Wiederaufbau Aleppos

Die heimliche Macht der Investoren

Der Wiederaufbau Aleppos gestaltet sich schwierig - vor allem deshalb, weil der syrische Denkmalschutz kaum nennenswerten Einfluss hat, ausländische Investoren dagegen umso mehr. Darüber sprach Konstantin Klein mit dem syrischen Historiker Mamoun Fansa.

Professor Fansa, seit 2013 engagieren Sie sich für den Wiederaufbau Aleppos. Inzwischen ist es vier Jahre später; von Wiederaufbau kann leider immer noch keine Rede sein. Ist es an der Zeit, den Mut zu verlieren?

Mamoun Fansa: Nein, das dürfen wir nicht, sonst verlieren wir wirklich alles. Solange ich lebe, solange ich noch irgendwie Ideen entwickeln kann, werde ich immer dafür kämpfen, dass die Altstadt von Aleppo UNESCO-gerecht wieder aufgebaut wird.

Nun ist Aleppo ja größtenteils zerstört. Wie kann ein Wiederaufbau überhaupt aussehen?

Fansa: Architekten und Stadtplaner haben hiermit gewiss keine Probleme. Denn sie könnten mit ihrer Arbeit sofort loslegen – doch sie kennen die Situation vor Ort nicht und wissen gar nicht, was in Aleppo gegenwärtig vor sich geht. Momentan gibt es diverse Entwicklungen, auf die wir von hier aus absolut keinen Einfluss haben können.

Was sind das für Entwicklungen?

Fansa: Es werden zahlreiche Grundstücke in Aleppo verkauft. Etliche Investoren aus dem Ausland sind gekommen – Chinesen, Russen, Libanesen und vor allen Dingen Iraner – und haben inzwischen Grundstücke erworben. Ob dies nun rechtens war, können wir nicht beurteilen. In Syrien spielen unterschiedliche Rechtsauffassungen bei solchen Angelegenheiten eine große Rolle. Es gibt in Syrien - wie in den meisten islamischen Ländern – die sogenannte Waqf, also Stiftungen nach islamischem Recht. In der Altstadt von Aleppo gehören fast 60 Prozent der Immobilien diesen Waqf, die nicht so einfach gestatten, dass Denkmäler verändert werden.

Mamoun Fansa; Foto: picture-alliance/dpa
Mamoun Fansa lebt seit fünfzig Jahren in Deutschland und arbeitete u.a. als Direktor des Landesmuseums für Natur und Mensch in Oldenburg. Er ist Mitbegründer der Arbeitsgruppe "Aleppo - Strategies to rebuild Aleppo" des Vereins "Freunde der Altstadt von Aleppo", der das digitale Archiv der Stadt Aleppo unterhält. Er ist Autor des Buches "Aleppo - Ein Krieg zerstört Weltkulturerbe".

Es gibt natürlich auch das syrische Denkmalschutzgesetz, das sich allerdings zur Anwendung im Kriegsfall kaum eignet. Viele Architekten und Stadtplaner planen einfach, ohne zu wissen, welche Hindernisse existieren, die vorher beseitigt werden müssen.

Sie haben jetzt mehrere kritische Faktoren genannt, die einem geregelten Wiederaufbau in Aleppo entgegenstehen. Was bereitet Ihnen derzeit am meisten Sorgen?

Fansa: Die Investoren bereiten mir zunächst keine wirklichen Sorgen, sondern vielmehr die syrische Regierung. Das Problem ist vor allen Dingen, dass in Syrien die Regierung überhaupt keine Macht hat. Was den Denkmalschutz angeht, wird nichts von Damaskus bestimmt, sondern zum großen Teil von Moskau und Teheran. Nehmen Sie doch das Beispiel Palmyra. Palmyra wurde sozusagen zweimal befreit, und wer arbeitet heute in Palmyra? Nicht die Syrer, nicht die Kollegen, mit denen die Syrer am liebsten zusammenarbeiten würden - das wären auch die Deutschen, das Deutsche Archäologische Institut u.ä. Stattdessen haben die Russen festgelegt, dass polnische Experten die Restaurierung von Palmyra planen sollen. Auf der anderen Seite ist da die Burgruine Krak des Chevaliers am Mittelmeer, die bei der Vertreibung der Rebellen durch Bomben zerstört. Nun hat Russland bestimmt, dass Ungarn die Restaurierung vornehmen soll.

