Tausende Afghanen versammeln sich vor der Blauen Moschee und dem 'Schicksalsmast' in Masar-i-Scharif; Foto: Marian Brehmer
Afghanistan-Tagebuch (Teil 2)

Der Schicksalsmast

Zwei Wochen lang reist unser Autor Marian Brehmer um den Jahreswechsel des persischen Kalenders durch Afghanistan. In Masar-i-Scharif und Kabul spricht er abseits des Krieges mit den Menschen im Land. Welche Hoffnungen haben sie für das neue Jahr und wie sehen sie die politischen Entwicklungen am Hindukusch?

Für die Händler des Basars von Masar-i-Scharif hat sich das Neujahrsfest Nouruz schon jetzt gelohnt. Dichtes Gewühl füllt die Gassen um die Blaue Moschee vor der Jahreswende. Grüppchen von Frauen in blauen Burkas bilden Inseln in einem Meer von Geschäftigkeit. Hand in Hand treiben sie auf die Kleidungs- und Kosmetikauslagen des Marktes zu. Jungen bieten an langen Girlanden Telefonkarten feil, mit denen das Handyguthaben aufgeladen wird.

Es ist Mittag. Stoffverkäufer Hamidullah hat schon drei Dutzend Kunden gehabt. Die bekommt der 35-Jährige normalerweise nicht mal an einem Tag. Hamidullah trägt eine Lederjacke und hat einen Schnurrbart. Auf seinem Kopf sitzt eine gehäkelte Gebetskappe. Hamidullah verkauft Stoffe, Baumwolle und Seide. Leichte Stoffe für den Sommer und dicker gewebte für die kalten Tage.

Stoffverkäufer Hamidullah; Foto: Marian Brehmer
Der muslimische Stoffverkäufer Hamidullah feiert kein Nouruz, schätzt jedoch die Tradition des Neujahrsfests in Afghanistan.

​​"Zu diesem Nouruz-Fest wird viel Weiß und Blau gekauft", berichtet Hamidullah. Den Stoff bringen die Kunden zum Schneider und lassen sich daraus ein Hemd oder einen Shalwar Kamiz machen. Vier Meter von der Rolle benötigt man für einen solchen Anzug, der aus einem knielangen Hemd und einer weiten Pluderhose besteht.

"Nouruz ist eine Tradition aus alten Zeiten, deshalb schätze ich es", sagt Hamidullah. Was seine Wünsche für das neue Jahr sind? "Ich wünsche mir nichts, denn das ist verboten im Islam."

Ein Extremist, der Nouruz am liebsten verboten sehen würde? Hamidullah winkt ab. "Nein, das hängt doch von jedem selbst ab, wie er es feiert."

Beim Thema Krieg wird Hamidullah bestimmter. Wenn es nach ihm ginge, sollten die ausländischen Truppen Afghanistan schnell verlassen. Sie seien als Invasoren ins Land gekommen. "Solange die Ausländer hier sind, wird sich nichts ändern. Die Afghanen werden ihr Land selbst aufbauen, wenn es Allah wünscht", sagt Hamidullah.

Dann versucht er etwas Englisch zu sprechen, um dem ausländischen Gast in seinem Laden zumindest so viel Respekt zu erweisen. Hamidullah blickt zu seinen Stoffbahnen und überlegt. Er sagt einen Satz, in dem man das Wort "people" ausmachen kann. Die Schulzeit ist zu lange her.

"Ich würde gerne nochmal Englisch lernen", meint er entschuldigend. Es sei gut, noch eine weitere Sprache sprechen zu können. In seiner Kindheit musste Hamidullah als Straßenverkäufer arbeiten, neben der Schule. "Meine Kinder sollen Ärzte werden und der Gesellschaft dienen. Ich werde alles unternehmen, um ihnen das zu ermöglichen", sagt er.

Ob ich nicht zum Mittagessen bleiben möchte, fragt er zum Abschied dreimal. So leicht lässt sich ein Afghane keinen "Korb geben".

Ein paar Läden weiter sitzt Jawid Hussein, 27, hinter seinem Tresen. Der stämmige Hazara lacht als er nach seinen Wünschen zum neuen Jahr befragt wird: "Dass die Ausländer endlich aus unserem Land verschwinden!"

Seine Augen verraten, dass er im Scherzen geübt ist. An Nouruz wird er mit Freunden in einem Restaurant feiern gehen, mit guten Getränken. Was für Getränke das sind, will er aber nicht verraten. Aus Sicherheitsbedenken geht Jawid Hussein nicht zu der großen Zeremonie am Schrein. Den besuche er doch sowieso jede Woche.

Die Menschen stürmen zum 'Schicksalsmast'; Foto: Marian Brehmer
Startschuss für das neue Jahr: Auf Kommando klettern Jung und Alt nach der Flaggenzeremonie über die Absperrungen in der Nähe der Blauen Moschee von Masar-i-Sharif.

