Bin Laden und Ayman al-Zawahiri in Afghanistan am 8. Novemer 2001; Foto: dpa
Al-Qaida zehn Jahre nach 9/11

Hydra des globalen Terrors

Obwohl die Terrororganisation al-Qaida mit ihren politischen Projekten weitgehend gescheitert zu sein scheint, werden die Auswirkungen von Terrorismus und Terrorismusbekämpfung nach 2001 die USA und Europa noch lange beschäftigen. Eine Analyse von Guido Steinberg

Zehn Jahre nach dem 11. September scheint der Kampf gegen al-Qaida entschieden. Usama Bin Laden wurde im Mai 2011 in seinem pakistanischen Versteck getötet, seine Organisation ist durch den Verlust fast aller bekannten Führungskader stark geschwächt und die Unruhen in der arabischen Welt haben allzu deutlich gezeigt, dass die al-Qaida-Ideologie nur noch wenige junge Araber begeistern kann.

Dennoch wird der islamistische Terrorismus auch in den kommenden Jahren in Süd- und Zentralasien, in der arabischen Welt und in Europa eine wichtige Bedrohung bleiben.

Der wichtigste Grund hierfür sind die organisatorischen Mutationen, die die dschihadistische Bewegung seit 2001 durchlaufen hat und die dafür sorgen, dass al-Qaida auch dann fortbesteht, wenn ihre zentrale Führung in Pakistan ausgeschaltet werden sollte.

Hierbei handelt es sich in erster Linie um die regionalen al-Qaida-Ableger im Jemen, im Irak und in Algerien, die im Namen der Mutterorganisation weitgehend eigenständig vorgehen. Hinzu kommt die dschihadistische Szene in Europa, wo al-Qaida und andere Organisationen seit 2001 vermehrt Zulauf erhalten haben und ihre Ideologie heute sehr viel weiter verbreitet ist als vor zehn Jahren.

Möglicherweise wird al-Qaida künftig keinen direkten Einfluss auf deren Aktivitäten mehr nehmen können, aber die terroristische Aktivität in Europa dürfte zunächst einmal nicht abebben.

Spenden aus der Golfregion

Versteck Bin Ladens in Abbottabad; Foto: picture alliance
Schwerer Schlag für Al-Qaida: Nach jahrelanger Jagd hatte ein US-Sonderkommando Bin Laden im Mai 2011 in Abbottabad im Nordosten Pakistans getötet. Dort hatte er sich offenbar mehrere Jahre lang versteckt.

​​Der Tod Bin Ladens war ein äußerst schwerer Verlust für al-Qaida, der sich jedoch erst längerfristiger auswirken dürfte, da sein Einfluss auf das operative Tagesgeschäft seit 2001 nicht mehr sehr groß gewesen zu sein scheint. Der Saudi verfügte dennoch über beträchtliches Charisma, das wesentlich zur besonderen Attraktivität seiner Organisation für junge Rekruten beitrug und auch die Finanzierung erleichterte.

Bis heute finanziert sich al-Qaida in erster Linie durch Spenden aus der Golfregion, so dass es für die Organisation überlebenswichtig sein wird, einen Saudi in ihrer Führungsspitze vorweisen zu können. Denn es ist nicht zu erwarten, dass alle saudi-arabischen Spender bereit sein werden, eine Organisation zu fördern, die von Ägyptern dominiert wird. Bis jetzt zeigt sich jedoch kein geeigneter Kandidat für eine solche Position. Sollte deshalb der Geldstrom vom Golf nach Pakistan abebben, könnte al-Qaida in arge Nöte geraten.

Für die kurzfristige Entwicklung wichtiger dürfte der Verlust von wichtigem Führungspersonal in den pakistanischen Stammesgebieten sein. Seit die USA den Drohnenkrieg gegen al-Qaida im Jahr 2008 intensiviert haben, sind rund zwei Dutzend wichtige Kommandeure der Organisation getötet worden, zuletzt mit dem Libyer Atiyatallah Abu Abdarrahman die aktuelle Nummer zwei nach Zawahiri. Es ist fraglich, ob al-Qaida diese Verluste tatsächlich kompensieren kann.

