Umweltprobleme in den Maghrebstaaten

Neue Aufgaben für die Müllsammler

Die Landflucht hat in Nordafrika zu einem starken Wachstum der Städte geführt. Vielerorts hat sich die Umweltsituation erheblich verschlechtert. Probleme macht vor allem die Entsorgung von Abwässern und Abfällen. Von Norbert Glaser

Die Landflucht hat in Nordafrika zu einem starken Wachstum der Städte geführt. Vielerorts hat sich die Umweltsituation erheblich verschlechtert. Probleme macht vor allem die Entsorgung von Abwässern und Abfällen. Mehr Bürgerbeteiligung soll die kommunalen Dienste verbessern. Von Norbert Glaser

Straßenszene in Casablanca; Foto: dpa
Viele Menschen ziehen auf der Suche nach Arbeit in die Städte. Folgen sind u.a. illegale Siedlungen, Abfallprobleme und Mangel an Trinkwasser.

​​Die rasante Verstädterung stellt den Maghreb vor erhebliche Probleme. Aus Sicht von Umweltexperten wie Youssef Jaouhari hat das Wachstum der Bevölkerung vielerorts Besorgnis erregende Ausmaße angenommen: "Der Ballungsraum Agadir mit einer Million Einwohnern wächst jedes Jahr um 4,2 Prozent."

Das nationale Bevölkerungswachstum betrage dagegen 3,6 Prozent. "Viele Menschen ziehen in der Hoffnung auf Arbeit und ein besseres Leben in die Region", berichtet der Marokkaner. "Die Folgen sind wilde Siedlungen, Mangel an Trinkwasser und Probleme mit Abfall und Abwässern."

Erste Umweltgesetze gibt es. Doch es fehlen Bestimmungen zur Ausführung sowie Personal und Labors, um die Einhaltung der Gesetze zu kontrollieren.

"Wir haben gerade erst begonnen, ein Umweltbewusstsein zu schaffen", bestätigt Jamal Zergani. Der Diplom-Topograph arbeitet bei der Präfektur von Inezgane Ait Melloul/Agadir als stellvertretender Leiter der technischen Abteilung. "Viele Menschen denken sich nichts dabei, wenn sie Altöl ins Abwasser kippen." Die meisten Schiffe leiten das ölhaltige Wasser, das bei der Reinigung anfällt, ungeklärt ins Meer.

Lebensmittelindustrie und Fischverarbeitung verhalten sich ähnlich. Unverantwortlich findet das Zerganis Kollegin Khadija Sami: "Agadir ist nicht nur eine Stadt mit einer florierenden Wirtschaft. Agadir ist auch eine Stadt der Kultur. Wir haben einen zehn Kilometer langen Sandstrand."

Agadir – Stadt der Kontraste

Nicht nur landschaftlich ist das zwischen Meer und Atlasgebirge liegende Agadir eine Stadt der Kontraste. In der Hauptstadt der Region Souss Massa Draa gibt es mehr als 21.000 Hotelbetten. Der Staat hat den Bau von Ferienanlagen in den vergangenen Jahren gezielt gefördert. Zwei von drei Beschäftigten leben vom Tourismus.

Die übrigen Einwohner finden ihren Lebensunterhalt zu gleichen Teilen in Landwirtschaft, Fischfang und Industrie. 340 Lebensmittel verarbeitende Betriebe bilden das industrielle Standbein der Region. Agadir ist Marokkos zweitgrößter Hafen und größter Sardinenfischereihafen der Welt.

Auch demografisch ist Agadir eine quirlige Region. Vier von fünf Einwohnern sind jünger als 40 Jahre. Der Druck auf die natürlichen Ressourcen dürfte in den kommenden Jahren noch zunehmen.

Agenda-21-Prozess

Unterstützt vom UN-Entwicklungsprogramm (UNDP) und dem Wohn- und Siedlungsprogramm der Vereinten Nationen (UN-HABITAT) hat das marokkanische Ministerium für Raumordnung, Wasser und Umwelt deshalb 2002 ein Umweltprofil der Stadt erstellt und einen Agenda-21-Prozess angestoßen.