​​Die Hazara haben von allen vier Volksgruppen im Land am meisten unter den Taliban gelitten. Ihr Leid hatte eine ethnische und eine religiöse Komponente. Als Volksgruppe und als Schiiten wurden sie von den sunnitischen Taliban verachtet und zu Zehntausenden umgebracht.

Masar-i-Scharif eine schöne Stadt zu nennen, wäre wohl zu schmeichelhaft. Der Regen der letzten Tage hat die sonst staubigen Straßen schlammig aufgewühlt. Wer beim Hürdenlauf von Stein zu Stein nicht aufpasst, versinkt bis zu den Knöcheln im Matsch. Zum Nouruz-Fest rücken Hundertschaften von Männern mit Späten und Schubkarren an. In Handarbeit tragen sie die dunkelbraune Schicht ab. Auf dem großen Kreisel zu Beginn der Schah-Massud-Straße hat die Stadtverwaltung bunte Fahnen für das Neujahrsfest angebracht. Wenn schon das Wetter nicht mitspielt, dann wenigstens Frühlingsfarben zur Dekoration.

Masar-i-Scharifs Perle, die Blaue Moschee, ist in jedem Jahr das Zentrum der Nouruz-Feierlichkeiten. Nach afghanischem Volksglauben liegt hier der Schwiegersohn des Propheten Mohammeds, Ali ibn Talib, begraben. Am ersten Tag des neuen Jahres wird vor dem heiligen Grab (Masar-i-Scharif bedeutet nichts anderes als "Grab des Heiligen") ein Flaggenmast an einer Leine aufgezogen. Verläuft das Hochziehen des Mastes geschmeidig und ohne Ruckeln, wird das Jahr gut verlaufen. Und wenn nicht?

Im Innenhof der Moschee drängen am Morgen der Zeremonie Tausende Zuschauer wie in einem Käfig gegen das Absperrgitter. Alle möchten den Mast im Blick haben wann es endlich so weit ist. Jeder der Bäume im Umkreis ist von Schaulustigen übersät. Wegen der Kälte seien es weniger als im letzten Jahr, sagen die Leute.

Viele von ihnen haben sich Decken umgewickelt, tragen Turban oder Pakul. Jene flache Wollmütze wurde durch Schah Massud, dem großen Kriegshelden und Anti-Taliban-Kämpfer populär gemacht. Der "Löwe von Pandschir", einer Provinz im Osten Afghanistans, trug seinen Pakul immer ein bisschen schief auf dem Kopf.

Seit seiner Ermordung durch die Taliban zwei Tage vor dem 11. September 2001 ist er eine Legende und wird vor allem in den Provinzen des Nordens verehrt. Einige Zuschauer halten Schilder mit dem Porträt ihres Märtyrers. Darunter steht in Dari ein nicht gerade ermunterndes Zitat des Idols: "Die Menschen sollten wissen, dass die Gefahr des Terrorismus größer ist als sie denken." Die Schilder wurden wohl von den Veranstaltern ausgeteilt. Auch Schilder von Hamid Karsai gibt es, aber es sind viel weniger.

Sicherheitskräfte bewachen das Nouruz-Fest; Foto: Marian Brehmer
"Frieden und Sicherheit sind am wichtigsten": Während der Neujahrsfeierlichkeiten werden in Masar-i-Sharif viele zentrale Plätze von der Armee bewacht, um eventuelle Störungen und Provokationen zu vermeiden.

​​Nach langem Ausharren ist es so weit. Die Luft zittert vom Dröhnen der Kanonen, das die Tauben des Schreins aufflattern lässt. Hubschrauber werfen bunte Flugblätter vom Himmel. Ein gutes Dutzend Mullahs zieht nun an einem Tau den Mast hoch. Die bunten Flaggen mit koranischen Schriftzeichen entfalten sich unter dem Jubel der Menge.

Das Aufstellen erfolgt ohne bemerkenswerte Unterbrechung. Die Wartenden holen Luft. Wie auf Kommando klettern nun die Menschen über die Absperrungen auf den Mast zu. Mit aller Kraft ziehen sich Jung und Alt am Gitter empor. Die Jungen sprinten über den marmornen Boden, die Greise brauchen etwas länger. Im Gebet vor dem Mast bringen sie ihre Wünsche vor - für sich und Afghanistan.

Doch was wünschen sich die Afghanen nun eigentlich? Von Hamidullah und Jawid Hussein konnte ich es nicht erfahren. Jenseits der Checkpoints und der Militärabsperrungen, die von den afghanischen Sicherheitskräften während der Nouruz-Feiertage errichtet wurden, treffe ich Gulam Nabi. "Frieden und Sicherheit sind am wichtigsten. Unsere Armee hat heute ganze Arbeit geleistet", sagt er.

Die Befürchtungen, jemand könnte die Feier angreifen, haben sich zum Glück nicht bewahrheitet. Wie schön wäre es doch, wenn der aufrechte Mast als Symbol für ein friedliches Jahr "1391" in Afghanistan stünde.

Marian Brehmer

© Qantara.de 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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