Lichterkette für die Toten des Aufstandes in den syrischen Städten; Foto: Dareen Al Omari
Aufstand in Syrien

Die Toten von Homs und Hama – wiederholt sich in Syrien die Geschichte?

30 Jahre nach dem Massaker in der syrischen Stadt Hama mit mehr als 20.000 Toten finden in Syrien erneut Massaker an der Bevölkerung statt. Die Brutalität des Regimes ist die gleiche – der Aufstand ist heute aber ein anderer als damals, meint Kristin Helberg.

Es ist Freitag, der 3. Februar 2012. Um die Mittagszeit demonstrieren in Homs Tausende gegen das Assad-Regime. "Verzeih uns Hama" rufen sie und erinnern damit an das Massaker, das vor 30 Jahren in der syrischen Stadt Hama stattfand. Sie ahnen nicht, dass sie wenige Stunden später selbst ein Massaker erleben werden.

Am Abend des 3. Februar beginnt die syrische Armee ihren Angriff auf Homs. Wohngebiete der Stadt werden mit Granaten beschossen, mehr als 300 Menschen sind bislang gestorben. Hunderte schwer Verletzte leiden furchtbare Qualen, weil es in den Behelfskliniken an medizinischem Material fehlt. Die Bilder aus Homs sind so grauenvoll, dass sie im westlichen Fernsehen nicht gezeigt werden.

Anas sieht die Videos von sterbenden Kindern und zerfetzten Körpern im Internet. Der 45jährige Syrer sitzt in einer deutschen Kleinstadt vor dem Computer, seine Miene ist starr. Die Bilder wecken in ihm Erinnerungen an das, was in seiner Heimatstadt Hama im Februar 1982 geschah. Damals erstürmten Regierungstruppen die Stadt und wüteten dort drei Wochen lang – am Ende waren 20.000 Menschen tot, so die vorsichtigen Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen. Das Massaker von Hama zählt zu den schlimmsten Verbrechen im Nahen Osten des 20. Jahrhunderts, auch wenn es bislang kaum aufgearbeitet ist.

Trauerzug für einen ermordeten Regimegegner in Hama; Foto: AP/dapd
Erschießungen, Massenverhaftungen, Folter: Nach UN-Schätzungen starben seit Beginn des Aufstands gegen Assad mindestens 7.500 Menschen, darunter Hunderte Kinder.

​​Anas heißt in Wirklichkeit anders. Um seine Familie in Syrien nicht zu gefährden, will er anonym bleiben. Sein Vater lebt heute noch in Hama, sein Bruder und einige Cousinen wohnen in den Vororten von Damaskus. Mehr als die Hälfte seines Lebens hat der Syrer in Deutschland verbracht. Er ist Manager in der Automobilindustrie, ein feingliedriger Mann mit intellektueller Metallbrille.

Wenn seine Verwandten ihm über Skype von Panzern, Massenverhaftungen, Scharfschützen und Leichen auf den Straßen erzählen, muss Anas unweigerlich an damals denken. 1982 war es ein großes Massaker, heute seien es verschiedenen Orts viele kleine Massaker, sagt Anas. Und doch gibt es einen wichtigen Unterschied: die Vorgeschichte.

Der Aufstieg der Alawiten

Die 1970er Jahre sind in Syrien eine Zeit gesellschaftlicher Spannungen. Seit der Machtübernahme der sozialistischen Baath-Partei 1963 verlieren die städtischen Eliten an Einfluss, während die arme Landbevölkerung gezielt gefördert wird.

Als sich 1970 der damalige Verteidigungsminister Hafiz al-Assad unblutig an die Macht putscht, hat es zum ersten Mal ein Vertreter der Unterschicht an die Spitze des Staates geschafft. Assad gehört zu der traditionell benachteiligten Minderheit der Alawiten und hat deshalb den für ihn einzigen Weg des politischen Aufstiegs genommen: eine Karriere im Militär.