Da viele Zukunftsprobleme der Menschheit auf örtlicher Ebene entstehen, hatte die Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung (UNCED) in Rio de Janeiro 1992 die Kommunen aufgefordert, im Rahmen eines Konsultationsprozesses mit ihren Bürgern nach praktikablen Lösungen zu suchen.

Diese Lokale-Agenda-21-Prozesse orientieren sich an dem Motto "Global denken - lokal handeln!". Bei einer ersten Konsultation in Agadir einigten sich Vertreter von Bürgerorganisationen, Verwaltung und Politik auf drei Schwerpunkte: "Verbesserung der Lebensqualität", "Tourismus und nachhaltige Entwicklung" sowie "Städtebauliche und soziale Integration der wilden Siedlungen".

Eine zweite städtische Konsultation 2004 beschloss Aktionspläne. Sie werden seitdem in Form von ersten Pilotvorhaben umgesetzt.

Ähnliche Prozesse laufen in Marrakesch und Meknès. InWEnt unterstützt die Initiativen. Seit Juli 2005 bildet InWEnt siebzehn kommunale Experten aus Marokko und Algerien ein Jahr lang in Deutschland fort. Fachkenntnisse und praktische Einblicke in Unternehmen, Verbände und kommunale Verwaltungen sollen die sieben Frauen und zehn Männer in die Lage versetzen, in ihrer Heimat den Agendaprozess voranzutreiben.

Algerische Perspektiven

Die Länder Nordafrikas prägt seit 20 Jahren ein Verstädterungsprozess. Damit gehen Probleme einher, die kommunale Verwaltungen nur bewältigen können, wenn sie koordiniert und kohärent den lokalen Bedingungen angepasste Lösungen finden. Lokale Agenda-21-Prozesse können wichtige Beiträge leisten. Bürgerbeteiligung trägt dazu bei, soziale, ökologische und ökonomische Belange besser aufeinander abzustimmen.

"Wir würden gerne aus den marokkanischen Erfahrungen lernen", sagt Fatima Mebarki aus dem algerischen Annaba. Im Rathaus der 385.000 Einwohner zählenden Hafenstadt an der Grenze zu Tunesien achtet sie darauf, dass die ökologischen Belange nicht zu kurz kommen.

Die viertgrößte Stadt Algeriens ist Standort wichtiger Industriebranchen wie Eisenerzverarbeitung, Düngemittel- und Pharmaindustrie. Das Gros der Schadstoffe (Staub, Ammoniumnitrat) geben sie ungefiltert an die Luft ab. Atemwegserkrankungen und Asthma sind die Folge. Bei beiden liegt Annaba über dem nationalen Durchschnitt.

Die schmutzige Luft hemmt den Tourismus, der dennoch jedes Jahr eine Million Besucher in die Stadt des heiligen Augustinus bringt. Für Bürgermeister Kouadria Nouredine ist klar, dass die Kommune umweltpolitisch mehr tun muss. Er sieht dringenden Handlungsbedarf in den Bereichen Stadtentwicklung, Luftreinhaltung, Verkehr und Abwässer.

Erste Umweltgesetze und nationaler Aktionsplan

Auf Annaba entfällt ein Drittel aller Industrieabwässer Algeriens. Ein Agenda-21-Prozess soll das ändern. Die Stadtväter möchten dessen Aktivitäten vor allem auf Industrie und Tourismus konzentrieren.

Die meisten algerischen Ballungsgebiete liegen an der Küste. Hier konzentrieren sich Bevölkerung und Industrieproduktion. Es gibt kaum Kläranlagen, Abfalldeponien und Sonderabfallanlagen. Die Infrastruktur wird dem Bedarf nicht gerecht. Trinkwasser wird zunehmend knapp.

In den vergangenen Jahren richtete die Regierung ein Ministerium für Raumordnung und Umwelt ein, beschloss erste Umweltgesetze und erstellte einen nationalen Aktionsplan. Der Raum Blida wurde zur Modellregion erklärt.

