Retrospektive des Werks von Atteyat al-Abnoudy

Starke Menschen, keine Opfer

Die ägyptische Filmemacherin Atteyat al-Abnoudy gab denjenigen eine Stimme, die der Staat vergessen hatte – und bewahrte ihren Stolz und Integrität. In ihrem Werk entsteht ein Bild sozialer Ungerechtigkeiten in Ägypten seit den 1970er Jahren. Von Christopher Resch

Zu gern hätte Umm Said ihre Tochter Ferial in die Schule geschickt, als zweites Mädchen der Großfamilie. Doch als der Sechstagekrieg sie 1967 zur Flucht zwang, blieb Ferials Geburtsurkunde verschollen. Umm Saids Mann hatte kein großes Interesse daran, eine neue zu beantragen, ihr Onkel als Patriarch der Familie war ohnehin dagegen.

Frauen hatten im Haushalt zu arbeiten – ab etwa vier Jahren konnten sie bei leichten Arbeiten mit anpacken. Und so blieb es bei einem Mädchen, das die Schule besuchte. Eines von 48 in der Familie.

Von den Härten des Lebens, vom Alltag als Bäuerin in einer Kleinstadt am Suezkanal erzählt Umm Said im Film "Permissible Dreams" von 1983. Wer Umm Said und den anderen Frauen dabei zuschaut, wie sie Wasser holen, Teig kneten, Brot backen, Kleidung waschen, an Pausen nicht einmal denken können, versteht etwa, warum manche Familien bis heute so viele Kinder wie möglich bekommen wollen: Sie sind eben Arbeitskräfte.

Wer Umm Said dabei zuhört, wie sie über diese alltägliche Plackerei, ohne Anerkennung oder auch nur eigenen Verdienst, trotzdem recht klaglos spricht, bekommt einen Heidenrespekt. Vor allem vor Umm Said selbst, aber auch vor Atteyat al-Abnoudy, der Filmemacherin, die uns hier und heute solche Einblicke ermöglicht.

Atteyat al-Abnoudy ist 2018 gestorben. Geboren wurde sie 1939 in eine Arbeiterfamilie in einem kleinen Dorf im Nildelta – und sie hatte Glück: Bildung war ihrer Familie wichtig, sie konnte studieren, Jura in Kairo. Das Studium finanzierte sie durch Schauspieljobs. Später arbeitete sie als Journalistin, studierte am "Cairo Higher Institute of Cinema" und begann Anfang der 1970er Jahre, Dokumentarfilme zu drehen – als erste Frau in Ägypten.

Eine Pionierin des ägyptischen Films

"Atteyat war eine Pionierin", sagte Tamer el-Said, selbst Filmemacher und Mitbegründer des alternativen Filmzentrums Cimatheque in Kairo. "Sie hat ein eigenes, damals völlig neues Produktionsmodell entwickelt und eine Menge Filmemacher damit inspiriert, auch mich."

Der Filmemacher Tamer el-Said; Foto: Tamer el-Said (privat)
"Atteyat war eine Pionierin", sagte Tamer el-Said, selbst Filmemacher und Mitbegründer des alternativen Filmzentrums Cimatheque in Kairo. "Sie hat ein eigenes, damals völlig neues Produktionsmodell entwickelt und eine Menge Filmemacher damit inspiriert, auch mich."

Zwei Dinge machten Atteyat al-Abnoudys Arbeiten so wichtig, sagt El-Said: Zum einen habe sie verstanden, dass durch Finanzierung von außen, so willkommen sie auch sein möge, Abhängigkeiten entstehen. Deshalb brauchte es ein Modell, das vielleicht nicht alle Kosten deckt, aber dafür künstlerisch wichtige Freiheiten lässt.

"Atteyat hat zum Beispiel das komplette technische Equipment selbst besessen und konnte so die Produktionskosten gering halten", erklärt Tamer el-Said. Bis in die 1960er Jahre hinein habe eine sehr propagandistische, erzieherische Art des Filmens dominiert. Al-Abnoudy war Teil der Generation von – männlichen – Filmemachern, die das änderte und Menschen und Dinge einfach zeigte, ohne Skript und Regie. "Zur damaligen Zeit war das visionär."

Die Armen und Marginalisierten im Fokus

Visionär war auch die Wahl ihrer Themen: Atteyat al-Abnoudy hatte die Armen im Blick, die Benachteiligten, die Beeinträchtigten – Menschen am Rande der Gesellschaft. Etwa im Film "Horse of Mud" von 1971, der die harte und eintönige Arbeit junger Frauen in einer Ziegelei zeigt.