Assad nutzt die Baath-Ideologie, eine Mischung aus Sozialismus und arabischem Nationalismus, um Syrien zu einer selbstbewussten Nation zu machen. Doch im Inneren verrät die Baath-Partei schon bald ihre eigenen Ideale. Im Laufe der 1970er Jahre entsteht ein Netzwerk aus Korruption und Vetternwirtschaft, Regimevertreter bereichern sich schamlos.

Hafiz al-Assad (r.); Foto: AP
Netzwerk aus Korruption und Vetternwirtschaft: Hafiz al-Assad gemeinsam mit seiner Entourage aus Vertretern der syrsichen Baath-Partei.

​​Der Unmut wächst, vor allem bei den gesellschaftlichen Verlierern. Das städtische Bürgertum büßt politischen Einfluss ein, alteingesessene Händler kämpfen mit neureichen Emporkömmlingen und religiöse Autoritäten versinken angesichts des dominanten säkularen Klimas in der Bedeutungslosigkeit.

Dieser Frust bildet den Nährboden einer islamischen Opposition. Die Partei der Muslimbrüder gibt den konservativen Sunniten eine Stimme und gewinnt vor allem in Aleppo und Hama Anhänger. In Damaskus dagegen gelingt es Präsident Assad, den Einfluss der Muslimbrüder zu begrenzen, indem er wichtige sunnitische Gesellschaftskreise wirtschaftlich an sich bindet. Dieses enge Verhältnis besteht bis heute – deshalb wendet sich die Geschäftselite der Hauptstadt auch in der jetzigen Krise nicht offen vom Regime ab.

Anas erlebt den Aufstieg der Muslimbrüder als Jugendlicher mit. Und er beobachtet, wie in Hama aus wirtschaftlichen Abhängigkeiten konfessioneller Hass entsteht. „Die Landbewohner um Hama waren Alawiten, die den sunnitischen Städtern gedient haben“, erinnert sich Anas. Das hätten sie ihnen bis heute nicht verziehen, meint er.

Der Konflikt mit der Muslimbruderschaft

Mit Assads Machtübernahme beginnt der Aufstieg der Alawiten. Viele verlassen ihre Heimat im bergigen Hinterland der Mittelmeerküste, wo sie über Jahrhunderte Schutz vor Verfolgung gesucht haben, und gehen in die Städte. Dort finden sie Anstellung in der öffentlichen Verwaltung, in den Geheimdiensten und im Militär – bis heute sind Alawiten in den staatlichen Sicherheitskräften überproportional vertreten.

Diese neue Machtkonstellation lässt aus Opfern Täter werden. Minderwertigkeitskomplexe und Rachegefühle treiben die alawitischen Geheimdienstmitarbeiter an, wenn sie die meist gut ausgebildeten Islamisten zu fassen kriegen, meint Anas. Bei der Erinnerung an den geschundenen Rücken und die herausgerissenen Fingernägel seines Cousins, der 1979 inhaftiert wird, durchzucke ihn heute noch ein kalter Schauer, sagt er.

Gleich mehrere von Anas' älteren Cousins schließen sich der Tali'a al-Muqatila" an, der "kämpfenden Vorhut" der Muslimbrüder. Mit gezielten Attentaten auf Regierungsvertreter und Bombenanschlägen auf öffentliche Gebäude und Militäreinrichtungen fordern die radikalen Islamisten das säkulare Baath-Regime heraus.

Die Stadt Hama nach den Angriffen von Regierungstruppen im februar 1982; Foto: wikipedia
Trauma einer ganzen Nation: Die Stadt Hama im Nordwesten Syriens war im Februar 1982 Schauplatz eines mehrwöchigen Massakers gewesen. Ein Großteil der Stadt wurde zerstört, Zehntausende Menschen wurden getötet, inhaftiert oder gelten bis heute als vermisst.

​​Präsident Assad schlägt brutal zurück. Unmittelbar nach einem Mordanschlag, den er im Juni 1980 knapp überlebt, stellt er die Mitgliedschaft bei den Muslimbrüdern per Dekret unter Todesstrafe – ein Freibrief zum Töten, der bis heute gilt. Hunderte inhaftierter Muslimbrüder werden in ihren Gefängniszellen massakriert, in Aleppo und Hama werden Männer und Jungen über 14 Jahren willkürlich zusammengetrieben und kurzerhand erschossen.