Al-Qaida-Filialen in der arabischen Welt

Al-Qaida profitierte seit 2003 davon, dass sich der Organisation regionale Gruppierungen in der arabischen Welt anschlossen und nach ihr benannten. So konnte die Organisation den Eindruck erwecken, es handele sich bei ihr tatsächlich um ein weltumspannendes Netzwerk, obwohl diese Gruppen mit einem hohen Maß an Eigenständigkeit operierten.

Jemeniten in der Altstadt von Sanaa; Foto: dpa
Arabisches Armenhaus und sicherer Rückzugsort für Al-Qaida-Terroristen: Jemens Zentralregierung ist schwach angesichts einer schiitischen Rebellion im Norden, einer Sezessionsbewegung im Süden und einer der aktivsten Ableger der al-Qaida im abgelegenen Hinterland.

​​Die im Jahr 2009 gegründete al-Qaida im Jemen orientierte sich dabei sehr eng an der Mutterorganisation, während die irakischen und algerischen al-Qaida-Filialen sehr viel unabhängiger agierten.

Diese drei Organisationen gewinnen durch die Schwäche der al-Qaida-Zentrale in Pakistan an eigenständiger Bedeutung und profitieren dabei zusätzlich von den Unruhen in der arabischen Welt, die Anfang 2011 ausbrachen. Der Sturz der Regime in Ägypten, Libyen und Tunesien und ihre Schwächung in Syrien und im Jemen verschafft den Dschihadisten neue Operationsmöglichkeiten.

Die jemenitische al-Qaida scheint dabei das aktuell größte Problem darzustellen. Sie war im Dezember 2009 der erste al-Qaida-Ableger, der versuchte, Anschläge in den USA zu verüben, als ein Selbstmordattentäter versuchte, an seinem Körper versteckten Sprengstoff beim Landeanflug auf den Flughafen Detroit zu zünden.

Auch der im Oktober 2010 vereitelte Anschlag mit Paketbomben in zwei Frachtmaschinen ging auf diese Organisation zurück. Aufgrund der Schwäche der Zentralregierung gelingt es ihr seit Frühjahr 2011, ihre Positionen im Südjemen auszubauen und mittlerweile sogar einzelne Orte zu kontrollieren.

Im Irak ist die örtliche al-Qaida zwar nur noch ein Schatten ihres früheren Selbst, doch ist sie weiterhin in der Lage, in verschiedenen Teilen des Landes Aufsehen erregende und opferreiche Anschläge zu verüben. Sie profitiert dabei von dem nur rudimentären Funktionieren des neuen irakischen Staates und dürfte nach dem Abzug der amerikanischen Truppen Ende 2011 noch aktiver werden.

Besonders gefährlich ist die Lage überall dort, wo kurdische und arabische Siedlungsgebiete zusammenfallen und seit Jahren Spannungen herrschen. Sollten diese Auseinandersetzungen 2012 eskalieren, dürfte vor allem al-Qaida davon profitieren und erneut zu einer ernsten Bedrohung für den neuen irakischen Staat werden, wie sie es schon zwischen 2003 und 2008 einmal war.

Die algerische al-Qaida schließlich stellt die größte unmittelbare Gefahr für Europa dar, da sie über viele Unterstützer dort verfügt, wo maghrebinische Migranten leben. Sie hat jedoch mit Problemen zu kämpfen, da sich das algerische Regime bisher als stabil erwiesen hat. Zwar gelingen der Gruppe immer wieder Aufsehen erregende Anschläge, doch schafft sie es – mit Ausnahme des abgelegenen Mauretanien – nicht, wie angestrebt auch in den Nachbarstaaten aktiv zu werden.

Al-Qaida in Europa

Seit Beginn des Irak-Krieges 2003 hat al-Qaida vermehrt europäische Dschihadisten rekrutiert und auf dem alten Kontinent auch mehrfach große Anschläge verübt. In Europa zeigen sich vor allem die Folgen eines tief greifenden Internationalisierungsprozesses, der die dschihadistische Bewegung insgesamt prägt und sie heute zu einem fast weltumspannenden Phänomen macht.

Nach dem Anschlag auf das irakische Finanzministerium am 19. August 2009; Foto: AP
Blutige Spur des Terrors: Nach den Anschlägen der al-Qaida auf zahlreiche Regierungsgebäude in Bagdad im August 2009 mit über 100 Toten und mehr als 1.000 Verletzten bleibt das Terrornetzwerk nach wie vor aktiv im Irak.

