Märtyrerplatz in Beirut während der Trauerfeier für Wissam Al-Hassan; Foto: DW/Mona Naggar
Anti-Assad Proteste im Libanon

Tage des Zorns in Beirut

Der Libanon steht unter Schock. Nach dem Mord am Polizeigeheimdienstchef wirkt Beirut noch immer wie gelähmt. Nach der Trauerfeier wollten Demonstranten den Regierungssitz stürmen. Proteste keimen auf. Aus Beirut informiert Mona Naggar

Tausende Libanesen haben sich auf dem Märtyrerplatz in Beirut versammelt. Sie sind gekommen, um von dem ermordeten Chef des Polizeigeheimdienstes, Wissam Al-Hassan, und seinem Begleiter Ahmad Sahyouni Abschied zu nehmen. Der 47-jährige Al-Hassan stand der Opposition nahe. Für viele war er ein Garant für Sicherheit in dem politisch instabilen Land. Er führte einen Sicherheitsapparat an, der weder der Hisbollah unterstand, noch von Syrien unterwandert war.

Viele Menschen auf dem Märtyrerplatz tragen die libanesische Fahne, andere halten Fahnen der Oppositionsparteien in die Höhe. Viele Redner treten auf - sie alle geben der libanesischen Regierung mit dem Sunniten Najib Mikati an der Spitze die Schuld für das Attentat. Dann greift Nadim Qutaisch zum Mikrofon. Der Fernsehjournalist und Sympathisant der sunnitischen und anti-syrischen Zukunftsbewegung stachelt seine Zuhörer auf. Er fordert die jungen Leute auf, zum Serail - dem Regierungssitz - zu gehen und Mikati zu stürzen.

Der Märtyrerplatz in Beirut bei der Trauerfeier für Wissam Al-Hassan, 21.10.2012; Foto: DW/Mona Naggar
Was für Kairo der Tahrir-Platz ist, das ist für Beirut der Märtyrerplatz: Schon 2005 kam es hier im Zuge der "Zedernrevolution" zu Demonstrationen gegen die syrische Besatzung. Auch am vergangenen Sonntag wurde demonstriert - und zwar wiederum gegen das Assad-Regime.

​​Sturm auf den Regierungssitz

Was auf diesen Aufruf folgt, sind Zusammenstöße zwischen wütenden jungen Männern und Sicherheitskräften in der Nähe des Serails. Die Randalierer werfen Steine und Flaschen auf die Uniformierten. Die Armee antwortet mit Tränengas und Warnschüssen. Politische Führer versuchen, die Lage in den Griff zu bekommen: Im Fernsehen ruft Saad Al-Hariri, Führer der Zukunftsbewegung, seine Anhänger zur Ruhe auf.

Doch die meisten Menschen, die sich auf dem Märtyrerplatz versammelt haben, demonstrieren friedlich - wie etwa Abdalkarim. Er bezeichnet den Mord als Schock für alle ehrenwerten Menschen. Al-Hassan habe alle verfolgt, die die Sicherheit des Landes in Gefahr brachten: "Jeder Mensch, der sein Land liebt, sollte sich an dieser Demonstration beteiligen. Das ist eine nationale, menschliche und moralische Pflicht", sagt Abdalkarim.

Eine Gruppe von jungen Frauen, die ebenfalls auf dem Platz stehen, vertritt eine klare Position: Salma sagt, dass sie zusammen mit ihren Freundinnen gegen das Regime in Syrien und seine Anhänger im Libanon demonstriere: "Die Regierung soll stürzen, dann kommt eine neue Regierung und es wird besser."

Fahd Al-Khalil, der eine libanesische Fahne trägt, sagt fast resigniert: "Es reicht, wir haben die Nase voll von Zerstörung, vom Töten und vom gegenseitigen Hass!"

Brennende Mülltonnen und leere Straßen

Drei Tage nach dem Mord an Wissam Al-Hassan wirkt Beirut am Montag (22.10.2012) immer noch wie gelähmt. Viele Schulen haben geschlossen. Die Hauptverkehrsstraßen sind auffällig leer. Immer wieder kam es in den vergangenen Tagen in verschiedenen Vierteln im Westen der Stadt zu Protesten. Aufgebrachte Anhänger der Zukunftsbewegung blockieren Straßen, setzen Reifen in Brand oder zünden Mülltonnen an.

Brennende Mülltonnen im Stadtteil Aischa Bakkar, Westbeirut; Foto: DW/Mona Naggar
Brennende Autoreifen, rauchende Mülltonnen: Ergebnisse der Proteste gegen das syrische Regime, sowie die eigene Regierung.

​​Das Attentat auf den Chef des Polizeigeheimdienstes geschah zweieinhalb Monate nach der Verhaftung von Michel Samaha. Der ehemalige libanesische Minister wird verdächtigt, im Auftrag des syrischen Regimes Sprengstoffanschläge im Libanon geplant zu haben. Verantwortlich für die Verhaftung war Wissam Al-Hassan. Für die libanesische Opposition, die Allianz des 14. März, die aus sunnitischen und christlichen Kräften besteht, ist klar: Die Auftraggeber für das Attentat an Al-Hassan sitzen in Damaskus. Die politische Verantwortung lastet die Opposition Ministerpräsident Mikati an und fordert vehement seinen Rücktritt. Er habe das Klima geschaffen, das diesen Mord möglich gemacht habe, sagen sie.

Wie soll es weitergehen?

Doch die Opposition, insbesondere die Zukunftsbewegung, steht unter Druck. Um bei ihren Anhängern politisch glaubwürdig zu bleiben, kann sie nach diesem Mord nicht zur Tagesordnung übergehen. Aber was nach dem geforderten Rücktritt folgen soll, ist unklar. Die Opposition verfügt derzeit nicht über die Mehrheit, die zur Bildung einer neuen Regierung nötig ist.

Die führenden Kräfte in der Regierung, die schiitischen Hisbollah und die Amal-Bewegung, halten sich auffällig zurück. Laut Berichten libanesischer Zeitungen haben sie die Anweisung, sich nicht provozieren zu lassen. So heißt die oberste Devise der pro-syrischen Kräfte im Libanon: Ruhe bewahren.

Die Hoffnung ruht nun auf Staatspräsident Michel Suleiman. Suleiman, der bei allen politischen Richtungen Glaubwürdigkeit genießt, hält an Ministerpräsident Najib Mikai fest. So bleibt die Regierung vorerst im Amt. Und alle Beteiligten hoffen, dass sich während des islamischen Opferfestes am Wochenende die Gemüter beruhigen werden.

Mona Naggar

© Deutsche Welle 2012

Qantara-Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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