Alles steuert auf einen offenen Krieg zu. Dieser beginnt in den frühen Morgenstunden des 2. Februar 1982, als eine Einheit der Armee in der Altstadt von Hama Verstecke der Muslimbrüder angreift. Hunderte Kämpfer schlagen die Soldaten zunächst in die Flucht, erstürmen Regierungsgebäude, töten führende Parteifunktionäre und erklären Hama am Vormittag des 2. Februar für befreit. Ein Schock für das Regime in Damaskus. Es rüstet sich für die entscheidende Schlacht gegen die Islamisten. Für Assad geht es nicht mehr darum, sie zu besiegen, sondern sie zu vernichten.

Der Alptraum von Hama

Was folgt, ist ein dreiwöchiger Alptraum. Das Syrische Menschenrechtskomitee, eine offiziell verbotene Nichtregierungsorganisation, hat das Massaker von Hama mit Hilfe von Augenzeugen dokumentiert, Viertel für Viertel. Der schockierende Bericht enthält Details, die in ihrer Grausamkeit die menschliche Vorstellung übersteigen. Ganze Familien werden in ihren Häusern getötet, Männer werden per Erschießungskommando auf offener Straße hingerichtet, Frauen und Kinder, die sich in Läden oder Moscheen verstecken, werden erschossen, alte muslimische Scheichs gefoltert, ganze Straßenzüge und Wohnviertel bombardiert.

Die Augenzeugenberichte decken sich mit dem, was Anas von seinen Verwandten gehört hat. Anas selbst gelingt gleich zu Beginn des Massakers die Flucht aus Hama, er ist der einzige Mann seiner Familie im wehrfähigen Alter, der die Stadt lebend verlässt.

Die Cousinen und Tanten, die in Hama bleiben und überleben, sind nachhaltig traumatisiert, sagt Anas. "Eine meiner Cousinen hatte sich mit ihrer Mutter und etwa 60 anderen Leuten in einem Keller versteckt", erzählt er. Soldaten hätten den Raum gestürmt und alle erschossen. Seine Cousine und der Säugling ihrer Nachbarin waren die einzigen Überlebenden. "Wenn sich noch jemand bewegte, haben die Soldaten noch mal geschossen", erzählt Anas, "dann haben sie Uhren und Schmuck geklaut und sind abgehauen." Seine Cousine habe nur überlebt, weil ihre Mutter auf sie gefallen war.

Ende Februar 1982 liegt ein Großteil von Hama in Schutt und Asche, die historische Altstadt, ein UNESCO-Weltkulturerbe, ist für immer verloren, Moscheen und Kirchen wurden systematisch zerstört. Etwa 20.000 Menschen sind tot, Zehntausende werden verhaftet oder gelten als verschwunden, viele von ihnen kehren nie zurück.

Das Trauma einer ganzen Nation

Hama wird zum Trauma einer ganzen Nation. Und zum Tabu. Die Stadt selbst wird in kürzester Zeit wieder aufgebaut, die Spuren beseitigt. Über die gesellschaftlichen Narben legt sich ein Mantel des Schweigens. Eines kollektiven Schweigens.

Demonstration von Assad-Gegnern vor dem UN-Sitz in New York; Foto: dpa
Die internationale Staatengemeinschaft zum Zuschauen verdammt: Die Arabische Liga ist in Syrien gescheitert, der Weltsicherheitsrat durch Assads Verbündete Russland und China blockiert.

​​Das Regime macht bis heute die Muslimbrüder für die Gewalt verantwortlich und löscht ihre Partei faktisch aus. Aktive Mitglieder werden getötet, Anhänger verhaftet und wer der Verfolgung entkommt, flieht ins Ausland. Dort entwickeln sich verschiedene Strömungen, die von politischen Führern im Exil geprägt werden.

Weder damals noch heute geben die syrischen Muslimbrüder ein einheitliches Bild ab. Ihr Vorsitzender Mohammed Riad al-Shaqfa lebt in der Türkei, wo sich die syrische Auslandsopposition seit Monaten formiert.