​​Zunächst einmal hat die Ideologie der al-Qaida in Europa nach 2001 immer mehr Anhänger gefunden und sich unter Gruppen verbreitet, die zunächst nicht erreicht wurden. Bis 2001 war al-Qaida nämlich in erster Linie ein arabisches Phänomen und erst später gelang es ihr, vermehrt junge Pakistanis, Afghanen, Türken und Kurden in der europäischen Diaspora und auch europäische Konvertiten anzusprechen.

In Deutschland bildete sich die ab 2007 dynamischste Szene in Europa, als sich erstmals ethnische Türken und Kurden und auch Konvertiten auf den Weg nach Pakistan machten, um sich dort al-Qaida und gleich gesinnten Organisationen anzuschließen.

Von den mehr als 200 aus Deutschland stammenden jungen Männern, die in den letzten zehn Jahren in die Trainingslager der Dschihadisten zogen, reisten die meisten ab 2007 nach Pakistan. Es sind insbesondere die von dort zurückkehrenden Aktivisten, die dafür gesorgt haben, dass die terroristische Bedrohung in Deutschland heute so viel höher ist als noch vor zehn Jahren.

Doch nicht nur die nationale und ethnische, auch die soziale Herkunft der Dschihadis hat sich verändert. Die al-Qaida-Ideologie zieht in Deutschland immer mehr junge Leute aus den zugewanderten Unterschichten an; viele von ihnen besitzen nur eine äußerst rudimentäre Schulbildung und einige stammen aus dem Kleinkriminellen- und Drogenmilieu.

Diese Entwicklung hat zwei Folgen: Zum einen sind ihre terroristischen Gehversuche meist wenig ausgefeilt und scheitern deswegen meist oder werden rechtzeitig vereitelt. Die von ihnen ausgehende Gefahr ist nicht sehr groß.

Zum anderen muss dieses Profil trotzdem Sorgen machen, da es allein in Deutschland Hunderttausende junge Migranten der zweiten oder dritten Generation gibt, die ähnliche Lebensläufe aufweisen, so dass der dschihadistische Rekrutierungspool sehr groß wird.

Effektive Terrorbekämpfung unabdingbar

Auch wenn al-Qaida mit ihren politischen Projekten weitgehend gescheitert zu sein scheint, werden die Auswirkungen von Terrorismus und Terrorismusbekämpfung nach 2001 die USA und Europa noch lange beschäftigen.

David Petraeus in Washington; Foto: dapd
Nach Ansicht des neuen CIA-Direktors David Petraeus ist al-Qaida nach der Tötung Bin Ladens deutlich schwächer als zum Zeitpunkt der Anschläge vom 11. September vor zehn Jahren.

​​Für den künftigen Umgang mit dem Thema sollte vor allem die Beobachtung wichtig sein, dass al-Qaida immer schwächer wurde, als die US-Regierung einige der schlimmsten Fehler und Überreaktionen der Bush-Administration revidierte. Hierzu gehörten beispielsweise der von der Obama-Administration eingeleitete Rückzug aus dem Irak, die angekündigte Schließung von Guantanamo und die Abkehr von der Folter inhaftierter Terroristen.

Gleichzeitig hatte bereits die Bush-Administration 2008 begonnen, ihr Hauptaugenmerk der Situation in Afghanistan und Pakistan zu widmen und sich auf die dortige Bekämpfung von al-Qaida zu konzentrierten. Der Drohnenkrieg in den pakistanischen Rückzugsgebieten wurde zum wichtigsten Instrument gegen al-Qaida.

So zeigte die Obama-Administration, wie Terroristen effektiv bekämpft werden können: Überreaktionen vermeiden, auf starke Nachrichtendienste setzen und militärische Gewalt streng dosiert anwenden wo es keine andere Wahl gibt.

Guido Steinberg

© Qantara.de 2011

Guido Steinberg ist promovierter Islamwissenschaftler und Mitarbeiter der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Bis Oktober 2005 arbeitete er als Terrorismusreferent im Bundeskanzleramt. An der SWP erforscht er die Politik des Nahen Ostens – mit einem Schwerpunkt auf der Arabischen Halbinsel und dem Irak – und den islamistischen Terrorismus.

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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