hals gerissen – von einem anderen Christen.

Es scheint, dass das Regime zufrieden sein kann. Seit über 40 Jahren hat es die Menschen auf Angst, Unwahrheit, Lügen und gegenseitiges Misstrauen programmiert. Und das Programm läuft, zumindest momentan, perfekt!

Albert Kadir

© Qantara.de 2012

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

Mehr zum Thema
Druckversion
E-Mail verschicken
Ihre Meinung zu diesem Artikel
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.

Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

Seiten