Innerhalb des syrischen Nationalrats, des wichtigsten Oppositionsbündnisses außerhalb Syriens, stellen die Muslimbrüder die größte Fraktion, manchen ist ihr Einfluss schon jetzt zu dominant. Vor allem die Minderheiten in Syrien – Christen, Alawiten, Drusen und andere – fürchten sich im Falle eines Regimewechsels vor einer islamischen Agenda der sunnitischen Mehrheit. Generalsekretär Shaqfa bemüht sich, diese Befürchtungen zu zerstreuen. Er sagt Sätze wie "man kann die Scharia niemandem aufzwingen" und "wir als Muslimbrüder werden die Rechte der Minderheiten verteidigen".

Anas bleibt skeptisch. Er vermisst bei den Muslimbrüdern eine ehrliche und kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit in Syrien. Parteichef Shaqfa, selbst seit den 1970er Jahren im Ausland, distanziert sich vom damaligen Terror und behauptet, die Anschläge seien von eigenständigen Zellen durchgeführt worden, die offiziell gar nicht zu den Muslimbrüdern gehörten. Für Anas der Versuch, sich aus der Verantwortung zu stehlen.

Wie der Vater, so der Sohn

Doch die Muslimbrüder haben gerade andere Sorgen, schließlich werden sie auch in der aktuellen Krise für die Gewalt verantwortlich gemacht. 30 Jahre nach Hama bedient sich Präsident Baschar al-Assad der gleichen Rhetorik wie sein Vater und beschwört die "islamistische Gefahr": Vom Ausland gesteuerte Terrorgruppen wollten Syrien zerstören. Doch im Gegensatz zu damals geht die Propaganda heute an der Realität vorbei.

Nicht bewaffnete Terroristen, sondern friedliche Demonstranten, die mittlerweile von Deserteuren unterstützt werden, fordern das Assad-Regime seit fast einem Jahr heraus. Während damals eine radikale sunnitische Minderheit ein islamisches Staatswesen wollte, fordern heute Syrer aller Religionen und sozialen Schichten Freiheit und Demokratie. Kurz: Vor 30 Jahren bekämpfte eine islamische Partei ein säkulares Regime, heute befreit sich das breite Volk von einer Diktatur.

Über das Internet erreichen die Bilder von Protesten, Beerdigungszügen und Raketenangriffen die Öffentlichkeit fast in Echtzeit. Während über das Massaker in Hama 1982 nur sporadisch Nachrichten nach außen drangen, ist die Welt heute Zeuge der Gewalt in Syrien.

Dennoch scheint die internationale Staatengemeinschaft zum Zuschauen verdammt. Die Arabische Liga ist in Syrien gescheitert, der Weltsicherheitsrat durch Assads Verbündete Russland und China blockiert. Inzwischen suchen Europäer, Amerikaner und ihre Partner in Nahost nach Wegen außerhalb der Vereinten Nationen, um das Blutvergießen in Syrien zu stoppen – bislang ohne Erfolg. Noch schließen alle Beteiligten ein direktes militärisches Eingreifen aus, aber die Stimmen nach einer Bewaffnung der Assad-Gegner werden lauter.

Die Zeichen in Syrien stehen also auf Gewalt. Und die Syrer stehen weiterhin alleine da. Dass sie das Assad-Regime aus eigener Kraft stürzen werden, bezweifelt Anas seit dem 22. Juli vergangenen Jahres nicht mehr. Da erhebt sich seine Heimatstadt Hama zum zweiten Mal in der Geschichte, dieses Mal mit friedlichen Massenprotesten.

Anas kann es bis heute nicht fassen. "Ich dachte, die Vergangenheit sitzt den Menschen in Hama so tief in den Knochen, dass sie niemals demonstrieren würden", sagt er. Doch dann versammelten sich am 22. Juli 2011 Hunderttausende auf dem zentralen Al Asi-Platz und sangen "Oh wie schön ist Freiheit!". Für Anas war das ein erster kleiner Sieg.

Kristin Helberg

© Qantara.de 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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