Geht es dabei ums Geld oder um politischen Einfluss?

Fansa: Um politischen Einfluss. Das heißt: Russland bestimmt, was mit diesem Land langfristig geschehen soll. Die langfristige Steuerung durch Russland und den Iran ist inzwischen nicht mehr zu übersehen. Das bereitet mir viel mehr Sorgen als die syrische Regierung, die in dieser Hinsicht ohnehin kaum etwas zu sagen hat.

Oder denken Sie an die Zerstörung der Altstadt von Hama zwischen Damaskus und Aleppo im Jahr 1982. Man hat die Altstadt komplett zerstört, weil sie von Rebellen besetzt gehalten war. Sie wurde damals nicht wieder aufgebaut, stattdessen baute man dort Hochhäuser.

Der Wiederaufbau der deutschen Städte nach dem Zweiten Weltkrieg musste ja nicht zuletzt wegen der großen Wohnungsnot in großer Eile erfolgen. Das Ergebnis waren ganze Stadtviertel im Baustil der fünfziger Jahre, die heute heruntergekommen sind und erneut saniert werden müssen. Steht Aleppo und den anderen zerstörten Städten Syriens womöglich ein ähnliches Schicksal bevor?

Fansa: Das ist genau, was ich immer denke. Wir müssen, was Aleppo angeht, unterscheiden zwischen Altstadt und Neustadt. Die Neustadt kann rasch wieder aufgebaut werden. Die Leute brauchen dringend ein Dach über dem Kopf. Dieser Aufbau hat oberste Priorität. Doch dies muss in Koordination mit der Altstadt vonstatten gehen. Man kann nicht an der Stadtmauer der Altstadt von Aleppo Hochhäuser bauen! Das geht absolut nicht. Also, wie schafft man es, die Altstadt und die Neustadt irgendwie in Einklang zu bringen? Darin besteht die Herausforderung, der wir uns stellen müssen und dementsprechend auch planen können. Und das müssen wir auch den Syrern vermitteln, die mit uns zusammenzuarbeiten. Das muss Hand in Hand gehen.

Lässt sich eine Altstadt im historischen Stil, mit dem Flair, das sie mal gehabt hat, jemals rekonstruieren?

Fansa: Nach den uns vorliegenden Plänen lassen sich 30 bis 40 Prozent wieder aufbauen, so wie es war. Mein Anliegen ist es, die Grundstruktur, die Straßenführung, die bei der Gründung der Stadt um 300 v.Chr. von Alexander dem Großen angelegt wurde, zu erhalten. Wenn wir das schaffen, die Einheit dieser Stadt auch durch die Straßenführung zu erhalten, dann haben wir ziemlich viel gewonnen. Was immer wieder wirksam ins Feld geführt werden kann, ist die Tatsache, dass Aleppo von der UNESCO 1986 als Weltkulturerbe anerkannt wurde. Die Stadt muss daher auch nach UNESCO-Vorschriften wieder aufgebaut werden, sonst verliert sie diesen Status.

Steht nicht zu befürchten, dass Ihre Pläne womöglich schon jetzt überholt sind, weil es doch anders kommen könnte?

Fansa: Wir stehen auch mit anderen Organisationen, die in Syrien tätig sind, in Kontakt und versuchen, gemeinsam unsere Zeile zu verfolgen. Gegenwärtig arbeiten wir mit der Aga-Khan-Stiftung zusammen, die ihre Verbindungen nach Syrien nie aufgegeben hat und jetzt auch Zeit und Geld in die Altstadt von Aleppo investiert. Aber hierbei handelt es sich nur um etwa zehn Prozent von dem, was man restaurieren will. Und deshalb plädiere ich auch dafür, wenn Deutschland sich nicht offiziell über die GIZ oder andere Organisationen in Aleppo engagieren will, dies doch über Zivilorganisationen wie Vereine zu tun. Momentan mangelt es für den Wiederaufbau insbesondere an Geld. Und genau in diese Zeit kommen nun die Investoren aus verschiedenen Staaten, die jedoch überhaupt keinen Sinn für Denkmalschutz haben.

Das Interview führte Konstantin Klein.

© Deutsche Welle 2017

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