Das grobe Tragekopftuch binden, eine Platte darauf legen, Ziegelsteine einzeln aufeinander schichten – jüngere Mädchen schaffen 16 Ziegelsteine, ältere und kräftigere bis zu 25, wie eine Off-Stimme nüchtern anmerkt. Drei Piaster am Tag für die älteren, anderthalb für die jungen. An Schule ist nicht zu denken.

Im späteren Film "Buyers and Sellers" (1992) erforscht Al-Abnoudy die Beziehung der Ägypter zum Suezkanal. Vor allem seit seiner Verstaatlichung durch den damaligen Präsidenten Gamal Abdel Nasser im Jahr 1956 sollte der Kanal als leuchtendes Beispiel für die Kraft des ägyptischen Volkes dienen und Wohlstand für alle bringen.

Im Film sieht man die andere Seite. Skrupellose Grundstückshändler – von privaten Firmen, aber vom Staat durchaus unterstützt – tischten der Landbevölkerung Lügen auf: Ihr Grund und Boden sei nichts wert, werde ohnehin versalzen, man solle besser noch heute verkaufen. Auf den unter Wert verscherbelten Grundstücken entstanden Hotels, die ihre Besitzer reich machten.

Nach und nach wurde so die ganze Küste privatisiert. Dass die Fischer einen Teil ihrer Lebensgrundlage verloren, interessierte weder die Regierung noch die zur Verstaatlichung des Kanals gegründete "Suez Canal Authority".

Eine dokumentarische Anwältin sozialer Ungerechtigkeit

Filmszene aus "Buyers and Sellers"; Foto: Cimatheque
In ihrem Film "Buyers and Sellers" (1992) erforscht Al-Abnoudy die Beziehung der Ägypter zum Suezkanal. Vor allem seit seiner Verstaatlichung durch den damaligen Präsidenten Gamal Abdel Nasser im Jahr 1956 sollte der Kanal als leuchtendes Beispiel für die Kraft des ägyptischen Volkes dienen und Wohlstand für alle bringen.

Solche filmische Kritik an der Regierung oder einzelnen Institutionen verhinderten natürlich, dass Atteyat al-Abnoudy jemals staatliche Unterstützung erhielt. Doch sie prägten ihren Ruf als dokumentarische Anwältin sozialer Ungerechtigkeit. Tamer el-Said beschreibt ihren Antrieb so: "Sie wollte denen eine Stimme geben, die im offiziellen Narrativ nie zu Wort kamen. Sie hat benachteiligte Menschen immer verteidigt, aber sie hat sie zugleich nie als Opfer präsentiert, sondern ihre Stärken gesehen und gezeigt."

Atteyat al-Abnoudy hat ihren filmischen Nachlass der Initiative Cimatheque überlassen. In dessen Archiv in Downtown Kairo können Filmwissenschaftler und Interessierte forschen und recherchieren. Zugleich gibt es in der Cimatheque ein kleines Kino, ein Café, einen Co-Working-Space.

"Es ist ein Ort, an dem sich Filmfreunde und Professionelle aus der Branche zum Treffen, Diskutieren, Streiten und Arbeiten treffen können", beschreibt Mitbegründer Tamer el-Said. "Ein Ort, der die Vielfalt des Kinos feiert." Und an dem die Filmer Problemlösungen entwickeln können, etwa für die Schwierigkeit, internationales Funding zu bekommen. Die Cimatheque ist offiziell 2014 gegründet worden, doch die Idee entstand bereits Jahre zuvor.

Atteyat al-Abnoudy hatte davon gehört und die Macherinnen und Macher schon 2011 davon überzeugt, auch ein Filmarchiv aufzubauen – denn das war anfangs gar nicht der Plan. Nach Al-Abnoudys Tod wurde ihr Werk zunächst in Kairo gezeigt, nun kommt es nach Berlin ins Kino Arsenal.

"Die Welt ist hässlich ohne Menschen", sagt der Dichter Abdel Rahman al-Abnoudy, Atteyats Ehemann, in ihrem Film "Sad Song of Touha" von 1972. In der Tat ist die Welt nach ihrem Tod ein wenig hässlicher geworden. Doch ihr Anliegen – die Stärken benachteiligter Menschen zu zeigen und sie dabei nicht zu Opfern zu machen – bleibt bestehen. In ihrem Werk, aber auch in der Riege an Filmerinnen und Filmern, die sich von ihr inspirieren lassen.

Christopher Resch

© Qantara.de 2019

Das Berliner Arsenal-Kino zeigt vom 2. bis zum 7. Juli an vier Tagen eine Retrospektive des Werks von Atteyat al-Abnoudy. Tamer el-Said hält zu allen Filmen eine Einführung.

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