In enger Zusammenarbeit mit dem örtlichen Unternehmerverband will das Ministerium dort vorbildliche Lösungen für die Abfallentsorgung, die Wiedergewinnung von Wertstoffen (Kompostierung), das Transportsystem und eine verbesserte hygienische Situation entwickeln.

Abfallentsorgung für die Königsstadt

Marokko ist schon einen Schritt weiter. Die Regierung erweiterte 2002 die Kompetenzen der Kommunen und verlagerte Zuständigkeiten nach unten. Dadurch wurden lokale Agenda-21-Prozesse zwar nicht ermöglicht, aber doch erheblich erleichtert.

Das von UN-HABITAT, UNEP und UNDP getragene Sustainable Cities Programme stellte für die Anlaufphasen in Agadir, Marrakesch und Meknès Koordinatoren zur Verfügung. Sie trieben den Prozess vor Ort voran. Seit Anfang 2006 agieren die Kommunen nun ganz in eigener Regie.

Für die Region rund um die alte Königstadt Meknès heißt die Priorität: eine geregelte Abfallentsorgung aufbauen. "Es gibt bei uns keine funktionierende Müllabfuhr", sagt Amina Lakhmissi selbstkritisch. "In Meknès sammelt eine französische Firma den Abfall ein. Die Nachbarkommunen haben diesen Service nicht."

In Ouislane, Toulal und El Mechouar durchforsten selbständige Müllsammler die Abfälle nach brauchbaren Bestandteilen. Immer wieder kommt es zu Problemen. Etwa wenn die Sammler den Müll bei der Suche nach Brauchbarem über die ganze Straße verteilen. Etwa 15 Prozent der Wertstoffe (Papier, Plastik, Glas, Aluminium), schätzt Umweltexpertin Lakhmissi, gelangen so in den Stoffkreislauf zurück.

Eine halbe Million Menschen lebt im Großraum. Eine Anfang der 1980er Jahre eingerichtete moderne Anlage zur Behandlung von Abfällen schloss wegen technischer und finanzieller Probleme nach zwei Jahren die Tore. "Seitdem landen die Abfälle auf einem kleinen Platz am Nordrand der Stadt", sagt Lakhmissi.

Getrennte Müllsammlung bisher nur auf dem Papier

Doch Besserung zeichnet sich ab. Die Kommune will die informellen Recycler schon bald in ein System getrennter Müllsammlung integrieren. Lakhmissi ist zuversichtlich, dass das gelingt: "Nachhaltigkeit ist für uns ein neuer Begriff. Aber viele Bürger sind bereit, sich damit zu befassen."

Das neue System soll nicht nur Luft, Wasser, Boden und Gesundheit schützen, sondern dank des reduzierten Abfallvolumens auch die Lebensdauer der Deponie erhöhen.

Auch in Agadir versprechen sich die Agenda-21-Teilnehmer von einer getrennten Abfallsammlung erhebliche Vorteile. 0,7 Kilogramm Müll produziert jeder Bürger pro Tag. Insgesamt sind das täglich 210 Tonnen. Davon sind 70 bis 80 Prozent organischer Natur.

Daraus ließe sich wertvoller Kompost gewinnen. Damit wäre ein Großteil des Abfallproblems gelöst. Nötig ist dafür getrennte Müllsammlung, die es bislang aber nur in Planspielen gibt. Noch sorgt auch in Agadir eine Schar informeller Abfallarbeiter dafür, dass Wertstoffe wie Karton, Metalle und Papier zurückgewonnen werden.

Teilnehmer der InWEnt-Fortbildung möchten in Agadir das System der getrennten Abfallsammlung im Rahmen eines Pilotprojektes in zwei Quartieren ausprobieren. Mit der Kompostierung hat Marokko schon früher Erfahrungen gesammelt.

Doch von Rabat abgesehen ist keine der nach europäischem Modell errichteten öffentlichen Anlagen länger als sechs Jahre in Betrieb gewesen. Dagegen arbeiten gegenwärtig im Großraum Agadir vier private Kompostierungsanlagen. Doch dort hapert es mit der Technik.

Norbert Glaser

© E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit

Norbert Glaser ist Redakteur von E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit / D+C Development and Cooperation.

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